Das Haus des Witwers von John Bayley, 2002, BeckJohn Bayley

Comédie Francaise
(aus Das Haus des Witwers, Roman, 2002, Beck)

Nichts stimmt einen Witwer glücklicher und friedlicher, als wenn ein Gast nach einem gelungenen Besuch wieder abgereist ist und er selbst allein zu Hause zurückbleibt. Vor mir lag ein langer, fauler, himmlischer Vormittag. Ich würde ein Weilchen herumsitzen, in ein Buch schauen, in den Garten schlendern (es war ein milder, sonniger Morgen), ein bißchen was einkaufen gehen, wenn ich dann hungrig war, geruhsam zu Mittag essen und dazu ein gewisses Quantum trinken. Danach vielleicht ein kleines Nickerchen, denn der Schlaf letzte Nacht war ziemlich lückenhaft gewesen, um es milde auszudrücken.

Ein ruhiger, stiller Tag erwartete mich, ein richtiger Witwertag. Ich sah ihm mit Befriedigung entgegen.

Da klingelte es. Wahrscheinlich der Briefträger oder ein Eilbote, dachte ich. Lästig, aber nicht bedrohlich. Ich ging, um zu öffnen.

Als Mella mein Gesicht sah, schien ihr eigenes ebenfalls länger zu werden. Als wiederum ich das sah, setzte ich ein freundlicheres auf und überlegte, welchen Kurs ich einschlagen sollte. Der köstliche, ruhige Tag, auf den ich mich gefreut hatte, wich zurück wie eine Fata Morgana.

«Komme ich ungelegen?» fragte Mella ängstlich.

Wenn ich ja sagte, würde sie weggehen, und ich wäre darüber nicht glücklich - und der Tag wäre so oder so verdorben.

«Nein, natürlich nicht. Kommen Sie herein.»

So als hätte sie nur auf diese Einladung gewartet, um einer geringfügigen, aber unumgänglichen Pflicht nachzukommen, machte Mella einen unbeholfenen kleinen Satz vorwärts und gab mir einen Kuß auf die Backe. Ihr Recht dazu schien sie aus jener «spontanen» Geste der Zuneigung abzuleiten, mit der sie sich beim letzten Mal von mir verabschiedet hatte.

Da der angenehme Tag, den ich geplant hatte, meinem Blick entschwunden war, betrachtete ich jetzt Mella – und dies mit einem größeren objektiven Interesse als je zuvor. Das hatte etwas mit meinen jüngsten Erlebnissen mit Margot zu tun - vielleicht, so seltsam es klingt, mit dem Erlebnis der letzten Nacht.Formlos und doch zierlich, wie sie war, mit ihrem bleichen Gesicht und ihrem glatten, fahlen Haar, sah Mella immer aus, als wäre sie eher wie ein Herbstblatt vor meine Haustür geweht worden, als daß sie aus eigenem Antrieb gekommen wäre. Ihre Erscheinung stand in absolutem Kontrast zu der Margots (dunkelhaarig, üppig, dynamisch), und doch herrschte eine gewisse Ähnlichkeit zwischen ihnen. Beide hatten etwas Vages an sich, auch wenn es in Margots Fall nicht so deutlich in Erscheinung trat. Beide konnten mich dadurch irritieren, daß sie aussahen, als erwarteten sie etwas, ohne genau zu wissen, was es war oder wie man es anstellen sollte, es zu bekommen. Und in beider Leben gab es natürlich vieles, wovon ich nichts wußte und auch nichts wissen wollte. Hatte ich nicht heute morgen genau dieses Gefühl bei Margot gehabt? Und Mella hatte natürlich ihren kleinen Sohn und andere, denen ihre Zuneigung gehörte - einen Ehemann oder Partner oder Freund oder wie immer das hieß.

Und ich? Hatte ich keine Bindungen? Nein, hatte ich nicht, nicht mehr. Und das war das Problem. Oder die Gefahr. Ich war das Vakuum, in das sie einströmen, die Leeküste, auf die sie zutreiben konnten.

