aus: Unruh
"Jung?"
Da er keine Antwort erhält, klopft er noch einmal. "Jung? Was wohl der
Herr in seinem Kästchen verbirgt? Eine Uhr?" Die Regentropfen klatschen
dem Kutscher auf die Wangen. "Oder gar die Zeit selbst?"
Als es in der Kiste stumm bleibt, mag sich der Kutscher die Zeit nicht mehr mit
dem Jungen vertreiben und brüllt gegen den Fahrtwind in die Kabine hinunter:
"Vielleicht würde der Herr dem Jungen gestatten, den Inhalt des Kästchens
zu sehen? Wenn es Zeit enthielte, käme man schneller ans Ziel."
Sogar die Gäule erschrecken, als Jacquet-Droz zurückbrüllt: "Jamais!"
Der Kutscher flucht und hält seinen Kopf schräg in den Wind wie seine Pferde,
die an den Zügeln zerren.
"Die feinen Herren sind gern verschwenderisch, wenn's um unsere Zeit geht,
aber mit der eigenen knausern sie!", knurrt er. "Der Weber weiß
genau, wieviel Leinenstoff er besitzt. Er kann Elle um Elle abmessen, wie er
will, am Ende hat er doch immer den Stoff. Aber wenn wir eine Stunde messen, um
sie zu sparen, dann ist sie vergangen, ehe sie uns gehört."
Damit läßt der Mann auf dem Bock seinen Lederriemen wütend auf die Rücken
der Pferde niederfahren.
Madame, das Reisen in der Kutsche ist keine
kommode Angelegenheit! Die Kabine wird derart in der Welt herumgeschaukelt, daß,
wer sich nicht festhält, bald vom Sitz rutscht, bald den Boden, bald die Decke
kennenlernt; es empfiehlt sich auch nicht, in voller Fahrt zu schlafen, wenn man
sich nicht im Traum eine Beule holen will, die sich beim Erwachen als sehr
wirklich erweist. Der Kutscher oben auf seinem Bock leidet selbst nur halb
soviel wie die Kundschaft, denn er führt die Peitsche, und es gefällt ihm,
wenn die Pferde ins Geschirr fliehen. Wer nun glaubt, er gewinne durch schnelles
Reisen gute Zeit, der wird sie bald verlieren, indem er eine üble Zeit in einem
Kurhaus verbringen muß, um all die blauen Flecken und Dellen und Verstimmungen
der Magensäfte behandeln zu lassen, die das heftige Rütteln verursacht.
Mit dem Reisen verhält es sich fast wie mit den neuesten Nachrichten: Wo einer
hurtig reist, findet sich immer ein anderer, der noch schneller reisen möchte.
Kommt ihm gar eine Kutsche entgegen und sollen zwei Wagen sich kreuzen,
verringert sich die Geschwindigkeit der Beteiligten oft unerwünscht auf null.
Da heißt es aussteigen und den Schuh im Morast verlieren und vor allem: warten!
So steht man bald eingeklemmt nebeneinander sich gegenüber und versucht durch Höflichkeit
einen Vorteil zu gewinnen. Aber auch wenn die Insassen sich zuvorkommend begrüßen
und erfreut tun, einander zu begegnen, die Kutscher auf ihren hochfahrenden
Sitzen sind es nicht.
"Piß dich voll, Hurensohn! Mein Herr ist
Uhrmacher! Und die Zeit drängt!"
"Selber Pißtopf! Meiner ist Arzt. Das kostet Leben!"
So geschieht es kurz vor La Chaux-de-Fonds in einem Hohlweg, wie sie in der
Eidgenossenschaft berüchtigt sind.
"Dann setz zurück! Sturkopf! Und geiz nicht mit deinem Leben!"
"Und du stiehl mir hier nicht meine Zeit!"
Während Jacquet-Droz den Vicomte de l'Ille, der von sich behauptet, er sei
Arzt, mit einem witzigen Zuruf empfängt und herzliche Grüße an die Comtesse
ausrichten läßt und der Vicomte sich seinerseits im süßesten Ton, den er
durch seine kleine Nase bläst, nach dem Befinden von Monsieur erkundigt,
drischt über ihren Köpfen der schwarzhaarige Kutscher bereits mit seiner
Rindslederpeitsche nach dem bärtigen, daß die Kutschen wackeln.
