Rot
(aus: Rosenhain, Sechs
Geschichten, 2004, Frankfurter
Verlagsanstalt)
(S. 5-22)
Das Salz kommt von den Tränen der
Fische! Der Notar Johan Bengte hatte es Bo nachgerufen, als sie schon im Flur
des Nachlassgerichtes stand. Ihr sagte diese Bemerkung ebenso wenig wie alles
andere, was er ihr zuvor mitgeteilt, nein, vorgetragen hatte. Denn Bengte war
der Rezitator und sie seine Zuhörerin. Das Stück hieß Testamentseröffnung,
er aber hatte heute kein dankbares Publikum. Bo zeigte sich weder gerührt noch
demütig, noch war ein habsüchtiger Zug in ihrem Gesicht zu entdecken gewesen.
Nur Ungläubigkeit, Unverständnis und Zweifel. Schnell hatte der Notar das
Interesse am Spiel verloren und die Amtshandlung mit entschlossener Eile
vollzogen. Sie sei Erbin. Ihr Großvater Sverre Grote habe ihr ein beträchtliches
Vermögen hinterlassen, und da sie die einzig bekannte Nachfahrin sei, könne
sie das Erbe annehmen – oder auch nicht. Er wippte dabei mit den Zehenspitzen,
und obwohl er wieder sicher auf den Fersen landete, flogen die Papiere zu Boden.
Schnell stopfte er alles in ein großes Kuvert und bemühte sich nicht einmal
mehr, freundlich zu sein. Sie unterschrieb.
Bo Grote hatte ihre scheinbare Gleichgültigkeit mit einiger Mühe gespielt. Was
gingen den Notar ihre Gefühle an. Sie hatte seine großspurige Generosität von
Anfang an nicht gemocht, sollte er doch Ergriffenheit bei denen suchen, die ihm
feuchte Blicke zuwarfen und deren Trauerkleider tausend Taschen hatten. Sie war
gekommen, das Erbe abzulehnen. Dass sie es sich anders überlegt hatte, lag an
ihrem Trotz. Und den Fakten.
Jetzt umklammerte sie den Umschlag, der wegen seiner Größe nicht in ihren
Stoffbeutel passte, und die Neugier überkam sie wie ein wilder Hunger. Nur mit
größter Anstrengung riss sie das Kuvert nicht schon unter dem Torbogen des
Nachlassgerichts auf. Selbstbeherrschung hatte sie ihr Vater gelehrt, der
Neugier verabscheut und es entschieden abgelehnt hatte, spontanen Wünschen
nachzugeben. Wer dem Teufel auch nur den kleinen Finger reiche, verliere nicht
nur die ganze Hand, sondern vor allem seine Seele. Ihr Vater fehlte ihr. Seine
liebevollen Erziehungsversuche hatten oft genug an der Eisbude geendet, wo er
augenzwinkernd versicherte, der Teufel meide in jedem Fall italienisches Eis,
weshalb die Erfüllung solch kleiner Wünsche für die moralische Entwicklung
ungefährlich sei. Er hätte gewusst, was richtig oder falsch war, und je länger
sie die Straße entlanglief, desto mehr Zweifel überkamen sie, ob sie das Erbe
hätte annehmen dürfen. Ihren Großvater hatte sie kaum gekannt. Als er im
vergangenen Monat starb und sie das Mobiliar und die persönlichen Dinge aus
seiner Blockhütte abholen musste, war ihr, als beginge sie einen Diebstahl. Man
hätte die Tradition der Verbrennung persönlicher Gegenstände beibehalten
sollen. Selbst wenn einem der Verstorbene nicht nahe stand, wurden Kleidungsstücke,
Geschirr oder Kopfkissen zu Fetischen, die nichts als Trauer über den Tod auslösten.
Sie hat darüber den Himmel vergessen. In Norwegen schaut jeder zum Himmel, der
aus dem Haus tritt. Schon die ganz Kleinen schauen nach oben und wissen, was er
vorhat. Heute hat er viel vor. Seit dem Morgen türmt er Wolken übereinander
und wird nicht eher damit aufhören, bis die unterste platzt, damit die Menschen
den Blick senken und er sich in Ruhe neue, wunderbare Farben ausdenken kann. Es
ist die Zeit, in der man in eines der Restaurants einkehrt. Davon gibt es in
Trondheim viele, auch in der Kjopmannsgate. Hier ist sie oft, trifft sich mit
Freunden, hatte sich auch mit den Eltern getroffen, die nicht in ihre Wohnung
kommen wollten. Ihre Mutter hatte stets vorgegeben, wegen einer Tierfellallergie
nicht kommen zu können, obwohl Bo nur eine Schildkröte namens Thor besaß.
