Switch von Christian Bieniek, 2007, S. Fischer

Christian Bieniek

Switch
(Leseprobe aus: Switch, Roman, 2007, S. Fischer)

Auf dem Weg nach Hause versuche ich, mich nicht von Verzweiflung

überwältigen zu lassen. Zu jedem weiteren Schritt muss ich

mich zwingen. Am liebsten würde ich auf den Bürgersteig sinken

und in Tränen ausbrechen.

Ich bin Vivien.

Ich bin Vivien!

Das Kribbeln in meinem Magen wird immer heftiger, je näher

ich Viviens Haus komme.

Ich kann da auf keinen Fall reingehen. Ich kann nicht unbe-

kannten Leuten gegenüber so tun, als wären sie meine Eltern. Ich

weiß nichts über sie. Ich weiß nichts über mich. Ich weiß überhaupt

nichts mehr. Vor einer halben Stunde war ich noch ein

Mann und 36 Jahre alt. Ich hatte 140000 Euro und einen weißen

Opel und drei Freundinnen. Und jede Menge Haare auf meinem

Körper. Und jetzt?

Das Haus ist nur noch wenige Meter entfernt. Ich gehe schneller.

Am Haus vorbei.

Zwanzig Minuten später steuere ich endlich auf den Eingang

zu.

Die ganze Grübelei war nicht völlig umsonst. Mir ist zwar immer

noch nicht klar, in was für einen wahnwitzigen Spuk ich hineingeraten

bin. Aber eins scheint mir sicher: Ich werde nicht für

immer und ewig Vivien bleiben. Nachdem ich es irgendwie geschafft

habe, mich aus Herrn Webers Körper zu verflüchtigen,

wird es mir eines Tages vielleicht gelingen, wieder Marvin zu

werden. Fragt sich bloß wann. Und wie.

Aber darüber kann ich mir jetzt keine Gedanken machen. Ich

muss mich auf meine neuen Eltern konzentrieren.

Weil ich keinen Schlüssel in der Tasche habe, drücke ich auf

die Klingel.

»Habt ihr euch gestritten?«

Eine Frau mit langen, schwarzen Haaren und grünen Augen

steht vor mir, eine Zigarette in der Hand. »Wieso?«, frage ich

und gehe an ihr vorbei ins Haus. »Du wolltest doch bei Antje

Abendbrot essen.«

»Hab keinen Hunger.«

Ich bleibe stehen. Links ist eine Treppe, rechts ein Flur. Wo soll

ich hin?

Die Frau zieht an ihrer Zigarette, schließt die Haustür und

kommt zu mir. Sie ist noch etwas kleiner als ich und hat jede

Menge Rouge im Gesicht.

»Warum flackern deine Augen?«, fragt sie und legt eine Hand

auf meine Stirn. »Geht es dir nicht gut?«

»Äh –«

»Hast du endlich deine Tage gekriegt?«

Meine was?

Ich schüttle den Kopf.

»Raus mit der Sprache, Vivien!«, ermuntert mich die Frau.

»Dir fehlt doch was.«

Allerdings! Und zwar ein männlicher Körper!

»Soll ich dir einen Tee machen?«, fragt sie. »Oder willst du lieber

nach oben gehen und dich hinlegen?«

»Ich leg mich hin.«

Ohne ein weiteres Wort stapfe ich die Treppe hinauf und öffne

die erstbeste Tür. Aha, hier ist das Badezimmer. Ich versuche es

eine Tür weiter. Das Schlafzimmer. Erst die dritte entpuppt sich

als die richtige Tür. Ich schlage sie zu und fange sofort an zu suchen.

Wo sind die verdammten Tampons?

Voller Entsetzen liege ich auf dem Bett und warte darauf, dass

sich in meinem Unterleib irgendwas tut. Beide Hosentaschen

habe ich mit Tampons voll gestopft. Sobald es losgeht, rase ich

ins Badezimmer. Und dann? Keine Ahnung! Ich hatte noch nie

im Leben meine Tage. Ich hatte noch nicht mal Nasenbluten.

Viviens Zimmer ist viel größer als meins. Statt einem uralten

Computer hat sie einen nagelneuen Laptop. Ihre Möbel sehen

nicht so aus wie Sonderangebote aus dem Baumarkt. Sie hat sogar

einen eigenen Balkon.

An den Wänden hängen Poster von berühmten Models. Und

das Bild eines Jungen. Eingerahmt über dem Bett. Er hat blonde

Haare und lächelt in die Kamera. Wer ist der Knabe? Etwa Viviens

Freund?

Ein ganzes Regal ist mit Schmusetieren voll gestopft. Es gibt

einen Tiger, einen Affen, jede Menge Bären in allen Größen, einen

Pudel, einen Delphin und drei Schildkröten.

Ich traue mich nicht aufzustehen. Jede Sekunde könnte es losgehen

mit der Periode. Wieso habe ich mich noch nie bei meiner

Mutter erkundigt, wie das so ist, wenn man seine Tage hat?

Oder soll ich Melissa anrufen, Viviens beste Freundin? Vorsichtig

greife ich nach dem Handy, das über mir auf dem Regal liegt.

Bloß keine falsche Bewegung, sonst blute ich drauflos.

Ohne lange zu überlegen, was ich da eigentlich tue, wähle ich

meine eigene Nummer. Also die von Marvin. Was wird er sagen,

wenn er Viviens Stimme hört? Wahrscheinlich gar nichts. Er

wird ohnmächtig umkippen.

»Ja?«

Ich halte die Luft an. Marvins Stimme klingt unendlich fern.

»Hallo?«

Er hört sich müde an. Oder gelangweilt.

»Hallo?«, wiederholt er noch einmal.

Dann unterbricht er die Verbindung.

Das Herz klopft mir bis zum Hals. In meinem Hinterkopf wirbeln

all die Sätze herum, mit denen ich ihn hätte schocken können.

Willst du mit mir gehen, Marvin?

Ich liebe dich, Marvin.

Du bist der coolste Typ auf der ganzen Schule, Marvin. Lass

mich deine Freundin sein, Marvin!

Mein Blick fällt auf den Jungen an der Wand. Sein Lächeln erinnert

mich an den Buddha auf meinem Regal.

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