Johann Beer

Das Narrenspital sowie Jucundi Jusundissimi Wunderliche Lebens-Beschreibung
(Leseprobe aus: Das Narrenspital sowie Jucundi Jusundissimi Wunderliche Lebens-Beschreibung, Ausschnitt aus dem 1. Kaiptel, 1681/1957).

Capitul I

Nimmt seine Captationem benevolentiae vom Schulgehen

So jemand glaubt, ich komme, ihn mit diesem traurig zu machen, der wird sich weit betrogen finden. Denn warum sollte ich meinen Nächsten mit einem Übel belegen, das ich etlichermaßen für ärger als den Tod halte? Und mir ist niemals unbekannt gewesen, daß die Traurigkeit ein Gift sei, welches den Menschen viel eher als die stärkste Hydra würget. Deswegen suche ich etwas, welches nur fröhliche Wirkung mit sich führe und tauglich sei, uns in etwas des Schmerzes zu entbinden, welchem alle Menschen, und zwar jeder nach seinem gewissen Maße, ergeben sind. Ich verstehe unter solchem Schmerze die zeitlichen Verdrüßlichkeiten, welche auch die Allergewaltigsten dieser Erde niemals von sich zu legen gewürdigt werden, und darum ist es nötig, daß man den Melancholischen eine Schrift vorlege, die beides, ihre langweiligen Stunden und die wunderlichen Grillen, zu vertreiben nötig sei.

Ist also dieses die Ursach dieser Schrift, nicht daß ich gesinnet sei, dadurch große Streiche zu tun, aber wohl, zu ergötzen diejenigen, welche außer Lesung eines kurzweiligen Buches wenig Ergötzlichkeit finden, sondern von Natur mit höchst beschwerlichen Grillen und tausend Phantasien zu kalmäusern gewohnt sind. Denen lege ich dieses Buch vor, nicht, als ob ich ein Belieben an ihrem traurigen Gemüte, sondern viel mehr ein Erbarmen fühle, welches mir diese geringe Arbeit aus dem Kopf und die gegenwärtigen Zeilen aus der Feder gezogen, und ob ich gleich bei ihnen meinen vorgenommenen Zweck nicht erreiche, ist mir's doch genug, daß ich beim Aufzeichnen dieses Buchs mich selbst bei dem warmen Ofen und einem Glas Wein der Beschwerlichkeit enthoben, welche man in den frostigen Winterszeiten fast durch die halbe Welt empfindet.

Ist demnach anfangs meiner Historia zu wissen, daß ich keiner von Adel oder sonst hocherfahrener Welt-Statist sei. Deswegen wird mir nicht für übel gehalten werden, so ich dort oder da einen oder andern Schnitzer in meine Schrift menge, weil die Reinlichkeit zu schreiben entweder denen zukommt, welche bei Hof erzogen oder aber diesen, so auf hohen Schulen noch vor dem zwanzigsten Jahr ihres Alters Doctores worden. Also ästimiere ich die für klüger als mich, welchen eine so hohe Dignität drei Jahr eher als der Bart conferiert wird, und wird sich demnach niemand über meine schlechte Art zu schreiben verwundern, wenn ich als ein auf der Einöde Wohnender mich um keine große und zu Hof bräuchliche Redeart bekümmere noch mit spitzigen Zähnen fremde Nüsse aufbeiße. Und warum sollte ich um eine hohe Schreibart bekümmert sein, indem ich von gemeinen Sachen rede? Ein gemeiner Handwerksmann wird in einem Silberstück viel mehr geschimpfet als geehret, und ein hinkendes Pferd hat selten einen silbernen Schellenkranz auf dem Halse. Also sieht es mich für gut an, gleiche Sachen mit gleichen Farben abzumalen und so zu reden, daß man von allen verstanden werde.

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