Ein heftiger Regenschauer ließ Bo schneller gehen. Weil sie keinen Schirm
dabeihatte, war das Kuvert vor Nässe weich geworden. Der Pub im alten
Kaufmannshof hatte die Tür weit geöffnet, und in der Loggia war noch ein Tisch
frei. Bo liebte es, bei Regen auf den Nidelv zu schauen. Er schien die
Wassermengen von oben mit der gleichen stoischen Gelassenheit zu ertragen wie
die Geschichte der Stadt.
Den nass gewordenen Umschlag legte sie neben sich auf einen Stuhl, und nachdem
der Kellner ihr Kaffee gebracht hatte, löste sie vorsichtig die Schnur, die um
eine Art Schneckenklammer gewunden war. Sie ertastete das kleine flache Buch,
zog es hervor. Seine Farbe war rot, auf dem Umschlag stand in goldfarbenen
Buchstaben auf Deutsch: Sparkassenbuch. Innen Zahlen und das Wort Zinsen, ganz
unten der Betrag, den sie schon vom Notar erfahren hatte: Über
sechshunderttausend Deutsche Mark. Das sind in Kronen...
Bo hatte noch immer nur eine geringe Vorstellung davon. Schnell schob sie das
rote Buch ins Kuvert zurück. Der Kellner stand vor ihr, wollte wissen, was sie
zu essen wünsche. Ohne in die Karte zu sehen, nannte sie ein Gericht. Aber als
es serviert wurde, stocherte sie vor Nervosität ohne Appetit darin herum. Ihr
Großvater sollte ein vermögender Mann gewesen sein? Davon hatte sie nichts
gewusst und davon hatte sie in seiner Hütte nichts erahnen können. Klobige
selbst gezimmerte Möbel, ein verrußter Ofen und über der dreibeinigen
Kiefernholzkommode ein blind gewordener Spiegel. Sie hatte alles in ein
Lagerhaus bringen lassen. Auch die Kleidung. Nur einen schweren Fellmantel, der
im Winter auf dem Fenstersims liegen könnte, hatte sie sich mit nach Hause
genommen. Bo ließ sich die Rechnung geben. Der Kellner schaute fragend auf den
Teller, sie zuckte nur mit den Schultern.
Es hatte aufgehört zu regnen. Der Fluss gurgelte und schluckte jetzt doch an
seinem ansteigenden Pegel. Sie begleitete ihn ein Stück weit, war in Gedanken
aber bei dem Umschlag, aus dem sie bisher nur
das Sparbuch hervorgeholt hatte. Jetzt erst beglückwünschte sie sich lachend
dazu, das Erbe nicht ausgeschlagen zu haben. Sicher, ganz sicher hätte ihr
Vater ebenso gehandelt. Vielleicht hätte er neue Kirchenbänke bauen lassen.
Oder Orgelpfeifen gekauft, einige röchelten schwer unter der Feuchte, die durch
das geschwärzte Holz gedrungen war. Sie ist niemandem etwas schuldig. Keiner
hat ihr vor sechs Jahren geholfen, als man die Eltern nach dem Unfall fand. Bo
blieb stehen. Das Sparkassenbuch stammte aus Deutschland. Großvater Sverre
hatte Geld aus Deutschland bekommen. Inzwischen war sie am Busbahnhof angelangt,
fuhr nach Hause, nach Lade, dem östlichen Vorort.
Bei Sissel war der rotweiße Sonnenschirm noch aufgespannt. Das bedeutete, dass
ihr Laden geöffnet war. In drei runden Körben lagen Äpfel, Birnen und
Bananen, daneben stand eine Kiste mit kleinen hellen Kartoffeln, und auf einem
alten Fischernetz hatte sie Salat ausgebreitet, der jetzt am späten Nachmittag
matt seine Blätter hängen ließ. Bo hatte jetzt doch Hunger und nahm einen
Salatkopf mit. Das Herzstück wird sie ihrer Schildkröte zum Fressen geben und
wie immer erstaunt dabeisitzen, wenn der kleine Thor schmatzend Teile davon
abbeißt und dabei eine, wie von einer Gartenschere abgetrennte, gerade Linie
zurücklässt. Den zartroten Lachs habe sie erst am Nachmittag bekommen, sagte
Sissel und packte ihn ein, ohne auf das Ja von Bo zu warten. Sissel widersprach
man nicht.
