aus: Wir-Maschine
Gumbo, ein junger Mann
Mitte Zwanzig, Brillenträger mit halblangem Haar, springt am späten Vormittag die Stufen
im Treppenhaus eines Mietshauses der Hamburger Innenstadt hinunter. Vom letzten Absatz aus
macht er einen Satz auf das Karo der Fliesen und schlägt dabei beiläufig gegen das
braune Blech seines Briefkastens. Er wischt die auf der waagerecht nachwippenden Klappe
liegenden Umschläge herunter und schiebt sie sich unbeachtet in die Innentasche seines
Jacketts, während er die hohe Haustür des Altbaus aufstößt.
Er geht die Straße hinunter an einer Gemüseauslage vorbei, grüßt den Türken, der mit
einem Gartenschlauch den Bürgersteig vor seinem Laden sprengt. Gumbo setzt sich die
Kopfhörer seines Walkmans auf, während er im Schaufenster eines Friseurgeschäfts den
Sitz seiner Frisur überprüft, sich eine Strähne aus dem Seitenscheitel in die Stirn
zupft, dann den Kopf schüttelt und weitergeht in Richtung Hochbahn.
Am Dammtor hält ein schwarzer Kombi gerade noch rechtzeitig vor einer roten Ampel am
Fußgängerüberweg. Sein Fahrer, Francis Gurt, Medienproduzent und Arbeitgeber von Gumbo,
beißt schmatzend und mehrmals kurz hintereinander von einem halbauf-geweichten
Schokoriegel ab, schmeißt den Rest auf den Beifahrersitz und schreit mit vollem Mund
seinen sich unruhig auf der Rückbank wälzenden Hund zurecht. Der Hund, eine gewaltige
Dogge mit feuerrotem Fell und schwarzglänzendem Gesicht, verharrt und hechelt in den
schokoladenbespuckten Rückspiegel.
Im oberen Stockwerk eines weißen Hauses am Innocentiapark sitzt eine Frau am Fenster und
trinkt Tee aus einer bauchigen Tasse. Barbara, ihr Alter ist schwer zu schätzen, sie
könnte erst dreißig sein, aber auch schon fast vierzig, umfaßt ihre Tasse mit beiden
Händen. Die Ärmel ihres Strickpullovers gehen ihr bis über die Handflächen.
Sie sitzt auf dem Fensterbrett, beide Knie unter dem Pullover angezogen, und schaut in den
Garten hinaus. Sie kann nicht sehen, daß auf der Straßenseite des Hauses gerade ihr
Assistent Gumbo vorübergeht.
Und wenn sie es sehen könnte, würde sie das Fenster doch nicht aufreißen und ihm
zurufen. Sie würde genauso sitzenbleiben, ihn weiter beobachten - wie er geht, wohin er
schaut, ob er die Lippen bewegt oder vielleicht schnipst zur Musik aus seinem Walkman. Was
er so tut, wenn er alleine ist, wenn er sich von ihr oder Francis unbeobachtet fühlt.
Sie würde ihn selbst ungesehen von oben beobachten und versuchen herauszufinden, wie
Gumbo in Wirklichkeit ist.
Und auf alle drei - auf Gumbo, der gerade in den Kiesweg des Firmengeländes von Wildcard
einbiegt, auf Francis, der sich, einen weiteren Schokoriegel kauend, umschaut, während
seine Dogge mit zitternden Hinterläufen einen breiigen Riesenhaufen in einen Pöseldorfer
Vorgarten setzt, und auf Barbara, die mit der Schuhspitze ihren Anrufbeantworter
einschaltet, bevor sie im langen Mantel ihre Wohnung verläßt, sirmelt aus großer Höhe
ein silbernes Okular herab. Es überschlägt sich langsam auf seinem Flug und nach jeder
Umdrehung um die eigene Achse reflektiert sein Gehäuse das Licht der Sonne in einem
spektralen Blitz.
Und je tiefer es fällt über die Stunden, je näher es ihnen kommt, je tiefer es
eintaucht in die Atmosphäre, desto lauter wird dabei sein Ton - zuerst ist es ein
Rauschen, ein Flattern, dann ein Pfeifen, das zum Dröhnen, zum Mahlen wird, einem
ohrenbetäubenden Geheul. [
]
3
Schnee. Zweimal steht das Wort jetzt schon auf Barbaras Notizblock. Sie stützt die
Ellenbogen auf, nimmt einen Schluck Tee mit Zimtgeschmack und schaut aus dem Fenster.
Kataloge für Jil Sander. Wäre es doch schon vorbei. Nichts ist zur Zeit schlimmer als
diese Kataloge. Im Park unten stapft der Gärtner über den feuchten Rasen. Barbara kann
seinen Atem sehen.
