Das Streichelinstitut von Clemens Berger, 2010, WallsteinClemens Berger

Das Streichelinstitut
(Leseprobe aus: Das Streichelinstitut, Roman, 2010, Wallstein-Verlag).

Meine Zielgruppe war die desillusionierte Mittelschicht,

das traurige, kulturell deklassierte Bürgertum, das ich

Lumpenbourgeoisie nannte. Ich hätte keinen besseren

Ort für mein Institut finden können als die Mondscheingasse

in Wien-Neubau – nicht nur ihres Namens wegen.

Neubau, das war der Spielplatz der alternativen Bürgerkinder,

welche die Grünen zur stärksten Partei im

Bezirk

gemacht hatten, eine Oase der Toleranz und Aufgeklärtheit.

Es war haarsträubend, an solch einem Ort

beschäftigt zu sein. Ich gab es bald auf, mit meinem Auto

einen Parkplatz finden zu wollen, nach zwei, drei Wochen

stundenlangen Fahrens im Kreis kapitulierte ich vor

der radfahrerfreundlichen Politik und zwängte mich in

überfüllte U-Bahnen, Tramways und Busse, wenn ich mir

nicht zähneknirschend ein Gratis-Eingangrad mit ungepolstertem

Sattel auslieh. Abgesehen von den ohnehin

spärlichen Parkplätzen gab es so viele Behindertenparkplätze,

dass ich kaum glauben mochte, es gebe so viele

Behinderte in einem einzigen Bezirk. Ich fragte mich und

Anna, die solche Scherze nicht sonderlich lustig fand, ob

ich nicht auch einen Behindertenparkplatz beantragen

sollte – wegen meiner Behinderung, mich nicht ins soziale

Gefüge einpassen zu können. Mich tröstete die Vorstellung,

dass es die guten Menschen in Magistrat und Bezirksrat

nicht übers Herz brächten, den Antrag eines

Menschen mit speziellen Bedürfnissen abzulehnen.

Die Mondscheingasse zweigt von der Neubaugasse ab,

und diese Straße der Spezialisten, die ich Straße der

Scharlatane

nannte, konnte man nicht ohne Nasezuhalten

entlanggehen.

Überall roch es nach Räucherstäbchen, vor

den Geschäften hingen bunte indische Kleider. Wenn der

Wind auch nur leicht wehte, bimmelten Glockenspiele;

das Wasser, das in Auslagen über heilende Steine plätscherte,

meinte man noch hundert Meter weiter zu hören.

Hier gab es Sinnangebote und Lebensgefühle, Rebellion,

Anderssein und Ganzheitsstimmung in Hülle und Fülle.

Die Hüllen konnte man ebenerdig erstehen, für die Kopffüllungen

musste man Stiegenhäuser und Aufzüge bemühen.

Allein die Schilder neben den Hauseingängen!

Von Yoga und seinen siebenhundertdreiundzwanzig

Unterarten

über Trommelkurse, Urschreitherapie, Kineseologie,

Karten- und Tarotlegen, von Wahrsagern über

Wünschelrutengeher, vom Rebirthing zum Schamanen

war alles zu finden, was Halt unter unhaltbaren Zuständen

geben sollte. Wie praktisch war dagegen meine bürgerliche

Josefstadt,

die ebenfalls kurz vorm Ergrünen war.

Was konnte nützlicher sein als ein Institut zur Bekämpfung

der Rechenschwäche auf der Lerchenfelder Straße?

In den Tagen, als ich mich mit meiner Institutsidee herumschlug,

ging ich anders durch die Neubaugasse, die

Gasse mit dem großen roten Herzen, das auf ein über ihren

Eingang gespanntes Banner gedruckt war, beschwingter,

belustigter, ja, geschäftstüchtig. Während Anna Seminare

über Marx, Foucault oder Agamben hielt und von

Studenten bewundert wurde, die ihr aus Tugendhaftigkeit

nicht auf den Hintern zu sehen wagten, freute ich mich

über die junge Frau, die mit einem seligen Lächeln und

durchaus stäbchengeräuchert aus einem Geschäft trat. Ich

freute mich über die, die mit großen Augen vor einer Auslage

stand und im Kopf den Inhalt ihrer gestrickten Geldbörse

überschlug. Ich freute mich über die, die die Weisheit

des Ostens in sich aufsaugen wollten, über die, deren

verächtlichstes Wort Schulmedizin lautete, über die, die

Unbekannte zuerst nach Sternzeichen und Aszendenten

befragten. Ich fand seltsamen Gefallen an denen, die frohlockten,

die Mutter dessen, in den sie sich verliebt hätten,

sei auch eine Indianerin. Zwar wusste ich nicht, was eine

Indianerin in diesen Systemen bedeutete, doch ich beschloss,

dazuzulernen, Augen und Ohren offenzuhalten,

mich dem Übersinnlichen und Feinstofflichen aufzuschließen

und nur noch in Lokale zu gehen, in denen man

auf dem Boden sitzen konnte, um zu demonstrieren, was

man von der steifen westlichen Lebensart hielt. Einmal

blieb ich vor der Auslage der größten Buchhandlung stehen,

in der über bunten Büchern ein Spiegel in Form einer

riesigen goldenen Sonne hing. Ich trat so nah an die Auslage,

dass mein Gesicht die Mitte der Sonne darstellte.

Mein Gesicht strahlte, meine Kraftquelle schien Feuerzungen

auszusenden, mein inneres Licht war entzündet.

Ich freute mich über mein Zielpublikum. Allerdings würde

ich ihm keine spirituellen Zugeständnisse machen. In

Neubau musste man beinahe überlegen, ob man sonntags

nicht doch einen Gottesdienst besuchen sollte.

Aber auch die Kultur suchte ihr Zuhause in dem einstmals

verlotterten Bezirk. Alle paar Wochen eröffnete eine

neue Galerie mit sehr ausgeweitetem Kunstbegriff, Maler,

Grafikerinnen, Musiker, Architektinnen, Konzeptkünstler,

Tänzerinnen, Schauspieler und Dichterinnen –

alle zog es in den von der Mariahilfer und Lerchenfelder

Straße umgrenzten Wienplanausschnitt. Sie tranken viel,

sie kifften gern, sie koksten brav, sie versuchten, so promisk

wie nur möglich zu leben, um ihren Eltern oder

Lehrern oder denen, die etwas aus ihren Leben machen

wollten, eine Nase zu drehen. Ich fragte mich oft, wie

ihre Welten aussahen, wenn sie nach Hause kamen, allein

oder mit jemandem, den sie am nächsten Tag schon nicht

mehr sehen konnten. Ich fragte mich, wohin all die lokale

Prominenz strömte, wenn sie morgens mit dröhnendem

Kopf erwachte und ihrem Traum von internationalem

Ruhm noch immer so fern war. Wer würde da nicht gern

gestreichelt werden?

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