aus: Perfekte Verhältnisse
»Sie klang fröhlich, aber ernst«,
sagte Mirella am Morgen zu Howard und drückte ein Papiertuch in einen
Milchfleck auf Pearls Set.
»Fröhlich«, sagte Howard, über die Zeitung gebeugt.
Mirella lehnte sich zurück und trocknete sich die Finger an ihrer Serviette. »Ihre
Stimme hatte etwas Anheimelndes.« Sie blickte auf ihre Armbanduhr, dann auf die
alte Standuhr aus Walnußholz neben dem Kamin, die wie üblich nachging. Es war
einer dieser für Neuengland typischen, schweflig-gelben Frühlingsmorgen, für
den mildes Wetter vorhergesagt war, der Mirella aber eher klamm vorkam, und als
sie von der Uhr zum Fenster sah, fröstelte sie.
»Irgendwie tröstlich«, sagte sie.
Die Cook-Goldmans waren seit drei Wochen auf der Suche nach einem Kindermädchen,
nach einem Ersatz für Grete mit dem breiten Kinn, ihr zweites Au-Pair-Mädchen
in zwei Jahren, das nach Uppsala zurückgeflogen war, weil es seinen Freund Karl
vermißte. In letzter Zeit waren viele Briefe gekommen, himmelblaue
Luftpostbriefe, mit Blockschrift geschrieben. Dann folgte ein mitternächtlicher
Anruf, der mit einem Tränenschwall endete. »Karl braucht mich«, hatte Grete
gesagt, und ihre Stimme hatte gebebt vor Genugtuung.
Diesmal versuchten sie es mit einer neuen Kindermädchenagentur, Family Options
Ltd. Sie war auf Mädchen aus dem Mittleren Westen spezialisiert, die den
Lehrerinnenberuf anstrebten. »Wollen Sie nicht das Beste für Ihre Familie?«
stand in der lachsfarbenen Broschüre von Fa-mily Options. »Unsere Kindermädchen
sind engagierte, gut ausgebildete und sensible Individuen, die streng unter die
Lupe genommen und psychologisch getestet werden. Wir garantieren landesweite Überprüfung
der Fingerabdrücke durch das FBI, eine gründliche Ausleuchtung des familiären
Hintergrunds, Drogentests und ein Zertifikat in Wiederbelebungstechnik.«
Bislang war Mirella von den Bewerberinnen von Family Options nicht gerade
beeindruckt gewesen. Die Agentur brauchte zwei Wochen, um eine erste Kandidatin
zu einem Vorstellungsgespräch zu schicken – alle Agenturen beteuerten, daß
es eine lange Liste von Familien gebe, die verzweifelt ein Kindermädchen
suchten –, und als Mirella die rundliche Brünette aus New Jersey fragte,
warum sie gern mit Kindern zu tun habe, brach die junge Frau in Tränen aus und
gestand, unter einer Eßstörung zu leiden. Die zweite Bewerberin, eine dünne,
erschöpft wirkende ehemalige Kindergärtnerin mit einem schwarzen Strohhut,
stolperte über die Türschwelle, als sie eintrat, und fragte dann Mirella,
wieviel sie für ihr Haus bezahlt hätten.
»Mißtraue den Fröhlichen.« Howard überflog die erste Seite der Zeitung, während
er die Schließen von Jacobs Latzhose zuschnappen ließ. Regen, las Mirella und
verrenkte sich den Hals, um einen Blick auf die Zeitung zu werfen, heute und
morgen. Der Wert des japanischen Yens war in den Keller gesunken. Der
Sonderermittler weitete die Ermittlungen gegen den Präsidenten aus. Vor einer
Grundschule in Spokane hatte eine Schießerei stattgefunden. Jacob fuchtelte mit
den Armen herum, sein indianischer Kopfschmuck rutschte über ein Auge. »Blad-a-bab«,
sagte er. Dann stöhnte er und sackte auf Howards Schoß zusammen.
Mirella fand den Deckel für das Marmeladenglas und schraubte ihn auf. »Sie hat
für eine Familie in Brookline gearbeitet und irgendein Sonntagsschulprogramm in
einer Kirche organisiert.«
»Setz dich gerade hin«, sagte Howard zu Jacob.
Mirella trank einen Schluck Milchkaffee und beobachtete, wie Jacobs Augenlider
flatterten. Blink, blink, Pause. Blink, blink. Eine weiße Milchkruste überzog
sein Kinn;
in einem Nasenloch steckte ein bernsteinfarbener Popel. Natürlich war sie mißtrauisch.
Es war erst ein Jahr her, daß das Kindermädchen aus Boston Tag für Tag in den
Nachrichten zu sehen gewesen war, ihr Gesicht so ausdruckslos wie ein Brötchen,
dazu die vielen Bilder des armen kleinen Jungen. Vor einem halben Jahr war eine
Mutter aus Pearls Kindergarten nach Hause gekommen und hatte ihr Kindermädchen
betrunken im Fernsehzimmer vorgefunden, das einjährige Baby schlief auf der
Wickelkommode. Die Leute installierten jetzt Videoüberwachungsanlagen. Mißtrauen
war gar kein Ausdruck.
