Der kleine Mausche aus Dessau von Katja Behrens, 2009, HanserKatja Behrens

Der kleine Mausche aus Dessau
(Leseprobe aus: Der kleine Mausche aus Dessau, Moses Mendelssohnes Reise nach Berlin im Jahre 1743, 2009, Hanser).

An einem Oktobertag des Jahres 1743 folgt ein schmächtiger,

schwarz gekleideter Junge seinem Schatten auf dem Weg

durch Roßlau. Der Himmel ist strahlend blau, die Sonne vergoldet

die Blätter der Bäume. Es ist sehr kalt. Die Füße des

Jungen stecken in schmutzigen Strohschuhen, die sich schon

fast aufgelöst haben. Bei jedem Schritt raschelt das trockene

Laub. Der Junge humpelt. Sein Schatten humpelt mit.

Der Junge hat einen Buckel und trägt ein Bündel über dem

Rücken. Für ihn ist nicht Oktober und auch nicht das Jahr

1743 – er lebt in einer anderen Zeit, im Monat Tischri des Jahres

5504, und könnte genauso gut von einem anderen Stern

kommen, so anders sind die Gesetze, denen er gehorcht, das

Essen, das er zu sich nimmt, die Sprache, in der er sich mitteilt.

So fremd ist er den Bewohnern des Städtchens, durch

das er seinem langen Schatten hinterherhumpelt. Er hält den

Blick gesenkt auf seine Füße, die das welke braune Laub aufwirbeln.

Plötzlich wird das Rascheln übertönt von Kinderstimmen,

die »Judas!« rufen.

»Judd Judas!«

Er sieht sich nicht um, geht aber schneller. Vor Kindern hat

er Angst, seitdem er denken kann.

»Judd Judas!«

Es werden mehr Stimmen. Er ist allein auf der sonnendurchfluteten

Straße mit seinem Schatten vor und den johlenden

Kindern hinter sich. Der erste Stein fliegt. Er hört den

Aufprall, umklammert das Bündel mit seinem kostbarsten Be

sitz, dem Buch. Mehr Steine, mehr Kinder. Sie kommen aus

den Höfen gerannt, bücken sich im Laufen nach Steinen. Er

hat den Ort fast hinter sich, als ein Stein trifft. Ihm bleibt die

Luft weg. Er geht trotzdem weiter, obwohl die Angst ihm in

die Beine gefahren ist und er laufen will, rennen, so schnell er

kann. Aber er weiß, dass er nicht schnell genug rennen kann,

und zwingt sich, weiter einen Fuß vor den anderen zu setzen.

Es hat ihm niemand gesagt, aber er weiß, dass er seine

Verfolger nur noch mehr reizt, wenn er versucht davonzulaufen.

Einmal hat er eine Katze gesehen, zu Hause in der Sandvorstadt,

die von einem großen struppigen Köter verfolgt

wurde. Er hat gesehen, wie der Abstand zwischen den beiden

sich verringerte. Der Hund war schneller. Die Katze blieb stehen,

stellte sich, machte einen Buckel und fauchte, die Ohren

flach am Kopf. Er hat gesehen, wie der Köter abbremste und

sich dann seitwärts davonmachte, ohne die Katze weiter zu

beachten, angeregt schnüffelnd, als hätte er eine andere, viel

interessantere Spur entdeckt. Der Junge ist kein Kämpfer,

trotzdem bleibt er stehen und dreht sich um.

Auf dem schmächtigen Körper sitzt ein großer Kopf, viel

zu groß für dieses Körperchen, und auch die Nase ist zu groß

für das Gesicht, die Lippen wulstig. Hohe Stirn, schwarzer

Hut auf schwarzen Locken, große dunkle angsterfüllte Augen.

Der Junge steht da, presst das Bündel mit dem Buch an sich

und spricht das Schma Jisroel, das Gebet, das Juden sprechen,

wenn sie glauben, dass es aus ist, Höre, Israel, der Ewige ist unser

Gott, der Ewige ist einzig. Aus und vorbei! denkt er, in seiner

Sprache: Nig’mar, chasl! Aber die Horde weicht zurück, ein

Hammer fliegt, seine Verfolger ducken sich. Ein Junge rast heran,

ein hoch aufgeschossener, hinkender, »Saubande!« brüllender

Kerl.

»Uffhere! Uff der Stell uffhere!«

Die Kleinen laufen weg, auf bloßen Füßen, in schmutzigen

Kitteln. Ein Großer, Weißblonder bückt sich und greift nach

dem Hammer, doch der Hinkende ist schneller. Schon hat er

den Hammer in der Faust und schwingt ihn über dem Kopf.

