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Zu Besuch bei Don Otavio
(Leseprobe aus: Zu Besuch bei Don Otavio,
Eine mexikanische Reise, 2007, SchirmerGraf
- Übertragung Christine Spiel)
Die zwischen den Flüssen liegende
Insel Manhattan ist keine Durchgangsstation, sondern ein Sackbahnhof. New York
mit der Eisenbahn zu verlassen hat etwas vom Krebsgang an sich. Unser Fahrtziel
liegt im Südwesten, aber wir müssen die Stadt in nördlicher Richtung
unterfahren. In der 96. Straße taucht man an die Oberfläche. Der
Saint-Louis-Expreß rollt über dem Straßenniveau auf einer Art Rampe dahin wie
eine Hochbahn. Harlem. Bahnhof 125. Straße, dieser absurde, kleine, wellblechüberspannte
Haltepunkt dicht über den Dächern der Häuser. Die Straßen der einfachen
Leute. Niedrige Backsteinhäuser, in den Fenstern Wäsche zum Trocknen, Männer
in Unterhemden, die den langen Abend schwitzend in Zimmerenge erdulden. Drunten
auf dem Straßenpflaster Kinder, die wie eh und je über Kreidekreise hin und
her hüpfen. 205. Straße. Ein Mann rasiert sich am offenen Fenster. Wenn man
mit dem Schiff
reiste, würde man jetzt den Hudson hinunterfahren. Man würde die Geräusche
der Schiffe und des Flusses hören. Vielleicht läge die Queen Elizabeth im
Hafen. Man würde an Werften, Docks und Speichern vorübergleiten und die Namen
von Überseedampfern lesen, die nach Rio und nach China gehen. Man würde das
Meer riechen und Fernweh bekommen. Dann würde man die Battery passieren und die
berühmte Skyline erblicken, gerade wenn die Lichter aufgehen.
Das wäre das New York der glanzvollen Silhouette, nicht das New York der trübseligen
Einzelheiten, und vermutlich hätte man Tränen in den Augen. Immerhin, man fühlt
sich recht behaglich. Und ungestört. E. und ich hatten es fertiggebracht, ein
Schlafabteil für uns allein zu bekommen. Sie kosten nur etwa einen Dollar mehr
als ein Platz im gemeinsamen Schlafwagen, sind aber sehr schwer zu ergattern.
Endlich unterwegs. Ich holte ein Fläschchen Gin heraus, eine Thermosbox mit
Eiswürfeln, etwas Angostura und aus einem Lederetui die Woolworth-Gläser, die
längst die silbergefaßten, geschliffenen Reisebecher abgelöst haben, mit
denen unsere Vorväter durch eine bessere Welt gereist sind, und mixte uns zwei
große pink-gins.
»Hat der Junge von Bellows ein Trinkgeld bekommen?« fragte E.
»Von mir nicht. Hast du Mr. Holliday das Buch zurückgegeben?«
»Oh, nein. Wie peinlich.«
»Jetzt können wir daran nichts mehr ändern.«
Wie erholsam, endlich frei zu sein! Wir waren in anonymen und, wie man
voraussetzte, fähigen Händen, in denen der Great Eastern and Missouri Railroad.
Die nächsten vier Nächte und fast vier Tage. Vier Stunden aufrecht auf einem
Platz im Zug zu sitzen ist langweilig; acht Stunden sind verdammt lang, zwölf
entsetzlich. Ein gradueller Unterschied ist ein wesentlicher Unterschied: Vier
Tage auf der Bahn sind ein Waffenstillstand mit dem Leben. Und immer gibt es
etwas zu essen. Ich hatte einen Korb und einen Karton vollgepackt.
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