Eine Saison in Berlin von Abbas Beydoun, 2004, Edition Selene

Abbas Beydoun

Mein Freund Brecht
(Leseprobe aus: Eine Saison in Berlin, Gedichte (2004, Edition Selene, mit einem Nachwort von Michael Kleeberg)

Mein Freund Brecht saß auf dem Thron eines Imperiums,
schlief in einem schmalen Bett und trug proletarische
Kleidung aus teuren Stoffen. Er konnte gut
sitzen, gut schlafen und sich gut kleiden.
Er konnte fast alles gut und brauchte kein Opfer zu bringen
an diesem Ort, an dem kein Klavier zu hören war und
niemand lächelte, an dem nur ein Lachen unter den Zähnen
der Schreibmaschinen knirschte.
Sie waren allesamt Arbeiter, keine Sänger, und man konnte
schwer erkennen, wer ihr Arbeitgeber war oder ihr Gott.
Doch sie erschienen in ihrer proletarischen Kleidung, um die
Arbeit zu erledigen, die Könige und Philosophen liegen
ließen. Der Hammer, den sie bei sich trugen, war ihre einzige
Philosophie, und den Amboss, den sie mitbrachten, erhoben
sie an die Spitze der Weisheit. Sie verstanden sich auf Kabel
und Blech, woraus sie die Spiele gossen, die später zu
Monstren wurden.
Dennoch bleibt unvergessen, dass die Proletarier in die
Geschichte eingegangen sind. Dass die Weisen, die auch
Gaukler und Priester waren, den Hammer an die Spitze des
Tempels beförderten.
Mein Freund Brecht ruht in Freiheit unter zwei
Gedenksteinen. Er kann gut schlafen.

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