Perfekte Verhältnisse von Suzanne Berne, 2003, ZsolnaySuzanne Berne

aus: Perfekte Verhältnisse

»Sie klang fröhlich, aber ernst«, sagte Mirella am Morgen zu Howard und drückte ein Papiertuch in einen Milchfleck auf Pearls Set.
»Fröhlich«, sagte Howard, über die Zeitung gebeugt.
Mirella lehnte sich zurück und trocknete sich die Finger an ihrer Serviette. »Ihre Stimme hatte etwas Anheimelndes.« Sie blickte auf ihre Armbanduhr, dann auf die alte Standuhr aus Walnußholz neben dem Kamin, die wie üblich nachging. Es war einer dieser für Neuengland typischen, schweflig-gelben Frühlingsmorgen, für den mildes Wetter vorhergesagt war, der Mirella aber eher klamm vorkam, und als sie von der Uhr zum Fenster sah, fröstelte sie.
»Irgendwie tröstlich«, sagte sie.
Die Cook-Goldmans waren seit drei Wochen auf der Suche nach einem Kindermädchen, nach einem Ersatz für Grete mit dem breiten Kinn, ihr zweites Au-Pair-Mädchen in zwei Jahren, das nach Uppsala zurückgeflogen war, weil es seinen Freund Karl vermißte. In letzter Zeit waren viele Briefe gekommen, himmelblaue Luftpostbriefe, mit Blockschrift geschrieben. Dann folgte ein mitternächtlicher Anruf, der mit einem Tränenschwall endete. »Karl braucht mich«, hatte Grete gesagt, und ihre Stimme hatte gebebt vor Genugtuung.
Diesmal versuchten sie es mit einer neuen Kindermädchenagentur, Family Options Ltd. Sie war auf Mädchen aus dem Mittleren Westen spezialisiert, die den Lehrerinnenberuf anstrebten. »Wollen Sie nicht das Beste für Ihre Familie?« stand in der lachsfarbenen Broschüre von Fa-mily Options. »Unsere Kindermädchen sind engagierte, gut ausgebildete und sensible Individuen, die streng unter die Lupe genommen und psychologisch getestet werden. Wir garantieren landesweite Überprüfung der Fingerabdrücke durch das FBI, eine gründliche Ausleuchtung des familiären Hintergrunds, Drogentests und ein Zertifikat in Wiederbelebungstechnik.«
Bislang war Mirella von den Bewerberinnen von Family Options nicht gerade beeindruckt gewesen. Die Agentur brauchte zwei Wochen, um eine erste Kandidatin zu einem Vorstellungsgespräch zu schicken – alle Agenturen beteuerten, daß es eine lange Liste von Familien gebe, die verzweifelt ein Kindermädchen suchten –, und als Mirella die rundliche Brünette aus New Jersey fragte, warum sie gern mit Kindern zu tun habe, brach die junge Frau in Tränen aus und gestand, unter einer Eßstörung zu leiden. Die zweite Bewerberin, eine dünne, erschöpft wirkende ehemalige Kindergärtnerin mit einem schwarzen Strohhut, stolperte über die Türschwelle, als sie eintrat, und fragte dann Mirella, wieviel sie für ihr Haus bezahlt hätten.
»Mißtraue den Fröhlichen.« Howard überflog die erste Seite der Zeitung, während er die Schließen von Jacobs Latzhose zuschnappen ließ. Regen, las Mirella und verrenkte sich den Hals, um einen Blick auf die Zeitung zu werfen, heute und morgen. Der Wert des japanischen Yens war in den Keller gesunken. Der Sonderermittler weitete die Ermittlungen gegen den Präsidenten aus. Vor einer Grundschule in Spokane hatte eine Schießerei stattgefunden. Jacob fuchtelte mit den Armen herum, sein indianischer Kopfschmuck rutschte über ein Auge. »Blad-a-bab«, sagte er. Dann stöhnte er und sackte auf Howards Schoß zusammen.
Mirella fand den Deckel für das Marmeladenglas und schraubte ihn auf. »Sie hat für eine Familie in Brookline gearbeitet und irgendein Sonntagsschulprogramm in einer Kirche organisiert.«
»Setz dich gerade hin«, sagte Howard zu Jacob.
Mirella trank einen Schluck Milchkaffee und beobachtete, wie Jacobs Augenlider flatterten. Blink, blink, Pause. Blink, blink. Eine weiße Milchkruste überzog sein Kinn;
in einem Nasenloch steckte ein bernsteinfarbener Popel. Natürlich war sie mißtrauisch. Es war erst ein Jahr her, daß das Kindermädchen aus Boston Tag für Tag in den Nachrichten zu sehen gewesen war, ihr Gesicht so ausdruckslos wie ein Brötchen, dazu die vielen Bilder des armen kleinen Jungen. Vor einem halben Jahr war eine Mutter aus Pearls Kindergarten nach Hause gekommen und hatte ihr Kindermädchen betrunken im Fernsehzimmer vorgefunden, das einjährige Baby schlief auf der Wickelkommode. Die Leute installierten jetzt Videoüberwachungsanlagen. Mißtrauen war gar kein Ausdruck.
