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Hier, wo
wir uns begegnen
(Leseprobe aus: Hier,wo
wir uns begegnen, Prosa, 2006, Hanser - Übertragung Hans Jürgen
Balmes)
In Lissabon stand mitten auf einem Platz eine
lusitanische, das heißt
portugiesische Zypresse, deren Zweige man so gerichtet hatte, daß sie
nicht in den Himmel ragten, sondern horizontal nach außen strebten
und nun einen niedrigen, riesigen, undurchdringlichen Schirm von
zwanzig Metern Durchmesser bildeten. Unter ihm fänden leicht
hundert Menschen ein Dach. Die Zweige wurden von einem Kreis
Metallstützen gehalten, die den mächtig gewundenen Stamm
umstanden; der Baum müßte mindestens zweihundert Jahre alt sein.
Neben ihm fand sich eine Hinweistafel, auf der für die Spaziergänger
ein Gedicht zu lesen war.Ich blieb kurz stehen und versuchte einige
Zeilen zu entziffern:...Ich bin der Stiel zu Eurem Rechen, Die Tür zu
Eurem Haus, Das Holz zu Eurer Wiege Und das Brett zu Eurem
Sarg.Hier und dort pickten Hühner im struppigen Gras nach
Würmern. An ein paar Tischen spielten Männer sueca, jeder wählte
und legte seine Karten mit zugleich weiser und resignierter Miene.
Gewinnen war ein stilles Vergnügen.Es war heiß – vielleicht 28º C –
und gegen Ende Mai. In ein oder zwei Wochen würde Afrika, das
einer Redensart nach auf dem gegenüberliegenden Ufer des Tejo
begann, uns seine ferne und doch greifbare Nähe spüren lassen. Auf
einer der Parkbänke saß unter einem Schirm sehr still eine alte Frau.
Es umgab sie jene Art Stille, die aufmerken ließ. So wie sie auf der
Bank saß, wollte sie, daß man ihre Gegenwart bemerkte. Mit einem
Koffer in der Hand überquerte ein Mann den Platz und machte dazu
ein Gesicht, als eile er zu einem Rendezvous, das er Tag für Tag
einhalte. Danach trug eine Frau einen Hund auf dem Arm – beide
sahen traurig drein – und ging zur Avenida da Liberdade hinüber. Die
alte Frau auf der Bank hielt in ihrer demonstrativen Stille inne. An
wen richtete sich diese Stille nur?Gerade wollte ich mir diese Frage
stellen, da stand sie plötzlich auf, drehte sich um und trat, den Schirm
wie -einen Spazierstock benutzend, auf mich zu. Lange bevor ich ihr
Gesicht sehen konnte, hatte ich sie am Gang erkannt. Die Schritte
von jemandem, der sich schon aufs Ankommen und Hinsetzen freut.
Es war meine Mutter.In meinen Träumen geschieht es manchmal,
daß ich in der Wohnung meiner Eltern anrufen möchte, um ihnen
mitzuteilen, daß ich mich vermutlich verspäte – ich habe einen
Anschlußzug verpaßt –, oder um sie zu bitten, es jemand anderem
auszurichten. Ich möchte sie warnen, daß ich im Moment nicht dort
bin, wo ich hingehöre. Von Traum zu Traum verschieben sich die
Leseprobe Seite 1
Hier, wo wir uns begegnen | John Berger
Details, aber im Kern will ich ihnen immer dasselbe erzählen. Immer
gleich ist auch, daß ich mein Adreßbuch nicht bei mir habe und mir,
bei allen mühevollen Versuchen, mich zu erinnern, ihre Nummer
nicht einfallen will. Das entspricht der Wahrheit, denn in meinem
Wachleben habe ich tatsächlich die Telefonnummer der Wohnung
vergessen, in der meine Eltern zwanzig Jahre lang gelebt haben –
dabei hatte ich die Zahlen auswendig gewußt. Was ich hingegen in
meinem Traum immer vergesse, ist, daß meine Eltern tot sind. Mein
Vater seit fünfundzwanzig Jahren, meine Mutter starb zehn Jahre
