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Diskrete Momente
(Leseprobe aus: Diskrete Momente, Prosa,
2007, Hanser)
Na los, Karl: erzähl deine Geschichte.
Erzählen, als gäb es eine Handlung. Als hätte ich etwas erlebt.
Du bist alt genug, da gibt es etwas zu erzählen. Sag, was sehen wir
nicht.
Zum Beispiel: Wie ich mich selbst stehen sehe jetzt, auf diesem
Balkon, dem meinen seit ungezählten Jahren: es ist keine Handlung,
doch es lässt sich beschreiben. Als säße ich im gegenüberliegenden
Gebäude am Fenster, das Zimmer unbeleuchtet, am Schreibtisch zum
Beispiel, den Blick hinausgerichtet in die Dunkelheit, auf den Balkon
des gegenüberliegenden Gebäudes, und sähe dort einen Mann stehen
auf seinem Balkon in tiefster Nacht, und fragte mich: ob der nicht
friert. Ein Mann Anfang Fünfzig, den man am frühen Morgen das
Haus verlassen sehen kann, immer in Eile und immer verspätet, in
der Frühe sein gewöhnliches Auto suchend, wo es nur heute wieder
steht, und müde aussieht auf seinem Weg. Dieser verlebte Mann, ich,
verlässt täglich von neuem seine alte Wohnung, in der er nun einmal
geblieben ist, mehr aus Zufall und schon vor zahllosen Jahren,
nachdem er bereits in dieser Stadt geboren und aufgewachsen war.
Dieser Mann, ich, der weiterhin wohnt in diesen zwei Zimmern, sich
täglich von neuem abarbeitet an seiner immer gleichen Stadt, der
fährt morgens zum Bahnhof und kommt nie weiter, kommt nur
wieder in seinen Anzug, an seinen Platz hinter dem Schalter, lässt
täglich andere Menschen fahren, nie mehr als seine Finger: über
Pläne, Tasten, Bildschirme, und rührt sich seit Jahren nicht mehr vom
Fleck. Dieser Mann wird bezahlt für sein Bleiben und weiß mit dem
Geld nichts anzufangen, die Wohnung, die alte, kostet ihn wenig, das
Leben, das alte, will sich beim besten Willen nicht ausbezahlen
lassen, es will abgesessen werden, ausgestanden, das, denkt das
Leben, sei der Mann ihm schuldig nach all der Fahrerei.
Weshalb er, dieser Mann, der sich Karl nennen lässt von seinen
Kollegen, Schalternachbarn, Begegnungen, das nutzlose Geld am
Tresen liegen lässt, allabendlich dieselben paar Schritte aus dem
Bahnhofsgebäude hinausgeht und gleich wieder hinein in die Kneipe
an der Ecke, ein schmaler Ort mit verrauchten Wänden, lächerlichen
Wimpeln und einem verblüffend langen Stück Bar darin, verblüffend
leer, »Zweite Heimat«
steht über dem Eingang, und es versetzt ihm keinen Stich mehr, wenn
er die klebrige Tür aufdrückt und den rostbraunen Filzvorhang
beiseite schiebt, um sich in seine schmale Ecke zu stellen, weil er,
dieser Mann, sich die Zumutung der zweiten Heimat allabendlich die
Kehle hinunterrinnen lässt, scharf und fad zugleich, bereitwillig
dieselben Gesten hinter dem Tresen begrüßend, dieselben Wortfetzen
streuend, dasselbe Lachen im Mund behaltend, dasselbe
geheimnislose Schweigen, ehe er, dieser Mann, ehe ich diesen
unheimlichen Ort wieder eintauschen gehe gegen das, was ich mir als
erste Heimat untergeschoben habe nach all den Jahren, unter der
Leuchtanzeige hindurch und hinaus, hinüber zum Auto, um die kurze
Strecke dennoch zu fahren, systematisch, dem Alkohol in den Adern
zum Trotz, fühllos, warm, als gäbe es hier etwas zu erfahren, eine
Strecke, als sei es nicht der Inbegriff der Trostlosigkeit, einen sinnlos
kurzen Weg mit dem Auto zurück zulegen, als hätte ich noch immer
eine Hoffnung, diese wenigen Minuten Fahrzeit kurzerhand in ein
Risiko zu verwandeln, diese auswendig zu fahrenden Meter in einem
Unfall enden zu sehen, beispielsweise des Alkohols, der Nacht, der
fehlenden Heimat wegen, als läge das Ende nicht schon seit Jahren
hinter mir, »Le Terminus«, der hoffnungsfrohe Anfang, vor Jahren
verlassen und eingetauscht gegen die zweite Heimat wider Willen,
zurückgekehrt in das, was erste Heimat war und nunmehr weniger ist
als nichts: eine Anschrift, eine Gewohnheit, ein Balkon. Das ist
meine Geschichte, du kannst sie in meinem Gesicht nachlesen, in
diesem stumpfen Blick, in jeder Pore meiner Haut und in dieser
nachlässigen Bewegung, mit der ich mir über die Augen fahre, über
die Falte, diese eine, sorgfältig zwischen die Brauen gelegt von der
sonst so tatenlos tätigen Zeit. Dies die einzige Bewegung, die mir
bleibt; der Rest ist Bequemlichkeit, der Rest ist: nichts, ich sagte es
schon, nichts, übrig, von früher.