Gelassen biss sich Thor durch das Salatherz. Er streckte seinen alten Echsenhals
hervor und krallte sich dabei in ein Teppichstück, das ihm Bo
zurechtgeschnitten hatte, weil er auf den Holzdielen keinen Halt fand, was sie
anrührte und ihr zugleich deutlich machte, dass eine Schildkröte nichts in
einer Wohnung zu suchen hat. Thor lebte auf eine langsame Weise, verlangte
gerade so viel, wie sie zu geben bereit war. Eine Freundin hatte ihn zur Pflege
dagelassen und ihn nicht wieder abgeholt. Thor schien der Wechsel egal zu sein.
Für Bo aber war dieses kleine gepanzerte Ding ein Grund, sich in ihrer Wohnung
willkommen zu fühlen. Ihr Vater hätte es gerne gehabt, wenn sie nach dem
Studium wieder ins elterliche Haus zurückgekommen wäre. Aber Bo verstand sich
nicht mit ihrer Mutter. Keiner außer dem Vater verstand sich mit ihr. Als müsste
sie ihrer Größe und ihrem Umfang gerecht werden, schlug oder drückte sie
alles um sich herum platt und warf so große Schatten, dass nichts gedeihen
konnte. Ob es sich um ihre Tochter handelte, die nicht wachsen wollte, oder die
Walfischsteaks, die sie beinahe in das Holzbrett klopfte. Verschont, weil sie
ihn anhimmelte, blieb der Vater. Er schwebte wie eine Feder durch das Leben der
Mutter, und wenn sie ihn umarmte, tat sie es mit einer Zartheit, die Bo nie in
ihr vermutet hätte. Zum tödlichen Unfall kam es, weil ein Gasrohr
leckgeschlagen oder abgerissen worden war. Genau hatte sich das nicht mehr
feststellen lassen, denn das Haus war völlig zerstört worden. Bo stand damals
vor den Trümmern, aber wenn sie die Erinnerung daran suchte, sah sie immer nur
ihren Großvater, der einen Zweig roter Beeren auf die Steine legte, dann auf
sie zutrat, sich vornüber neigte und ihr einen Kuss auf die Stirn gab. Zu der
Trauerfeier, an der die Kirchengemeinde geschlossen teilnahm, kam er nicht. Ihr
Vater hatte einmal gesagt, es gebe so viele Arten der Trauer, wie es die der
Freude gebe.
Ihren Großvater hatte sie danach nie wieder gesehen. Zu sehr war sie mit dem
Studium und später mit ihren Unterrichtsvorbereitungen beschäftigt. Beide
waren sich immer fremd geblieben, über den Tod hinaus. Zu seiner Beerdigung
kamen die, die jeden Tag zum Friedhof gingen, gekannt hatte sie niemanden.
Es gab keinen Grund mehr, den restlichen Inhalt des Kuverts nicht genauer zu
besehen. Sie hatte gegessen, das Geschirr weggeräumt, Tee zubereitet und sich
eine Decke geholt. So richtig warm wurde es nie in der Wohnung. Das rote
Sparbuch lag wie ein Stein auf dem Stapel Blätter. Bo schob es zur Seite, fächerte
die Papiere auf. Dokumente, darunter das Kennwort für die Bank: Das Salz kommt
von den Tränen der Fische. Neben dem Testament ein gefalteter Brief. Sie glättete
ihn, sah, dass er an ihren Großvater gerichtet war und von einer Frau namens
Marion Hansen stammte. Ich hoffe, Sverre, stand da, du wirst das Geld, das dir
zusteht, annehmen. Es gehört dir, ich habe es für dich angelegt. Alles Weitere
erfährst du vom Trondheimer Notar. Wenn du mit mir reden möchtest, findest du
mich unter untenstehender Adresse. Sie habe ihn sehr geliebt, lautete der
Abschiedsgruß, und hoffe inständig auf Vergebung.
Thor verschlang das Salatherz, ohne Geräusche zu machen, während Bo erstaunt
den Namen ihres Großvaters betrachtete und für einen Moment glaubte, es müsse
sich um eine Verwechslung handeln. Ihn als Geliebten angesprochen zu sehen,
konnte sie sich kaum vorstellen, ihn, den hageren, wortkargen Waldgänger. Sie
nahm den Umschlag und sah auf das Datum. Es lagen vier Jahre zwischen dem Brief
und Sverres Tod.
