Gottfried Benn

Kleine Aster
(aus:
Morgue, Gedichte, 1912).

Ein ersoffener Bierfahrer wurde auf den Tisch gestemmt.
Irgendeiner hatte ihm eine dunkelhellila Aster
zwischen die Zähne geklemmt.
Als ich von der Brust aus
unter der Haut
mit einem langen Messer
Zunge und Gaumen herausschnitt,
muß ich sie angestoßen haben, denn sie glitt
in das nebenliegende Gehirn.
Ich packte sie ihm in die Brusthöhle
zwischen die Holzwolle,
als man zunähte.
Trinke dich satt in deiner Vase!
Ruhe sanft,
kleine Aster!

dr. bierfahrer

unterm seziertisch
ham wer ihn jefunden
darauf die vielzitierte
leiche er jestemmt
statt eines herzens
schlug ihm ne satte aster
in der brust
in seinem schädel
steckten desinfizierte säjespäne
massenhaft
und zwischen seinen zähnen
war dunkelhelllila
’n hakenkreuz einjeklemmt
schön wars nich!

Rezension I Buchbestellung I home IV12 LYRIKwelt © S. Fischer

Kommentar (Ulrich Bergmann):

Die handschriftliche Parodie auf „Kleine Aster“ aus Gottfried Benns erstem Gedichtzyklus „Morgue“ (1912) fand ich auf einem Zettel in einer Limes-Ausgabe von 1960 bei einem Antiquar in der Fußgängerzone von Bad Godesberg.

Wann ist diese Parodie entstanden? Ich schätze, nach dem Zweiten Weltkrieg, nach Erscheinen der ersten Gesamtausgabe, die ich mir als Schüler kaufte - damals kosteten Bücher so viel, dass man sich das als Schüler drei Mal überlegte. Zumal eine 8-bändige Ausgabe. Aber ich liebte Benn, und ich wollte alles von ihm lesen. Das habe ich dann doch nicht getan. Aber seine Gedichte habe ich alle gelesen. - Oder ist die Parodie etwa noch in der Zeit der Weimarer Demokratie entstanden, als Ahnung des heraufziehenden Faschismus? Schwer zu sagen.

Und, was ist besser: Das Original - oder die Parodie?

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