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Kolibri
(Leseprobe aus: Kolibri,
Roman, 2005, Haymon).
Vor zwei Monaten und drei Tagen, als
er das Labor im Zuge des Vorstellungsgespräches zum ersten Mal betreten hatte,
war er beeindruckt gewesen. Drei riesige Kühlkammern, die Ausgüsse
chromblitzend, die Gefahrenhinweise und Sicherheitsratschläge nicht mit Tixo an
die Schränke geklebt, sondern gerahmt und hinter Glas an der Wand aufgehängt.
Ja, damals war Karl Michael Baumgartner von all dem noch angetan gewesen. Berger
hatte ihn herumgeführt, hatte ihn auf die Zentrifugen aufmerksam gemacht, den
Vakuum-Trockner, den Exsiccator, die Chemikalienschränke mit der zartgrünen
Lackierung. Kein Vergleich mit dem Unilabor, hatte Karl sich gedacht. Keine
Terrakottafliesen mit Blumenerde in den Ritzen, keine Pipetten, die irgendwo
herumlagen und nicht gesäubert worden waren, keine Mikrowellenherde, in denen
Bakterien abgetötet und eine Minute später Getränke aufgewärmt wurden. Vor
zwei Monaten und drei Tagen hatte Karl Michael Baumgartner sich noch glücklich
geschätzt, diese Stelle antreten zu dürfen.
Jetzt war er nicht mehr glücklich. Jetzt stand er vor dem verdammten Abzug und
hämmerte mit dem Handballen zum wiederholten Male auf den großen roten Knopf.
Nichts. Der Abzug funktionierte nicht. Karl fluchte, knöpfte seinen makellos
weißen Laborkittel auf und trat gegen den Chemikalienschrank. Klar, das
Unilabor war dreckig gewesen und nicht immer hatte dort alles funktioniert, aber
zumindest die grundlegendsten Sicherheitsvorkehrungen waren in Ordnung gewesen.
Er hockte sich auf einen kleinen, leise brummenden Kühlschrank, betrachtete die
Rosenblätter in seiner Hand und legte sie schließlich auf die Arbeitsfläche
aus Edelstahl neben sich. Er blickte sich um. Außer ihm befand sich niemand im
Labor. Die meisten Leute waren auf Urlaub, manche hatten Zeitausgleich. Die neue
Lieferung Rosenblätter würde erst morgen Vormittag eintreffen, und bis dahin
gab es nicht allzu viel zu tun.
Er stand auf und warf einen Blick auf das Poster, das die Forschungsstation La
Perla zeigte, ein schmales, geducktes Holzgebäude, das an drei Seiten von
Regenwald umgeben war. Auf Hochglanzpapier gebannt und an die Wand geklebt,
wirkte diese bunte, üppige Pracht exotisch und einladend. In Wirklichkeit sah
das Ganze ein wenig anders aus. Karl erinnerte sich noch gut an die
sintflutartigen Regenfälle, die jeden Tag niedergegangen waren, die Milben, die
sich in die Haut bohrten und einen beinahe unerträglichen Juckreiz
verursachten, den schlammigen Boden, der jedes Vorankommen zur Qual machte. Und
er erinnerte sich auch an die öden Stunden im schlecht ausgestatteten Labor, in
dem er öde Routineuntersuchungen durchgeführt hatte. Dennoch, verglichen mit
seinem jetzigen Job, erschienen weitere sechs Monate in der Forschungsstation
beinahe verführerisch.
Er seufzte, ging zurück zum Abzug und hämmerte ein weiteres Mal auf den Knopf.
Nada. Er fragte sich, ob er die Dampfdestillation dennoch durchführen oder sich
bei Berger beschweren sollte, als Bernhard Schrempf die Tür des Labors mit viel
Schwung öffnete, sich Karl mit kleinen, trippelnden Schritten näherte und ihm
eine Hand voll Zentrifugenröhrchen in die Hand drückte.
Schrempf war klein, knapp einssiebzig in seinen auf Hochglanz polierten
schwarzen Schuhen, die er immer trug. Obwohl noch keine Vierzig, hatte er schon
eine Glatze. Nur ein paar letzte, hartnäckige Haare klammerten sich über den
Ohren und am Hinterkopf verzweifelt fest. Seine Augen waren blassblau und wässrig,
die Unterarme, die ein wenig aus den Ärmeln seines weißen Laborkittels ragten,
dünn, blass und behaart. Karl ekelte sich ein bisschen vor Bernhard Schrempf
und er mochte ihn nicht. Wurde in der Kantine über ihn gesprochen, was häufig
vorkam, war von ihm nur als Bernhardiener die Rede, da er als äußerst loyal
Berger gegenüber galt. Karl hatte auch gehört, dass er ein kleines Genie im
Bereich Gentechnik sei. Auf seine Nachfrage, was ein Gentechnikgenie in einem
Unternehmen mache, das sich auf die Herstellung von Naturkosmetika spezialisiert
habe, hatte er keine eindeutige Antwort bekommen. Berger werde schon wissen, was
er tue, hieß es. Karl glaubte das sofort.
