Die Prinzessin von. von Emmanuelle Bayamack-Tam, 2011, Secession Verlag

Emmanuelle Bayamack-Tam

Die Prinzessin von.
(Leseprobe aus:
Die Prinzessin von., Roman, 2011, Secession-Verlag - Übertragung Christian Ruzicska, unter Mitarbeit von Flamm Vidal).

Von allen Frauen im Bus bin ich die einzige, die ein Mann ist. Folglich

bin ich auch die einzige, deren Weiblichkeit kein aufgetakeltes

Theater, sondern eine ebenso intime wie unbestreitbare Gewissheit

ist. Eines Tages werde ich erklären, wenn ich es erkläre, wie

Männer letzten Endes zu weitaus überzeugenderen Frauen werden

als jene, die in utero das kleine, gut geschnürte Paket ihrer anatomischen

Merkmale erhalten haben und darin von Anfang an einen

guten Grund erblickten, nichts zu tun, ein Alibi, um nichts zu sein.

Aber dies ist nicht die Stunde der Erklärungen, und was ich mit

den anderen Reisegefährtinnen teile, offenbart sich als weitaus

konsistenter als jegliche sexuelle Identität – die per se schon bei

fast allen dieser Welt letzten Endes in sich strittig ist.

Was uns verbindet, ist ein gemeinsames Ziel, die Endhaltestelle dieses

dreiziffrigen Busses, der uns, wie jeden Sonntag, eilig ausspuckt,

was ich nur allzu gut nachvollziehen kann, schaue ich auf diese

Herde abgezehrter Katias, Séverines, Amels, Jessicas,

Fatoumatas,

Cindys. Eine Ausnahme könnte man bei Cindy machen, denn die hat

ihre Jugend und Anmut noch nicht komplett zugrunde gehen lassen

im Laufe der Zeit, aber die anderen, Anmut, das haben die noch

nie besessen, und ihre Jugend, die ist jetzt und das ist schrecklich.

Es wäre besser für sie, sofort alt zu sein, aber dieses Glück ist ihnen

offensichtlich nicht eigen, und sie müssen da durch, die Jugend

gleicht einem schlechten Streich, den man ihnen spielt, bei der

Östrogensuppe, die ihnen zu Kopfe steigt und zeitgleich mit den

Träumen der Liebe diese erfindungsreiche Akne beschert, jeder

die ihre, Amel flammende Pusteln, Jessica rosenartige Krusten,

Séverine leichnamblasse Körnchen, ganz zu schweigen von den

ebenso gräulichen wie purpurnen Ekzemen dieser armen Katia.

Nur Cindy und ich sind von diesen Hautproblemen ausgenommen

und Cindy überdies von allem, was die anderen so bitter anzusehen

macht: unzähmbare Buckel, von unprofessioneller Handhabe

verbranntes Haar, verdrehte Beine, gewölbte Nacken, schiefe

Becken, von schlecht gewählten und aufgetragenen Lippenstiften

rissige Münder – feistes Perlmutt, das sich über ramponierte Zähne

schmiert –, und seien Sie sich sicher, dass ich nichts erfinde und

dass ich es nicht nötig habe zu übertreiben, wo doch die Wahrheit

sich selbst genügt und die Hässlichkeit die meistgeteilte Sache der

Welt ist.

Aber ebenso wenig wie dies die Stunde der Erklärungen ist, ist es

die Stunde der Klagegründe, und kraft dessen, was uns verbindet,

kann ich meinen Weggefährtinnen diese Hässlichkeit sehr

wohl verzeihen, die gradewegs ihrer Dummheit entspringt, diese

Hässlichkeit, die aus nichts anderem resultiert als einer gewissen

Anzahl falscher Entscheidungen, zu denen ganz offensichtlich

die Wahl ihrer Sexualpartner gehört, und genau an diesem Punkt

haben sie sich hervorgetan, es musste einfach die Krönung sein,

die perfekte Illustration des Mangels ihrer Urteilsfähigkeit, dergestalt,

dass sie sich gekrönt wiedergefunden haben, Bingo, mit

Durchgeknallten, Mackern wie Drogensüchtigen, Kategorien der

Nichtexklusivität, die einen wie die anderen, die ihnen dann auch

noch die Chance eingeräumt haben, sich vor den Toren einer Vollzugsanstalt

wiederzufinden, und zwar stehen gelassen. Und dass

diese Tore auch noch blau gestrichen sind, ein nacktes Blau, ein

Blau der Sphären und ein Blau der Fluchtträume, erstaunt nur diejenigen,

die noch immer nicht wissen, dass die vereinten Kräfte

des Sadismus und der Ironie des Schicksals sich niemals heftiger

entfesseln als hinter den Toren eines Staatsgefängnisses.

Sobald die Strafvollzugsbehörde der Ansicht ist, dass wir ausreichend

lang gewartet und auf der Stelle getreten haben, öffnen sich

die himmelblauen Flügeltüren. Die Herde der Katias ist schwer

beladen mit Sporttaschen und recyclebaren Einkaufstüten aus

ausgewaschenem und durchgescheuertem Plastik. Ich für mich,

ich benutze ein Allzweckding aus moltongefüttertem Satin mit

dem allerhübschesten Effekt: mir schwebt vor Augen, dass ich mir,

sollte ich anfangen, mit Einkaufstüten rumzurennen, auch noch

die Akne dieser Herde einfange oder, schlimmer, diese schwammartige

Hirnentzündung, von der die Katias mir bereits befallen zu

sein scheinen, alle bis auf Cindy, wohlgemerkt, aber Cindy wird

nicht lange brauchen, um sich was anderes einzufangen, und ab

und an, bedenkt man, was uns das Leben vorbehält, wäre es vielleicht

besser, das Hirn gliche einem vollgesogenen Schwamm.

Die Sicherheitssperre durchlaufe ich gemeinhin wie eine Blume,

wohingegen die Herde der Ks alle denkbaren Schikanen erduldet. Es

muss angenommen werden, dass ich die Wächter nicht ausreichend

verunsichere – oder aber, dass ich es zu sehr tue. Wie auch immer, ich

habe nichts zu verbergen, abgesehen von meiner ursprünglichen

Anatomie, und noch handelt es sich nicht in erster Linie darum,

diese zu verbergen, sondern deren Effekte durch angemessene

Bekleidung und Schminke zu unterwandern. Und plötzlich dann

bin ich als Erste im Besucherraum, ein großes, in Boxen unterteiltes

Zimmer, in dem unsere Partner uns jeweils ungeduldig erwarten,

es sei denn, sie haben gegen den Schreckenanzukämpfen, was bei

dem meinigen der Fall zu sein scheint, wenn ich der Zeichensprache

Glauben schenken darf, die Art, wie er bei meinem Erscheinen sich

in die Ecke drückt und die Lippen bis zum Zahnfleisch schürzt, jeder

x-beliebige Mandrill im Käfig macht dies nicht anders.

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