Die ungeheure Welt,die ich im Kopf habe von Louis Begley, 2008, DVA

Louis Begley

Die ungeheure Welt, die ich im Kopf habe
(Einleitungsanfang aus: Die ungeheure Welt, die ich im Kopf habe, Über Franz Kafka, 2008, DVA - Übertragung Christa Krüger).

Millionen kennen die Romane und Erzählungen Franz Kafkas – seine Bücher sind in alle Schriftsprachen übersetzt –, und noch mehr Menschen, die nie eine Zeile von ihm gelesen haben, sind trotzdem mit seinem Namen vertraut und finden es ganz natürlich, ihre verwirrenden oder frustrierenden Erfahrungen mit dem undurchschaubar komplexen modernen Leben als »kafkaesk« zu bezeichnen. Kafka selbst gab nur wenige seiner Werke zur Veröffentlichung frei. Dazu gehörten die Erzählungen Die Verwandlung und In der Strafkolonie, die ihm, jede für sich genommen, schon einen hohen Rang im Pantheon der Literatur verschafft hätten, außerdem eine Handvoll anderer ebenso gelungener Texte, zum Beispiel Das Urteil, Ein Landarzt, Ein Bericht für eine Akademie, Ein Hungerkünstler und Josefine, die Sängerin oder Das Volk der Mäuse, die letzte von ihm verfaßte Erzählung. Diese Werke sicherten ihm die Bewunderung von Schriftstellern und Kritikern in Prag, Berlin und Wien, die ihn als einen Meister moderner deutscher Prosa anerkannten; schon zu Kafkas Lebzeiten wurde sein Werk in Anthologien aufgenommen und in tschechischen, ungarischen und schwedischen Übersetzungen publiziert. Mit Sicherheit hätte es nach seinem Tod nicht solche Weltberühmtheit ohne die unermüdlichen Anstrengungen Max Brods erlangt, seines engsten Freundes und ersten Biographen, der für die postume Veröffentlichung seiner Romane und Erzählungen sorgte.

Kafka hinterließ kein Testament, aber unmittelbar nach dem Tod des Freundes fand Brod in dessen Schreibtisch in der Wohnung der Eltern einen Brief mit einer »letzten Bitte«: Brod solle alles, was sich im Nachlaß finde – Tagebücher, Manuskripte, Briefe (fremde und eigene) und Gezeichnetes (Kafka konnte sehr gut zeichnen) –, restlos und ungelesen verbrennen, ebenso alles von seiner Hand, was andere in Besitz hätten. Diese »anderen« solle Brod »in [s]einem Namen darum bitten«, ihm die Manuskripte auszuhändigen. Weiter heißt es: »Briefe, die man Dir nicht übergeben will, soll man wenigstens selbst zu verbrennen sich verpflichten.«In einem älteren Brief, den Brod ebenfalls im Schreibtisch des Freundes fand, legte Kafka fest:

Von allem was ich geschrieben habe gelten nur
die Bücher: Urteil, Heizer, Verwandlung, Strafkolonie,
Landarzt und die Erzählung: Hungerkünstler.
(Die paar Exemplare der »Betrachtung«
mögen bleiben, ich will niemandem die Mühe
des Einstampfens machen, aber neu gedruckt
darf nichts daraus werden).

Brod entschied sich, Kafkas Verfügungen nicht auszuführen; als einen Hauptgrund dafür gab er an, daß er Kafka 1921 in einem Gespräch erklärt habe, er werde die Schriften nicht vernichten, falls sein Freund ihm tatsächlich so etwas zumuten würde. Daß Kafka daraufhin keinen anderen Testamentsvollstrecker bestimmt habe, der ihm zugesichert hätte, seine Bitte zu erfüllen, könne man – so Brod – als einen Hinweis verstehen, daß dem Freund »seine eigene Verfügung [kein] unbedingter und letzter Ernst« war. Der zwingende und entscheidende Grund war aber wohl Brods Einschätzung, »daß der Nachlaß Kafkas die wundervollsten Schätze, auch an seinem eigenen Werk gemessen, enthält«. Auch wenn man noch so fest davon überzeugt ist, daß allein der Autor das Recht hat, zu entscheiden, welche seiner Werke erscheinen und welche nie ans Licht kommen sollen, muß man dankbar sein, daß Kafkas Romane und späte Erzählungen erhalten geblieben sind.

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