Das reicht uns nicht, Karl. Wir sehen viel mehr.
Von wegen, die Nacht. Und darunter meine Hände, Füße. Mehr nicht.
Die Scheinwerfer der Fahrzeuge, die die Stadt auch jetzt noch nach
Süden verlassen. Nicht mehr als diese Art, den Blick regungslos
schweifen zu lassen, eben weil sich nichts mehr bewegen lässt an
mir, nichts weiter.Aber was tust du da, Karl? Schaust dich an wie
jemanden, den du für eine Weile auf dem Balkon des
gegenüberliegenden Gebäudes betrachten kannst, dich fragend: dieser
Mann, friert der nicht, und zurückgehen in dein dunkles Zimmer, das
große, und denken: was für ein Mensch, der dort steht in der Mitte
dieser Nacht, wieviel Uhr ist es eigentlich, drei, nein: zwei; wie ein
Leben, auf das du keinen Zugriff hättest, und das dich auch gar nicht
interessiert, soll er doch, denkst du, jeder muss sehen, wo er bleibt,
und bleibt er wirklich und sieht nichts mehr, es hätte ihm doch
freigestanden, jederzeit, der Weg zur Tür–
Sag nur, Karl, warum bist du geblieben? Wozu diese Strafe?
Warum. Was für ein Wort. Weil–
Wozu?
Weil das, was ich nicht mehr sehe, aber glauben muss, beim Blick
zurück in Schlaglichtern, Scheinwerferlichtern, durch mein trübes
Leben fährt; eine Geschichte, die sich ablesen lässt von meinem
Gesicht, halte ich es in die Sonne, nehme ich es heraus aus dieser
Dunkelheit, eine Vergangenheit, die sich noch immer gegen diese
Gegenwart sperrt, gegen die Unbeweglichkeit des anbrechenden,
abbrechenden Tages, gegen das ewig gleiche Spiel von: Aufstehen,
Abgehen, Umdrehen, Zurückkehren, gegen den Weg und den
Schalter und die Arbeit und die Nacht. Weil ich im Rückblick sehen
muss, wie ich hängengeblieben war in einer Zeit, die ich für teilbar
hielt zwischen ihr und mir. Die jedoch die meine war und nicht die
ihre, so dass ich herausfallen musste aus ihr, als ich es endlich
erkannte, um nie wieder zu landen auf eigenen Füßen und mich auf
immer zu entfernen, von ihr wie von mir, seitdem gefangen in diesem
Schweigen; weil ich ihr das schuldig bin, diese Strafe: für sie.
Du sprichst in Zungen.
Mir fehlen die Worte.
Sie, die Zeit?
Ja. Nein. Sie, die Liebe, besser sie–
Oh.
–diese Frau. Die Spuren hinterlassen hat auf meiner Stirn,
Fluchtpunkt dessen, was ich zu verbergen versuche in meinem Blick.
Sie, die Zeit vor der Bequemlichkeit, in der ich noch gehandelt habe,
anstatt mich nur behandeln zu lassen: von Umständen, Tagen und
Stunden. Als ich noch selber Einfluss nahm. Was man gemeinhin
Jugend nennt, oder Kraft, oder Willen, was sich bis heute noch fassen
lässt im verlogenen Wort Vergangenheit.
Verlogen nun gleich! Benutzt es doch selbst.
Weil es versucht, aus der Gegenwart zu verbannen, was sich auf
immer daran bindet! Das Wort zu ersetzen durch: Gesicht, allein das
wäre ehrlich. Schon Geschichte behauptet Lösung, wünscht sich
Entfernung von sich selbst.
Sehr philosophisch. Woher, wohin, darum geht’s. Was du da treibst.
Woher, meinetwegen, ich sagte es schon: aus dieser Stadt. Geboren
und aufgewachsen, Eltern gehabt und die Schule beendet.