»Barbara?«
Gumbo lädt einen Packen Fotos und Prospekte auf dem Stuhl am Fenster ab. Es sind Fotos
von verspiegelten Möbeln, weil auf Barbaras Notizblock gestern abend noch Spiegel stand.
»Was hältst Du von Schnee?« fragt Barbara.
»Schnee? Na ja - naheliegend. Ich meine: Weihnachten?« Gumbo zupft am Prospektstapel
herum, zieht ein lackiertes Blatt heraus und legt es oben auf. Er hat es schon den ganzen
Tag geahnt. Daß die gesamte Arbeit, das Beschaffen der Bilder von verspiegelten Möbeln
und Räumen umsonst war und vertane Zeit. Daß Barbara inzwischen eine andere Idee hat.
Daß er die ganze Nacht brauchen wird, um bis morgen neue Fotos zu beschaffen. Und zwar,
Gumbo ist es eigentlich schon egal, aber er fragt trotzdem nach, von:
»Ganz einfach Schnee? Nur so, oder mit anderen Sachen?«
»Nein, nein. Ich sehe es ganz natürlich. Sehr rein. Der erste Schnee - nicht nur neu,
sauber, sondern ungefähr so wie am ersten Wintermorgen der Welt. Also der Erde, meine
ich. Ein neues Bild. Bizarr. Kalte Spitzen, die aus dem Weiß ragen. Etwas, was vorher
noch nie jemand gesehen hat. Was sich niemand vorstellen konnte. Was meinst Du?«
Gumbo schlurft auf dem hellen Steinboden herum. Lehnt sich gegen das Fenster und schiebt
seine Brille hoch.
»Spitzen aus dem Eis - das gibt es nirgends. Das kriegen wir nicht mehr hin. Und an
Schnee ist eigentlich gar nichts bizarr.«
»Eben.« Barbara weiß jetzt, daß es eine gute Idee ist.
»Schau: Du mußt es dir ganz künstlich vorstellen. Im Studio. Angestrahlt. Alles weiß.
Die sanften Töne. Überall Kunstschnee. Alle Sorten. Aus Plastik, Daunen, was weiß ich.
Dafür brauchen wir natürlich gute Leute. Wir müssen Schnee haben, der fällt, Schnee
der pappt und liegenbleibt. Natürlich auch gefrorenen, mit Reifenspuren und Hügel aus
fluffigem Pulverschnee -«
Barbara dreht sich auf ihrem Stuhl zum Fenster.
»- ein richtiger Traum.«
Gumbo schaut traurig und versteht nichts. Fotos im Schnee für einen Weihnachtskatalog
sind ja weder raffiniert noch bizarr, noch sonst irgend etwas davon, wonach Barbara und er
in den letzten Wochen gesucht hatten. Schnee ist einfach nur ein Klischee.
Gumbo ist traurig und weiß nicht warum. Es hat sich etwas verändert zwischen Barbara und
ihm. Er ist schon lange nicht mehr verliebt in sie. Aber das ist es nicht. Er verehrt sie
auch nicht mehr. Wann hatte denn Barbara die letzte gute Idee? Wann hatte Barbara ihm
zuletzt erzählt, was sie wirklich dachte? Ihm gezeigt, um was es wirklich ging, ihm die
gesamte Aufgabe erklärt, so daß er sich auch Gedanken machen konnte, ihr wirklich helfen
konnte.
»Hast Du nicht Lust, mir zu helfen?« hatte Barbara zu ihm gesagt, bevor er bei ihr
anfing. Das war sein Einstellungsgespräch gewesen, seine große Chance, damals, am Tresen
der Osteria, Sonntag morgen gegen drei.
In das Lokal war Gumbo eher zufällig geraten, ein Freund hatte sich dort mit ihm
verabredet, danach wollten sie noch in ein Konzert gehen, aber der Freund war nicht
erschienen. Die Wartezeit hatte sich Gumbo mit Pilsbieren vertrieben. Er stand am kurzen
Ende des Tresens in der Ecke, gleich neben dem Telefon.
Er blätterte eine alte Ausgabe der deutschen Vogue von hinten nach vorne durch und im
Fernseher über ihm lief ein Fußballspiel, für das sich niemand interessierte. Alle
schrien durcheinander.
»Bist Du zum Essen?« fragte ihn die Tresenfrau und sagte »gut«, als er sich nur ein
zweites Bier bestellte. Im Gastraum hinter dem Durchgang war jeder Stuhl besetzt, an
manchen Tischen saßen so viele Menschen, daß dauernd etwas umgestoßen wurde.
