Nonfiction von Marcel Beyer, 2003, DuMontMarcel Beyer

aus: Wasserstandsbericht...
(aus: Wasserstandsbericht, in Nonfiction, Essays, 2003, DuMont)

Zum Photographieren fehlt in den entscheidenden Momenten nicht allein die Zeit, die Energie, die Bewegungsmöglichkeit, sondern, viel einfacher: das Licht.
Schwarz, Dunkelheit, nichts vor Augen, der Fußweg unsichtbar, und ich bewege mich sehr langsam, prüfe bei jedem Schritt, ob der Boden gangbar ist, ob ich mich einer Mauer nähere oder in den Rabatten lande. Angst um die Augen, Zweige, ein Laternenmast, ich gehe mit ausgestrecktem Arm. Eine solche Dunkelheit kenne ich nur aus geschlossenen Räumen ohne Fenster, doch hier befinde ich mich draußen unter freiem Himmel mitten in der Stadt, ich bin diese opake Dunkelheit gewohnt, wenn ich abrupt aus einer hell ausgestrahlten Sphäre in eine unbeleuchtete gerate, doch hier nützt es mir nichts, stehen zu bleiben und zu warten, daß die Pupillen akkomodieren, mein Auge paßt sich diesen Lichtverhältnissen nicht an.
Vorhin habe ich am Telefon erzählt, wie ich spät abends auf dem Weg vom Atelier zurück nach Hause als einer der letzten über die Elbbrücke gekommen bin, zwei sind während des Tages gesperrt worden, an der dritten standen die Polizeiwagen mit Blaulicht hinter der Sperre, und auch die vierte war bereits mit Absperrungen versehen, dazwischen eine Lücke, ich habe das Verbotsschild nicht beachtet, hinter mir kein weiterer Wagen mehr. Ich habe von den Umleitungen am Vormittag erzählt, von den vier Stunden auf dem Bahndamm, durch die Stadt, von Lachen, Strömen und dem Druck der Kanalisation. Nachdem ich aufgelegt hatte, bin ich noch einmal vor die Tür gegangen, mit Wegwerfkamera, doch ohne Taschenlampe.
Schon ab der nächsten Kreuzung ist die Straßenbeleuchtung ausgefallen. Selbst in den Fenstern kein Licht. Ich folge den Straßenbahnschienen, so bietet sich mir eine gewisse Orientierung in der Dunkelheit, denn seltsamerweise leuchten die Werbetafeln an den Haltestellen noch, vielleicht Restenergie aus der Solaranlage, vielleicht ein eigenes Netz, nun einzige Lichtflächen in der Nacht, alle paar hundert Meter. Eine Leuchttafel zeigt einen überschwemmten Zwinger, der mit hellen Kohlensäurepunkten durchsetzte leichte blaue Schimmer läßt Mauerwerk, Bodenplatten und Kies im Hof verschwimmen.
Weil ich aber das Haltestellenlicht fixiere, erscheint mir der Weg am Rand des Großen Gartens, am Zoo vorbei nur umso schwärzer. Tauchen irgendwo Autoscheinwerfer auf, warte ich ab, ob der Wagen nicht vorbeifährt und für einen Augenblick ein Stück der vor mir liegenden Strecke ausleuchtet, so daß ich mir mögliche Hindernisse einprägen kann. Es ist kaum jemand unterwegs, keine Radfahrer, ich bin noch keinem Fußgänger begegnet, horche aufmerksam auf Schritte, ich habe Angst, mit jemandem zusammenzustoßen. Vielleicht sind alle Straßen unpassierbar, und ich laufe geradewegs in eine Gefahrenzone.
Während der folgenden drei Stunden werde ich so gut wie nichts zu sehen bekommen – doch gerade diese Abwesenheit von Bildern macht meine nächtliche Stadtwanderung beispiellos, gerade dieses Fehlen von Eindrücken ist das Eindrücklichste daran. Ich werde mich vorantasten, ununterbrochen auf das Geräusch meiner Schritte achtend: Laufe ich noch im Trockenen, trete ich jetzt in den Bereich unsicheren Bodens, fließen da hinter mir in diesem Moment zwei Rinnsale zusammen und bilden eine Barriere, bin ich, im Glauben, eine Landzunge abzuschreiten, nicht längst von meiner Umwelt abgeschnitten – solche Fragen, unaufhörlich neu gestellt, versetzen den gesamten Körper in Alarmbereitschaft.
Aufnahmen davon gibt es nicht. Es gibt auch keine Aufnahmen von einer Großstadt nachts, die sämtlicher wahrnehmbaren Kennzeichen einer Großstadt beraubt ist: Straßenbeleuchtung, Neonreklame, helle Schaufensterauslagen in der Fußgängerzone, Straßenbahnen, Autos, Menschen auf dem Trottoir. Kinos und Spielhallen und Fußgängerunterführungen sind verschwunden. Hochhäuser und Wege gelöscht. Kein Motorenlärm, kein Gelächter, keine lauten Gespräche Angetrunkener an der Haltestelle wie sonst um diese Zeit. Alles Licht, alle Geräusche wirken wie absorbiert, als würden sie zwar erzeugt, doch vollständig gefiltert, noch ehe sie Auge und Ohr erreichen. Und, was mir auffällt: Nie zuvor habe ich den Nachthimmel über der Innenstadt ohne seinen charakteristischen rötlichen Schein gesehen.
Nachtbilder von Städten beziehen ihren Reiz daraus, daß der Betrachter anhand von verschiedenfarbigen Lichtflecken und -bändern auf schwarzem Grund die Konturen eines Tagbildes ergänzt und sich so vor dem inneren Auge Gebäude und Straßen und Plätze wie von allein zu einer Ansicht der jeweiligen Stadt zusammenfügen. Hier aber gibt es nichts zu ergänzen.

Rezension I Buchbestellung IV03 LYRIKwelt © DuMont