|
|
Singvogel
(Leseprobe aus: Singvogel, Roman,
2005, Piper)
1
Wie schnell sich doch die Dinge ändern. Vor weniger als drei Wochen war ich
noch
ein zufriedener Pessimist in einem aufgeräumten Leben, der glaubte, sich zu
kennen, und nicht wußte, daß man auch verlieren kann, was man nie besaß.
Es war der neunte Januar, und ich war fünfzig Jahre und zwei Tage alt und so
wenig begierig, den Tag zu pflücken, daß ich mich wieder und wieder im Bett
umdrehte und bis zum Anschlag weiterschlief. Erst als es mir auch mit Kraft
nicht mehr gelang, die Lider geschlossen zu halten, klappte ich die Decke weg
und schlurfte ins Bad, um den Morgenmantel zu holen, und dann in die Küche, um
mit erwachenden Lebensgeistern an der nagelneuen chromblitzenden
Gaggia-Espressomaschine, meinem Geburtstagsgeschenk, zu hantieren.
Sie war schon eingeschaltet und damit aufgewärmt, eine Tasse stand davor, und
daneben lag eine Notiz: Mülltüten, Glühbirne, OB, Buttermilch, die tägliche
Einkaufsliste. Ich ging in den Flur zur Garderobe und steckte den Zettel gleich
ins Jackett, sonst würde ich ihn vergessen, wie ich mittlerweile nahezu alles
vergaß, wenn es nicht aufgeschrieben an der richtigen Stelle klebte, steckte
oder lag.
Um mich nicht vor Alzheimer fürchten zu müssen oder den Folgen meines
Alkoholkonsums, erkläre ich mir diese Vergeßlichkeit neuerdings damit, daß
mich
die Dinge, an die ich denken soll, einfach nicht mehr interessieren. Das ist
eine Ausflucht, wie so vieles, was ich mir zum Herunterspielen meiner Defizite
herbeiimprovisiere – falls Alzheimer und Alkohol tatsächlich keine Rolle
dabei
spielen, ist das Vergessen von Namen, Verabredungen und Erledigungen eine der
Peinlichkeiten, die ich seit meinem Geburtstag unaufhaltsam auf mich zukommen
sah: eine Alterserscheinung.
Die Zeitung fehlte wie immer – meine Frau nimmt sie mit zur Arbeit, um sie
dort
in Ruhe zu lesen, also trank ich meinen Espresso stehend, frierend und rauchend
auf dem Balkon, duschte, zog mich an, verließ die Wohnung und ging zur Garage.
Und fuhr zum Büro. Und schaltete die Espressomaschine an, eine Saeco, die der
Gaggia nicht ganz ebenbürtig ist, fuhr den Rechner hoch, holte die E-Mail ab,
stellte den Anrufbeantworter aus und warf die Millionengewinne, Sonderangebote
und Spendenaufrufe, die ich aus dem Briefkasten gezogen hatte, in den
Papierkorb. Und zündete mir eine Zigarette an. Nachdem ich all die Kredit-,
Viagra- und Softwareangebote gelöscht hatte, blieben noch vier Mails, die ich
der Reihe nach öffnete.
Von Walter: Ich weiß, daß es dir gar nichts ausmacht, seit vorgestern ein
alter
Sack zu sein, aber ich drück dir trotzdem mal mein Beileid aus. Vielleicht
erinnerst du dich noch: Letztes Jahr, als es bei mir soweit war, kam ich
äußerst
scheiße drauf, und du hast mich getröstet. Falls du Bedarf hast, revanchier
ich
mich jetzt. Denk dran, in unserem Alter schmeckt der Wein besser, klingt die
Musik schöner (natürlich nicht durchs Hörgerät, soweit sind wir ja noch
nicht),
hält man das Feuilleton für eine tolle Sache und Sex für überschätzt, und
das,
obwohl einem die schönsten Frauen nachpfeifen, weil sie auf graue Schläfen
stehen, kurz: Es ist eindeutig, daß man sich zurücklehnen darf, weil man aus
all
den bisher absolvierten Dummheiten was gelernt hat. Glückwunsch.
Alles andere, das nahende Abkratzen, Gebrechen, Bustourismus, ist nicht
wegzureden, also stellen wir uns und rufen höhnisch unserem Schöpfer zu: Fang
mich doch, da bin ich doch. Aber ganz leise. So leise, daß er es nicht
womöglich
noch hört. In diesem Sinne. Walter
P.S. Hab deinen Weihnachtsfilm gesehen. War scheiße.
Von Ingrid: Lieber Chris, wie ist es? Alles wie immer, oder merkt man doch was?
