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Die Wettesser
(Leseprobe aus:
Die Wettesser, Roman, Seite
7-12, 2007, Skarabæus)
1
Der Vierte Juli Zweitausend war ein schöner Tag
in New York.
Vor nicht allzulanger Zeit war sich Kazutoyo Arai nicht sicher gewesen, ob er an
diesem Tag am Gehsteig vor Nathans berühmtem Fastfoodlokal stehen würde, ob an
diesem Tag überhaupt irgendetwas noch stehen würde, wie es vorher angeblich
unverrückbar gestanden war. Mit einer ihm bislang unbekannten Mischung aus
Angst und Erregung hatte er die Minuten, dann die Sekunden gezählt, bis für
einen klitzekleinen Augenblick, als die Uhr in seinem Appartement über der
Stadt 23:59:59 zeigte, alles Unmögliche möglich schien. Die Uhr sprang auf
0:00:00, das Datum zeigte den 1.1.2000, alle Lichter blieben an, Osaka war nicht
explodiert, kein elektronisches Gerät implodiert, der Bildschirmschoner seines
Computers stumm unbewegter Zeuge. Das erwartete Unerwartete hatte sich nicht
ereignet.
Kazutoyo Arai blickte ein letztes Mal auf die Uhr. Noch einmal hörte er die
aufgeregten Stimmen der Zuseher, die Sonne schien ihm auf den Kopf, er hoffte
auf ganz bestimmte Blicke der Zuseherinnen, drehte sich kurz nach seinen
Konkurrenten um und verschwand in sich. Er wurde ruhig, ringsum war nichts, nur
er, in diesem Moment vor der großen Aufgabe, die er unzählige Male vor sich
hatte ablaufen lassen. Von fern hörte er die Anweisung, auf die Plätze zu
gehen. Er schlenderte nach vorn, den Blick auf den schmalen Pfad durch die
Menschenmenge gerichtet, die Arme in die Hüften gestemmt, manchmal spürte er
die Berührung einer fremden Hand, ein Zupfen, ein Betasten, ehe er sich vor den
langen Tisch am Gehsteig stellte. Um Punkt zwölf Uhr mittags krachte der Schuß.
Arai packte den ersten Hot Dog, biß ab, schluckte, er biß wieder ab,
schluckte, er biß und schluckte, den zweiten, den dritten, den vierten, bis er
nichts mehr wahrnahm, nur noch sich, in der Zeit, da in Coney Island, die
Kameras auf sich gerichtet, unzählige neugierige Augen, Pfiffe, Schreie, Hupen,
die ihm allesamt gleichgültig sein mußten. Er blickte weder nach links noch
nach rechts. Wie viele Hot Dogs Ed Krachie vor sich hatte, interessierte ihn
nicht, ebensowenig wie viele vor der kleinen Sonya Thomas lagen. Er verschlang
Hot Dog um Hot Dog und hatte längst aufs Mitzählen vergessen; nur die
Gewißheit, daß es gut lief, mechanisch, exakt, erwartungsgemäß. Er war ganz
Atmung, ungemein leicht, seine Bewegungen gleichförmig und koordiniert wie die
Wasserschlucke zwischendurch. Als der Gong ertönte, schloß Arai den Mund,
legte den angebissenen Hot Dog mit zitternden Händen vor sich auf den Tisch,
schluckte ein letztes Mal und hob seinen Blick.
Die Sonne blendete ihn, er hielt sich die flache Hand über die Augen. Alle
Blicke waren auf ihn gerichtet. Offene Münder, begeistertes Klatschen, ein
Rummel sondergleichen. "Nudelbub", hörte er,
"Stäbchenfresser". Im Hintergrund wurden verschämt und triumphierend
kleine japanische Fahnen gewedelt; schlaff und trotzdem die amerikanischen in
den vorderen Reihen. Arai riß die Arme in die Höhe und sah den fetten Ed
Krachie mit hängendem Kopf in der Menschenmenge verschwinden. Reporter
stürmten Arai entgegen, es blitzte und blitzte, von hinten hüllte man ihn in
eine weiße Fahne, der große rote Punkt am Rücken. Er spürte seinen Magen
nicht; jetzt erst bemerkte Arai, daß er seinen Magen nicht spürte.
Er hüpfte im Kreis, er brüllte seine Freude aus sich, er ballte die Faust in
die Kameras. Da erst drang zu ihm, er habe das Unglaubliche vollbracht,
unglaublich, hörte er in vielerlei Variationen, Shea kam ihm mit dem Yellow
Mustard Belt entgegen, Wahnsinn, hörte er, das hat die Welt noch nicht gesehen
- fünfundzwanzig Hot Dogs und ein Achtel in zwölf Minuten vor Nathans
legendärem Lokal. Kazutoyo Arai war der Beste aller Zeiten.