»Macht, dass ihr fottkimmt!«

Jetzt rennt auch der Weißblonde. Zurück bleiben der

Gerettete und der Retter, der seinen Schützling packt und

wegzerrt. Zwei Schatten, die jeder in seinem Rhythmus hinken,

sich eilig entfernen und, sobald sie den Wald erreicht haben,

zwischen den Bäumen verschwinden. Der Kleine lässt

sich mitschleifen, in eine Mulde hinein, in der sie den Blicken

von der Landstraße entzogen sind. Der Große steckt den

Hammer in den Gürtel und sieht den Kleinen an. Blaue Augen,

knubbelige Nase und eine Kerbe im Kinn. Der Kleine

will sich bedanken, kommt aber nicht über das a hinaus. Er

strengt sich an, runzelt die Stirn, a dank will er sagen, aber

mehr als das a will nicht heraus – wenn er aufgeregt ist, stolpert

die Zunge mehr als sonst. Der Große legt ihm die Hand

auf die Schulter.

»Schon gut. Wie heißt du?«

Der Kleine versteht die Worte nicht, aber weiß, dass der

andere ihn nach seinem Namen gefragt hat.

»Mausche«, sagt er, »Mausche mi Dessau.« Die Hand auf

seiner Schulter beruhigt ihn. »Und du?«

»Hannes«, antwortet der Große und fügt hinzu: »Aus Wissbade.«

Von Anfang an ist diese Verständigung zwischen ihnen da.

Hannes kann nur Hessisch, Mausche nur Judendeutsch und

Hebräisch, dennoch gelingt es ihnen, sich zu verständigen.

Manchmal gibt es Missverständnisse, aber meistens verstehen

sie einander irgendwie, erraten, erfühlen, was der andere sagen

will. Und Mausche lernt schnell. Um zu lernen, ist er aufgebrochen.

Er will nach Berlin, bei seinem geliebten Lehrer

David Fränkel weiterlernen, nicht um reich zu werden oder

berühmt. Lernen will er, wissen, verstehen.

»Aus Dessau bisdu und wohin willsdu?«

»Berlin.«

»Ich auch. Dann gehn mer doch en Stückelche zusamme.«

Mausche nickt, ohne den andern anzusehen. Er weiß nicht

mehr, was er denken soll. Ihm ist etwas nie Dagewesenes geschehen:

Ein Nauzri, ein Christ, ist für ihn eingetreten. Er lässt

sein Bündel in den Schoß sinken. Die Wand zwischen ihm

und ihnen bekommt einen ersten haarfeinen Riss.

Das Laub raschelt, eine Amsel pickt nach unsichtbaren

Körnern. Irgendwo weit weg sind Jagdhörner zu hören. Auf

der Landstraße nähert sich eine Kutsche. Die beiden Jungen

hocken schweigend in der Mulde. Als das Klock-Klock der

Hufe und das Rattern der Räder sich entfernen, holt Mausche

das Brot aus seinem Bündel und hält es dem andern hin. Der

bricht ein Stück ab und blickt kauend auf das Buch in dem offenen

Bündel.

Mausche reicht es ihm hin. Er nimmt es in seine großen,

schrundigen Hände, schlägt es auf und blättert darin mit leerem

Gesicht, ohne zu merken, dass er das Buch verkehrt

herum hält. Mausche nimmt es ihm aus der Hand, dreht es

um, schlägt es auf der letzten Seite auf und zeigt ihm, dass es

von hinten gelesen wird.

Hannes betrachtet das mit Federkiel und Tinte geschriebene

Krikelkrakel auf der letzten Seite, die in diesem seltsamen

Buch den Anfang macht, nimmt den Beschlaghammer

aus dem Gürtel, klopft damit in die Luft und fängt an, in seinem

Ranzen zu kramen.

Mausche hat schon gehört, dass es Nauzrim gibt, die weder

lesen noch schreiben können, aber er hat es nicht glauben

wollen, und auch jetzt kann er sich ein Leben ohne Bücher

nicht vorstellen. Seine Welt ist die der Bücher – wenn er liest,

vergisst er alles, Hunger und Armut, den Buckel und die ewige

Angst. Es ist die Angst, die den Fluss seiner ausgesprochenen

Gedanken hemmt, ihn zum Gotterbarmen stottern lässt, die

Angst, die immer da ist wie ein Dauerton im Ohr, und alles,

was er tut, ist trotzdem. Er hat sich trotzdem auf den Weg gemacht,

allein, ohne Geld, durch Feindesland.

