Hernach.Briefe von G.Benn an U.Ziebarth, 2001, Wallstein

Gottfried Benn

Sonntag Abend
(Leseprobe aus: Hernach. Briefe von Gottfried Benn an Ursula Ziebarth, 2001, Wallstein-Verlag, hrsg. von Jochen Meyer)

Sonntag Abend. [Poststempel vom 25.8.54 Berlin]

Mein liebstes, süsses Gesicht, der Sonntag ist zu Ende, er war nicht schön, grau u. ohne Freude. Ich bin so unsicher geworden, ob Du nicht meine Werbungen u. Liebeserklärungen an Dich übertrieben u. langweilig findest, ich kenne Dich wirklich noch zu wenig, Du bist so jung u ich so alt. Ich lasse mich gehen, ich weiss es u. will es, ich lasse meinem Gefühl für Dich freien Lauf, vielleicht ist es rücksichtslos gegen Dich u. Deine innere Art, ich weiss es nicht. Wir hätten soviel zu besprechen ­ ach, ich weiss garnicht, was Du eigentlich fähig bist, zu erleben u zu ertragen, wenn wir unsere Strömungen zu einander u. in einander weiter gewähren lassen. Ich bin keine leichte Sache, ich bin dunkel u schwer ­
u was bist Du, ­ ich weiss es nicht.
Wie oft kommt die Post in W.? Einmal? Und werden die Eilbriefe u Telegramme auch abends u. nachmittags ausgetragen? Stören Dich diese Überfälle? Bitte sage mir in Allem immer die Wahrheit, wir kommen sonst nicht weiter, nichts aus Deinem Mund wird mich kränken u. Du kannst mir viel zumuten, ich bin innerlich nicht zu zerstören, nicht mehr ­ dazu habe ich zuviel erlebt an Trauer, Niederschlägen, Erfahrungen innerer u äusserer Art, ich bin ein einsamer Mann, der mit Glück nicht mehr rechnen kann, aber Dich, Ursel, umarmt und küsst er. Schickst du mir, bitte, ein kleines Bild von Dir? Du hast soviele Mappen, wie ich sah, nun lege eine neue an: G.B. 6 VIII 54 ­ ? Aber verwahre sie gut u. nur Du alleine sieh sie an. Dir gehört alles, aber nur Dir. Süsse Ursel,
Dein G

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