2
Dieser verdammte Nudelfresser, dieses
gottverdammte Schlitzaug. Dieser Luftikus, dieser Roboter, dieser Computer. Es
war immer und immer wieder dasselbe Bild, das Ed Krachie vor sich sah. Er hatte
stark begonnen, vornübergebeugt mit Riesenbissen die ersten Hot Dogs
verschlungen, es lief besser als erhofft, er hatte anständig trainiert, aber
dann der vernichtende Blick nach rechts. Der enorm dezimierte Stapel umhüllter
Frankfurter vor dem Japaner war erschreckend. Beschämend und vernichtend. Seit
diesem Tag nannten ihn die Zeitungen den "Hasen". Das war
verniedlichend. Arai war kein Hase, auch wenn er noch so flink nagte. Er war
eine Maschine. Ed hatte wieder und wieder die Videoaufzeichung studiert - ein
Monster in Menschengestalt. Dieser verdammte Sushisamurai.
"Reg dich nicht auf."
Mary faßte Ed am Handgelenk. Sie saßen in seinem Hotelzimmer, hoch über der
fremden Stadt, in die Ed sich geflüchtet hatte, und sahen einander lange an. Am
Vortag, spätnachts, hatte Ed angerufen. Sie solle kommen, es gehe ihm gar nicht
gut. Er trinke und trinke, sein Leben ein Trümmerhaufen, auf dem kleine Japaner
herumhüpfen. Er hatte geweint, seine Stimme hatte schwach und verängstigt
geklungen. Wenn er ihr irgendetwas bedeute, solle sie ins Auto steigen.
"Warum schimpfst du nur so?" Mary schüttelte den Kopf. "Du bist
ja nicht Charles Hardy."
Natürlich war Ed nicht Charles. Natürlich sprach er so nur mit sich; und vor
ihr, damit sie wußte, wie es um ihn stand. Natürlich würde er in keinem
Interview "Schlitzaug" sagen oder Arai für Pearl Harbor
verantwortlich machen. Aber die Niederlage schmerzte, tat weh. Sie schmerzte
vielleicht mehr, als es geschmerzt hatte, als Mary ihn damals von einem Tag auf
den nächsten verlassen hatte. Nur war das seine Sache gewesen, und ihre. Diese
Schmach hingegen hatten alle gesehen. Die gekommen waren, um den Großen Ed,
"das Tier", wie er genannt wurde, den Titel zurückerobern zu sehen.
Die ihn triumphieren gesehen hatten, fünfundneunzig, sechsundneunzig, ehe er im
Jahr darauf einem schmächtigen japanischen Büblein unterlegen war. Die seine
Kampfansage gehört hatten. Die auf ihn gesetzt hatten. Die ihm aufmunternde
Briefe und Mails geschickt hatten. Immerhin waren Millionen vor ihren Fernsehern
gesessen, lasen Millionen die Zeitungen. Nur lasen sie vom "Hasen".
Von einem Fliegengewicht, das jede stärkere Böe kilometerweit verwehen würde.
"Ein Meter und siebzig Zentimeter." Ed lehnte sich zurück, sah aus
dem Fenster, an Mary vorbei. "Neunundvierzig Kilogramm." Er ließ die
Zunge schnalzen. "Kannst du mir das erklären?"
Natürlich konnte Mary das nicht erklären. Sie beschwichtigte ihn, sagte, daß
sie ihn trotzdem liebe, trotzdem!, daß es anscheinend nicht unbedingt auf die
Masse ankomme, Arai habe eine andere Technik. Ed lachte. Was blieb ihm schon
anderes übrig. Dabei lachten alle über ihn, den einstigen Sieger, den schier
Unbezwingbaren, den Helden der Neunziger, dessen Name einmal gleichbedeutend mit
Wettessen gewesen war. Im Netz, in den Diskussionsforen, in den Kommentaren zu
Berichten über diesen rabenschwarzen Unabhängigkeitstag hatte er alles
Mögliche gelesen. Japaner hätten ein Gen mehr. Arai habe einen zweiten Magen
eingepflanzt bekommen. Der Hase spreche mit seinem Magen. Er sei Anhänger einer
Weltuntergangssekte. Der neue Weltmeister habe unter Drogen gestanden, sei von
seinem Guru hypnotisiert worden.
"Das ist alles Schwachsinn."
"Weißt du was, Ed? Jetzt gehn wir fein essen und nachher ins Kino. Du
besiegst ihn nächstes Mal."
Nächstes Mal. Ed erhob sich schnaufend aus seinem Sessel. Er war wieder über
der Zweihundertkilomarke. Vielleicht hatte ihn Mary gerade deswegen verlassen.
"Kannst du dich erinnern, wie wir meine Titelverteidigung feierten?"
"Laß das."
"Ich war glücklich damals. Mit mir, mit dir."
"Denk ans Nachher, an den Highwayrand."
Ed schlüpfte in seine Schuhe, zog einen Pullover über und öffnete die Tür.
"Willst du mich demütigen?"
"Ed."
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