Wie Gumbo aus den Geprächen der Tresenfrau mit neu hereindrängenden Gästen erfuhr,
konnte man in der Osteria aus Prinzip nicht reservieren. Wer das nicht wußte oder zu
spät kam, mußte am Tresen anstehen und warten, bis etwas frei wurde, im hinteren Teil.
Manche standen dann nur eine Minute herum, warteten bis sich die beschlagenen Brillen
geklärt hatten und gingen wieder.
Gumbo fand das ganze Lokal und das Getue der Gäste völlig uninteressant und fragte sich,
warum sich der Freund unbedingt hier verabreden wollte. Dann noch ein Bier.
Stunden später zupfte Barbara an seinem rosa Sweat-Shirt und sagte »Schick«.
Gumbo wußte in diesem Moment noch nicht, daß sie Barbara hieß. Er wußte nur, daß er
sie kannte, obwohl sie noch nie miteinander gesprochen hatten. Aber es war diese Frau, die
er schon so oft beobachtet hatte, nachts beim Ausgehen. Die Frau, die er heimlich für
ihre Eleganz bewunderte. Diese Frau stand jetzt auf einmal am Tresen dieser Osteria, in
einem Pulk von Männern in Mänteln und redete mit ihm. Gumbo sagte erst einmal gar
nichts.
Barbara nahm einen Schluck Weißwein, schaute ihn an und fragte »Na, betrunken?«
Gumbo schüttelte den Kopf und wollte etwas fragen, aber da brachte jemand aus Barbaras
Gruppe ein Tablett mit Schnäpsen auf den Tresen und sofort scharten sich alle um die
Gläser und sagten »aah« und »endlich«. Barbara nahm zwei Gläser, streckte eins davon
Gumbo hin und zwinkerte: »Hier: Nussbrandt. Schmeckt lecker.«
Der Mann neben Barbara, ein kleiner Österreicher, bohrte sich mit dem Mittelfinger in den
abstehenden Ohren, beschaute danach seine Fingerspitze und steckte sich das Ganze zum
Ablutschen mit einem Gesichtsausdruck in den Mund, wie Gumbo ihn von sich lausenden Affen
kannte.
Barbara drückte sich an Gumbo und sagte: »Du - wir gehen jetzt noch woandershin. Magst
Du vielleicht mitkommen, Du Schocker?«
Auf einmal war sie so nah an Gumbos Ohr, daß er ihren Atem riechen konnte. Der Geruch von
Weißwein und ihrem Mund machte Gumbo große Lust, Barbara zu küssen. Sie faßte seine
Hand, mit der er unter dem Tresen die zusammengerollte Vogue festhielt. Ihre Hand war
trocken, mit zwei Ringen, und fühlte sich gut an.
Nach den Schnäpsen war Gumbo sehr betrunken, und dann gingen sie. Jemand aus Barbaras
Gruppe bezahlte Gumbos Rechnung, und vor der Tür standen vier Taxen. Er stieg mit Barbara
ins erste hinten ein, jemand auf dem Vordersitz sagte dem Fahrer die Adresse. Gumbo saß
still neben Barbara, die wieder seine Hand genommen hatte und als sie sich eine Zigarette
in den Mund steckte, gab er ihr Feuer mit seinem Plastikfeuerzeug.
»Wir fahren noch zu einem netten Freund«, sagte Barbara, obwohl er sie gar nicht gefragt
hatte, wo es hinging. Er wäre überall hin mitgegangen. Er hatte nicht begriffen, was
passierte. Er spürte seine Hand in Barbaras Hand.
Barbara, die er nur vom Hinsehen kannte, die sehr gut aussah, glamourös, mit ihren langen
und vielen blonden Haaren und ihrer interessanten Nase; die sich hervorragend anzog und
die, wie er vermutete, sehr reich war.
Barbara streichelte ihm über die Stirn, denn sein Kopf war plötzlich gegen die Scheibe
gesackt und sagte »Oh, Du armer Schocker - Du bist ja wirklich ganz betrunken«. Und
Gumbo hatte sich langsam an ihre Schulter gelehnt, etwas Leises gesagt, und dann lachten
Barbara und der Österreicher auf dem Vordersitz.
Gumbo wachte wieder auf, weil ihm kalt war. Die Türen des Taxis standen offen, Barbara
stand auf dem Gehsteig und hielt ihm ihre Hand hin. »Besser?« fragte Barbara, als er
ausgestiegen war. Arm in Arm kamen sie in die Wohnung von Barbaras Freund. Die anderen
saßen schon in einem riesigen Wohnzimmer um einen Glastisch herum und rauchten.
