Ulrich Bergmann

Ansprache an die Wörter
Für Franca Ricinski

Ihr,

keine Bräute, sondern Nutten und Engel, die ich mit Haut und Haar
bezahle, mit meinem aufs Ganze gegangenen Leben.
Mit den Fingern klopfe ich euch ab, Zeichen für Zeichen,
bis ich euch spüre und lebendig mache – so zeuge ich mich,
nähe mein Kleid, das mich wärmt, und spanne mein Dach
überm Kopf so dicht, dass kein Hagelkorn durch die Silben schießt.
Kein Regen fällt zwischen den Zeilen, keine Sonne bleicht die Vokale,
kein Blitz verkohlt die Konsonanten meiner Fangnetze.

Ich bin eure Heimat – nicht ihr. Aber wenn ich hinausgehe
ins Dickicht der Sprache, wohne ich auch da. Ich bin immer bei mir.
Auch wenn ich bei euch bin, bin ich nicht außer mir. Die Welt ist da,
wo ich mit mir spreche.

Aber ach, am Ende gehe ich von euch. Ihr lasst mich ja dann auch
im Stich. Auf meiner letzten Reise gehe ich ohne Beine, ohne Bilder,
ohne euch. Keine Semantik mehr, über die ich stolpere. Tief sinke ich
hinab bis Nirgendwo. Da verschluckt die Schwärze sich selbst.

Leer seid ihr, so fern von mir und über Tage, blicklos, hörlos,
ungeahnt. Ich weiß genau: an meinem Grab singt ihr kein
Amen.

(2008/2011)

Rezension I Buchbestellung I home IV12 LYRIKwelt © U.B.