Jedes Tier kann es von Ruth Berlau, 1989, Persona

Ruth Berlau

Jedes Tier kann es
(Leseprobe aus: Jedes Tier kann es, Erzählungen, 1940/1989, Personaverlag - Übertragung Regine Elsässer).

"Ihr habt von den Männern erzählt, die euch geheiratet haben, und ich kann von den Männern erzählen, die mich nicht geheiratet haben. Ich habe genug gehabt. Wenn man das überhaupt ‘haben&lrquo; nennen kann, aber man sagt ja auch ‘einen Schnupfen haben’. Man kann ein paar Mal im Jahr einen Schnupfen haben, es ist jedes Mal ein anderer, und doch ist er immer gleich. Deshalb muß ich lachen, wenn ich euch “mein” sagen höre. Denn sie sind doch alle gleich, so wie null und null auch gleich sind. Sicher, sie haben unterschiedliche Schnurrbärte, Berufe und Laster, aber das, worin sie alle gleich sind, ist: Sie funktionieren nicht. So hat die eine vielleicht einen vortrefflichen Mann, der nicht funktioniert, und eine andere einen miserablen Mann, aber wozu lange darüber reden? Es gibt keinen Unterschied. Sie laufen mit so hoch erhobenen Köpfen durch die Welt, daß sie einen Schuhlöffel brauchen, um den Hut aufzusetzen, aber sie funktionieren nicht. Sie können die natürlichste Verrichtung der Welt nicht ausführen. Jedes Tier kann es, aber sie können es nicht mehr. Das kommt daher, daß sie Hornhaut an den Fingern haben vom Geldzählen, und sie betrügen mit der gleichen Selbstverständlichkeit, mit der sie atmen, so daß sie einfach betrügen müssen, auch wenn es sie etwas kostet. Sie haben die erstaunlichsten Dinge erfunden, Telephon, Telegraphie, sogar drahtlos, damit sie sich besser gegenseitig betrügen können. Sie unterziehen sich jahrelangen Ausbildungen, um kunstvolle Manipulationen zu lernen, wie sie sich gegenseitig das Geld aus der Tasche ziehen können. Sie fliegen über die Meere, um sich gegenseitig zu verfolgen. Wie sollten sie es da fertigbringen, ihre Frauen nicht zu betrügen, zumindest nicht um ihr Lebensglück? Ja, sie beherrschen alle möglichen Apparate, aber eine Frau umarmen, das können sie nicht mehr."

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