Dämmerung
(aus:
Mondwechsel, Roman, 1999, Elfenbein-Verlag)
"Ich hatte immer
ganz wenig Gepäck dabei", dachte Beno, während er seinen Hals vorreckte, um im
Fensterausschnitt den wellenartigen Flug einer Möwe zu verfolgen. "Ein oder zwei
Hemden, T-Shirts, zwei, drei Paar Hosen und eine Unmenge unnützer Kleinigkeiten. Ich
reiste mit dem absolut Notwendigen. Wenn ich irgendwo ankam, kaufte ich, was mir fehlte.
Sobald ich mich dann wieder auf den Weg machte, warf ich alles weg. Ich dachte immer, was
mir an einem Ort nützlich und unverzichtbar war, wäre es an einem anderen nicht
mehr ..." Beno saß am Fenster und blickte durch die Scheiben, die vor lauter
Staub trüb waren, auf das Meer. Seit seiner Rückkehr hatte er die Gewohnheit, bei
Einbruch der Dunkelheit wie unter einem Zwang dort zu sitzen. Unbeweglich, mit über das
Meer schweifendem Blick, ließ er seine Erinnerung an das Geschehene sich mühselig mit
der eintönigen Bewegung der Gezeiten entspinnen. Sonst hatte er nichts zu tun.
Die Möwe verschwand aus dem Fensterausschnitt, und Beno streckte die Beine aus, nahm
seine Ausgangshaltung wieder ein, indem er sich in den Stuhl zurücklehnte. Er seufzte,
zündete sich eine Zigarette an und spann gleichzeitig weiter an seinen Gedanken:
"Damals hatte ich kein Haus, nicht einmal einen bestimmten Ort, wo ich bleiben
konnte. Jahrelang wohnte ich bei Freunden oder in Pensionszimmern, wo ich allmählich eine
Spur des Krams hinterließ, den ich ständig mit mir herumtrug. Unnützer Kram ... aber
ich habe mich nie wirklich mit Gegenständen umgeben, nie Sachen besessen, und im Laufe
der Jahre trennte ich mich schließlich von dem Wenigen, was ich aufhob und was in mir die
Erinnerungen an glückliche Begegnungen, gelegentliche Vertrautheiten oder einfach an
Streifzüge durch die Nacht der Städte wachrief."
Eine abendliche, salzgesättigte Brise wehte nun. Der Tag begann zu sterben. Der Schaum
auf den Wellen wurde fast rot, das Wasser glühte. Beno fühlte sich in eine Art Starre
gehüllt, die ihn blind machte. Er blickte auf das Meer, ahnte es eher, als daß er es
wirklich sah. Und alles, was er sah, war schließlich nichts als ein blauer Fleck, der
sich weit ausdehnte, dem Blick entschwand, metallisch und wogend, ein Fleck, auf den die
Dämmerung Funken streute.
Er füllte sein Glas wieder mit Whisky und schnalzte ein paarmal im Rhythmus der Musik mit
der Zunge. Sun's going down. Like a big bald head. Er schwenkte die Flüssigkeit, und das
Eis begann zu schmelzen. Sobald die Platte zu Ende war, stand er auf, ging durch das
Zimmer und spielte sie noch einmal von vorne ab.
Rezension I Buchbestellung III02 LYRIKwelt © Elfenbein-Verlag