Das Aquarium von Thommie Bayer, 2002, Eichborn

Thommie Bayer

Das Aquarium
(Leseprobe aus: Das Aquarium, Roman, 2002, Eichborn)

Sie waren zu viert. Einer blieb im Transporter sitzen und liess den Motor laufen, während ein anderer die Fensterfront im Erdgeschoss abging und sich der dritte und vierte an der Haustür zu schaffen machten. Sie brauchten keine zehn Sekunden, um sie aufzukriegen. Alle drei verschwanden im Haus, und der, der die Fensterfront abgeschritten hatte und den Hauswart entdeckt haben musste, postierte sich jetzt vor dessen Tür, während sich die anderen in atemberaubender Geschwindigkeit über die Wohnungen hermachten. Die Türen knackten sie mit einem zylinderförmigen Gerät - es sah aus, als schössen sie die Schlösser auf. Sie hielten das Ding unter die Klinke, es gab einen Ruck, und sie schoben die Tür auf. Profis. Der eine war noch in der Wohnung der alten Frau beschäftigt, er steckte gerade irgendwas in die schwarze Sporttasche, die über seiner Schulter hing, als der andere schon die Küchenschubladen des Lehrerpaares rausriss und einfach auf den Boden fallen liess. Die waren sich ihrer Sache verdammt sicher.

Zuerst war ich nur fasziniert gewesen und hatte einfach zugeschaut, aber dann schoss mir durch den Kopf, dass sie da oben sass und vollkommen wehrlos war. Ich musste die Polizei anrufen.

Es war nicht der Idiot von letzter Woche. Ich nannte schnell Namen, Adresse und Telefonnummer und sagte, im Haus gegenüber werde eingebrochen. Professionell. Sie sähen für mich aus wie Russen oder Polen, und sie rollten das Haus von unten her auf. "Bitte kommen sie schnell", sagte ich, "oben sitzt eine Frau im Rollstuhl."

"Wir schicken jemand", sagte der Beamte knapp, "bleiben sie zur Verfügung, wir brauchen nachher ihre Aussage."

Als ich wieder am Fenster stand, war der eine schon bei den Italienern, und der andere legte gerade sein Ohr an die Tür gegenüber. Nur noch zwei Stockwerke zwischen ihr und ihnen. Wenn nicht ein Streifenwagen ganz in der Nähe war, hatte sie keine Chance mehr.

Obwohl mir schlecht war vor Angst - ich bin kein Krieger, eher ein Verhandler und Kompromissler, ich habe mich seit meiner Kindheit nicht mehr geschlagen -, rannte ich runter. Mir schlug das Herz im Kehlkopf, und ich nahm drei Stufen auf einmal auf den geraden Strecken und zwei in den Kurven.

Aber auf dem untersten Absatz wurde ich langsamer. Wie sollte ich an dem Kerl im Auto vorbeikommen? Und wie an dem vor der Hauswartswohnung? Nachdenken. Ich blieb stehen.

Vielleicht lag auch darin meine Chance: Ich gehe ins Haus, der Mann im Auto ruft die anderen mit seinem Handy an, und sie brechen die Aktion ab. Ich riss die Tür auf und ging stur, ohne auf das Auto zu achten über die Strasse.

Atmen. Die Tür fiel hinter mir zu.
Der vor der Hauswartswohnung tat so, als habe er sich in der Tür geirrt und wolle gerade wieder gehen, als er mich sah. Ich musste weitergehen. Atmen. Der konnte mir jetzt einfach in den Rücken fallen und mich niederschlagen oder abstechen, aber er schlenderte Richtung Ausgang. Ich ging die Treppe hoch.

Sie kamen mir schon vom dritten Stock entgegen. Der eine hatte ihren Laptop unterm Arm, und die Sporttaschen, die sie beide, inzwischen nicht mehr über den Schultern, sondern in den Händen trugen, wirkten gut gefüllt. Sie nickten mir zu, ich nickte zurück und ging weiter nach oben.