Während er das Buch sorgsam verstaut, öffnet Hannes sein

Bündel, um Mausche das Werkzeug zu zeigen, mit dem er arbeitet.

Jetzt ist es Mausche, der mit leerem Gesicht auf Rinnenmesser,

Nietklinge und Hautklinge starrt. Fachmännisch und

mit Stolz führt Hannes Hufeisen und Hufnägel vor, lässt den

Beschlaghammer durch die Luft sausen und lacht. Dann packt

er alles wieder ein, verschnürt das Bündel und steht auf.

Mausche hat noch nie gesehen, wie ein Pferd beschlagen

wird. Da, wo er herkommt, gibt es keine Hufschmiede. Juden

ist es verboten, ein Handwerk auszuüben.

Zwischen den Stämmen beginnt es zu dunkeln. Der Große

und der Kleine humpeln durch das raschelnde Laub, der

Kleine mit Blasen an den Füßen wie auf Eiern, der Große das

steife Bein schwungvoll nachziehend.

Nachdem sie die Landstraße erreicht haben, erklärt der

Große dem Kleinen, dass er hinkt, weil ein Gaul ihn getreten

hat. »Zossen«, sagt er, und, damit der Kleine ihn auch wirklich

versteht, wiehert er laut durch den dämmernden Wald. Dann

zeigt er auf Mausches ramponierte Strohschuhe. »Ich mach dir

was Besseres.«

Mausche überlässt es Hannes, einen Schlafplatz zu suchen,

tappt einfach mit, todmüde, kann sich kaum mehr auf den

Beinen halten, ist das Gehen nicht gewöhnt. Von seinem Elternhaus

zur Schul sind es nur ein paar Schritte gewesen. Viel

mehr Bewegung hatte er nicht als dieses tägliche Hin und Her

zwischen dem baufälligen alten Fachwerkhäuschen, das er mit

den Eltern und den Geschwistern Saul und Jente bewohnte,

und der Schul, dem Lehr- und Bethaus mit den Holzbänken,

dem Tisch in der Mitte und dem Toraschrein, in dem, hinter

einem Vorhang verborgen, die Torarollen standen.

Es ist das erste Mal, dass er Dessau verlassen hat, selbst aus

dem Judenviertel ist er kaum herausgekommen. Im Freien geschlafen

hat er noch nie.

So vieles, was er zum ersten Mal tut, seitdem er sich auf den

Weg gemacht hat, um Rabbi Fränkel nach Berlin zu folgen. Im

Monat Siwan hat er ihn zuletzt gesehen, da war der Reb im

Aufbruch nach Frankfurt an der Oder. Vier Monate ist das

jetzt her, aber er fühlt noch immer die segnende Hand seines

verehrten Lehrers, und dann war er weg und die Erde wüst

und leer.

Die Zeit danach war wie ein einziger langer Tag gewesen, er

erinnerte sich an nichts außer an das eine oder andere Wort

aus dem Führer der Verirrten, den er allein weiterstudiert hatte,

ohne die Möglichkeit, dem Rebbe Fragen zu stellen, Fragen,

mit denen er sich nur an ihn hätte wenden können, die sein

Vater als chuzpa, als schamlose Dreistigkeit geahndet hätte, behejme,

Rindviech, gej in die Erd erajn! Dem Vater war sowieso

nichts recht zu machen, der erste Mensch, der ihn gelobt

hatte, war Rabbi David gewesen. Dem hatte es nicht nur gefallen,

wenn seine Schüler selber dachten, er hatte sie sogar

dazu ermuntert. Dann war er weg gewesen und Mausche wie

verwaist, den ganzen Sommer über batribt bis zu dem Augenblick,

als er erfuhr, dass sein Rebbe in Berlin war. In der Schul

hatte sich die Nachricht verbreitet, dass der Rabbi mit seinem

Hausrat und seiner Bibliothek nach Berlin weitergereist war,

um die dort frei gewordene Stelle des Oberrabbiners einzunehmen.

Mausche hatte beschlossen, ihm zu folgen. Er war seit

einem Jahr Bar Mizwa, ein vollwertiges Mitglied der Gemein -

de mit allen Rechten und Pflichten eines Mannes, einer, der

im wahrsten Sinne des Wortes zählte, zehn Männer mussten

beisammen sein, um einen Gottesdienst abzuhalten, und er

zählte jetzt als Mann.

