Der Mann schläft von Sibylle Berg, 2009, HanserSibylle Berg

Damals. Im Winter. Vor vier Monaten.
(Leseprobe aus: Der Mann schläft, Roman, 2009, Hanser).

Draußen war ein Winter gewesen, der den Bildern, die wir

früher vom Winter gehabt haben, nicht einmal entfernt glich.

Saubere, tiefgekühlte Dezember mit Reif und kleinen Häusern,

in denen gepflegte Familien vor Bratäpfeln saßen, gab es

schon lange nicht mehr.

Kein Schnee verdeckte die Unattraktivität der Welt, nur

dunkelgrau war sie, klamm und verwaschen.

Während drei langer Monate würde das Licht sich kaum

verändern; dem Winter würde ein verregneter Frühling folgen,

der in einen trüben Sommer überging.

Nebel lag auf der Stadt, die noch nicht einmal eine Stadt

war, und der Mensch hielt Winterschlaf. Die es sich leisten

konnten, verließen ihre Häuser nicht, sie schlurften in Pyjamas

herum, Speisereste im Haar, leere Pizzaschachteln unter

dem Bett, und Spinnen mit neurotischen Gesichtern spannen

ihre Netze zwischen den Läufen der Personen.

Die wenigen, die man auf öffentlichem Gelände sah, waren

kaum dazu geeignet, einen mit kleinen, fröhlichen Sprüngen

das Leben feiern zu lassen.

Ich war auf der Straße gewesen, hatte in hoffnungslose Gesichter

gesehen und mich einen Moment lang gefühlt, als sei

ich wieder eine von ihnen, die doch so warteten, dass etwas

eintreten werde, durch das sie sich endlich wieder lebendig

fühlten.

Ich hatte mich an jenem Morgen so stark an das Gefühl er-

innert, bei aberwitzigem Wetter alleine zu sein, dass mir übel

geworden war, für Sekunden, in denen ich aus der Wirklichkeit

gefallen war. Ich hatte eine Zeitung kaufen wollen, und als

ich, die Augen vor dem Elend halbverschlossen, das einzige im

Winter geöffnete Café passierte, vermeinte ich darin Gespens -

ter aus der Vergangenheit wahrzunehmen.

Eine füllige Frau mit Armprothese saß neben einem Mann,

an den ich mich nur erinnerte, weil er so übertrieben unschein

bar wirkte wie eine Karikatur.

Als ich auf dem Rückweg vom Kiosk erneut an dem Café

vorbeikam, waren beide verschwunden.

Da man sich, wie ich an diesem kleinen Schattenspiel meiner

Erinnerung merkte, der Realität nie allzu sicher sein

durfte, betrat ich wenig später unser Haus mit Sorge.

Man konnte nicht oft genug überprüfen, ob all das, was

einen froh machte, noch an seinem Platz war.

Mir war schwindelig geworden vor Erleichterung, denn der

Mann war da.

Er lag und schlief und sah wunderbar dabei aus, doch,

anders als bei den meisten seiner Spezies, die nur im Schlaf

entspannt und reizend wirken, kannte sein Ausdruck keine

Veränderungen; auch nach dem Erwachen würde er wie benommen

bleiben und seinen schweren Körper bewegen, als

wäre er in einem anderen Element zu Hause als in der Luft.

Vielleicht nähme sich der Mann unter Wasser gewandt aus;

doch ich hatte ihn noch nie tauchen sehen, denn er war zu

träge für die meisten Aktivitäten, mit denen Menschen, die

keiner körperlichen Arbeit nachgehen, ihr Leben verstreichen

lassen.

Da alles an seinem Platz war und es nicht aussah, als wäre

das, was ich für mein Leben hielt, nur Phantasie, konnte ich

weiter meinem Tagesplan folgen.

Fast alle Menschen lieben geregelte Abläufe, da muss man

sich nichts vormachen. Routine macht, dass wir nicht ins All

abgetrieben werden, ohne Verbindung zur Raumstation. Nach

der Zeitung, dem Gebäck folgte der Kaffee. Ich beobachtete,

wie im Nachbarhaus, in das ich durch die Palmen hindurch

sehen konnte, Menschen an Küchentische schlurften, verschwommen

von der Nacht, das Licht kaum vorhanden, sodass

es sich durchaus auch um großgewachsene Insek ten handeln

konnte, die von der Stadt Besitz ergriffen hatten.

Jeden Morgen stand ich vor der Tür und freute mich, dass

ich die Nacht überlebt hatte, dass alle Häuser sich noch am

Ort befanden und der Mann im Bett lag. Vielleicht war ich

der einzige Mensch, der daran ein Vergnügen hatte, denn der

Mann entsprach kaum dem, was man gemeinhin als Kleinod

bezeichnete.

Er war nicht auffallend schön oder reich, kein guter Redner

oder charmant auf eine Art, die ihm Bewunderung einbrachte.

Außer dass er mir das Gefühl gab, ich sei liebenswert,

tat er sich in keinem Bereich mit Glanzleistungen hervor.

Früher, alleine, hatte ich befürchtet, so zu werden wie die

meisten um mich herum: Immer fester in den Gewohnheiten,

schneidend die Stimme, mit der ich reden würde, wenn nur

einer fragen wollte, und ich wüsste es doch besser.