Mirella stützte den Kopf auf die Hände und überlegte zum hundertsten Mal, was
passieren würde, wenn sie kein Kindermädchen für Pearl und Jacob anheuern würde,
sondern statt dessen aufhörte zu arbeiten und zu Hause blieb. Könnte Spaß
machen, dachte sie. Burgen aus Bauklötzen, Geburtstagskuchen aus Plastilin,
Nachmittage im Park. Augenblicklich breitete sich eine Sahara von Tagen auf dem
Tisch aus, begrub Burgen und Geburtstagskuchen unter sich und wurde zu Treibsand
aus schmutzigem Geschirr; Stunden war sie mit dem Wäschekorb beschäftigt, und
die Vorbereitungen für die Ausflüge in den Park dauerten so lange, daß
niemand mehr gehen wollte, wenn endlich alle fertig wären. Wieder zurück nach
Hause – die Erleichterung und der Widerwille, während sie sich durch die
Haustür kämpfte, beladen wie ein Kamel mit Kind, Tüten, Hundeleine und Buggy.
Wieder zu Hause, immer wieder. Der eingesperrte Geruch des Hauses wurde zu ihrem
eigenen Geruch: kalter Kaffee, eine im Abfalleimer liegengebliebene Windel, der
penetrante Gestank des Fischs vom Vorabend, der an der Bratpfanne in der Spüle
haftete.
Sie schielte auf den Lack des Tisches, der mit kleinen Kratzern getüpfelt war,
wo immer die Kinder mit ihren Gabeln und Löffeln darauf herumgeschlagen hatten,
dann blickte sie erneut auf ihre Uhr und kalkulierte, daß sie eine Stunde Zeit
hätte, um in die Stadt zu fahren, nachdem
sie Pearl im Kindergarten abgeliefert hätte. Fünf Minuten brauchte sie vom
Parkplatz zum Gericht. Nach der Anhörung hatte sie zwei Besprechungen, dann mußte
sie eine eidliche Zeugenaussage für den nächsten Tag aufsetzen, gegen Haymans
Unterlassungsurteil mußte Berufung eingelegt werden, um drei Uhr nachmittags
sollte eine Telefonkonferenz stattfinden.
Gott sei Dank, dachte sie.
Jacob hatte einen Finger in die Butter gesteckt und fuhr jetzt mit diesem Finger
auf dem Tisch herum; sie langte hinüber und wischte seine Hand mit ihrer
Serviette ab, dann putzte sie ihm die Nase. »Mmff«, sagte er, verzog das
Gesicht und drehte es zur Seite.
Das Gesetz war im Gegensatz zu ihrer Familie auf wunderbare Weise zu
vereinfachen. Das Gesetz war schlicht ein System von Regeln, mit denen die
Menschen sich selbst verwalteten. Daß diese Regeln bisweilen komplex waren,
mitunter obskur und – weil sie in Sprache verfaßt waren – ewig offen für
Auslegung, erklärte weitgehend ihre Bandbreite und zur Gänze ihren Reiz. Was
Mirella jedoch rührend fand, was sie in erster Linie veranlaßt hatte,
Rechtsanwältin zu werden, war das unabweisbare menschliche Bedürfnis hinter
aller Gesetzgebung, der Wunsch nach Orientierung und Präzedenzfällen, der
geradewegs in die Gefilde der menschlichen Natur führte und womöglich, wie sie
bisweilen vermutete, die größte aller menschlichen Leidenschaften war.
Nicht daß sie sehr oft Gelegenheit hatte, über den eigentlichen Sinn der
Gesetze nachzudenken. Ihre Mandanten, die meisten davon Frauen, fürchteten sich
vor den Gesetzen, die sie als Strafe empfanden; sie wurden nervös und verlegen,
rutschten auf den gepolsterten roten Konferenzstühlen hin und her, fummelten an
ihren Ohrringen herum, wann immer sie versuchte, die philosophischen Aspekte des
juristischen Systems zu diskutieren. Und wer wollte es ihnen verübeln? Die
Leute, die sie engagierten, hatten entweder Angst oder waren verwirrt, es waren
Leute, die andere Leute enttäuscht hatten, häufig ohne recht zu wissen, wie
– verlassene Ehefrauen, mißhandelte Freundinnen, gefeuerte Angestellte. Sie
wollten unzweideutige Wiedergutmachung: Geld, Durchsetzung von Ansprüchen.
Manchmal wollten sie Rache, manchmal Schutz. Vor allem aber wollten sie, daß
Mirella ihnen so schnell wie möglich verschaffte, wonach immer sie trachteten.
Wieder steckte Jacob den Finger in die Butter. Sie langte zur Butterschale und
schob sie langsam über den Tisch.
Howard las noch immer über Jacobs Kopf hinweg in der Zeitung. »Wie heißt sie?«
Mirella rutschte auf ihrem Stuhl herum. »Sandy. Wir haben zehn Uhr ausgemacht.