Bo wartete einige Tage, dann schrieb sie an jene Marion Hansen aus Hamburg,
nachdem sie sich bei Johan Bengte vergewissert hatte, dass man ihr das Erbe
unter keinen Umständen mehr nehmen konnte. Der Notar lächelte, als er ihr die
Auskunft gab. Sie gönnte ihm den späten Triumph.
Die Antwort kam, als sie sie schon nicht mehr erwartete. Doch Monate später lag
ein dickes Kuvert im Briefkasten. Bo erkannte deutsche Briefmarken und ließ
sich diesmal keine Zeit, es zu öffnen. Sie las noch auf der Treppe. Liebe
unbekannte Bo Grote, ich habe ihren Großvater geliebt – und diese Liebe hat
mich gerettet. Hier ist meine Geschichte, unsere Geschichte war es nie und wird
es nie mehr sein. Ihre Marion Hansen.
Bo begann zu lesen:
Fisch kaufte ich nur auf dem Großmarkt. In der Frühe des Morgens waren meist
nur wenige Menschen unterwegs. Schichtarbeiter, die von der Arbeit auf der Werft
zurückkehrten, und müde Verkäuferinnen, auch Zeitungsausträger, die mit
ihren schweren Taschen schief und gebückt liefen. Ich liebte diese frühe
Stunde. Wartete, bis sich die Tore des Großmarktes öffneten, stand abseits und
sah zu, wie die Händler ihre Stände aufbauten. Blumen, Fische, Gewürze, Tee
oder Kaffee. Die Tagesangebote standen auf Schiefertafeln notiert. Wer hier
kaufte, wusste, was er wollte. Es waren Floristen und Fischhändler, Marktfrauen
und Köche, wie Jasper Philip. Und auf ihn wartete ich, stand dort, wo der weiße
Lieferwagen seines Hotels jeden Morgen hielt. Dieser Platz wurde freigehalten,
auch ohne ein Verbotsschild. Ein dunkelhäutiger Junge, verschlafen und ernst,
stand wie ich immer schon da. Er riss die Tür auf, kaum dass Jaspers Wagen
angehalten hatte, trug dessen Körbe und schleppte Eisstücke zum Kühlen heran.
Dafür bekam er Geld. Ich wusste nicht, wie der richtige Namen des Jun-
gen lautete. Alle nannten ihn Earl Grey, weil er ausschließlich diese Sorte
trank. Er genoss seinen Tee, und ich genoss die von Gerüchen erfüllte Luft,
trank und aß sie zugleich, biss mich durch diesen großen Gewürzstrauch, bis
ich den Sauerampfer, den Klee, die Pfefferminze, den frisch geräucherten Fisch,
das Brot und den Honig wiederfand, all das, was auf den langen Bänken in den
Obstgärten meiner Eltern aufgebaut gewesen war und wir als Kinder schmecken,
riechen und kosten durften. Die Erinnerungen daran füllten meinen Korb, und
noch immer glaube ich, dass meine Freude am Kochen allein der Suche und dem
Wiederfinden meiner Kindheit dient. Auch Jasper Philip erinnerte mich daran,
wenn er majestätisch die schmalen Wege zwischen den Ständen abschritt, deren
Ware er wie ein Goldschmied auf Güte und Beschaffenheit prüfte. Nicht ich wähle
den Fisch, der Fisch wählt mich, gab er an, wenn er nach seinem Geheimnis
gefragt wurde. Er war bei den Händlern geachtet und gefürchtet. Schenkte er
einem keine Aufmerksamkeit, tuschelten die anderen, der könne bald zumachen.
Zog er einen den anderen vor, standen die Einkäufer dort in langen Reihen an.
Jasper Philip war sich nur scheinbar seiner Macht nicht bewusst. Exzentrisch und
eitel, entging ihm nicht eine Bemerkung während seines Rundgangs. Manchmal
durfte ich in sein Küchenreich, wo er seine Auftritte zelebrierte wie ein
Zauberer. Eine Taube aus dem Ärmel, ein Kaninchen? Nicht bei Jasper. Er hatte
eine Gabe dafür, die Dinge auseinander zu nehmen und unerwartet neu wieder
zusammenzusetzen. Seine Formel, wenn es so etwas überhaupt gab, hieß: Sieh, fühl
und erneuere deine Sinne. Er bereitete ihnen einen Boden, auf dem du dich wie
ein Kind erstaunt, neugierig und wohlig wieder fandest. Er lehrte das archaische
Gedächtnis der Zunge und füllte es mit der Magie seiner Gewürze, und er ließ
sich fürstlich dafür bezahlen.