Mella sah mich ziemlich besorgt an. Wahrscheinlich hatte ich sie eine ganze Zeitlang angestarrt, ohne sie wahrzunehmen. Ich beeilte mich, ihr den obligatorischen Nescafé mit dem dazugehörenden Schokoladenkeks anzubieten.

«Ach, Sie sind ein Schatz!» sagte Mella, was ich ziemlich überflüssig fand, und küßte mich ein wenig förmlich auf beide Wangen. Das amüsierte mich und freute mich und rührte mich auch. Ich wußte, daß Mella gewissenhaft kopierte, was man heutzutage in normalen gesellschaftlichen Situationen unter Freunden und Bekannten tat, wenn auch vielleicht nicht unter ihren Freunden. Generell war das sicherlich nicht üblich. Und doch wußte sie intuitiv, daß es etwas war, was ich bei anderen Leuten tat, bei anderen Freunden, und deshalb wollte sie es bei mir auch tun. Irgendwie schien sie an diesem Morgen etwas Unnatürliches an sich zu haben, was mich meinerseits nervös machte.

Sich umschauend, wie sie das jetzt gern tat, war Mella bereits mitten drin im Durcheinander des Hauses. Aber dann sah ich sie wie einen Bluthund stehenbleiben, so als hätte sie die Anwesenheit und die Aktivitäten eines anderen gewittert. Einer anderen Frau? Diese Möglichkeit war mir nie in den Sinn gekommen. Schließlich hatte Margot so gut wie nichts getan, um das Aussehen des Hauses zu verändern. Sobald der Staubsauger seinen Geist aufgegeben hatte, hatte auch sie aufgegeben und alles seinem chaotischen Urzustand überlassen. Und ich war ihr ungemein dankbar dafür gewesen.

Trotzdem hatte Mella etwas wahrgenommen, kaum daß sie das Haus betreten hatte, und es schien die Witterung einer Bedrohung zu sein - das feine Fluidum einer anderen Frau, die hier Besitzansprüche stellte. Aber war das nicht ein bißchen absurd? Heutzutage sind doch Frauen nicht automatisch auf andere Frauen eifersüchtig, die sich, ohne es zu wissen, in ihr Revier verirrt haben. Das annehmen zu wollen wäre einfach männliche Eitelkeit. Außerdem, warum sollte mein Haus in irgendeiner Weise Mellas Revier sein? Obwohl ich langsam das ungute Gefühl hatte, daß Mella es mehr und mehr als solches betrachtete.

Ohne ein Wort zu sagen, fing sie - nachdem sie ihren Kaffee ausgetrunken hatte - damit an, die Küchenfenster zu putzen, wozu sie ein paar Fetzen alten Zeitungspapiers benutzte, die sie im Ausguß angefeuchtet hatte. Ich protestierte umsonst. Da wurde ich schwach und bot ihr verschiedene Lappen an, die ich im Küchenschrank fand, aber sie sagte, ihre Mutter habe immer altes Zeitungspapier benutzt und gefunden, daß man eine Fensterscheibe so am besten blank bekomme. Prompt fragte ich nach ihrer Mutter - nicht weil sie mich interessierte, sondern um Mella zum Aufhören zu veranlassen. Das blockte sie ab, indem sie um einen Eimer bat, und dann nahmen die Dinge - wie angetrieben von ihrem eigenen, fürchterlichen Schwung - ihren Lauf. Wie ein Roboter putzte Mella die Küchenfenster zu Ende und machte sich dann an die im Wohnzimmer.

«Warum tun Sie das?» fragte ich verzweifelt und setzte hinzu: «Ich muß bald weggehen. Es geht wirklich nicht anders.»

Inzwischen lag Mella auf den Knien und hatte sich den Fußboden vorgenommen. Ihr magerer, von den üblichen Studentenjeans umhüllter Po ragte hervor, als sie ihre Lappen so weit vor sich herschob, wie es ihre jetzt bloßen Arme erlaubten. Sie hatte mich nach einem Wischmop gefragt, und obwohl ich ihr gesagt hatte, daß es, soweit ich wisse, keinen gebe, hatte sie sich auf eine ausgedehnte Suche im ganzen Haus und in allen Küchenschränken gemacht.

