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Switch
(Leseprobe aus: Switch, Roman, 2007, S.
Fischer)
Auf dem Weg nach Hause versuche ich, mich nicht von Verzweiflung
überwältigen zu lassen. Zu jedem weiteren Schritt muss ich
mich zwingen. Am liebsten würde ich auf den Bürgersteig sinken
und in Tränen ausbrechen.
Ich bin Vivien.
Ich bin Vivien!
Das Kribbeln in meinem Magen wird immer heftiger, je näher
ich Viviens Haus komme.
Ich kann da auf keinen Fall reingehen. Ich kann nicht unbe-
kannten Leuten gegenüber so tun, als wären sie meine Eltern. Ich
weiß nichts über sie. Ich weiß nichts über mich. Ich weiß überhaupt
nichts mehr. Vor einer halben Stunde war ich noch ein
Mann und 36 Jahre alt. Ich hatte 140000 Euro und einen weißen
Opel und drei Freundinnen. Und jede Menge Haare auf meinem
Körper. Und jetzt?
Das Haus ist nur noch wenige Meter entfernt. Ich gehe schneller.
Am Haus vorbei.
Zwanzig Minuten später steuere ich endlich auf den Eingang
zu.
Die ganze Grübelei war nicht völlig umsonst. Mir ist zwar immer
noch nicht klar, in was für einen wahnwitzigen Spuk ich hineingeraten
bin. Aber eins scheint mir sicher: Ich werde nicht für
immer und ewig Vivien bleiben. Nachdem ich es irgendwie geschafft
habe, mich aus Herrn Webers Körper zu verflüchtigen,
wird es mir eines Tages vielleicht gelingen, wieder Marvin zu
werden. Fragt sich bloß wann. Und wie.
Aber darüber kann ich mir jetzt keine Gedanken machen. Ich
muss mich auf meine neuen Eltern konzentrieren.
Weil ich keinen Schlüssel in der Tasche habe, drücke ich auf
die Klingel.
»Habt ihr euch gestritten?«
Eine Frau mit langen, schwarzen Haaren und grünen Augen
steht vor mir, eine Zigarette in der Hand. »Wieso?«, frage ich
und gehe an ihr vorbei ins Haus. »Du wolltest doch bei Antje
Abendbrot essen.«
»Hab keinen Hunger.«
Ich bleibe stehen. Links ist eine Treppe, rechts ein Flur. Wo soll
ich hin?
Die Frau zieht an ihrer Zigarette, schließt die Haustür und
kommt zu mir. Sie ist noch etwas kleiner als ich und hat jede
Menge Rouge im Gesicht.
»Warum flackern deine Augen?«, fragt sie und legt eine Hand
auf meine Stirn. »Geht es dir nicht gut?«
»Äh –«
»Hast du endlich deine Tage gekriegt?«
Meine was?
Ich schüttle den Kopf.
»Raus mit der Sprache, Vivien!«, ermuntert mich die Frau.
»Dir fehlt doch was.«
Allerdings! Und zwar ein männlicher Körper!
»Soll ich dir einen Tee machen?«, fragt sie. »Oder willst du lieber
nach oben gehen und dich hinlegen?«
»Ich leg mich hin.«
Ohne ein weiteres Wort stapfe ich die Treppe hinauf und öffne
die erstbeste Tür. Aha, hier ist das Badezimmer. Ich versuche es
eine Tür weiter. Das Schlafzimmer. Erst die dritte entpuppt sich
als die richtige Tür. Ich schlage sie zu und fange sofort an zu suchen.
Wo sind die verdammten Tampons?
Voller Entsetzen liege ich auf dem Bett und warte darauf, dass
sich in meinem Unterleib irgendwas tut. Beide Hosentaschen
habe ich mit Tampons voll gestopft. Sobald es losgeht, rase ich
ins Badezimmer. Und dann? Keine Ahnung! Ich hatte noch nie
im Leben meine Tage. Ich hatte noch nicht mal Nasenbluten.
Viviens Zimmer ist viel größer als meins. Statt einem uralten
Computer hat sie einen nagelneuen Laptop. Ihre Möbel sehen
nicht so aus wie Sonderangebote aus dem Baumarkt. Sie hat sogar
einen eigenen Balkon.
An den Wänden hängen Poster von berühmten Models. Und
das Bild eines Jungen. Eingerahmt über dem Bett. Er hat blonde
Haare und lächelt in die Kamera. Wer ist der Knabe? Etwa Viviens
Freund?
Ein ganzes Regal ist mit Schmusetieren voll gestopft. Es gibt
einen Tiger, einen Affen, jede Menge Bären in allen Größen, einen
Pudel, einen Delphin und drei Schildkröten.
Ich traue mich nicht aufzustehen. Jede Sekunde könnte es losgehen
mit der Periode. Wieso habe ich mich noch nie bei meiner
Mutter erkundigt, wie das so ist, wenn man seine Tage hat?
Oder soll ich Melissa anrufen, Viviens beste Freundin? Vorsichtig
greife ich nach dem Handy, das über mir auf dem Regal liegt.
Bloß keine falsche Bewegung, sonst blute ich drauflos.
Ohne lange zu überlegen, was ich da eigentlich tue, wähle ich
meine eigene Nummer. Also die von Marvin. Was wird er sagen,
wenn er Viviens Stimme hört? Wahrscheinlich gar nichts. Er
wird ohnmächtig umkippen.
»Ja?«
Ich halte die Luft an. Marvins Stimme klingt unendlich fern.
»Hallo?«
Er hört sich müde an. Oder gelangweilt.
»Hallo?«, wiederholt er noch einmal.
Dann unterbricht er die Verbindung.
Das Herz klopft mir bis zum Hals. In meinem Hinterkopf wirbeln
all die Sätze herum, mit denen ich ihn hätte schocken können.
Willst du mit mir gehen, Marvin?
Ich liebe dich, Marvin.
Du bist der coolste Typ auf der ganzen Schule, Marvin. Lass
mich deine Freundin sein, Marvin!
Mein Blick fällt auf den Jungen an der Wand. Sein Lächeln erinnert
mich an den Buddha auf meinem Regal.
Rezension I Buchbestellung I home 0I07 LYRIKwelt © S. Fischer