Mirella stützte den Kopf auf die Hände und überlegte zum hundertsten Mal, was passieren würde, wenn sie kein Kindermädchen für Pearl und Jacob anheuern würde, sondern statt dessen aufhörte zu arbeiten und zu Hause blieb. Könnte Spaß machen, dachte sie. Burgen aus Bauklötzen, Geburtstagskuchen aus Plastilin, Nachmittage im Park. Augenblicklich breitete sich eine Sahara von Tagen auf dem Tisch aus, begrub Burgen und Geburtstagskuchen unter sich und wurde zu Treibsand aus schmutzigem Geschirr; Stunden war sie mit dem Wäschekorb beschäftigt, und die Vorbereitungen für die Ausflüge in den Park dauerten so lange, daß niemand mehr gehen wollte, wenn endlich alle fertig wären. Wieder zurück nach Hause – die Erleichterung und der Widerwille, während sie sich durch die Haustür kämpfte, beladen wie ein Kamel mit Kind, Tüten, Hundeleine und Buggy. Wieder zu Hause, immer wieder. Der eingesperrte Geruch des Hauses wurde zu ihrem eigenen Geruch: kalter Kaffee, eine im Abfalleimer liegengebliebene Windel, der penetrante Gestank des Fischs vom Vorabend, der an der Bratpfanne in der Spüle haftete.
Sie schielte auf den Lack des Tisches, der mit kleinen Kratzern getüpfelt war, wo immer die Kinder mit ihren Gabeln und Löffeln darauf herumgeschlagen hatten, dann blickte sie erneut auf ihre Uhr und kalkulierte, daß sie eine Stunde Zeit hätte, um in die Stadt zu fahren, nachdem
sie Pearl im Kindergarten abgeliefert hätte. Fünf Minuten brauchte sie vom Parkplatz zum Gericht. Nach der Anhörung hatte sie zwei Besprechungen, dann mußte sie eine eidliche Zeugenaussage für den nächsten Tag aufsetzen, gegen Haymans Unterlassungsurteil mußte Berufung eingelegt werden, um drei Uhr nachmittags sollte eine Telefonkonferenz stattfinden.
Gott sei Dank, dachte sie.
Jacob hatte einen Finger in die Butter gesteckt und fuhr jetzt mit diesem Finger auf dem Tisch herum; sie langte hinüber und wischte seine Hand mit ihrer Serviette ab, dann putzte sie ihm die Nase. »Mmff«, sagte er, verzog das Gesicht und drehte es zur Seite.
Das Gesetz war im Gegensatz zu ihrer Familie auf wunderbare Weise zu vereinfachen. Das Gesetz war schlicht ein System von Regeln, mit denen die Menschen sich selbst verwalteten. Daß diese Regeln bisweilen komplex waren, mitunter obskur und – weil sie in Sprache verfaßt waren – ewig offen für Auslegung, erklärte weitgehend ihre Bandbreite und zur Gänze ihren Reiz. Was Mirella jedoch rührend fand, was sie in erster Linie veranlaßt hatte, Rechtsanwältin zu werden, war das unabweisbare menschliche Bedürfnis hinter aller Gesetzgebung, der Wunsch nach Orientierung und Präzedenzfällen, der geradewegs in die Gefilde der menschlichen Natur führte und womöglich, wie sie bisweilen vermutete, die größte aller menschlichen Leidenschaften war.
Nicht daß sie sehr oft Gelegenheit hatte, über den eigentlichen Sinn der Gesetze nachzudenken. Ihre Mandanten, die meisten davon Frauen, fürchteten sich vor den Gesetzen, die sie als Strafe empfanden; sie wurden nervös und verlegen, rutschten auf den gepolsterten roten Konferenzstühlen hin und her, fummelten an ihren Ohrringen herum, wann immer sie versuchte, die philosophischen Aspekte des juristischen Systems zu diskutieren. Und wer wollte es ihnen verübeln? Die Leute, die sie engagierten, hatten entweder Angst oder waren verwirrt, es waren Leute, die andere Leute enttäuscht hatten, häufig ohne recht zu wissen, wie – verlassene Ehefrauen, mißhandelte Freundinnen, gefeuerte Angestellte. Sie wollten unzweideutige Wiedergutmachung: Geld, Durchsetzung von Ansprüchen. Manchmal wollten sie Rache, manchmal Schutz. Vor allem aber wollten sie, daß Mirella ihnen so schnell wie möglich verschaffte, wonach immer sie trachteten.
Wieder steckte Jacob den Finger in die Butter. Sie langte zur Butterschale und schob sie langsam über den Tisch.
