Griechischer Kaffee von Nina Bawden, dtv

Nina Bawden

aus: Griechischer Kaffee

Ausgerechnet im Urlaub mit Portia zusammenzutreffen ist das letzte, was Tom Jones erwartet hat. Eine peinliche Begegnung in London war das einzige, was er je ins Auge gefaßt - und gefürchtet hat. Sie wohnen beide noch immer im selben Viertel (das heißt, er nimmt an, daß auch Portia noch dort wohnt), eine Nähe, die einst herrlich bequem war, ihn aber nach Beendigung der Liebesbeziehung zutiefst beunruhigt hat. Lange hat er befürchtet, sie könnten einander zufällig über den Weg laufen, und sich jedesmal innerlich gewappnet, wenn er mit Amy in ein Theater, eine Kunstausstellung oder zu einer Party in der Nachbarschaft gegangen ist. Seine Befürchtungen (redete er sich ein) galten nur Amy. Sie wußte zwar, daß er eine Affäre gehabt hatte - und sie hatte ihm verziehen und die Sache überwunden -, aber sie war Portia nie begegnet, hatte keine Ahnung, wie sie aussah, und hatte nicht ein einziges Mal nach ihrem Namen gefragt. Die Vorstellung, beide Frauen in einem Raum zu sehen, seine arme Amy dabei völlig ahnungslos, machte ihm Angst. (Die Vorstellung, sie aufzuklären, wie er das anständigerweise hätte tun müssen, falls diese unangenehme Situation sich ergab, erschreckte ihn noch mehr.) Doch mit dem Verstreichen der Zeit (mittlerweile ist es vier Jahre her) hat er sich immer seltener Gedanken gemacht; in letzter Zeit, wie ihm jetzt klar wird, fast überhaupt nicht mehr. Törichterweise...
Man soll eben niemals leichtsinnig werden, denkt er bedrückt, während er die kleine, sympathisch mollige (und zu seiner Überraschung sofort wieder vertraute) Gestalt beobachtet, wie sie ihren Koffer auf Rollen aus dem Flughafengebäude in den angenehm warmen ägäischen Sonnenschein hinausbugsiert und auf einem blankpolierten, grünen Minibus zusteuert. Tom entziffert den Namen des Hotels, der in geschwungenen goldenen Lettern auf der Seite des Busses geschrieben steht, und seine letzte schwache Hoffnung schwindet dahin.
O Gott, denkt er, und am Haaransatz und rund um den Hemdkragen bricht ihm der Schweiz aus. Was zum Teufel tut sie hier? Und was zum Teufel soll er tun? Amy hat dieses angeblich komfortable Hotel einzig ihm zuliebe gebucht (eine Pauschalreise, Bezahlung im Voraus). Sie haßt es an Pools oder Stränden herumzuliegen, findet anspruchsvolle Menüs ebenso langweilig wie anspruchsvolle Leute, ist im Urlaub am liebsten ständig auf Achse. Aber er hat gerade eine kleine, peinliche Operation hinter sich, die die Fahrradtour durch die Bretagne, die sie ursprünglich für diese vierzehn Tage im Sommer geplant hatten, unmöglich machte. Amy gab (wiederum seinetwegen) vor, nicht enttäuscht zu sein. Ein fauler Luxusurlaub wäre doch mal eine nette Abwechslung, erklärte sie. Sie zog sogar mit überzeugend wirkendem Vergnügen los, um sich die ihrer Meinung nach angemessene Garderobe zu kaufen. Auch dies, um ihm eine Freude zu machen.
Eine ihrer Errungenschaften hat sie jetzt an, ein schwarzes, von dunkelroten Rosen überwuchertes Kleid mit weitem Rock, das ihren hohen Wuchs und ihre dunkle, knochige Erscheinung zur Geltung bringt, sie unnatürlich exotisch und fremdländisch erscheinen läßt, eher wie eine aparte Zigeunerin denn eine solide Rechtsanwältin. Es wäre besser gewesen, wenn sie bei ihren weißen Blusen, ihren strengen Kostümen und langen Hosen geblieben wäre, denkt Tom, während er zusieht, wie sie einem Träger ihr gemeinsames Gepäck zeigt. Er humpelt (das Gehen ist manchmal immer noch scheußlich schmerzhaft) zu ihr hin. »Warum nehmen wir kein Taxi?«
Sie sieht ihn stirnrunzelnd an. »Meinst du? Die Fahrt ist lang, und wir haben für den Bus schon bezahlt.«
Jetzt wäre der Moment. Er könnte sagen: Darling, es tut mir leid, es ist wirklich lächerlich... Aber er sagt nur: »Oh, na gut. Laß nur«, und empfindet dabei die gewohnte Gereiztheit - wenn man wie Amy reich geboren ist, ist es vermutlich etwas besonderes, aufs Geld zu achten.
Sie sagt hastig: »Ach, entschuldige. Selbstverständlich, wenn du müde bist.«
»Nein, nein, mir geht's gut.« Er reißt seine Augen auf - ein guter Wahlkampftrick, um jenen Ausdruck von Offenheit und Ehrlichkeit zu erzeugen, der bei Wählern, die gerne glauben möchten, daß nicht alle Politiker korrupt sind, hervorragend ankommt. »Ich dachte eher deinetwegen. Ich bin im Augenblick so verdammt unnütz, daß alles an dir hängenbleibt. Vielleicht wäre es bequemer für dich.«
Das ist zu dick aufgetragen, selbst für Amy. Sie zieht mit amüsierter (wenn auch liebevoller Skepsis) die dunklen Augenbrauen hoch.
»Manchmal denke ich auch an dich«, sagt er pikiert.
»Ich weiß, Darling.« Ein reuiges, aber immer noch amüsiertes Lächeln. »Komm - wir nehmen das Taxi.«

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