Eine Saison in Berlin von Abbas Beydoun, 2004, Edition Selene

Abbas Beydoun

Sag nicht zweimal Lebwohl
(Leseprobe aus: Eine Saison in Berlin, Gedichte (2004, Edition Selene, mit einem Nachwort von Michael Kleeberg)

Sag nicht zweimal Lebwohl.
Die Saalmusik wird dich nicht davon abhalten,
fortzugehen.
Der Morgen ist grau, durchsichtig, und du willst
nicht warten, bis er fleckig wird.
Die Musik ist laut, sprich also nicht wie ein Kaiser.
Du wirst nicht schreien, du Stadt, die mich verraten
hat,
und unter deinem Umhang in der Nacht
verschwinden.
Trink eine große Tasse auf das Wohl des Hauses.
Leg deinen kleinen Schlüssel auf die Fensterkante.
Du wirst nicht zurück auf den Flur gehen,
wo du immer noch dieselbe Musik hörst.
Du wirst keine zweite Umarmung bekommen.
Niemand wird dich wiederhaben wollen,
wie es häufig bei Musikern der Fall ist,
nach einem gemeinsam verlebten Abend.
Hier wiederholen wir keine Dinge, die töten,
und wir ergeben uns dem Vergessen nicht,
Dinge, die er sonst nicht tut.
Du wirst weder Geist des Sees noch des Instituts sein.
Du kannst nur der Jugend Lebwohl sagen,
mit einem noblen Winken aus dem Fenster,
ohne Trauerzeit.
Ohne Trauer, wenn der Herbst sich erfüllt
mit ähnlichen Begierden,
und selbst wenn sich dasselbe Gesicht des Sees
mit Tränen füllt,
du kannst deine Schüchternheit von dir abwerfen
in der Bahn Richtung Grunewald
oder dich selbst verabschieden
vor der Berliner Mauer.
Doch du wirst nicht wie ein Kaiser sprechen.
Du wirst nicht schreien, du Stadt, die mich verraten
hat,
und unter deinem Umhang in der Nacht
verschwinden.
Sag nicht zweimal Lebwohl.

Rezension I Buchbestellung I home IV04 LYRIKwelt © Edition Selene