Ein Stern mehr brachte ihn weiter nach oben, und bald waren auch jene da, die
sich zuvor über ihn mokiert hatten. Auch Erik, mein ehemaliger Mann. Sprach ich
ihn darauf an, gab er zur Antwort, ich würde die Spielregeln nie begreifen.
Dazu müsse man in die obere Gesellschaftsschicht hineingeboren sein. Ich solle
nicht kommentieren, wovon ich nichts verstünde. Was Erik aber nicht daran
hinderte, mich mitzunehmen, wenn er mit Geschäftsfreunden einen Abschluss
feiern konnte. Wir waren oft im Hotelrestaurant. Jasper Philip hatte es bei
seiner Übernahme Homo Novus getauft. Indes gab es wirklich Neues. Das Publikum
war ein anderes. Auch das Interieur. Es zeigte die deutliche Handschrift eines
Innenarchitekten, der damit vertraut war, Individuelles so zu arrangieren, dass
beliebige Elemente entstanden. Jeder konnte sich wohl darin fühlen,
vorausgesetzt er war in der Lage, dafür zu bezahlen. Mit anderen Worten, man
blieb unter sich, war zu Hause in Apricot und Chamois, in Ledersesseln und
Chippendalestühlen. Edelhölzer für die Tische und Stühle, dort wo man seinen
Espresso oder Aperitif einnahm, Seidentapeten an den Wänden, die in einer
Stuckgalerie gipfelten, von der noch immer der Reichtum unsichtbarer Ahnen zu
rieseln schien. Und dann das Personal. Man servierte virtuos, begrüßte die Gäste
mehrsprachig und erstarrte ansonsten diskret in den Säulengängen, um nur keine
Indiskretion zu begehen oder gar nach außen dringen zu lassen. Der Ton des
Raumes war von einer künstlich gedämpften Eleganz, den Atem holte man sich aus
einer Wolke von Dior und Armani, und die Worte waren temperiert, als habe man
sie auf Zimmerwärme heruntergekühlt. Jeder wusste, hier tafelte man nicht, um
Geschäfte zu machen, sondern um Erfolge zu feiern. Die gedrosselten oder geschärften
Zahlen lagen in den Luxuslimousinen zwischen Aktendeckeln, bewacht von
Chauffeuren, die stolz ihre Uniformknöpfe im Lack spiegeln ließen. Dies war
meine Welt geworden, mein Ersatz für die verlorene Kindheit, die Jasper mit
seinen Speisen wieder heraufbeschwören konnte, um sie mich dann nur
schmerzlicher vermissen zu lassen. Eine seiner Besonderheiten war das
Amuse-Gueule. Für die Frauen, ich wusste damals noch nicht, dass es nur für
Einzelne galt, gab es eine feine rote Pfeffermischung darüber, den Männern
wurde die schwarzgraue Variante gereicht. Ich liebte Jaspers Kunstfertigkeit,
ein Gericht aussehen zu lassen, als hätte es Kandinsky gemalt, und es holte
mich in die Realität zurück, dass Erik es nicht wahrnahm, weil er sich damit
beschäftigte, die anderen Gäste zu taxieren: den Chefarzt der Klinik, der von
Leber oder Galle oder verstopften Kanülen erzählte, oder einen fremdländischen
Geschäftsmann, der sich damit brüstete, schon mehr Schusswunden gesehen zu
haben als die ganze Pathologie zusammen. Und dass sich jener nicht mehr in seine
Heimat getraue, weil er wohl für einige Schüsse selbst verantwortlich sei.
Erik nahm den Klatsch zum Anlass, seine Gäste zu unterhalten. Nicht einer war
darunter, der es mit Blicken auf den Teller belassen hätte.