darauf. Sie hängte sich bei mir ein, und in stiller Übereinkunft
überquerten wir den Platz, die Straße und spazierten langsam auf das
Ende der Mãe-d’Agua-Treppe zu. Etwas, John, darfst du nicht
vergessen, und du vergißt ja so schnell. Die Toten bleiben nicht in
ihrem Grab, das mußt du wissen. Während sie sprach, schaute sie
mich nicht an. Als ob sie zu stolpern fürchtete, tastete sie den Boden
ein paar Meter vor uns konzentriert mit den Augen ab. Und ich
spreche nicht vom Himmel, das ist gut und schön, sondern ich werde
dir etwas anderes erzählen! Sie hielt inne und kaute, als ob in einem
ihrer Worte etwas Knorpel steckte und sie es vor dem
Hinunterschlucken noch einmal durchkauen müßte. Dann fuhr sie
fort: Nach ihrem Sterben dürfen die Toten wählen, wo sie auf der
Erde leben wollen – immer vorausgesetzt, daß sie hier unten bleiben
wollen. Du meinst, sie kehren dorthin zurück, wo sie während ihres
Lebens glücklich gewesen sind? Wir hatten nun die obersten Stufen
der Treppe erreicht, und sie griff mit der Rechten nach dem
Geländer. Du glaubst, du kennst bereits die Antwort. Das hast du
immer gedacht. Du hättest mal besser auf deinen Vater
gehört. Heute weiß ich, auf was er alles eine Antwort hatte. Wir
stiegen drei Stufen hinab. Dein lieber Vater steckte voller Zweifel,
deshalb mußte ich auch ständig hinter ihm hersein. Um ihm den
Rücken zu schrubben? Unter anderem, ja. Wieder vier Stufen. Sie ließ
das Geländer los. Wonach entscheiden die Toten, wo sie bleiben
wollen? Sie antwortete nicht. Statt dessen raffte sie ihren Rock und
setzte sich auf die nächste Stufe. Ich habe mich für Lissabon
entschieden! sagte sie, als ob sie etwas nur allzu Augenscheinliches
wiederhole. Bist du denn jemals – ich zögerte, denn ich wollte den
Unterschied nicht allzu plump betonen – vorher schon einmal hier
gewesen? Wieder überging sie meine Frage. Wenn du etwas erfahren
willst, das ich dir verschwiegen habe, sagte sie, oder du etwas wissen
möchtest, das du vergessen hast – jetzt hast du die Gelegenheit
dazu. Du hast mir nie viel erzählt, bemerkte ich. Erzählen, erzählen!
Das kann jeder. Erzählen! Ich habe etwas getan. Demonstrativ
schaute sie in Richtung Afrika auf das ferne Ufer des Tejo. Nein, ich
war vorher noch nie hier gewesen. Ich habe etwas anderes getan: ich
habe dir etwas gezeigt. Ist Vater denn auch hier? Sie schüttelte den
Kopf. Und wo ist er? Ich weiß es nicht und frage ihn auch nicht
danach. Ich stelle mir vor, er sei in Rom. Wegen des Heiligen
Stuhls? Ihre Augen funkelten triumphierend über einen eigenen
Scherz. Zum ersten Mal schaute sie mich direkt an. Nicht doch!
Wegen der Tischtücher! Ich legte meinen Arm um sie. Zärtlich nahm
sie meine Hand von ihrem Arm, hielt sie fest in ihrer und legte unsere
beiden Hände auf die Steinstufe. Bist du immer in Lissabon? Erinnerst
du dich nicht an meine Warnung, daß es so sein würde? Ich habe dir
doch gesagt, daß alles genau so kommt. Nach Tagen, Monaten,
Jahrhunderten, jenseits der Zeit. Wieder spähte sie hinüber nach
Afrika. Dann spielt die Zeit keine Rolle, wohl aber der Ort? fragte ich,
um sie ein wenig aufzuziehen. Als ich zum Mann wurde, hatte es mir
Spaß gemacht, sie ein wenig zu necken, denn es hatte uns beide an
etwas anderes erinnert.
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