Ausgewachsen: in vier eigene Wände. Wollte von dort aus Jurist
werden, das Rechte vom Falschen zu unterscheiden; blieb in dieser
Stadt, der Umstände und ihrer Größe wegen. Doch Größe lässt sich
teuer bezahlen, und die Eltern hatten auch andere Kinder. Weshalb
ich mir eine Arbeit suchte, um das Studium zu finanzieren: eine
bewegliche Schicht, am besten nachts, damit ich die Vorlesungen
nicht verpasste. Fand mich dann am Bahnhof ein, man suchte
dringend Personal; sah mich schon bald als Nachtzugschaffner durch
schwächlich beleuchtete Flure wanken, quer durchs Land, und
machte Strecke. Was für Zeiten: tags der Blick auf Paragraphen,
nächtens in die Abteile hinein. Fremde Sprachen in den Ohren,
traumloser Schlaf auf schmalen Liegen; Koffer heben, Fahrkarten
prüfen, dünne Laken zu schweren Decken; und vor dem Fenster die
leuchtende Nacht. Die immer länger wurde, mit der Zeit, wie der
Gang in die Vorlesungen selten, und seltener noch der Weg zurück,
vom Bahnhof heim in das reglose Zimmer; größer das Gefühl für das
Morgenlicht, frühglänzend hin zum Horizont, auf verschlungenen
Schienen, in alle Ferne. Beim Einfahren des Zuges die Städte am
Geräusch der Gleise erkennen: klang Basel anders als Prag, Berlin
Zoo anders als Wien West, anders das Geräusch der belgischen
Waggons auf dänischen Schienen als der deutsche Zug bei der
Anfahrt auf Paris. War ich heimlich zwischen den Orten gelandet,
und immer daheim. War auf den Geschmack gekommen, kam an bei
ihr.
Ihr, die Liebe.
Nein. Ja, ihr, diese Zeit. Mit ihr, Lucie. Dass ich vergaß, was Sinn des
Ganzen gewesen war: das Studium zu finanzieren. Ließ den Preis des
Studiums zum Hauptgewinn werden, vergaß die Hörsäle bei Tag
zugunsten der Züge bei Nacht. Die Frage nach dem Wahren und
Rechten verloren zugunsten einer Antwort, das Schöne betreffend;
die alten Ziele, vertrauten Gesichter, die Freunde und Bekannten, das
Leben bei Tag zugunsten der Fragen bei Nacht, all jener, die von den
Bahnhöfen in die Züge flossen, Abend für Abend, tell me, what time–
Kam selten zurück am frühen Morgen, um die Tage heimlich zu
verschlafen, das Sonnenlicht hinter Vorhängen verborgen, hier. War
heimischer dort, zwischen den Grenzen, war nie zu erreichen; wurde
schon längst nicht mehr angerufen, nahm folglich den Hörer nicht
mehr ab. Legte mein Ohr an die Gleise stattdessen, hörte das immer
neue Quietschen spiegelglatter, beruhigender Schienen; gehorchte
den Durchsagen aus fremden Worten, den Abschiedsgesten und
mutigen Blicken, dem verhallenden Echo fremder Schritte,
liegengeblieben jenseits der Abteile, beim Anfahren des Zuges,
plötzlich erkaltet unter den hohen Gewölben der Bahnhofshallen.
Wie schnell ein Gleis sich leeren kann. Die Türen schließen
automatisch, und nur der Schaffner hat den Schlüssel; der
Nachtzugschaffner gibt das Zeichen, allein damit hat er schon recht,
er ist der erste, der den Zug betritt, der letzte, der die Abteile prüft,
die geleerten Abteile voll abgestandener Luft, der die Reste fremden
Atems mitnimmt am Ende der Reise, hinaus in den frischen Morgen,
der seinen Absprung hört auf die Plattform fremdvertrauter Gleise,
den Weg aus dem Bahnhof hinaus findet, wieder und wieder, den
Klang der eigenen Schritte auf den nachtfeuchten Gehwegplatten, der
einen Ort sucht ganz in der Nähe, eine warmen Ort für den ersten
Kaffee des Tages, ehe die Reise weitergeht, zurück vielleicht, in die
nächste Nacht.