«Ich bringe beim nächsten Mal einen mit», hatte sie gesagt.

Inzwischen war ich völlig benommen. Wie sollte ich sie bloß loswerden? Ich dachte daran, wie sie mir die erste Pastete gebracht und ich sie aus dem Haus bugsiert hatte. Aber dann war sie ja geduldig an der Tür stehengeblieben, wo ich später die Pastete fand, als ich wieder nach Hause kam.

Diese Situation hier war viel, viel ernster. Die grimmige Entschlossenheit, mit der sie jetzt am Werk war, schien jede Art von Intervention unmöglich zu machen. Ich zögerte.

«Gehen Sie ruhig», sagte Mella, ohne vom Fußboden aufzusehen.

«Aber was ist mit Ihnen?»

«Ich mache hier bloß fertig, und dann gehe ich auch. Seien Sie ganz unbesorgt.»

Dies war eine völlig neue Mella, eine, die ich noch nie zuvor gesehen hatte. Ihr Anblick und all diese grimmig-energischen Bewegungen erfüllten mich plötzlich mit bösen Vorahnungen, ja beinahe mit Verzweiflung. Was war bloß geschehen?

«Gut, wenn es Ihnen also wirklich nichts ausmacht», sagte ich kläglich.

Ich gab ihr auf die allererbärmlichste Weise nach und konnte immer noch nicht begreifen, wie das geschehen war und warum. Ich hatte jetzt nur einen einzigen Wunsch, ich wollte hier raus. Wollte raus aus meinem eigenen Haus! Angenommen, sie weigerte sich wegzugehen, wenn ich wiederkam? Was dann? Und was war mit ihrem kleinen Jungen und der Freundin, mit der sie, wie es aussah, mehr oder weniger zusammenlebte? Alison? Angela? Etwas in der Richtung. Das hatte sie mir einmal erzählt.

Ein beinahe wildes Platschen und Klatschen von nassen Lappen ertönte. Fast benommen inzwischen, floh ich aus dem Raum und erreichte die Haustür. Dort blieb ich stehen. Ich konnte mich immer noch nicht entscheiden, was ich tun sollte. Ich mußte an die Vorfreude auf den heutigen Tag denken, die ich empfunden hatte, nachdem Margot abgefahren war - wie viele Stunden, wie viele Ewigkeiten war das her? So sieht ein Ertrinkender sein Leben vor seinen Augen vorüberziehen. Ich stellte fest, daß ich tatsächlich die Augen zugemacht hatte. Als ich sie wieder aufmachte, sah ich Margots Autofahrerhandschuhe, die so auffällig wie möglich auf dem kleinen Bord bei der Haustür lagen. Sie hatte sie vergessen.

Es waren sehr elegante Handschuhe, eine von Margots wenigen Affektiertheiten. Sie trug sie immer, so als wären sie das äußerlich sichtbare Zeichen dafür, daß sie eine gute Fahrerin war, was zweifellos stimmte. Sie waren aus einem schwarzen, netzartigen Material und hatten eine schwarzlederne Innenseite mit kleinen Löchern darin für besseren Halt oder zur Belüftung oder was weiß ich. Sie sahen äußerst teuer aus.

Ich erinnerte mich, daß wir plaudernd an der Haustür gestanden und uns auch noch unterhalten hatten, als ich Margot, ihre Reisetasche tragend, zu ihrem Wagen gebracht hatte. Die Handschuhe mußten praktisch das erste gewesen sein, was Mella gesehen hatte, als sie das Haus betrat. Kein Wunder, daß sie so suchend, ja beunruhigt in der Küche umhergeblickt hatte, als befürchtete sie, noch mehr zu finden. Todsicher hatte sie die Handschuhe gesehen.

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