Vielen in den mittleren Jahren war jede Niedlichkeit abhandengekommen,

und eine meiner großen Sorgen war es

gewesen, gleichfalls zu einer unerfreulichen Person zu werden,

mit schlechtem Geruch und gelber Ausstrahlung.

Es war so leicht, sich in einen verkommenen Zustand zu

begeben, man brauchte nur einen Schritt, ein Loslassen, und

schon saß man keifend vor dem Kaufhaus mit einer Flasche

Brennspiritus in der Hand.

Ich blickte, auf der Schwelle stehend, in den Raum, ins Bett,

auf die hundertzehn Kilo darin, die keine Geräusche machten.

Manchmal hielt ich dem Mann die Nase zu, denn ich

wollte sehen, ob er noch lebte. Normalerweise: ja.

Ich nannte ihn nur »der Mann«, damit er nicht verschwinden

würde, da sich doch meist alles, dem man einen Namen

gibt, entfernt.

Er war die Antwort auf alle Fragen, die ich mir, bevor wir

uns trafen, nicht gestellt hatte. Sie waren unklar immer da gewesen,

wie ein Hunger, und ich hatte sie Sehnsucht genannt,

und Heimweh.

Dass alles, was das Leben an Großartigem für mich bereithalten

würde, nur ein Mensch war, hätte mich beschämen

können, doch es war mir völlig unwichtig, vor mir selber

glänzend dazustehen.

Zum Glück! Denn sonst hätte ich den Tisch mit silbernen

Kerzenleuchtern decken müssen, zu klassischer Musik, ich

würde gut riechende Plunderteigstücke aus dem Umluftofen

nehmen, sie mit selbsteingekochter biologischer Konfitüre

bestreichen, und die Kinder rufen: Rainald, Beatrice, poschalista.

Die Kinder würden multilingual aufwachsen und ausschließlich

Sprachen beherrschen, die ich nicht verstand.

Mein Mann käme zu Tisch, und er trüge einen Kaschmirschal

um den Hals, unter dem er offene und sehr rare Geschwüre

versteckt hielte.

Ich war froh, dass ich nicht dem Zwang unterlag, einem Bild

entsprechen zu müssen, das ich mir von mir gemacht hatte.

An jenen Tag, der die Persiflage eines Winters war, erinnere

ich mich, weil ich damals so glücklich war, dass ich fast traurig

wurde, denn ich wusste, dass einem alles genommen wird,

was Glück erzeugt.

Der Mann öffnete die Augen und war sofort anwesend. Da

gab es kein langsames Zusichkommen – wo bin ich, was tue

ich hier –, er wachte auf, sein Blick suchte mich, dann entspannte

er sich, weil ich war da, und alles gut damit. Er rollte

sich aus auf den Rücken wie ein Walfisch, der von weinenden

amerikanischen Frauen ins Meer zurückbefördert wird. Alles

an ihm war groß und rund, die Augen, die Füße, der Körper,

er wirkte wie ein Spielzeug für Kinder, das man in die Badewanne

legt und das über Nacht das Zehnfache seiner eigentlichen

Größe erreicht.

Ich hatte keine Ahnung, was er dachte, was er vom Leben

wollte, es interessierte mich nicht, ihm Fragen zu stellen, denn

zum einen hatte ich schon alles gehört, was Menschen mir

von ihren Plänen, Ideen, Projekten, Gefühlen, Verletzungen,

Ängsten und Fähigkeiten zu berichten wussten, zum anderen

würde er nur die Schultern zucken und antworten: »Keine

Ahnung. Vielleicht sind wir morgen tot.«

Ich hatte ihn gerne, auf eine bedingungslose Art, und vielleicht

empfand er dasselbe für mich, ich würde es durch Fragen

nicht herausfinden. Ich misstraute den Worten. Und erfreute

mich umso mehr daran, dass der Mann erschrak, wenn

ich stolperte, dass er sofort aus seiner Lethargie erwachte,

wenn mich scheinbar etwas bedrohte, und dass er mich trug,

wenn ich müde war. Ich war alt genug zu wissen, dass es

Glück ist, einen zu treffen, den man so gern hat, dass er einen

nie stört.

Ich hatte zu viele befremdliche, kurze Liebesgeschichten

hinter mir, und ich wusste, dass es sehr selten war, dass sich

zwei mit der gleichen Müdigkeit und dem Wunsch, nicht

allein zu sterben, erkannten.

Sicher konnte man es Resignation nennen, nicht mehr auf

ein Wunder zu warten, doch für mich hatte Hoffen immer

Ohnmacht bedeutet.

Draußen ging ein kleiner Regen; in eiskalten Fäden verschleierte

er den Blick auf das Nachbarhaus, aus dem die Insekten

verschwunden waren, die Lichter gelöscht, der Rauch

verstummt. Ich ging nochmals zu Bett, einfach weil ich es

konnte und weil da dieser Mann war, der mein Zubettgehen

nicht allzu verzweifelt erscheinen ließ. Wir sollten verreisen,

dachte ich, als ich auf den Bauch des Mannes kletterte, der

wie ein Mittelgebirge war, um mich daraufzulegen. Verreisen.

Und das war ganz sicher der dümmste Gedanke, den ich in

meinem ganzen Leben gehabt habe. Damals im Winter, an

diesem Morgen, der immer noch besser war als alles, was folgen

sollte.

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