Das Gesetz der Träume von Peter Behrens, 2008, Schöffling&Co.

Peter Behrens

PHYTOPHTHORA INFESTANS
(Leseprobe aus:
Das Gesetz der Träume, Roman, 2008, Schöffling&Co. - Übertragung Brigitte Walitzke).

Als sie Carmichaels Korn gemäht und eingebracht und die Stoppeln abgefackelt hatten, richtete der Bauer für seine Erntehelfer am Rand seiner besten Wiese, unter Eichenbäumen, deren Blätter im Wind rauschten, ein Essen aus – Schinken und Butter, Weißbrot und Äpfel. Es war schon dunkel, als die Pächter den Berg hinauf nach Hause gingen, Fergus ein Stück vor seinen Eltern, die die schlafenden kleinen Mädchen trugen. Der Abend war warm.
Sie waren schon an den ersten Hütten vorbei, als er den Verwesungsgestank bemerkte, körperlich und wild, der sich mit der Gewalt eines losgerissenen Wagenrads den Bergpfad herunterwälzte. »Oh mein Gott, was stinkt denn da so fürchterlich?«, rief seine Mut¬ter. »Jemand muss an den Gräbern gewesen sein!«
Ungetaufte Neugeborene wurden unter Steinen begraben, damit die Hunde nicht an sie herankamen. Manchmal wurden die Steinhaufen zu früh von einem Grab genommen, um für das nächste verwendet zu werden, so dass die kleinen Toten ungeschützt lagen – aber dieser Geruch war anders, gewaltiger.
Männer und Frauen rannten keuchend an ihm vorbei, aber er zwang sich, ruhig weiterzugehen.
Im letzten Jahr hatte es im Distrikt Kartoffelfäule gegeben, aber nur auf den Feldern am Fluss. Hier oben auf dem Berg hatten sie nichts davon gemerkt. Und sein diesjähriger Acker war guter, kalkhaltiger, wasserdurchlässiger Boden, der sicherste Boden überhaupt.
Trotz der Dunkelheit sah Fergus, wie die Leute auf ihren Äckern auf die Knie fielen und mit bloßen Händen in der Erde scharrten. Da konnte auch er sich nicht länger beherrschen und fing ebenfalls an zu laufen, dicht gefolgt von ¬Míchéal mit dem kleinen Mädchen, das vor Begeisterung juchzte.
An seinem Acker angekommen, sah Fergus auf den ersten Blick, dass seine Pflanzen, am Morgen noch gesund und grün, jetzt völlig schlaff und schwarz waren. Er kniete sich hin und grub erst eine aus, dann noch eine und noch eine. Die Kartoffeln, die an den Wurzeln hingen, waren verschrumpelt und matschig. Er grub jede einzelne Pflanze in der Reihe aus. Nicht eine der Kartoffeln war noch zu gebrauchen, sie waren nur noch violetter, giftiger Matsch, und er hörte die Klagen der Nachbarn durch die Dunkelheit hallen.

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