Zeit der Abwesenheit von Philippe Besson, 2003, Manholt-VerlagPhilippe Besson

aus: Zeit der Abwesenheit

Es ist Sommer, vor der offenen Fenstertür. Sonne und Ruhe. Ich gehe auf den Balkon. Sie folgen mir fast auf dem Fuß, ich sehe es nicht, aber ich fühle es. Zerstreut, oder vielmehr Zerstreuung vortäuschend, sagen Sie: ich weiß gar nicht, wie Sie heißen. Vincent. Sie sagen: das ist ein hübscher Vorname. Noch ehe Sie diesen Satz aussprechen, weiß ich, daß Sie ihn aussprechen werden: das ist ein hübscher Vorname. Ich habe mich umgedreht, um Sie ganz sehen zu können. Ich weiß, wer Sie sind. Jeder hier weiß, wer Sie sind. Ich frage also nicht nach Ihrem Namen. Sie sagen: doch, fragen Sie mich bitte danach. Niemand fragt mich mehr, wie ich heiße. Ich komme dem Wunsch nach. Sie antworten: Marcel. Nur Marcel, ohne Ihren Nachnamen. Und ich bin entzückt, daß Sie mir nur Ihren Vornamen sagen. Ich denke, daß wir einander näherkommen könnten, daß es uns einander näher bringt, daß Sie mir nur Ihren Vornamen nennen, daß die Karten neu gemischt sind, daß Sie nicht mehr fünfundvierzig Jahre alt sind. Ich schaue Sie an und sage mir: es ist unglaublich, hätte er seinen Nachnamen gesagt, wäre alles völlig anders. Hat er gewußt, daß er dadurch, daß er nur seinen Vornamen nannte, die Beziehung unweigerlich verändert hat, die ich zu demjenigen unterhalten hätte, der seinen Vor- und seinen Nachnamen trägt? Haben Sie es absichtlich getan? Natürlich haben Sie es absichtlich getan. Sie sagen: dieser Sommer ist herrlich. Man macht sich Vorwürfe, daß man ihn so liebt. Ich sage: in dieser wunderbaren Sonne vergißt man den Krieg. Man weiß nicht mehr, was der Krieg ist. Sie sagen: Was Sie da aussprechen, sind entsetzliche Dinge, Sie sollten solche Dinge nicht aussprechen. Sie denken wie ich. Sie vergessen den Krieg. Und machen sich vielleicht ein paar Vorwürfe, weil Sie sich deswegen nicht schämen. Sie sagen: Ihr Scharfblick ist ein wenig beunruhigend, Vincent. Sie sprechen zum ersten Mal meinen Vornamen aus. Und es gefällt mir, ihn aus Ihrem Mund zu hören. Ich liebe die Art und Weise, wie Sie meinen Vornamen sagen. Und ich weiß schon, daß Sie jetzt, da Sie diesen Vornamen ausgesprochen haben, nichts mehr davon wird abhalten können, mich nach meinem Alter zu fragen. Sie sagen: wie alt sind Sie, Vincent? Sechzehn. Ich bin sechzehn Jahre alt. Sie antworten nichts. Es gibt nichts zu antworten: Sie sind fünfundvierzig. Sie schweigen. Ich habe grüne, mandelförmige Augen, schwarze Haare und eine Mädchenhaut. Und dann plötzlich fällt Ihnen etwas ein, was Sie sagen können: Sie sind also mit dem Jahrhundert geboren. Ich schaue Sie mit einem aufrichtigen Gefühl von Enttäuschung und Trauer an. Sie doch nicht. Nicht, wenn Sie so sind, wie ich Sie mir bisher vorgestellt habe. Es ist wie eine Geschmacklosigkeit. Sie bemerken ihre Ungeschicklichkeit. Sie versuchen, sie durch eine weitere Ungeschicklichkeit wiedergutzumachen: aber ich stelle mir vor, daß Sie diese Bemerkung von jedermann zu hören bekommen. Ja, Sie haben recht, von jedermann, warum dann von Ihnen? Immerhin, Ihre zweite Ungeschicklichkeit läßt die erste etwas kleiner erscheinen. Sie ist wie das Eingeständnis einer Schwäche, und da Sie ein so berühmter Mann sind, ist dieses Eingeständnis natürlich rührend. Und ich rufe mir in Erinnerung, daß Sie klug sind, daß Sie große Klugheit bewiesen haben, indem Sie nur Ihren Vornamen gesagt haben. Ihre Ungeschicklichkeit könnte also ebensogut von Klugheit zeugen. Dieser Gedanke, daß selbst Ihre Ungeschicklichkeit von Klugheit zeugen könnte, hat etwas Verführerisches für mich. Ich beschließe, es so zu betrachten, daß Ihre Geschmacklosigkeit Ihre Art ist, Geschmack zu beweisen. Die Sonne scheint immer stärker. Sie sagen: ich werde ins Haus gehen. Diese Helligkeit bekommt mir nicht. Die Hitze, ja, die Helle, nein. Ich lausche der Ausgewogenheit Ihres Satzes. Die Hitze, ja, die Helle, nein. Ich folge Ihnen ins Haus, obwohl Sie mich nicht dazu aufgefordert haben. Und auf einmal sehe ich, daß Sie lächeln, Sie lächeln, weil ich Ihnen unaufgefordert gefolgt bin. Ich lasse Sie lächeln, ohne etwas zu sagen. Ich denke, ich werde andere Triumphe feiern. Unsere Körper sind uns im Weg. Dort, in diesem Raum, unter den Blicken der Anwesenden, im Bewußtsein des Getuschels, das jede Ihrer Bewegungen begleitet, suchen wir nach etwas, was wir tun, was wir reden können. Ihre Kopfhaltung ist fast statisch. Meine Blicke streifen den Boden. Wir sollten etwas sagen, irgend etwas, nur keine Förmlichkeiten, oder aber wir sollten schweigen und uns trennen. Aber nur so dazustehen, ohne etwas miteinander zu reden, das hat keinen Sinn, das muß ein Ende haben. Für Sie ist es schwieriger als für mich. Sie wissen, daß man Sie beobachtet, daß man Sie ertappen will, daß man sehen will, wie Sie sich jetzt aus dieser Situation, an der Seite eines jungen Mannes zu stehen, ohne sich mit ihm zu unterhalten, herausmanövrieren werden. Und Sie sind ein brillanter Kopf, ein Mann, dessen Geistesblitze gefürchtet sind, dessen Schlagfertigkeit bekannt ist, dessen Worte messerscharf sind, dessen Talent als Literat nicht in Frage steht: Sie müssen sich aus einer solchen Situation befreien können, Sie müssen die geeigneten Worte finden. Aber Sie bleiben bei Ihrem Schweigen und behalten diese merkwürdige Kopfhaltung bei.

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