Woher, wohin, das war keine Frage. Man sah mich kundig und
immer zur Stelle, man zahlte meinen Einsatz und schickte mich ans
nächste Ziel, und das war es, was ich suchte: Ich war geschickt, ich
war der Schaffner, ich hatte den Schlüssel, ich war im Recht; das
Studium war überholt. Das war meine Antwort. Man bot mir eine
volle Stelle, ich nahm sie ohne Zögern an, sie war meinen
Kenntnissen angemessen; nur die vier Wände, die alten, die waren es
nicht. Ich suchte eine neue Bleibe und fand sie, wo ich mich auch
heute noch finde, Jahrzehnte später, heute: hier: einen Katzensprung
vom Bahnhof entfernt, dem Ausgangspunkt, dem symbolischen
Anker; ein möglicher Ort, zu dem ich einen Schlüssel besaß, um die
Haustür zu öffnen, den Briefkasten zu leeren, in die Wohnung zu
treten; vier Wände, Dinge zu hinterlassen, Kleidung zu wechseln,
nach dem Hörer zu greifen, folgenlos, und bei Anbruch des Tages ins
Bett zu gehen.
Sofern ich kam. Dann allein und für wenige Tage, dann schlief ich
aus und ließ niemanden ein. Tag traum phasen, gänzlich losgelöst
von dem, was Zielpunkt meiner Nächte war: eine Bar in Paris, ein
Katzensprung vom Bahnhof entfernt, ein Ausgangspunkt, ein
symbolischer Anker; eine Frau, zu der ich bald den Schlüssel besaß,
um ihr die Hand zu öffnen, die Tasse zu leeren, in ihr Blickfeld zu
treten; ein guter Ort, um anzukommen, nach ihrem Herzen zu greifen,
folgenschwer, und bei Anbruch des Tages ins Bett zu gehen.
Ist das Glück?
Was für ein Wort. Es war eine unüberschaubare Verkettung
glücklicher Umstände; es war: jedes einzelne Fahrziel, die Wachheit
bei Nacht, der Blick in die Dunkelheit. Das Niemandsland zwischen
den Grenzposten.
Die Kontrollen, unerbittlich. Dramen, wenn man sie besah, ich sah
nicht hin; ich sah mein Schaffnerabteil, die gedämpfte
Nachtbeleuchtung und die ratternde Stille. Ich fuhr von Hamburg
nach Basel oder Paris, von Köln über Brüssel nach Amsterdam, von
Berlin nach Warschau, Wien oder Prag, lotete Grenzen aus zwischen
ungleichen Ländern, Sprachen, Systemen, zwischen Abend und
Morgen und Tag und Nacht. Das Gefühl für die Schwelle, jenseits
des Ortes; der Geschmack für den Stillstand in Raum und Zeit; der
immergleiche Halt auf den Nebengleisen, um Express- oder
Transportzüge vorbeizulassen. Eine tonlose Art der Verbindlichkeit:
dass man wartet im Grenzgebiet zwischen zwei Ländern, Sprachen,
Systemen, zwischen Morgen und Abend und Nacht und Tag,
zwischen Aufstehen, Abgehen, Umdrehen, Zurückkehren; dass man
dennoch weiterfährt, nach einer Zeit; dass ich fortwährend in
Bewegung blieb.
Was aber war jedes einzelne Fahrziel gegen die Strecke nach Paris.
Die wachsende Vorfreude, spätestens beim Wartehalt nahe der
Grenze, ehe der Zug sich noch einmal nach Westen wendet, über
unbeseelt dahingestreckte Felder und Hügel, ein paar Erhebungen
hier und da, hier eine Kirche, dort ein Turm. Die nächste Grenze, ein
letzter Halt. Dann plötzlich: die wachsende Ahnung der nahenden
Stadt, anschwellend wie das erste Leuchten des Tages, ein tonloses
Beben hinter den Scheiben, das Häuser ballt und die Lichter der
Straßen bündelt, bis dass es verwundert, wenn sich die Fassaden der
Gebäude einmal von den Gleisen zurückziehen, offenem Gelände
weichen, wenn es einmal keine Beleuchtung gibt, die von außen,
schonungslos, das Innere des Zuges erhellt; wenn dann die Nacht
vergeht und der Zug einfährt von Norden in die Stadt, der Reise ein
Ende zu bereiten, mich ankommen zu lassen in der zweiten Heimat
dieser Jahre, rasch mein Abteil zu räumen, die der Reisenden zu
prüfen, aus dem letzten herauszutreten, als sei ich selbst zu Gast
gewesen; die letzten Handgriffe zu überstehen, im Schlusssprung auf
die vertrauten Gleise, das Geräusch meiner Schritte im überwachen
Ohr; der zügige Gang vor den Bahnhof hinaus, die Luft des Morgens
einzuatmen, und gleich wieder hinein in diese Bar, anzukommen, »Le
Terminus«, endlich zurück zu sein bei ihr.
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