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Die Prinzessin von.
(Leseprobe aus:
Die Prinzessin von., Roman, 2011,
Secession-Verlag
- Übertragung Christian Ruzicska, unter Mitarbeit von Flamm Vidal).
Von allen Frauen im Bus bin ich die einzige, die ein Mann ist. Folglich
bin ich auch die einzige, deren Weiblichkeit kein aufgetakeltes
Theater, sondern eine ebenso intime wie unbestreitbare Gewissheit
ist. Eines Tages werde ich erklären, wenn ich es erkläre, wie
Männer letzten Endes zu weitaus überzeugenderen Frauen werden
als jene, die in utero das kleine, gut geschnürte Paket ihrer anatomischen
Merkmale erhalten haben und darin von Anfang an einen
guten Grund erblickten, nichts zu tun, ein Alibi, um nichts zu sein.
Aber dies ist nicht die Stunde der Erklärungen, und was ich mit
den anderen Reisegefährtinnen teile, offenbart sich als weitaus
konsistenter als jegliche sexuelle Identität – die per se schon bei
fast allen dieser Welt letzten Endes in sich strittig ist.
Was uns verbindet, ist ein gemeinsames Ziel, die Endhaltestelle dieses
dreiziffrigen Busses, der uns, wie jeden Sonntag, eilig ausspuckt,
was ich nur allzu gut nachvollziehen kann, schaue ich auf diese
Herde abgezehrter Katias, Séverines, Amels, Jessicas,
Fatoumatas,
Cindys. Eine Ausnahme könnte man bei Cindy machen, denn die hat
ihre Jugend und Anmut noch nicht komplett zugrunde gehen lassen
im Laufe der Zeit, aber die anderen, Anmut, das haben die noch
nie besessen, und ihre Jugend, die ist jetzt und das ist schrecklich.
Es wäre besser für sie, sofort alt zu sein, aber dieses Glück ist ihnen
offensichtlich nicht eigen, und sie müssen da durch, die Jugend
gleicht einem schlechten Streich, den man ihnen spielt, bei der
Östrogensuppe, die ihnen zu Kopfe steigt und zeitgleich mit den
Träumen der Liebe diese erfindungsreiche Akne beschert, jeder
die ihre, Amel flammende Pusteln, Jessica rosenartige Krusten,
Séverine leichnamblasse Körnchen, ganz zu schweigen von den
ebenso gräulichen wie purpurnen Ekzemen dieser armen Katia.
Nur Cindy und ich sind von diesen Hautproblemen ausgenommen
und Cindy überdies von allem, was die anderen so bitter anzusehen
macht: unzähmbare Buckel, von unprofessioneller Handhabe
verbranntes Haar, verdrehte Beine, gewölbte Nacken, schiefe
Becken, von schlecht gewählten und aufgetragenen Lippenstiften
rissige Münder – feistes Perlmutt, das sich über ramponierte Zähne
schmiert –, und seien Sie sich sicher, dass ich nichts erfinde und
dass ich es nicht nötig habe zu übertreiben, wo doch die Wahrheit
sich selbst genügt und die Hässlichkeit die meistgeteilte Sache der
Welt ist.
Aber ebenso wenig wie dies die Stunde der Erklärungen ist, ist es
die Stunde der Klagegründe, und kraft dessen, was uns verbindet,
kann ich meinen Weggefährtinnen diese Hässlichkeit sehr
wohl verzeihen, die gradewegs ihrer Dummheit entspringt, diese
Hässlichkeit, die aus nichts anderem resultiert als einer gewissen
Anzahl falscher Entscheidungen, zu denen ganz offensichtlich
die Wahl ihrer Sexualpartner gehört, und genau an diesem Punkt
haben sie sich hervorgetan, es musste einfach die Krönung sein,
die perfekte Illustration des Mangels ihrer Urteilsfähigkeit, dergestalt,
dass sie sich gekrönt wiedergefunden haben, Bingo, mit
Durchgeknallten, Mackern wie Drogensüchtigen, Kategorien der
Nichtexklusivität, die einen wie die anderen, die ihnen dann auch
noch die Chance eingeräumt haben, sich vor den Toren einer Vollzugsanstalt
wiederzufinden, und zwar stehen gelassen. Und dass
diese Tore auch noch blau gestrichen sind, ein nacktes Blau, ein
Blau der Sphären und ein Blau der Fluchtträume, erstaunt nur diejenigen,
die noch immer nicht wissen, dass die vereinten Kräfte
des Sadismus und der Ironie des Schicksals sich niemals heftiger
entfesseln als hinter den Toren eines Staatsgefängnisses.
Sobald die Strafvollzugsbehörde der Ansicht ist, dass wir ausreichend
lang gewartet und auf der Stelle getreten haben, öffnen sich
die himmelblauen Flügeltüren. Die Herde der Katias ist schwer
beladen mit Sporttaschen und recyclebaren Einkaufstüten aus
ausgewaschenem und durchgescheuertem Plastik. Ich für mich,
ich benutze ein Allzweckding aus moltongefüttertem Satin mit
dem allerhübschesten Effekt: mir schwebt vor Augen, dass ich mir,
sollte ich anfangen, mit Einkaufstüten rumzurennen, auch noch
die Akne dieser Herde einfange oder, schlimmer, diese schwammartige
Hirnentzündung, von der die Katias mir bereits befallen zu
sein scheinen, alle bis auf Cindy, wohlgemerkt, aber Cindy wird
nicht lange brauchen, um sich was anderes einzufangen, und ab
und an, bedenkt man, was uns das Leben vorbehält, wäre es vielleicht
besser, das Hirn gliche einem vollgesogenen Schwamm.
Die Sicherheitssperre durchlaufe ich gemeinhin wie eine Blume,
wohingegen die Herde der Ks alle denkbaren Schikanen erduldet. Es
muss angenommen werden, dass ich die Wächter nicht ausreichend
verunsichere – oder aber, dass ich es zu sehr tue. Wie auch immer, ich
habe nichts zu verbergen, abgesehen von meiner ursprünglichen
Anatomie, und noch handelt es sich nicht in erster Linie darum,
diese zu verbergen, sondern deren Effekte durch angemessene
Bekleidung und Schminke zu unterwandern. Und plötzlich dann
bin ich als Erste im Besucherraum, ein großes, in Boxen unterteiltes
Zimmer, in dem unsere Partner uns jeweils ungeduldig erwarten,
es sei denn, sie haben gegen den Schreckenanzukämpfen, was bei
dem meinigen der Fall zu sein scheint, wenn ich der Zeichensprache
Glauben schenken darf, die Art, wie er bei meinem Erscheinen sich
in die Ecke drückt und die Lippen bis zum Zahnfleisch schürzt, jeder
x-beliebige Mandrill im Käfig macht dies nicht anders.
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