Offenbar bastelt sie gern. Und die Frau von der Agentur sagt, daß sie gern
kocht –«
»Wahrscheinlich hat sie keine Beine.«
Blinzelnd ließ Mirella den Rest ihres Satzes in dem komplizierten italienischen
Muster ihrer Kaffeetasse verschwinden.
»Ich hab’s nicht so gemeint – daß sie keine Beine hat«, sagte er.
Mit dieser Bemerkung versuchte er nur, wie ihr einen Augenblick zu spät
auffiel, ihre Vereinbarung – das Vorstellungsgespräch – zu kontrollieren.
Obwohl Howard so tat, als glaube er nicht daran, daß man mit dem Schicksal
feilschen könne, tat er es die ganze Zeit. Sie wußte sehr wohl, und deswegen
verzieh sie ihm bereits, daß jemand, der sich Sorgen machte, mit dem Schicksal
feilschte, wenn er sich – zumindest für eine Weile – keine Sorgen mehr
machen wollte.
»Basteln«, sagte Howard nachdenklich.
Mirella stellte ihre Tasse ab und sah zu dem großen Kamin im Eßzimmer hinüber,
der vollgestopft war mit Stofftieren und zwei Badehandtüchern. »Meinst du, daß
du ein bißchen aufräumen könntest, bevor sie kommt? Nur unten. Ich will
nicht, daß sie uns für einen Haufen Höhlenbewohner hält.«
»Auch Höhlenbewohner hatten eine Kultur.« Howard fummelte an der letzten
Schließe von Jacobs Latzhose herum. »Diese Dinger sind doch unmöglich!«
»Und vergiß nicht, daß Jacob heute nachmittag einen Termin bei Dr. Michaels
hat.«
»Um vier.«
»Außerdem kommt der Installateur gegen zwei wegen des Waschbeckens oben. Und
dein Bruder hat wieder angerufen und wollte wissen, ob wir nach Danielles Bat
Mizwa in Greenwich bleiben. Und Ruth meint, jemand von der Firma sollte am Zwölften
zum Abendessen der Rechtsanwältinnen gehen, und ich habe zugesagt.«
Howard blätterte die Zeitung um und schaukelte Jacob auf den Knien. Jacob schloß
die Augen und ließ den Kopf auf und ab hüpfen. Howard schaukelte ihn
schneller, und Jacob begann, heftig vor und zurück zu schwanken. Auf seinem
Gesicht machte sich ein starrer Ausdruck breit, der weder von Vergnügen noch
von Angst zeugte.
»Vorsicht«, sagte Mirella.
Howard hörte mit dem Schaukeln auf.
»Okay?« Mirella stand auf und legte ihm die Hand in den Nacken, der warm und
etwas stopplig war. »Tut mir leid, daß heute alles an dir hängenbleibt. Ich
hatte vergessen, daß ich um neun im Gericht sein muß.« Sie blickte zu Boden,
sah eine Postkarte unter ihrer Ferse und bückte sich, um sie aufzuheben. Es war
eine Postkarte aus Cornwall von Tina, dem Kindermädchen vor Grete; darauf
abgebildet waren zwei rotbackige Kinder in roten Wollpullovern, die einander auf
einer mit Gras bewachsenen Klippe jagten. Wieder legte sie die Hand auf seinen
Nacken.
»An mir bleibt so gut wie jeden Tag alles hängen.«
»Ich weiß, tut mir leid.«
»Auch ich hab’ viel zu tun, verstehst du.«
Mirella drückte seinen Nacken. »Ich werde versuchen, früh nach Hause zu
kommen.«
Sie hielt einen Augenblick inne, rechnete nicht wirklich mit einer Reaktion,
meinte jedoch, auf eine warten zu sollen. An diesem Morgen hatte sie zehn
Minuten damit verbracht, eine von Pearls Unterhosen im Badezimmerwaschbecken zu
waschen und mit dem Fön zu trocknen, weil Pearl keine saubere Unterwäsche mehr
hatte; sie war vor sechs Uhr aufgestanden, damit Howard joggen konnte, während
sie das Frühstück machte; sie hatte den Hund von einer Zecke befreit, während
sie Jacob The Runaway Bunny vorlas. Als Howard weiter in die Zeitung blickte, drückte
sie noch einmal seinen Nacken und küßte ihn leicht auf den Hinterkopf. »Okay?«
Aber gerade als sie sich abwenden wollte, langte er hinter sich, ergriff ihre
Hand und küßte sie hart auf die Handfläche. »Okay«, sagte er, über ihre
Hand gebeugt, und fuhr mit den Lippen über ihre Finger. Sie lehnte sich an
seinen Rücken, atmete den Geruch von Lifebuoy-Seife ein und legte die Wange auf
seinen Kopf.
»Es wird nicht ewig so weitergehen«, sagte sie und entzog sich ihm sacht.
Rezension I Buchbestellung IV03 LYRIKwelt © Zsolnay