Barbara zeigte Gumbo die anderen Räume: eine riesige Küche, ein Arbeitszimmer, das sich
in einen Wintergarten öffnete, wo Synthesizer und Computer zwischen den feuchten Pflanzen
herumstanden; ein Ankleidezimmer voller Hemden und Anzüge, alle in Doppelreihen und nach
Farben geordnet; ein Schlafzimmer mit schwarz glänzenden Wänden; ein breites Bett; auf
einem Podest eine silberne Vase voller weißer Lilien. Und überall war Kunst. Gumbo
erkannte die Künstler nicht alle, aber die breiten Rahmen, die riesigen Formate der
Fotografien - hier hingen sicher Hunderttausende.
Gumbo dachte an sein eigenes Zimmer, den langen schmalen Flur, seine Plattensammlung unter
dem Hochbett und die bemalten Zigarrenkisten an der Wand, an diese sogenannte Cheap Art,
die Portraits der Kartoffelfamilie von 4000, an die Küche mit der Waschmaschine neben dem
Herd und dachte: Das ist es. Ja. Hier bin ich richtig. Endlich bin ich da - und andere
verwirrte Sachen.
Im Wohnzimmer setzte er sich mit Barbara auf ein großes Rasenstück aus grünem Gummi und
weil Gumbo betrunken war, sank er langsam zur Seite weg und fast wäre er gleich wieder
heruntergefallen, aber Barbara zog ihn an beiden Schultern zu sich herüber und fragte
ihn, ob er auch einen Kaugummi wolle. Er wollte, und dann küßten sie sich zum ersten
Mal. In Walters Wohnung, auf dem Gummirasen.
Drüben schaute Walter vom Glastisch hoch und sagte: »Siamesische Zwillinge - am Mund
zusammengewachsen«. Keiner lachte. Er stand auf und ging mit seiner halb-leeren
Champagnerflasche hinüber zu Gumbo, der immer noch auf Barbara lag und sie küßte.
»Hey,« sagte Walter und schubste Gumbos Bein an, »was ist mit Euch?« Gumbo wollte
nicht aufhören, er ließ seine Augen einfach zu, als Barbara ihren Kopf wegdrehte und mit
Walter redete. Gumbo fuhr mit seiner Nase an Barbaras Hals entlang. Alles an ihr war warm
und roch so gut.
Barbaras Wohnung war dann noch größer als die von Walter. Gumbo lag auf dem Bett und sah
den Sonnenaufgang hinter den Bäumen des Parks. Barbara hatte die Augen zu. Sie hörten
leichte Musik, eine alte Stimme sang I used to seek pleasure, und dann stieg die Sonne
hinter den Bäumen auf wie eine Aprikose in Milch.
War es die Farbe der Fensterrahmen im Schlafzimmer? Oder das Material, ein sehr altes
Holz, von dem die verschiedenen Anstriche der Jahrzehnte in schönen Mustern
abblätterten? Gumbo hatte noch nie so einen Sonnenaufgang gesehen. Das Licht in den
Scheiben. Die auffliegenden Vögel, ein schwarzer Schwarm, der zusammen in einem Bogen
erst über dem Wäldchen schwebte, dann sich aufteilte, in die Punkte, und verschwand, am
Himmel. Barbaras Haar. Das gemeinsame Atmen unter der Decke. Schön, alles so schön und
neu.
»Du?«
»Mmmh?«
»Nein, Quatsch.«
»Sag.«
»Nein, nichts - Ich meine, ich bin nur so glücklich gerade.«
»Und vorher nicht?«
»Doch, aber nicht so.«
»Du Armer - komm mal her.«
Als Barbara dann wegmußte, blieb Gumbo noch. Er ließ sich ein Bad ein und ging in der
Wohnung herum. Ein großes Sofa, weißer Tweed, Glastische, ein Konzertflügel aus
Plexiglas, eine Statue aus spiegelndem Metall - Barbara und ein Mann, der sich gerade die
Sonnenbrille abnimmt -, in Lebensgröße, Lampen, Bücher, stapelweise Bildbände,
überall Bildbände.