"Mein Pferd würde sich schämen, so etwas zu ziehen!"
"Reiß deinen Kiefer nicht zu weit auf, sonst hau ich dir die Zähne im Gänsemarsch
zum hinteren Ende hinaus!"
"Ich brauche bloß zu warten, bis dir deine von selber ausfallen!"
In der Zwischenzeit erkundigt sich ein Stockwerk tiefer, aus einem Fenster ins
andere, Jacquet-Droz höflichst beim Vicomte, ob er an Uhren interessiert sei.
Er hat Glück. Vorzüglich zeigt sich der Vicomte an jenen Zifferblättern mit
Pikanterien interessiert, die zur Zeit in Paris besonders en vogue sind. Bald
sind sich der Vicomte und Jacquet-Droz über einen Handel einig, und es fehlt
nur noch der Austausch von Ware und Gegenwert in baren Münzen.
Fast gleichzeitig erreichen auf den Böcken die Händel der beiden Kutscher das
Stadium des Handelns.
"Du Kuhschlecker!" - "Du Hühnerstecher!" - "Du
Rindsfladen!"
Es gibt kein Vor und kein Zurück mehr; die beiden Kutscher sind genauso
ineinander verkrallt wie die beiden Pferde in ihr Geschirr.
"Dein Hodenlutscher meint wohl, er sei was Besseres, wenn er sich Arzt
nennt und unseren Frauen seine Brotpillen aufschwätzt!"
"Und was ist denn dein Erbsenfurzer für einer, der behauptet, der neue Tag
beginne um Mitternacht! Sogar die Muselmanen fangen den Tag mit dem Morgen an!
Ist er ein Jud und legt den Tagesanfang auf den Sonnenuntergang? Wegen dir habe
ich jetzt schon über eine Stunde verloren!"
"Verloren? Dann geh sie doch suchen! Aber schaff vorher deinen Dreckhaufen
weg!"
Unten in den Kabinen lächeln die beiden Herren sich zu. Der Vicomte, dem es
recht ist, wenn er nicht pünktlich zum Empfang der alten Comtesse erscheinen
kann, nutzt die Zeit für eine Frage.
"Monsieur, da wir ein wenig Zeit zu haben scheinen, bevor wir unseren
Handel beschließen, werden Sie mir vielleicht folgende Frage beantworten können:
Ich habe kürzlich meine Greyerzer Pendule reparieren lassen. Es handelt sich um
ein präzioses Werk, welches die Zeit sehr zuverlässig anzeigt. Leider brachen
mir beim Aufziehen der Feder die Zeiger ab. Der Schlosser, der ein geschickter
Kerl ist, reinigte das Uhrwerk und lötete rasch die losen Zeiger wieder fest,
ganz zu meiner Zufriedenheit, und verließ um sechs Uhr abends mein Haus. Sie
wissen, mein Herr, wie gerne wir Dinge betrachten, die neu für uns sind, und
wie fröhlich sie uns machen. So erging es mir aber nicht mit der Pendule!
Obwohl die Zeit ja gewissermaßen neu in meinem Besitz war, zeigte die Uhr sie
mir, kaum hatte der Schlosser mein Haus verlassen, falsch an! Ich hieß den
Handwerker erneut rufen, und er ließ sein Abendbrot stehen und eilte herbei.
Als er aber die Pendule mit der Kirchuhr verglich, ärgerte er sich, zeigten
doch beide kurz nach acht. Ich mußte zu meinem Erstaunen zugeben, daß die
Pendule richtig ging, fand aber auch weiter meine Ruhe nicht, denn die ganze
Nacht spazierten die Zeiger auf der Uhr umher, wie sie grad wollten, bis ich bei
Sonnenaufgang den Schlosser wieder rufen ließ. Er erschien, außer Atem und
noch im Nachtgewand, und wieder zeigte die Greyerzer Pendule exakt die Uhrzeit
der Kirche. Über der Uhr scheint ein Fluch zu liegen, denn sie geht, wie sie
will, aber sobald der Schlosser auftaucht, zeigt sie genau die Zeit der Kirche!
Nun könnten Sie mir vielleicht, mein Herr, verraten, wie ein derartiger Fluch
zu bannen sei."
Rezension I Buchbestellung IV02 LYRIKwelt © Nagel & Kimche