Er war zu Amschel Katz gegangen und hatte ihn nach dem

Weg gefragt. Amschel Katz hatte ihm erklärt, wo er den Fluss

überqueren musste, wo Kinder Israels wohnten, bei denen er

übernachten und den Sabbat verbringen konnte, dass er Boßdorf

umgehen sollte, weil er sonst auch dort Leibzoll hätte

zahlen müssen wie ein Stück Vieh.

Mit glühender Ungeduld hatte er das Ende der hohen

Feiertage abgewartet: Rosch Haschana, das Neujahrsfest, Jom

Kippur, den Versöhnungstag, Sukkot, das Laubhüttenfest zur

Erinnerung an die vierzig Jahre, die die Kinder Israels in der

Wüste verbracht hatten, und endlich Simchat Tora, das Torafreudenfest.

Und jetzt sitzt er mit einem Nauzri am Feuer und

schaut in die Flammen.

Ringsum ist es dunkel, der Fluss nah, das Wasser mehr zu

spüren als zu sehen. Sein leises Gluckern und Glucksen mischt

sich mit dem Knistern und Knacken des Feuers. Wenn Hannes

Holz nachlegt, sprühen die Funken. Im letzten Licht des

Tages ist Hannes ins Wasser gewatet und hat mit bloßen Händen

einen Fisch gefangen, den zappelnden Fisch am Schwanz

gehalten und mit dem Kopf auf einen Stein geknallt, da war er

still, und Hannes ist noch einmal ins Wasser gewatet und hat

einen zweiten Fisch gefangen. Dann hat er Holz gesucht, es

sternförmig aufeinandergeschichtet, in seinem Bündel nach

dem Feuerstein getastet, Feuer geschlagen, es mit trockenen

Blättern entfacht und sanft geblasen. Im Schein des ersten

Flämmchens sah Mausche sein Gesicht mit den aufge plusterten

Backen, die noch ohne Bartwuchs waren. Er konnte nicht

viel älter sein als Mausche. Seine Augen waren gegen den

Rauch zusammengekniffen, und sein Gesicht war Mausche so

vertraut, als ob sie sich seit Jahren kennten.

Als die aufgespießten Fische gebraten sind, hält Hannes

ihm einen hin.

»Alla, iss! Pass uff, dass du dich nit verbrennst.«

Mausche hat Hunger. Aber der Fisch ist trejfe, unrein. Auch

wenn Hannes Salz hätte, um ihn zu salzen, wäre er nicht koscher.

Er muss ausgeblutet sein. Das Blut ist der Sitz der Seele,

darum darf man kein Blut zu sich nehmen. Hannes weiß das

nicht, kann nicht wissen, dass der leckere, frisch gefangene

und gebratene Fisch für Mausche wie Aas ist.

»Nimm!«, sagt er.

Mausche schüttelt stumm den Kopf. Er bringt kein Wort

heraus. Übelkeit steigt in ihm auf. Er will etwas sagen und

kann nicht. Der Nauzri starrt ihn mit offenem Mund an. Mausche

sieht die aufgerissenen blauen Augen und die Zahnlücke

und spürt den Abgrund zwischen sich und dem anderen. Ihm

wird schlecht. Er springt auf, humpelt ein paar Schritte ins

Dunkle und kotzt sich die Seele aus dem Leib.

Hannes hört die würgenden Geräusche und denkt, der

Judd hat was gegen Fisch. Bei dene Judde weiß man nie.

Als Mausche zum Feuer zurückkommt, hat Hannes gerade

angefangen, den zweiten Fisch genussvoll zu vertilgen.

Mit einem sauren Geschmack im Mund hockt Mausche unglücklich

am Feuer. Hannes kaut, ohne ihn anzusehen. Schon

grenzt die Fremdheit zwischen ihnen an Feindseligkeit.

Mausche möchte erklären, weiß nur nicht, wie und was. Für

ihn ist es so selbstverständlich wie das Atmen, dass der Fisch

sorgsam gewaschen und gesalzen wird, bevor man ihn brät.

Ihm stehen die knotigen Hände seiner Mutter zusammen mit

den kurzen Fingern seiner Schwester vor Augen, die den Fisch

so lange drehen und wenden, bis auch der letzte Tropfen Blut

heraus ist.

Lange nachdem Hannes sein Nachtgebet gesprochen hat und

in den Unterschlupf gekrabbelt ist, den er aus heruntergefallenen

Kiefernzweigen gebaut hat, steht auch Mausche auf und

legt sich neben ihn.