Das Bad tat gut. Er trank ein Glas Weißwein und sein Denken wurde wieder leicht, wie
vorhin, in der Nacht. Es war nicht wie sonst oft, daß er in sich zurückkam, daß die
Nacht aus ihm verschwand, Barbara verschwand und er zurückkam. Zurück, mit seinen
Gedanken, die er kannte, mit seiner Welt. Nein. Er fühlte es, und es fühlte sich gut an:
Barbaras Welt wurde größer in ihm. Gumbo gelang der Trick, aus sich selbst heraus
aufzusteigen, sich selbst von oben in der Wanne liegen zu sehen, mit dem Weinglas zwischen
den Handflächen. Und dann sich dort liegen zu lassen und durch das Badezimmer zu
schweben, ganz leicht, durch die Türen hindurch und die Räume, zurück zum Bett. Er sah
sich und die Nacht mit Barbaras Augen. Wie sie ihn ins Schlafzimmer gebracht hatte, den
ganzen Weg hatten sie sich dabei umarmt und geküßt; wie sie versucht hatte, ihn
auszuziehen, wie er wachlag und den Sonnenaufgang sah. Es sah alles gut aus. Nichts daran
war peinlich.
Das Bett mit dem aufgepolsterten Kopfteil aus schilfgrünem Chintz. Die blitzenden
Kupferköpfe in lichtschluckendem Stoff verborgen. Und gleich neben der Konsole unter dem
Lämpchen der Knopf. Dieser rot irisierende Knopf aus Glas oder sonstwas, von dem Barbara
behauptete, er sei von ihrem Vormieter, einem Chefredakteur der Bildzeitung, dort
angebracht worden. Natürlich von den Kräften dort, in seinem Verlag. Springer. Die
Angst, damals, bei Springer, daß ihren Größten etwas angetan würde. Axel Cäsar
Springer hatte Angst vor der RAF. Axel Cäsar Springer hatte Angst vor der
außerparlamentarischen Opposition. Deshalb der Knopf. Im Schlafzimmer gleich neben dem
Kopf, am Kopfende.
Wenn einem seiner Wertvollsten ein Leid angedroht würde, drückte der diesen Knopf zur
Direktleitung - weg von den Medien und hin zum Staat. Das Überfallkommando wäre dann in
Minuten bei ihm gewesen. Probleme, Herr Springer? Wir sind sofort bei ihnen!
Laß die Finger vom Knopf! hatte Barbara ihm gesagt, als er unsicher, spielerisch,
tändelnd und neben ihr nackt liegend mit seinem Handrücken über die seidenbespannten
Wände gescharrt hatte.
Laß die Finger vom Knopf - Gumbo interessierte sich ja auch nicht wirklich dafür: Für
diese ganze Welt, diesen Knopf, den toten Axel Cäsar Springer und seine sogenannte
Bildzeitung und die RAF.
Er spürte Vorfreude auf diesen Abend, auf Barbara, auf sein neues Leben. Er konnte es
jetzt schon richtig vor sich sehen: Hier vor diesem Spiegel - sehr raffiniert übrigens,
daß es nicht einfach ein spiegelfarbener Spiegel war, sondern einer mit Tönung, leicht
gelblich, wie ein Glas Whiskey vor Licht - würde er sich morgens rasieren, so wie jetzt.
Sehr gut auch, daß Barbara Rasierzeug für Gäste hatte. Dann einen Kaffee in der Küche
aus der großen Maschine, die Tür zum Balkon dabei offen, die Zeitschriften durchsehen,
dann aus dem Haus, so gegen elf. Aber wohin eigentlich?
Sein sogenanntes BWL-Studium konnte es ja wohl nicht mehr sein. Dieses Schneckenleben, was
sollte er ihr denn da abends groß erzählen? Von den Gesprächen in der Cafeteria oder
dem Campus, er eingeklemmt zwischen die Barbourjacken und Oxfordhemden, den über die
Rundköpfe zurückgeklatschten Frisuren mit den steif abstehenden Korkenzieherlocken am
Hinterkopf? Den ganzen Karins, Detjes und wie sie alle hießen, mit ihren breiten
Schneidezähnen, den Kornblumenaugen und dem Dünenwind im Haar? Die mit ihren festen
Brüsten und ihrer vererbten Frigidität auf Gumbo zwar anziehend wirkten - die hatten
noch etwas, was man zerbrechen, was man definitiv und endgültig versauen konnte -, aber
die eben leider förmlich nach Zahnseide rochen!
Nein, da hatte Barbara recht: das alles führt zu nichts. Da mußte er raus. Das, worauf
er da wartete, den Abschluß, den Job, Geld, das konnte er auch schneller haben. Nämlich
gleich. Und zwar bei Wildcard. Barbara helfen. Das hatte sie ihm gestern doch angeboten.
Das hatte sie gesagt: Du kannst es, das sehe ich Dir an. Da hatte sie wahrscheinlich
recht. Aber eben nur wahrscheinlich. Andererseits war es nicht gut, immer zu zweifeln, da
hatte sie wahrscheinlich auch recht. Wie hatte sie es genannt? Riding the Bullet.
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