Der gehängte Mönch von Clemens Berger, 2003

Clemens Berger

Zuckerberg und Sicklau
(Leseprobe aus: Der gehängte Mönch, Erzählungen, 2003, S. 5-8, edition lex liszt 12)

Ich komme nicht vom Zuckerhut. Ich komme vom Zuckerberg. Und dieser Zuckerberg liegt im flachen Südburgenland, im Zieleinsgebiet europäischer Entwicklungshilfe, in Oberwart, deren Ortstafeln den Archiven des Terrors als zu spät trauerbeflorte bekannt sind. Im übrigen heißt er auch noch Schuldenberg, der Zuckerberg, wie mir gesagt wurde.
Zuckerberg war mir Zuckerberger mein Schulden oder Zuckerberg einzig als Winterkind. Und auch nur, wenn, wie es hieß, nicht gestreut war. Mit der Rodel die steile Straße hinunter; Anlauf genommen, noch im Aufsitzen weit nach hinten gelehnt, einen Schrei auf den Lippen, so ging es los; nur wurde es bald zu rasant, vor lauter Angst wollten sich die Moonboots in die Straße krallen, der Schnee spritzte unbarmherzig ins Gesicht; ich sah nichts mehr, die Augen brannten, es wurde unheimlich schnell, bis irgendwann die Rodel sich wie von selbst seitlich umlegte und mich in harte Schranken wies. Naß lag ich am Fuße einer Zuckerbergstraße. Alles, was ich wollte, war wieder hinauf und wieder hinunter.
Ganz oben am Zuckerberg spielten wir Fußball in einem leicht abfallenden Garten gegen den Willen eines Großvaters. Solange der Zuckerberg kein Zuckerberg war, flogen die Bälle anstatt in selbstgezimmerte Tore gern über eine den Garten einzäunende Mauer. Jene rasten die Molkereistraße immer schneller hinunter, als die sie über die Mauer befördert je vermocht hätten. Manchmal mußten Autos ziemlich abrupt bremsen. Dann läutete bisweilen ein Telefon in meine Zuckerbergkindheit, daß der Ball; und die Straße; und sehr gefährlich; auch der Bahnübergang unten; was da alles; man denke; und überhaupt.
Am Zuckerberg wartete der Schulbus, und am Zuckerberg konnte man geschlagen werden. Am Weg zum Gymnasiumoberschützenbus konnte man in dunkler Früh die Hand über eine Zigarette wölben, und am Weg in den Nachmittag machte man große Bögen um die ganz bösen Buben. Wenn man den Zuckerberg mit vor der Brust verschränkten Armen hinunterradeln konnte, hatte man es endlich geschafft: Man war kein Kind mehr.
Wenn ich mich heute am Zuckerberg aufhalte, gehe ich die Mozartgasse entlang, bis sich die Schönberggasse querlegt, gehe die Schönberggasse hinauf und bleibe am höchsten Punkt stehen. Dann zünde ich mir eine Zigarette an oder auch nicht; immer aber lasse ich meinen Blick über die Sicklau, das Moor, wandern. Im Moor liegen noch immer die Geschichten meiner Zuckerbergkindheit. Und diese Geschichten meiner Zuckerbergkindheit waren herausragend vorerzählt von einer zweifelsfrei wunderbaren Engländerin namens Enyd Blyton, deren Unterschrift ich, kurz nachdem ich lesen gelernt hatte, bereits fälschen konnte. Denn dort, irgendwo im fernen Großbritannien, wo sich die Erwachsenen noch viel wunderlicher benahmen als in der Wart, lauerten nebelige, sehr düstere Moore, aus denen seltsame Stimmen erklangen. Es gab Morsezeichen, und Schmuggler, auch Morde, und allen voran einen Hinterhalt nach dem andern für meine Heldinnen und Helden, die sich mit Taschenlampen verständigten und aufgeregt flüsterten.
Vielleicht wurde man so selbst ein Held. Manchmal soll ich mit Nachbarskindern durch die Gegend gelaufen sein und erstaunten Erwachsenenfragen geantwortet haben, wir spielten Fünf Freunde. Öfter soll ich alleine, Merkwürdiges murmelnd, Seltsames getan und geantwortet haben: Ich spiele Fünf Freunde. Nur das waren Vorbereitungen zur unausweichlichen Konfrontation mit der Sicklau. Dieses Moor mußte ein Geheimnis verbergen, das es nur sehr widerwillig preisgeben würde. Soviel stand fest: Den Schlammabbauarbeiten vom Tag mußten andere schlammige Arbeiten in der Nacht entsprechen. In dieser Sicklau trugen sich unentwegt gleich ungeheuerliche wie unerhörte Dinge zu. Man mußte nur wachsam und hartnäckig genug sein. Erschütterndes war zu entdecken. Bevor es aber so weit war, lag der allfällige Glorienschein in hoffnungsloser Ferne. Man war dreivier Bösen in die Falle gegangen. Die schnappte zu wie bei den armen Waldfüchsen, deren Läufe nicht mehr heilen, und aus ihr schaute man ziemlich ratlos in die Gegend. Es waren dies Moorböse, die nichts mehr zu verlieren hatten, alles aber zu gewinnen: die einen entweder töteten, entführten oder gefesselt wie geknebelt an einem unzugänglichen Ort zurückließen. Allein eine, allein einer würde kurz vor Urteilsvollstreckung kommen und mich befreien; oder ich würde jemanden retten; und gemeinsam würden wir die Bösen in einem unglaublichen Kraftakt, einem gefinkelten Schachzug sondergleichen überwältigen - und dem Guten zum Sieg verhelfen. Die List kam aus einer anderen Zuckerbergkindheitsgeschichte. Da war einer, ungebrochen und doch gezeichnet, weit von zuhause auf offenem Meer, dessen Freunde in Schweine verwandelt wurden und der einen einäugigen Riesen blendete. Er nannte sich Niemand, als der wütende Polyphem nach seinem Namen fragte, und nur so konnte er dessen teuflischer Rache entgehen. Die Hoffnung im augenscheinlich Hoffnungslosen speiste sich aus einer dritten Zuckerbergkindheitsgeschichte. Der kleine David, allem Anschein nach sommerbesproßt, wenn auch nichts davon geschrieben stand, hatte sich eine Steinschleuder gebastelt (wohl auch einen Bogen, den er nicht immer mit sich trug) und den anderen Riesen besiegt, den fürchterlichen Goliath in seinem Bronzepanzer, als sei dies das Natürlichste von der Welt. Es dauerte eine Zeitlang, die immer noch andauern mag, bis ich herausfand, daß sich die wirklich Bösen mitnichten in dunklen Mooren herumtreiben und sich nur selten in Höhlen verstecken; sondern die öffentlichsten und beschütztesten Personen sind, und sich die Guten nennen, die, wenn schon nicht das Gute, zumindest das Notwendige vorgeben zu tun.
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