Er nahm die Röhrchen, warf einen kurzen Blick darauf und deutete auf den Abzug.
„Er funktioniert nicht.“
Schrempf lächelte sein unschuldiges Lächeln und sagte: „Wer?“
„Was, nicht wer. Der Abzug. Er ist seit heute defekt.“
Schrempf drängte sich an Karl vorbei, drückte ein paar Mal auf den großen
roten Knopf und schüttelte schließlich den Kopf. „Tatsächlich“, sagte er,
„er scheint nicht zu funktionieren.“
Karl seufzte und lehnte sich gegen den Geschirrspüler. Schrempf musterte den
Abzug, Karl musterte Schrempf.
„Ich werde unverzüglich einen Techniker anrufen“, sagte Schrempf. „Spätestens
morgen müsste der Abzug wieder funktionieren.“
„Und was soll ich in der Zwischenzeit tun?“, fragte Karl und deutete mit dem
Kinn auf die Rosenblätter, die auf der Arbeitsfläche lagen. „Ohne Abzug kann
ich nicht arbeiten.“
„Vergessen Sie die Blätter für heute“, sagte Schrempf und reckte seinen
Kopf ein wenig nach vorne. „Geben Sie diese Proben in die Zentrifuge und
lassen Sie sie anschließend vom Gaschromatographen analysieren.“
Karl musterte die Röhrchen erneut. Sie trugen keine Aufschrift. „Was ist
das?“, fragte er und schnüffelte vorsichtig am Kunststoffverschluss herum.
„Das ist nichts“, sagte Schrempf.
„Nichts?“, sagte Karl erstaunt und warf einen Blick zu Schrempf. Bildete er
sich das nur ein, oder war das angebliche Gentechnikgenie ein wenig rot
geworden?
„Stellen Sie sich nicht dumm“, sagte Schrempf und richtete sich auf. „Das
ist Öl, Rosenöl, um genau zu sein.“
„Ich denke, die neue Lieferung Blätter kommt erst morgen. Woher ...?“
„Denken Sie nicht, Baumgartner, dabei ist noch nie etwas Gescheites
herausgekommen. Nehmen Sie die Proben, stecken Sie sie in die Zentrifuge und
dann in den Chromatographen. Wenn Sie fertig sind, rufen Sie mich an. Glauben
Sie, dass Sie das schaffen?“
Karl warf eines der Röhrchen in die Luft, registrierte befriedigt den
erschrockenen Ausdruck auf Schrempfs Gesicht, fing es wieder auf und nickte.
„Ich werde mir Mühe geben“, sagte er.
Schrempf schluckte und quälte sich ein Lächeln ab. „Tun Sie das“, sagte er
und verließ eiligen Schrittes das Labor.
Karl ging hinüber zur großen Beckman-Zentrifuge, legte die Röhrchen
vorsichtig auf der Arbeitsfläche ab und suchte den richtigen Rotor. Als er ihn
gefunden hatte, steckte er die Proben so in die entsprechenden Vertiefungen,
dass sich immer ein Röhrchen genau gegenüber einem anderen befand. Dann setzte
er den Rotor ein, nahm die Zentrifuge in Betrieb, tippte den Code für den Rotor
und die Umdrehungsgeschwindigkeit ein und drückte auf Start. Während die
Zentrifuge langsam auf Touren kam und ein leises Brummen von sich gab, ging Karl
zur Kühlkammer Nummer zwei und holte eine Flasche Wasser von einem der
Holzregale. Er warf noch einen letzten Blick auf die Zentrifuge und trat dann
hinaus in den Gang.
Die Sohlen seiner Turnschuhe verursachten kaum ein Geräusch, als er der roten
Markierung auf dem grauen Linoleum folgte, die ihm den Weg zum Aufzug wies. Er
knöpfte sich den Kittel ganz auf, drückte auf den Rufknopf und las, während
er wartete, die Zettel auf dem Schwarzen Brett. Sonia, eine Pflanzenphysiologin,
die erst vor vier Monaten angefangen hatte, kündigte Ende dieses Monats, was
Karl ihr nicht verübeln konnte. Rießer, ein vierschrötiger Mann, der
Vorarbeiter im Expeditbereich, gab bekannt, dass er nächstes Wochenende, falls
das Wetter mitspielte, ein Grillfest gab, irgendwo am Laaer Berg. Und Lehner,
der Firmenarzt, der an zwei Tagen die Woche seine Zeit in einem winzigen
Verschlag absaß, wollte seinen roten Citroen AX, Baujahr 93, loswerden, der
knappe Hunderttausend Kilometer auf dem Buckel hatte.
