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Am Pool
(Leseprobe aus: Am Pool, Roman,
2006, DuMont -
Übertragung Hinrich Schmidt-Henkel)
Die Villa der Demaillys lag zwischen
Théoule und Fréjus. Um in den Garten zu gelangen, stieß man ein schweres
Eisentor auf, das nur noch in einem Scharnier hing. Mehrere Generationen lang
hatte das Anwesen einer großen Familie gehört, der die Entwicklung des Hafens
von Toulon zu verdanken war und die sich dann außerhalb der Stadt
niedergelassen hatte. Als die Erben von der Côte d´Azur weggezogen waren und
sich in Miami niedergelassen hatten, war die Immobilie von Hand zu Hand
gegangen, erst an örtliche Händler, dann an Stars mit Coming Back verkauft,
schließlich mit einer Hypothek belastet und zu einem günstigen Preis
versteigert worden. In diesem Moment hatten Julens Eltern die Villa gekauft, für
nicht mal drei Millionen Francs, also für einen Apfel und ein Ei, wenn man die
phantastischen Lage und die Ausstattung bedenkt.
Die Höhen über der Stadt waren der Zufluchtsort der führenden Schichten, die
auch nicht für alles Gold der Welt an den Plätzen der Innenstadt geblieben wären,
wo Seeleute, Arbeiter und später Militärangehörige wohnten. Anders als in
anderen Städten war das Zentrum dem Gesindel überlassen geblieben, und so
sahen die engen, schmutzigen, dunklen Straßen dann auch aus. Die Gassen waren
zwischen feuchte Lehmbauwände gezwängt, von denen zweideutige Wäschefetzen
herabhingen, Laken und Marineuniformen; es wimmelte von Kneipen, Massagesalons
und Tattoo-Studios.
Hier oben hatte man einen herrlichen Rundblick. Das in die Hänge der
Esterel-Berge geschmiegte Haus schaute teils auf Kalkgebirge, teils auf ölglattes
Meer. Fern waren die Inselchen zu sehen, die immer noch der Armee gehörten und
wo Raketenübungen abgehalten wurden. Man hatte dort befestigte Zitadellen
angelegt, um fern aller Blicke die letzten Waffen der Grande Nation zu testen.
Bei klarer Sicht konnte man mit Ferngas oder Fernrohr sogar die waldige,
geheimnisvolle korsische Küste erkennen. Hier ähnelte das Mittelmeer den
bretonischen Küsten mit Merlins Zauberwald Brocéliande oder der mythischen
Insel Avalon. Privatjachten ankerten vor der Küste und entsandten dann und wann
ein angeberisches Motorboot, um Proviant zu holen. Von der Terrasse der Villa
aus konnte man all das beobachten, ohne aus dem Liegestuhl aufzustehen oder auch
nur den kleinen Finger zu bewegen.
Das Anwesen war mit großen Kosten instand gesetzt worden. Zuvor war der Garten
lange sich selbst, der Trockenheit und der Verzweiflung preisgegeben gewesen.
Juliens Vater, ein begeisterter Hobbygärtner, hatte den größten Teil
wiederhergestellt und Koniferen und andere für die Region typische Bäume
pflanzen lassen: Pinien natürlich, aber auch Olivenbäume und Dattelpalmen.
Diese trugen noch keine Frucht, verliehen dem Ganzen aber ein üppiges
orientalisches Gepräge. Die Einfahrt hatte man absichtlich eher ungepflegt
gelassen, um keine Plünderer anzuziehen. Im Lauf der letzten fünf Jahre hatten
nicht weniger als zwei Drittel der Villen während der Abwesenheit ihrer
Besitzer Besuch von Vandalen oder New Age Travellers bekommen. Sie richteten
keine schweren Schäden an, hatten aber die unangenhme Gewohnheit, in die Betten
zu scheißen und überall leere Flaschen herumstehen zu lassen. Video-Überwachungssysteme
hatten Ordnung geschaffen, aber es gab ein Restrisiko. Also wucherte zur
Abschreckung Stechginster zwischen den Gittern und entlang der römischen Allee,
die zum Haupthaus führte. Der Tapetenwechsel war total.
- Da wären wir, sagte Julien stolz, als sie durchs Tor fuhren. Mein Zuhause.
Nanou kehrte schleunigst aus dem Reich der Schatten zurück. Befriedigt stellte
sie fest, dass sie sich wohlfühlte oder wenigsten träumte sich wohlzufühlen.
In den zwei Jahren ihres Zusammenlebens hatte Julien sie nie hierher
mitgenommen.
- Ich hab was Komisches geträumt, sagte sie.
Aber Julien bat sie nicht, es ihm zu erzählen. Um diese Tageszeit herrschte
niederdrückende Hitze, selbst die Eidechsen hatten sich in Felsritzen
verkrochen. Der Boden riss auf, fossile Rasenstücke wurden von der enormen
Temperatur plattgemacht. Auf dieser Seite des Anwesens gönnte man der
Vegetation keine Bewässerung. Weiter drinnen versorgten große Wasserleitungen
und Rasensprenger das Grün mit allem, was es zum Leben brauchte.
Éléonore traute ihren Augen kaum. Ihr war, als hätte sie eben Paris verlassen
und wäre auf einem fremden Planeten gelandet. Das Licht war so hell, dass sie
ein paar Minuten brauchte, um sich daran zu gewöhnen. Sie blinzelte gewaltig
und musste die Augen halb geschlossen halten, bis sie in ihrer Tasche die Inès
de la Fressange-Sonnenbrille gefunden hatte. Dem Topmodel selbst waren die
Rechte an seinem Namen von einem Handelsgericht aberkannt worden, aber die Firma
nutzte ihn weiter für allerlei Produkte: Anstecker, Slips, Erotikspielzeug.
Sonnenbrillen waren noch das Achtbarste, was von der alten Kollektion geblieben
war.
- Du wirst Melanie Griffith immer ähnlicher, sagte Julien.
- Und du Antonio Banderas.
- Nein, ich meine Meg Ryan. Ich verwechsele die immer.
- Also Jean Réno.
Der Clio bog unter einen Schirm von Korkeichen ein, die etwas Schatten und Kühle
spendeten. Jetzt waren sie angekommen.
- Ich hätte dich viel früher mal hierher mitnehmen sollen, sagte Julien.
- Das kann gut sein, ergänzte sie.
Das Haus war großartig. Kein Vergleich mit der Einfahrt. Im provenzalischen
Stil, aber nach allen Seiten durch rechteckige Anbauten verlängert, Wind- und
Sichtschutzmauern, Terrassen, Bambuspergolen, was ihm eine fantastische
Dimension verlieh. Das Haus sah aus wie einem Cézanne-Gemälde entsprungen. Der
Blick verlor sich in den geometrischen Formen, unfähig, sich in all diesen
Schnittlinien und Perspektiven zurechtzufinden.
- Mein Vater hat diesen Bereich von einem Architekten aus Taiwan gestalten
lassen, erklärte Julien und wies auf ein merkwürdiges Ensemble von Tüchern
und Ziegeln. Seinen türkischen Patio nennt er das. Er hat da seine Gewächshäuser
drin, seinen Garten. Ich zeige dir das alles später.
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