Mir gegenüber hing ein goldgerahmter Spiegel. Dort saß ich und starrte das
bleiche Gesicht an, das sich mir zeigte, das mir fremd war, weil ich die Farben
der Augen nicht mehr erkennen konnte, wegen der Brechung des Lichts oder der
Schwärze des gealterten Silbers, vielleicht auch, weil Jasper mir zu nahe
gekommen war. Erik und ich hatten uns im Restaurant verabredet, dann aber kam,
wie so oft, sein Anruf, er sitze fest, am Flughafen oder in irgendeinem Meeting,
und komme erst anderntags. Ich ging dann immer, ohne bestellt zu haben. Dieses
Mal blieb ich, vielleicht weil Jasper gerade in diesem Moment aus der Küche
trat, um die Vorspeisen zu servieren. Ich ließ ihn gewähren, als er mir die
Hand auf die Schulter legte und darum bat, nach dem Essen auf ihn zu warten. Mit
jedem Gang wuchs meine nervöse Ungewissheit, aber ich erinnere mich noch immer
an den samtigen Geschmack des Fisches. Auch daran, wie Jasper mich später
hastig entkleidete, und ich daran dachte, dass er mit demselben Gesichtsausdruck
einer Artischocke die gepanzerte Hülle abriss, um an das Herz zu gelangen. Am nächsten
Morgen nahm er mich zum ersten Mal auf den Großmarkt mit. Er sprach während
der Fahrt darüber, was am Abend auf der Menükarte stehen würde. Zwischen den
Ständen bat ich ihn, mir eines seiner Kochbücher zu signieren, das ein Händler
ausgelegt hatte. Er nahm es, tauchte die fein gespitzte Feder einer Taube in die
Tinte des Octopus, schrieb dann Für Maria. Er ging zum Fischbecken, ließ mich
stehen. Marion, sagte ich leise, aber er hörte mich schon nicht mehr. Seine
ganze Aufmerksamkeit galt längst einem Hummer, der mit seinem ungleich großen
Scherenpaar hilflos durch die Luft fuhr. Das Buch steckte ich ein, es würde
mich nicht verraten. Danach sahen wir uns öfter. Ich drängte Erik, seine Gäste
in ein anderes Lokal zu führen. Er ließ, da er keinen Grund erkannte, meine
Einwände nicht gelten. Steif behauptete er, kein Koch werde dem Fisch oder
Fleisch so gerecht wie Jasper. Er koche wie ein Gott, und er verehre ihn.
An einem Abend kam Jasper wie immer an unseren Tisch, um seine Kochkünste
feiern zu lassen. Er begegnete meinem Mann zuvorkommend, sah mich lachend an.
Wieder einmal ging es um die Gewürze, deren Basis der rote Pfeffer war, wie
Jasper es ausdrückte. Weitere Geheimnisse gebe er unter keinen Umständen
preis. Außerdem wisse er sie selber nicht, zumindest nicht im Detail. Jasper
hob theatralisch die Arme, aber keiner glaubte ihm. Damit sei doch ein gutes
Geschäft zu machen. Ob Erik es war, der das sagte, weiß ich nicht mehr. Aber
ich wusste, dass er immer sofort dann Witterung aufnahm, wenn sich ein Produkt
noch nicht um den Erdball verbreitet hatte. Jasper wehrte ab. Die Mischung gehöre
ihm, sie sei sein Kapital und mindestens genauso sicher verwahrt wie die
Rezeptur von Coca Cola. Womit er endgültig Eriks Jagdfieber geweckt hatte. Von
da an verbrachten wir fast jeden Abend im Homo Novus.
Wir bekamen unseren Platz, unantastbar wie ein Chorgestühl im Dom. Die beiden
wurden einander auf eine monströse Weise wichtig, jeder des anderen Konkurrent.
Und für Erik bedeutete es darüber hinaus die Aufnahme in eine Kaste, die sich
zur Begrüßung nur noch über die Schulter hauchte, da der Kuss auf die Wange
schon Einzug gehalten hatte in die scène ordinaire. Bald vereinbarten sie, ich
wurde nicht gefragt, den Urlaub gemeinsam in Norwegen zu verbringen. Erik und
ich sollten vorausfahren, Jasper käme später nach, weil er sein Lokal nur für
kurze Zeit schließen könne. Er besaß dort ein Ferienhaus, wir sollten in der
Nachbarschaft untergebracht werden. Mit einigen Flaschen Dom Perignon wurde der
Plan besiegelt. So kam ich zu Sverre, aber damals war es für mich nur Norwegen.
Es war mir immer gleichgültig gewesen, wo wir die Urlaube verbrachten, weil von
den Ländern, die wir im Lauf unserer Ehe besuchten, nie mehr als die
Hotelanlage übrig blieb. Der Himmel würde auch dort kein anderer sein.
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