|
|
Dicht vor mir, auf dem leicht bewegten Wasser, liegt Ulrike rücklings auf der Luftmatratze, die wir gemeinsam aufgeblasen haben, und der Anblick ihres nackten Körpers, den ich anfassen kann, wann immer mir danach ist, erscheint mir fast wie etwas Unglaubwürdiges, so, als stünde mir solch ein Glück gar nicht erst zu. Meine Füße berührenden sandigen Grund, und mit beiden Händen habe ich die Matratze gepackt und schiebe Ulrike vor mir durch die Wellen, weg vom Strand und den Menschen, hinaus zum Horizont, und sobald ich nicht mehr stehen kann, beginne ich zu schwimmen und stoße uns mit jeder Bewegung weiter ins offene Meer. Ulrikes lachender Mund, ihre runden Brüste, ihr Bauch mit dem Nabelschlitz, ihre behaarte Scham, ihre schön geformten Beine – all das verlockt zum Küssen und erfüllt mich mit einer Mischung aus Sanftmut und dem Hunger darauf, ihren Körper so nah wie möglich an meinem zu spüren. Wir haben schon die unsichtbare Linie hinter uns gelassen, die von den jeweils letzten Pflöcken der Pfahlreihen, die als Wellenbrecher dienen, gezogen wird, und wenn ich mich umdrehe und zum Strand schaue, kann ich die Gesichter der Menschen nicht mehr unterscheiden.
Ulrike hat den Kopf zurückgelegt, und ihr Haar treibt im Wasser. Es ist naheliegend, dass ich an die Jahrhundertwendebilder von weiblichen Wasserleichen denken muss, aber der Gedanke verlässt meinen Kopf genauso schnell, wie er gekommen ist. Ich spreche nicht, manchmal nur muss ich beim Atemholen prusten oder spucke verschlucktes Salzwasser aus. Allein das Geräusch des Meeres und die Schreie der Möwen sind zu hören und der Wind, der unsere Ohren mit seinem Brausen sättigt. Hin und wieder treiben wir durch eine Welle, die größer ist als die anderen, dann gibt Ulrike ein vergnügtes Jauchzen von sich, und ich muss mich etwas mehr ins Zeug legen, damit mir die Luftmatratze nicht entgleitet. Auf Ulrikes Bauch hat sich eine Gänsehaut gebildet, und die feinen blonden Härchen darauf glitzern in der Sonne. Immer wieder schwappt das Wasser über ihren Körper und hält ihn nass, als wäre sie ein Lebewesen, dass an der Luft austrocknen und verenden würde, und als wäre das Meer ihr wohlwollender Beschützer, der sie vor dem Schlimmsten bewahrt. Ich bin versucht, eine Pause zu machen und für eine Weile meinen Kopf auf Ulrikes Bauch ruhen zu lassen, aber zwinge dann meine untrainierten Beine doch dazu, noch etwas länger durchzuhalten.
Bei einem Blick über die Schulter sind die Leute am Strand nur mehr kleine Gestalten, unmöglich schon ist es, ihre Haarfarbe oder ihr Geschlecht zu erraten. Eine Möwe fliegt so knapp über uns hinweg, dass ich einen Moment lang, in einer kurzen Windstille, das Rascheln ihres Federkleids höre. Ulrike hat ihre Augen geschlossen und liegt auf der Matratze wie eine Bewusstlose. Ihr Kopf leistet dem Schaukeln der Wellen keinen Widerstand, bereitwillig rollt er von einer Seite zur anderen. Immer, wenn sich dabei ihr Gesicht mir zuwendet, schaue ich genau, ob sie mich heimlich durch ihre Lider beobachtet, aber ich kann es nicht mit Gewissheit erkennen, weil ihre dichten und wassergetränkten Wimpern ein Blinzeln nicht verraten. Als ob ich es nötig hätte, ihren Zustand der vermeintlichen Blindheit auszunützen, konzentriere ich meinen Blick auf ihren Schamhügel, dessen Form dazu verleitet, die Hand darauf zu legen, diese Wölbung das passende Gegenstück zur Rundung meiner Hand. Ich stelle mir den Geschmack ihres Schoßes vor, salzig und süß zugleich, und dabei merke ich, wie trotz der Kühle des Wassers mein Glied ein wenig anschwillt, und ich genieße meine Nacktheit und die Schwimmbewegungen meines Unterkörpers noch stärker. Wie in Erwiderung öffnet Ulrike ihre Augen, und ihre Lippen deuten ein verschmitztes Lächeln an.
Das ist der Zeitpunkt für mich, eine Rast einzulegen, und ich greife über ihren Körper auf die andere Seite der Matratze, sodass mein Brustkorb auf ihrem Becken aufliegt. Ulrike streicht mit ihrer rechten Hand über meinen Kopf, während mein Atem langsam ruhiger wird. Ich rutsche etwas höher und presse mein Ohr sanft auf Ulrikes Bauch. Durch das Rauschen des Meeres und des Windes glaube ich etwas von Ulrikes Körpergeräuschen zu vernehmen, das Grummeln und Gluckern ihrer inneren Organe, Laute, für die sie sich bisweilen geniert, die ich aber so liebe, weil sie mir seit dem ersten Moment meines Lebens das Allervertrauteste und Selbstverständlichste sind. Ich mache die Augen zu und überlasse uns beiden ganz dem Wiegen und Schaukeln der Wellen, und die Pfiffe und Schreie der Seevögel scheinen mir aus einem Traum zu stammen, und ich frage mich nicht mehr, was das alles bedeuten soll, höre auf, mich vergewissern zu wollen, gebiete dem Denken Einhalt, nur einatmend und ausatmend liege ich auf Ulrikes Becken, darunter die Luftmatratze, die wir gemeinsam aufgeblasen haben, und unter ihr dann das Meer, durch das wir nicht bis auf den Grund sehen können, und alles, was sich noch tiefer befindet, gehört für uns dem Bereich der Utopien und der Unwahrscheinlichkeit an, kein Ort für Menschen, kein Ort für uns.
Nach einer Weile schlage ich wieder die Augen auf, absichtslos und unvermittelt wie aus dem Schlaf erwacht, und gleichzeitig lasse ich auch meine Beine aufs Neue ihre Stoßbewegungen beginnen, die uns noch weiter vom Land und seinen Bewohnern wegbringen sollen, und ich nehme wahr, wie Ulrike leise eine Melodie summt, eine Tonfolge, die auf und ab geht wie die Wellen, und nach einiger Zeit atme ich synchron zum Takt dieser Melodie, die ihren Rhythmus dem Meer abgelauscht zu haben scheint, und ich brauche mich gar nicht erst umzudrehen, um zu wissen, dass der Strand sich jetzt schon so weit entfernt hat, dass er nur noch von kleinen schwarzen Punkten besiedelt ist, die ihrerseits, wenn sie zu sehen vermögen, einen kleinen schwarzen Punkt draußen im Meer ausmachen können, der ab und zu hinter einer Welle auftaucht und dann wieder verschwindet.
Rezension I Buchbestellung I home 0I09 LYRIKwelt © Jung & Jung