Howard las noch immer über Jacobs Kopf hinweg in der Zeitung. »Wie heißt sie?«
Mirella rutschte auf ihrem Stuhl herum. »Sandy. Wir haben zehn Uhr ausgemacht. Offenbar bastelt sie gern. Und die Frau von der Agentur sagt, daß sie gern kocht –«
»Wahrscheinlich hat sie keine Beine.«
Blinzelnd ließ Mirella den Rest ihres Satzes in dem komplizierten italienischen Muster ihrer Kaffeetasse verschwinden.
»Ich hab’s nicht so gemeint – daß sie keine Beine hat«, sagte er.
Mit dieser Bemerkung versuchte er nur, wie ihr einen Augenblick zu spät auffiel, ihre Vereinbarung – das Vorstellungsgespräch – zu kontrollieren. Obwohl Howard so tat, als glaube er nicht daran, daß man mit dem Schicksal feilschen könne, tat er es die ganze Zeit. Sie wußte sehr wohl, und deswegen verzieh sie ihm bereits, daß jemand, der sich Sorgen machte, mit dem Schicksal feilschte, wenn er sich – zumindest für eine Weile – keine Sorgen mehr machen wollte.
»Basteln«, sagte Howard nachdenklich.
Mirella stellte ihre Tasse ab und sah zu dem großen Kamin im Eßzimmer hinüber, der vollgestopft war mit Stofftieren und zwei Badehandtüchern. »Meinst du, daß du ein bißchen aufräumen könntest, bevor sie kommt? Nur unten. Ich will nicht, daß sie uns für einen Haufen Höhlenbewohner hält.«
»Auch Höhlenbewohner hatten eine Kultur.« Howard fummelte an der letzten Schließe von Jacobs Latzhose herum. »Diese Dinger sind doch unmöglich!«
»Und vergiß nicht, daß Jacob heute nachmittag einen Termin bei Dr. Michaels hat.«
»Um vier.«
»Außerdem kommt der Installateur gegen zwei wegen des Waschbeckens oben. Und dein Bruder hat wieder angerufen und wollte wissen, ob wir nach Danielles Bat Mizwa in Greenwich bleiben. Und Ruth meint, jemand von der Firma sollte am Zwölften zum Abendessen der Rechtsanwältinnen gehen, und ich habe zugesagt.«
Howard blätterte die Zeitung um und schaukelte Jacob auf den Knien. Jacob schloß die Augen und ließ den Kopf auf und ab hüpfen. Howard schaukelte ihn schneller, und Jacob begann, heftig vor und zurück zu schwanken. Auf seinem Gesicht machte sich ein starrer Ausdruck breit, der weder von Vergnügen noch von Angst zeugte.
»Vorsicht«, sagte Mirella.
Howard hörte mit dem Schaukeln auf.
»Okay?« Mirella stand auf und legte ihm die Hand in den Nacken, der warm und etwas stopplig war. »Tut mir leid, daß heute alles an dir hängenbleibt. Ich hatte vergessen, daß ich um neun im Gericht sein muß.« Sie blickte zu Boden, sah eine Postkarte unter ihrer Ferse und bückte sich, um sie aufzuheben. Es war eine Postkarte aus Cornwall von Tina, dem Kindermädchen vor Grete; darauf abgebildet waren zwei rotbackige Kinder in roten Wollpullovern, die einander auf einer mit Gras bewachsenen Klippe jagten. Wieder legte sie die Hand auf seinen Nacken.
»An mir bleibt so gut wie jeden Tag alles hängen.«
»Ich weiß, tut mir leid.«
»Auch ich hab’ viel zu tun, verstehst du.«
Mirella drückte seinen Nacken. »Ich werde versuchen, früh nach Hause zu kommen.«
Sie hielt einen Augenblick inne, rechnete nicht wirklich mit einer Reaktion, meinte jedoch, auf eine warten zu sollen. An diesem Morgen hatte sie zehn Minuten damit verbracht, eine von Pearls Unterhosen im Badezimmerwaschbecken zu waschen und mit dem Fön zu trocknen, weil Pearl keine saubere Unterwäsche mehr hatte; sie war vor sechs Uhr aufgestanden, damit Howard joggen konnte, während sie das Frühstück machte; sie hatte den Hund von einer Zecke befreit, während sie Jacob The Runaway Bunny vorlas. Als Howard weiter in die Zeitung blickte, drückte sie noch einmal seinen Nacken und küßte ihn leicht auf den Hinterkopf. »Okay?«
Aber gerade als sie sich abwenden wollte, langte er hinter sich, ergriff ihre Hand und küßte sie hart auf die Handfläche. »Okay«, sagte er, über ihre Hand gebeugt, und fuhr mit den Lippen über ihre Finger. Sie lehnte sich an seinen Rücken, atmete den Geruch von Lifebuoy-Seife ein und legte die Wange auf seinen Kopf.
»Es wird nicht ewig so weitergehen«, sagte sie und entzog sich ihm sacht.

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