Auf dem Absatz machte ich halt. Meine Knie waren wie aus Watte, ich hielt mich am Geländer fest, bis ich die Haustür unten zufallen hörte.

Ich rannte runter und raus, sah den Transporter schon in die Kreuzung einbiegen und hörte eine Polizeisirene. Na toll. So schlau. Mit Sirene ankommen, damit der Einbrecher auch schön gewarnt ist. Ich ging schnell über die Strasse und zurück in meine Wohnung. Ich hetzte so, dass ich kaum noch Luft bekam, als ich endlich wieder oben war und zum Fenster ging.
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Sie blutete im Gesicht. Und sie weinte. Ich sah es daran, dass sie sich mit den Handballen über die Augen fuhr, wie ein trotziges kleines Kind, das niemandem den Anblick seiner Tränen gönnen will. Mit den Tränen verschmierte sie auch das Blut. Sie schien es erst jetzt zu bemerken, denn sie schaute erstaunt auf ihre Handfläche. Sie saß ein Stückchen entfernt von ihrem Wohnzimmertisch, auf dem der Computer fehlte.

Der Hauswart und die Polizisten gingen von unten nach oben durch die Wohnungen und begutachteten den Schaden. Ich fühlte mich fürchterlich.

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Als die Polizei bei mir klingelte, war ich froh über die Ablenkung. Ich sagte dem Beamten alles, was ich wußte - die Autonummer hatte ich nicht lesen können, hatte den Transporter nur von der Seite gesehen, aber ich beschrieb Wagen und Personen so genau ich konnte, obwohl der Beamte mir nicht den Eindruck großer ermittlerischer Leidenschaft vermittelte. "Die sind in einer Stunde an der Grenze", meinte er, "wenn wir Glück haben, erwischen wir sie dort." Er glaubte nicht daran. "Danke für ihren Hinweis", sagte er noch, als er sich verabschiedete, "wenn mehr Leute die Augen offen halten würden, hätten wir mehr Chancen gegen die Gauner." Ich schämte mich doppelt. Für mein Glotzen auf das Nachbarhaus und dafür, nicht rechtzeitig eingegriffen oder wenigstens angerufen zu haben. Nein dreifach. Das Lob des Polizisten klang mir zu sehr nach Blockwart und Drittem Reich.

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Ich trank ein Glas Grappa in der Küche, dann noch eins, dann machte ich mir einen Espresso. Ich wollte nicht ans Fenster gehen.

Irgendwann ging ich doch, und was ich sah, stellte mir den Atem ab. Ich stand ganz still, bewegte mich nicht und starrte ins bcg/aquarium.

Sie saß ruhig am Fenster und sah zu mir her. Und jetzt, da ich sie sah - auf einmal war ich mir sicher, daß sie es wußte - drehte sie den Rollstuhl, fuhr zur Wand, stellte sich quer davor und schrieb, so hoch ihr Arm reichte, mit dicken roten Buchstaben:

W0 WARST DU?

Ich atmete noch immer nicht.
Nachdem sie das geschrieben hatte, sah sie nicht mehr zu mir herüber. Sie rollte zum Badezimmer, ließ die Tür offen, und ich sah, wie sie sich mit den Händen aus dem für mich unsichtbaren Wasserhahn Wasser ins Gesicht schaufelte. Dann trocknete sie sich ab und fuhr in die Küche. Dort saß sie einfach am Tisch, die Ellbogen aufgestützt, das Gesicht in die Hände gelegt und weinte. Ich war mir sicher, daß sie weinte.

Ich war ganz an die Wand zurückgewichen, und jetzt ließ ich mich daran heruntergleiten, bis ich den Boden unter meinem Hintern spürte. Ich sah abwechselnd auf sie am Küchentisch und die dicken roten Buchstaben an der Wohnzimmerwand.

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