Der Aufzug kam. Karl hielt die Tür mit einer Hand offen und las den letzten
Zettel noch einmal. Lehner verlangte nicht viel für den Wagen,
tausendzweihundert Euro. Karl zögerte, dann betrat er die Kabine. Nein, ganz
entschieden und eindeutig nein, sagte er sich. Du gibst dein Geld nicht für ein
Auto aus. Ein Auto, ausgerechnet du. Seufzend drückte er auf den Knopf für das
Erdgeschoss.
Er durchquerte den Expeditbereich, ging vorbei an Förderbändern, an Kisten, an
übereinandergestapelten Kartons, die alle das Logo Nur Natur! trugen, in einem
sanften Grün gehalten, nur das Rufezeichen, das war rot. Die Wasserflasche von
einer Hand in die andere gleiten lassend, wandte er sich nach links, grüßte
ein paar Arbeiter, die Behälter für Blätter zur Seite schoben, und kam schließlich
zur Lkw-Rampe, die schon zur Hälfte in der Sonne lag. Er trat hinaus, blieb
stehen und spähte durch die dürren, braunen Bäume, die dem Parkplatz einen trügerischen
Halbschatten spendeten. Mit ein bisschen Fantasie konnte er das Haupttor des
Zentralfriedhofs ausmachen, flankiert von den beiden wuchtigen, gedrungenen Säulen,
die weiß im Sonnenlicht glänzten und eher zu einem Palast denn zu einer
letzten Ruhestätte alles Irdischen passten.
Auf der Herfahrt schon hatte Karl den leichten, aber penetranten Rosenduft
wahrgenommen. Wahrscheinlich hatte Berger die Filter nicht gewechselt. Es würde
wieder Anrainerbeschwerden geben, die Berger ignorieren würde. Einzig die
Friedhofsbesucher würden sich freuen, von der Vorstellung geblendet, die kümmerlichen
Blumen, die sie am Tor gekauft hatten, dufteten diesmal ganz besonders intensiv.
Karl war heute die lange Route gefahren, am Donaukanal entlang, die ihn durch
Spaliere üppiger Büsche und Bäume und an blühenden Wiesen vorbeiführte. Die
letzten paar Wochen hatte er diesen Weg nur selten genommen. Die Fahrt dauerte
einfach zu lange. Meist wählte er die kürzere Strecke, die Friedhofsroute, wie
er sie nannte. Zuerst vom Neunten Bezirk zum Schwarzenbergplatz, dann den
Rennweg entlang und schließlich die Simmeringer Hauptstraße stadtauswärts.
Die Wohnhäuser und Geschäfte wurden weniger, an ihre Stelle traten in
Containern untergebrachte Imbissbuden mit Namen wie Leprechaun, neben denen sich
vor sich hin rostende Autowracks und übereinandergestapelte Kisten mit
Dopplerflaschen den spärlichen Platz teilten. Anschließend reihten sich die
Gebrauchtwagenmärkte aneinander, zuerst noch die wohlklingenderen Namen, Ford,
Nissan, Porsche, dann stand auf den Schildern meist nur noch lapidar Autoland,
und schließlich, je näher es dem Zentralfriedhof zuging, begann die morbide
Meile mit Geschäften, die sich Grabsteinland nannten, mit braunen, geduckten,
langgestreckten Gebäuden, die Grabschmuck aller Art, Buketts und ähnliches
verkauften. Meist war Karl froh, sich, hatte er es endlich geschafft, bis zum
Haupttor des Zentralfriedhofs zu gelangen, sofort in die schräg gegenüberliegende
Firma flüchten zu können.
Er sprang die niedrige Betonmauer hinunter, hielt sich weiter links, ging am
Parkplatz vorbei, ließ den vertrockneten Garten hinter sich, streifte sein
eulenscheißegrünes Puch Clubman mit einem Blick, umrundete die
Produktionshalle und schraubte die Wasserflasche auf. Er steuerte auf die kleine
weiße Orchidee zu, die er in einer sonnenhellen Ecke gepflanzt und die zu
seinem Erstaunen all die Monate überlebt hatte. Nun, nicht nur überlebt, sie
war gewachsen und gedieh prächtig.
Er kniete sich nieder, goss ein wenig Wasser über die Blume und tränkte mit
dem Rest den Boden um sie herum. Dann untersuchte er sorgfältig jedes einzelne
Blatt, nahm jede Blüte in Augenschein und vergewisserte sich, dass die Erde schön
feucht war. Er war zufrieden.
„Maria, mein Schätzchen“, sagte er halblaut, „du bist die Schönste.“
Dann hörte er den Knall.
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