Die Eselin Bileams und Kohelets Hund von Elazar Benyoetz, 2007, Hanser

Elazar Benyoëtz

Die Eselin Bileams und Kohelets Hund
(Leseprobe aus: Die Eselin Bileams und Kohelets Hund, 2007, Hanser)

Das Buch, das ich mir versprochen habe, werde ich nicht mehr
schreiben, es war zu heilig versprochen. Ein anderes wird zu meinem
siebzigsten Geburtstag erscheinen.
In einem Jahr müßte es geschrieben sein, wo ich für jedes Jahr schon
zwei brauche.
Auch Sorgen haben ihren Kummer.
In die Enge getrieben, allerdings auch geschlagen, fand die Eselin
Bileams die Worte zur Not. Sie konnte nicht weiter, doch war’s ein
Engel, der ihr im Wege stand. Sie hatte einen Blick für ihn und er
machte sie reden.
Von ihr sollte ich lernen, von ihr soll nun die Rede sein – und von
Kohelets Hund. Immerhin feiert er nach wie vor seine Triumphe über
den toten Löwen: „Denn besser dran ist ein lebender Hund als ein
toter Löwe“. Auch ein hündisches Leben ist noch ein Triumph.
Die Hunde streichen durch die Psalmen mehr als durch die Sprüche.
Je näher am Tempel, desto lauter werden auch sie.
In den Büchern Richter und Könige hört man das Bellen der
höfischen Meute; mit der Königin Isabel trieben sie ein blutiges
Endspiel. Hunde reizten eben auch die Phantasie des Propheten.
Kohelet macht seine täglichen Gedankengänge durch den Wald, in
Begleitung seines Hundes Vanitas. Gern würde ich es mir so
vorstellen, ich kann es aber nicht sehen. Tauchen bei ihm Löwe und
Hund an einer zentralen Stelle auch auf, sind es doch nur
kümmerliche Erinnerungen an die Herkunft seiner literarischen
Gattung aus der Tierfabel.
Wohl kommen Tierfabeln auch in den Sprüchen nicht häufig vor, die
Tiere ließen sich aus ihnen aber nicht wegdenken. Sie gehören zum
Atmen des Geistes. Die Sprüche sind geistige Naturprodukte, an
denen man schnuppern kann. Sie stehen ebenso tief in der
Landschaft, wie hoch im Kurs.
Und macht Kohelet auch noch Sprüche, er denkt doch aphoristisch,
radikal; er hat die Welt im Blick, nicht Wald und Wiese; seine
Sprache ist eine von den Tieren verlassene.
Jerusalem ist noch in der Luft, aber auch schon in den Wolken.
Es gibt übrigens keinen Aphoristiker, und wäre er noch so tierscheu,
in dessen Büchern kein Tier genannt würde. Die Schlange und die
Gans waren lange obligat.
Kommt man auf den Hund, ist es das Letzte; öffnet eine Eselin aber
ihren Mund, weil sie einen Engel sieht, dann ist sie ein geweihtes
Instrument der Vorsehung.
Ihre Begabung zum Subtilen wird durch ihr eigenes Gerüst bestätigt:
die feinsten Flöten der Antike wurden aus Eselsknochen hergestellt.
Die Weisen Israels wußten davon ein Lied zu singen, Plutarch aber
auch. Sucht ein Saul seine Eselinnen, findet er ein Königreich; öffnet
eine Eselin den Mund, sind Prophet und Engel in der Gegend
Spricht man mit sich, ist man gut beraten
Auf das Ende zu erschließt sich mir mein Ausgangspunkt
Ich ging mit meinem Vater aus der Welt
und kehrte als mein Vater zurück
Arbeit macht frei –
Durch dieses Tor geht mein Blick in die Welt
Ich will mit meinem Tod gesprochen haben
und setze mich zum neuen Jahr
wie an den alten Tisch
Daß sie Deutsch geschrieben sind,
macht meine Bücher schon zu jüdischer Mystik
Meine große Liebe war die hebräische Sprache, meine Geliebte ist
die deutsche geworden; die Liebe erwies sich als teilbar.
Das an mir immer jung Bleibende ist mein Deutsch, mein Hebräisch
weicht mühsam dem Alter.
Die deutsche Sprache paßte sich mir an, doch habe ich nicht das
Gefühl, ich hätte sie judaisiert: sie ist dieselbe geblieben, die
Mendelssohn, Kraus, Lasker-Schüler und Kafka geliebt haben – aus
keinem anderen Grund als aus ihrem eigenen, jüdischen.
Mir ist, als würde die eine Hälfte meiner Person für die andere Hälfte
schreiben, ein Leben lang, das halbe Leben, das Halbe der einen
Hälfte, die Hälfte eines Halben, halbhälft, hälfthalb.

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