Ich wünsch dir jedenfalls alles Gute, daß du dir noch Sehnsüchte bewahrst und
Pläne verfolgst, daß du dich abends aufs Heimkommen freust und morgens aufs
Abhauen. Hihi. Du siehst, ich bin verlegen, weil ich nicht weiß, was ich
(C) Piper Verlag GmbH, München
schreiben soll. Ich wünsch dir, daß du glücklich bist. Basta. Und bitte sei
so
gut, sag mir, daß es überhaupt nicht schlimm ist, fünfzig zu werden, ich mach
mir nämlich in die Hosen vor Angst – bei mir ist es im April soweit. Weißt
du
ja. Wie immer: alles Liebe, Ingrid
Von Emilio: Hallo Christian, kannst du mir die Adresse deiner Agentur noch mal
schicken? Ich hab sie schon wieder verloren. Und wenn du schon dabei bist, auch
die von Sönke Wortmann und der FFA. Danke. Hast du nicht demnächst Geburtstag?
Und von einer Unbekannten: Hallo Herr Uhlig, da sitz ich am 22. Dezember allein
zu Hause, alle sind weg zu ihren Eltern, zum Skifahren oder in die Wärme
geflüchtet, das Wetter vor der Tür ist grauslich grau, und mir wird so seltsam
trüb im Herzen, daß ich denke, der einzige Weg, diesen Abend zu überstehen
ist:
Kuschelrock und Alkohol, und zwar so lange, bis ich den erstbesten Bekannten
anrufe und ihm ein Zwei-Stunden-Gespräch aufdränge, nach dem er glaubt, meine
große Liebe zu sein.
Problem eins: Im Kühlschrank ist nur Sekt. Den hat mir irgendwer, der mich
nicht
gut genug kennt, mitgebracht, weil er hoffte, mich damit rumzukriegen, aber ich
habe ihm die Tür vor der Nase zugeschlagen, den Sekt genommen und als Geschenk
für irgendwen sonst gebunkert. Ich hasse Sekt.
Problem zwei: Ich hasse auch Kuschelrock, und deshalb habe ich so was nicht im
Haus.
Was tun also? Fernsehen.
Ich war auf Trash aus und wurde fündig. »Wenn alle Herzen schmelzen« bei RTL.
Der Abend war gerettet. Dachte ich. Ich saß also erwartungsvoll, Kakao vor mir,
Gebäck im Mund und Krümel schon überall auf dem Sofa verteilt, vor der Glotze
und freute mich auf Sülze à la Pilcher, und was kam da? Ein Lastwagenfahrer
klaut seinen Sohn und will ihm was Wichtiges zeigen. Und nach ein paar Minuten
wird mir klar, daß man mich um mein kitschiges Mädchenfutter betrügt – ich
sehe
einen guten Film. Einen, der mir ans Herz geht, bei dem ich den Figuren zurufen
möchte, sie sollen doch mal hinhören, sie sollen doch mal nachdenken, sie
sollen
sich doch nicht so dumm weh tun gegenseitig, dann wären sie auch nicht so
hilflos, wenn sie mal versuchen, was Liebes hinzukriegen. Kurz: Ich war
angerührt, begeistert, mitgenommen von der Traurigkeit und Wärme dieser
Geschichte und saß am Ende, wie im Kino, so lange da, bis ich den ganzen
Abspann
gelesen hatte. Das ist heutzutage eine Leistung, wie Sie sicher wissen, weil man
parallel dazu schon die Ohren vollgebrüllt kriegt mit der Ankündigung des
nächsten Films.
Im Abspann stand Ihr Name, den gab ich dann bei Google ein und landete
irgendwann auf der Homepage Ihrer Agentur, dort fand ich Ihre E-Mail-Adresse,
und hier kommt meine Frage: Wie kann man einen so ekelhaften Titel für einen so
schönen Film verwenden? Jana Brüggemann
Jetzt war auch die Saeco warm, und ich machte mir den ersten Cappuccino des
Tages. Ich las die Mail noch mal. Fanpost. Das war mir noch nie passiert.
Niemand kommt auf die Idee, sich an einen Drehbuchautor zu wenden. Man hält den
Regisseur für den Urheber eines Films und denkt, wenn er gut war, das liege an
den Schauspielern. Diese Frau war intelligent. Oder sie kannte sich im Metier
aus. Und sie lobte mich.
Ich antwortete der Reihe nach.
An Walter: Danke. Brauchst mich nicht zu trösten – ich steh das schon durch.
Aber wann hast du je eine Frau mir nachpfeifen gehört? Wüßte ich das nicht?
Hab
ich was an den Ohren? Das würde ja passen. Servus. Christian
P.S. Der Film war ausnahmsweise mal nicht scheiße – entweder hast du ihn
nicht
gesehen und dir gedacht »ist ja immer Mist, kann ich auch diesmal behaupten«,
oder du hast keinen Geschmack. Das allerdings befürchte ich schon länger. Mach
dir nichts draus. Ohne lebt man besser.
Rezension I Buchbestellung I home 0I08 LYRIKwelt © Piper