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Einzelgespräche
(Leseprobe aus: Einzelgespräche, 1996, Carl Hanser Verlag,
S.7-11 - Übertragung Verena Reichel. Die Originalausgabe erschien 1996 unter dem
Titel ENSKILDA SAMTAL bei Norstedts in Stockholm).
Es ist der letzte Sonntag im Juli 1925, ein sonnenheißer Nachmittag. Die Turmuhr über der Kuppel der Kirche schlägt halb vier. Die Straßen sind menschenleer. Mühselig kriecht eine Straßenbahn bergauf, an der westlichen Längsseite des Kirchhofs entlang, der an einen weitläufigen Platz mit Markthalle und Theater grenzt. An der Haltestelle steigt eine Frau aus und bleibt stehen.
Anna.
Sie trägt ein beiges Straßenkostüm mit einem knöchellangen Rock in dunklerem Ton, hochhackige Stiefeletten und einen schlichten Hut, der ihr Gesicht beschattet. Die Jacke ist über einer weißen, hochgeschlossenen Bluse aufgeknöpft. Bis auf die Eheringe und kleine Brillantohrringe trägt sie keinen Schmuck. Die Handtasche aus hellem Leder drückt sie an die Brust. Die dünnen Handschuhe sind nachlässig in die Taschen der Kostümjacke gestopft.
Jetzt nimmt sie den Hut ab und hält ihn in der linken Hand. Das dunkle, dichte Haar ist in der Mitte gescheitelt und zu einem tiefsitzenden Knoten aufgesteckt, der sich zu lösen beginnt. Die Augen sind dunkelbraun unter den kräftig gezeichneten Brauen und der niedrigen, breiten Stirn. Der Mund ist groß, die Lippen sind von freundlicher Großzügigkeit.
Anna.
Seit zwölf Jahren ist sie mit Henrik verheiratet, Vikar an der Kirche mit der majestätischen Kuppel und der Turmuhr, die gerade halb vier geschlagen hat. Sie ist sechsunddreißig Jahre alt und hat drei Kinder, zwei Jungen und ein Mädchen.
Sie sieht sich um und beschließt, den Weg durch den Kirchhof zu nehmen, sich vielleicht eine Weile auf eine der grünen Bänke im duftenden Schatten der Linden zu setzen, zur Abkühlung, um Atem zu schöpfen.
Wie immer bewegt sie sich rasch und zielbewußt, den Kopf leicht vorgeneigt, sie wirft einen schnellen, prüfenden Blick zur Seite. Leer und still, keine Menschenseele.
Deshalb erschrickt sie, als jemand ihren Namen ruft, errötet heftig und sieht sich um.
Onkel Jacob.
Er sitzt auf einer Bank nahe der Kirchhofsmauer, tief im Baumschatten. Er winkt einladend mit der großen Hand: Guten Tag, guten Tag, kleine Anna, komm nur, setz dich einen Moment her, so eilig kannst du es nicht haben. Komm nur.
Onkel Jacob ist ein hochgewachsener Mann mit eisengrauen, ziemlich widerspenstigen Haaren und grauem, gepflegtem Bart und Schnurrbart. Hohe Stirn, schweres, großes Gesicht, graue Augen, markante Nase und ein breiter Mund mit weichen Mundwinkeln. Die Hände sind, wie gesagt, groß und wohlgeformt, mit hervortretenden Adern und vereinzelten Altersflecken. Die Stimme ist dunkel mit einer Spur von Dialekt, Småländisch, wenn ich mich recht erinnere. Er trägt seine geistliche Tracht. Der leichte graue Sommermantel und der breitkrempige Hut liegen auf der Bank. Jacob ist vierundsechzig Jahre alt und seit zwanzig Jahren der Gemeindepastor, also Henriks Vorgesetzter. Annas Wange wird von der großen Hand getätschelt, sie macht einen kleinen Knicks und lächelt unsicher, versucht, ihr unbezwingliches Gefühl des Ertapptseins in den Griff zu bekommen.
Aber sie wurde ja ertappt.
Jacob fordert sie auf, sich neben ihn zu setzen. Sie tauschen rasche Informationen aus und erkundigen sich nach dem allgemeinen Befinden der jeweiligen Familien. Jacob ist zu einer Beerdigung vom Land angereist. Außerdem muß er um sechs zur Abendandacht, er hat versprochen, beim Abendmahl zu assistieren. Am Montag fährt er zurück zu Maria, der es jetzt ausgezeichnet geht, nachdem sie von einer hartnäckigen Erkältung genesen ist; er wird ins Sommerhaus auf die Insel fahren, ihm bleiben noch einige Tage von seinem Urlaub. Was für ein Sommer, übrigens. Nur zuwenig Regen, besonders da draußen am Meer.
Und Anna?
Nun, die Kinder sind bei der Großmutter in Dalarna. Der Doktor hatte nach den Infektionen des
ersten Halbjahrs Waldluft verordnet. Aber in der zweiten Augustwoche kommen sie ins Sommerhaus in den Schären. Alle drei sind gesund und munter. Henrik ist fort zu einem Seminar.
Ja, das weiß Jacob, ein ökumenisches Seminar in der Sigtunastiftung. Henrik ist wohlauf, das Frühjahr war ja für uns alle schwer mit dieser grassierenden Krankheit. Seine Schlaflosigkeit hat sich gebessert, er fühlt sich doch so wohl am Meer. Anna hat ihrerseits zwar Sehnsucht nach den Kindern, aber sie will Henrik nicht allein lassen, er braucht ihre Nähe. Und was machst du in Stockholm, Anna? fragt Jacob plötzlich, und sie errötet, lächelt aber dabei. Ich war beim Friseur. Es ist also eine heimliche Ausschweifung, Onkel Jacob. Und gestern abend war ich zum Essen bei den Hasselroths, lieben Menschen, Freunden von mir. Ich kann Henrik nie überreden, mich zu begleiten, ich weiß eigentlich nicht, warum. Aber vermutlich liegt es daran, daß es ganz persönliche Freunde von mir sind. Und morgen fahre ich nach Dalarna und bin ein paar Tage bei Mama und den Kindern. Henrik bleibt eine Woche allein, aber die alte Alma ist da und versorgt ihn, es wird ganz gut gehen. Weißt du, Onkel Jacob, ich will ein bißchen bei Ma sein, sie ist nach Ernsts Tod so allein - und ich...
Anna dreht den Kopf weg und fährt sich mit der Hand über die Augen, irgendwie ungeduldig: Ich kann mich nicht damit abfinden, daß mein Bruder so plötzlich und schrecklich gestorben ist, es ist fast ein Jahr her, aber trotzdem. Und Mama hat ihn geliebt. Ich glaube, sie hat sonst nie einen Menschen geliebt.
Sie verbirgt das Gesicht hinter der Hand. Jacob schweigt und hört aufmerksam zu, wendet sich ihr ganz zu und mustert sie. Sofort läßt sie die Hand sinken: Es ist so viel, es ist ein ganzes Knäuel. Verzeih mir, Onkel Jacob, ich bin keine Heulsuse. Aber es ist so schwer.
Rezension I Buchbestellung I home III11 LYRIKwelt © Mit freundlicher Genehmigung von Norstedts/Stockholm