Er ist todmüde und kann nicht schlafen. Die Nadeln piksen.

Alles tut ihm weh. Er friert. Die Feuchtigkeit kriecht ihm

in die Knochen. Er hat Hunger. Hannes schnarcht. Von seinem

Körper geht ein mieser Geruch aus. Mausche hat gehört,

dass die Nauzrim sich nicht waschen, aber er hat es nicht glauben

wollen. Plötzlich fällt ihm ein, dass er das Abendgebet

nicht gesprochen hat. Vergessen, zum ersten Mal in seinem

Leben.

Obwohl er aufstehen, Tefillin legen und das Abendgebet

sprechen will, gleitet er in den Schlaf, während er noch erstaunt

bedenkt, dass er ja erst heute aufgebrochen ist. Er hat

das Gefühl, es seien Jahrhunderte vergangen, seitdem er das

Morgengebet zum letzten Mal in dem Haus, in dem er geboren

und aufgewachsen ist, gesprochen hat.

Zum ersten Mal ist er sogar noch vor dem Vater aufgestanden,

zu dessen Pflichten als Gemeindediener es gehört, die

Gemeindemitglieder zum Morgengebet herauszuklopfen.

Es war ein trockener Abschied. Eltern und Geschwister lie

ßen ihn tränenlos ziehen. Der Vater blickte auf Mausche hinunter

und ermahnte ihn mit der schneidenden Stimme, die

Mausche schon früh das Fürchten gelehrt hatte, ihm keine Busche

zu machen. Dabei zupfte er, wie immer, wenn ihm nicht

ganz wohl war, an seinen Brauen, die buschig und weiß waren

wie der Bart. Die Mutter schien selbst in diesem Augenblick

nicht ganz da zu sein und lehnte sich Hilfe suchend an ihren

Saul, Schojl’ke, majn Harziker, der nur ein Jahr älter war als Mausche,

ihm aber trotzdem von seiner hohen Warte aus – er war

fast doppelt so groß wie Mausche – gönnerhaft auf die Schulter

klopfte. Jente hatte ihm einen Apfel zugesteckt und ihn

scheu umarmt. Dann hatte er zum letzten Mal die Mesusa geküsst

und war in den dämmernden Morgen hinausgegangen.

Als er die Stadt verließ, fingen die Glocken der Christenkirche

an zu läuten. Zum ersten Mal hört er sie aus der

Nähe, spürt ihre Schwingungen im Brustkorb, horcht auf das

melodische Ding-Dong. Es gefällt ihm. Einen Augenblick

fragt er sich, ob es ihm gefallen darf, ob es nicht schon Verrat

ist, wenn es ihm gefällt. Meschummed, Verräter, ist ein schreckliches

Wort, schlimmer als Gauner, Betrüger oder Mörder. Ein

Gannew ist immer noch ein Mensch, aber ein Abtrünniger ist

kein Mensch mehr, ist außerhalb jeder Ordnung, hat sich

selbst verdammt, auf ewig.

Mausche gelobte feierlich, dass er immer ein Bar Jisroel, ein

Sohn Israels, bleiben würde. Die Sonne ging auf. Ihm wurde

das Herz weit. Er war auf dem Weg. Endlich. Er würde Rabbi

David wiedersehen. Er würde lernen. Er hatte Verwandte in

Berlin, aber die würde er nicht behelligen. Sein Reb würde

ihm Arbeit geben. Er hatte eine schöne Handschrift. Er konnte

Manuskripte kopieren, und er war genügsam. Er brauchte

nicht viel zum Leben. Fast nichts. Wenn er nur lernen

konnte.

Dessau lag hinter ihm. Die Augen gingen ihm auf. Er war

berauscht von den Farben, die er sah. Rot und Gelb und Rost

und Braun. Alles leuchtete. Grün, so viele Grüntöne. Zu

Hause war alles nur schwarz und grau. Keine Blumen. Kaum

Bäume. Schwarz die Hüte und die Kaftane und die Buchstaben,

grau die Häuser, die Esel, die Steine. Das Blau des Himmels

und das Blau des Wassers. Er war zum ersten Mal übers

Wasser gefahren. Dicht gedrängt mit anderen Jidden, sein

Bündel unter dem Arm. Es hatte ihm gefallen, von den Wellen

getragen und gewiegt zu werden.

Rezension I Buchbestellung III10 LYRIKwelt © Hanser