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Paul Beers Beweis
(Leseprobe aus: Paul Beers Beweis, Roman, 2005, S.
15-18, Skarabaeus)
»Aber
Herr Schwarz«, sagte die rundliche Kursleiterin, die nicht gut aus dem
Mund roch, und dämpfte ihre Stimme, »das ist nicht alles umsonst, und gratis
schon gar nicht. Außerdem gar nicht so schwer. Millionen Menschen arbeiten mit
diesem Gerät. Und die besitzen bitteschön nicht Ihre Intelligenz.«
Allein das alles war
so neu. Und heute, auf seine wenn nicht alten, so doch fortgeschrittenen Tage
umgeschult zu werden kostete Kraft. Freilich wußte hier niemand von ihm, kannte
niemand das Foto, und wenn, brächte es niemand mit ihm in Verbindung. Was wohl
an seiner selbstgewählten Unscheinbarkeit lag. Sich klein machen, verstecken,
unauffällig sein, danke sagen, wo man am liebsten zugeschlagen hätte – das
war sein neues Leben. Einen Computer bedienen! Arbeiten, sagte sie immer, wir
arbeiten damit. Nein, bedienen, er mußte ihn bedienen, derweil die andern
beim Manfred mit einem Bier vor der großen Leinwand saßen und das Spiel
verfolgten, das doch seines war. Weltmeisterschaft, und er in einem
Umschulungskurs, zu dem er, war man ehrlich, gezwungen wurde! Während er sich
wie ein Hornochse abplagte, das kleine ABC des doch sehr einsamen Dialogfensteröffnens
und schließens und allerlei andere unverzichtbare Wichtigkeiten zu lernen,
wurde am Rasen auch sein kleines Glück verhandelt. Bloß wie sollte man das
denen erklären, die nur das Beste für einen wollten?
»Aufgehängt!«
Schon wieder. Franz
Schwarz vergrub den Kopf in den Händen. Was machte er hier. Was hatte er hier
verloren. Wer saß an seiner Stelle an diesem Ort, der ihm Kopfschmerzen
verursachte. »Nichts! Nichts geht mehr!« Die Kursleiterin eilte herbei, langte
etwas verdrossen über seine Schulter – wie diese Maus ihr gehorchte! – und
drückte zweidreimal eine Taste. Schon lief das Ungetüm wieder. »Sie haben
versehentlich das Fenster geschlossen«, sagte sie etwas lauter als gewöhnlich,
und er dachte, ja, er würde auch sein Fenster schließen, wenn sie von der Straße
reinsähe, und zwar sofort und unversehentlich. »Das ist dann da unten, sehen
Sie? Sie klicken an, und schwupps ist es wieder da. Alles keine Hexerei, Herr
Schwarz!« Schon rief die nächste nach ihr.
Wenn das keine Hexerei
war. Zwanzig Menschen vor Bildschirmen in einem Raum, den man auch Sauna hätte
nennen können, verbissen hackten sie auf Tastaturen herum, jeder wollte alles
lernen und alles verstehen und keinesfalls von der Kursleiterin vernachlässigt
werden. Dabei gab es nichts zu verstehen. Der neben ihm fluchte alle
Augenblicke, »Blechtrottel, depperter.« Aber das war weder Blech noch Trottel.
Nur unverständlich. Schwarz fühlte sich beklommen. Wie in der Volksschule kam
er sich vor, in der er vier Jahre lang mehr oder minder verschreckt mit allen
möglichen Kindern in einer Klasse gesessen war – mit Bauernkindern, neben
denen niemand sitzen wollte, weil sie nach Stall stanken; mit Arbeiterkindern,
wie er eines war, die nur auf das letzte Läuten warteten, um in den tausendmal
spannenderen Nachmittag zu entkommen; mit ungarischen Kindern, die ein so
seltsames Deutsch wie seine Eltern sprachen, die sich mit ihm aber nie und
untereinander nur im Vertrauen ungarisch unterhielten; mit den Kindern
besserer Leute, die später ins Gymnasium wechselten und nach dem Studium wieder
zurückkamen, um die wichtigen Posten zu besetzen; und mit dem um einiges älteren
Zigeunerbuben, den die Lehrerin jeden zweiten Tag an der Tafel vorführte,
Rechnen, Schreiben, Landeskunde, immer wieder wurde er aufgerufen, »du Esel«,
brüllte sie, während das Klassenzimmer vor Lachen dröhnte und sie ihm ein
Kopfstück verpaßte, »bist sogar für die Sonderschul zu belämmert«, bevor
er mit gesenktem Haupt und zusammengekniffenen Augen in seine Bank in der ersten
Reihe trottete, wo er alleine saß.
Und wie hätte Schwarz
dieses Zimmer, wie hätte ihn diese wenig versteckte Konkurrenz, die mehr oder
minder gut überspielte Unsicherheit, wie hätten ihn diese Tische und Stühle
nicht an die Schule erinnern sollen, wo er sich, so anders als heute, noch
keinerlei Gedanken über seine Zukunft hatte machen müssen, die kommen und ihm
angemessen sein würde. »Herr Schwarz«, hatte man ihm am Arbeitsamt gesagt,
das seit kurzem Arbeitsmarktservice hieß, »ob Sie’s glauben wollen oder
nicht, als Setzer bekommen Sie keine Stelle. Diesen Beruf gibt’s nicht mehr.
Erstens kommen Sie in die Jahre, und zweitens läuft ohne Computer gar nichts.«
Und dann immer wieder dasselbe: »Früher war man bis zur Pension Postler. Ist
das eine Herausforderung? Das ist anders heute. Man muß sein Leben lang lernen
und sich weiterbilden. Sonst tritt man ja auf der Stelle, Herr Schwarz.«
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