Brammer
sieht Schwarz und sie lesen etwas
(Leseprobe aus:
Brammer sieht Schwarz und sie lesen etwas, Ein Stück, 2002, Triton/UA
2002, Wien).
Licht aus Schwarz erhebt sich und geht mit ihrem Stuhl an den Bühnenrand und setzt sich.
S.:
Ich kann mich nicht mehr an meine Geburt erinnern. So ein Mist auch. Das war
doch der wichtigste Moment in meinem Leben, irgendwie. Und diesen Moment weiß
ich nicht mehr? Nur die Erzählungen meiner Mutter geben mir ein Bild davon. Ist
das nicht schrecklich? Das wahrlich Beunruhigende daran ist, dass keine meiner
sonstigen Erinnerungen an die Erzählungen meiner Mutter anknüpft. Ich kann
nicht sagen, ob das alles wahr ist, was mir meine Mutter über meine Geburt erzählte.
Ich habe nichts in den Händen, was mir den Wahrheitsgehalt dieser Erzählungen
bestätigte. Normalerweise verhält es sich mit Erinnerungen doch so: Hat man
etwas vergessen, braucht man nur einen Anhaltspunkt, ein Stichwort sozusagen,
dass einem wieder den Weg zu der Erinnerung ebnet. Manchmal fällt es leichter,
manchmal weniger schnell. Aber die Erinnerung kommt wieder, wenn auch
schleierhaft. Ein Aha-Erlebnis, sozusagen. Aber im Falle meiner Geburt ist
nichts da, rein gar nichts. Man könnte mir alles darüber erzählen, ich müsste
es glauben. Dieses Ereignis ist vergraben, fort, weggewischt, aus meinem Gedächtnis
gestrichen. Vielleicht, weil es so scheußlich sein muss. Grausam, sozusagen. Es
kann dies ein Schutzmechanismus sein. Eine Abwehr des Geburtsschocks, damit man
nicht damit leben muss. Und dabei ist doch das Erschaffungsereignis meines
Selbst ein wahrer Festakt – Ich bin. Ich war. Ich kann sein. – Ich muss
meiner Mutter vertrauen, wenn Sie sagt, ich bin. Ich muss ihr glauben, auch wenn
es vielleicht gar keine äußerliche Ähnlichkeit mit ihr gibt. Ist das nicht
grausamer als alle Geburtsschocks zusammengenommen? Die Unsicherheit, mit der
man sein Leben bestreitet. Gibt es mich wirklich?
Ich
muss meiner Mutter vertrauen. Und die hat sich ja eine schöne Version zurecht
gelegt, die sie mir nun als Wahrheit verkauft. Angeblich hatte sie sich gleich
nach der Geburt ich flutschte laut den Erzählungen nur so hinaus
ein Gulasch, ein Seidel Bier und eine Zigarette gewünscht. Das Ungewöhnlich
daran ist, dass meine Mutter angeblich nie geraucht hat und auch kaum getrunken.
Und wenn, dann nur Wein. Was soll ich davon halten? Da stimmt ja etwas nicht.
Ich habe das immer als Scherz aufgefasst, aber die Beharrlichkeit meiner Mutter,
mit der sie die Geschichte immer wieder und immer wieder gleich erzählt, grenzt
an Schauerlichkeit. Ich kann das alles nicht mehr nachvollziehen. Das Vertrauen
bringt einem noch ins Grab. Ich bin meiner Mutter ausgeliefert. Ihren
Erinnerungen, für die ich nicht die geringste Verantwortlichkeit übernehmen
kann. Es kann sich niemand an seine Geburt erinnern. Sind wir alle nur reines
Gedankenprodukt? Illusionen einer Frau? Opfer eines illusionären Vertrauens?
Und die Erzählungen aller Mütter heißen Selbstfindung. Dass ich nicht lache:
Selbsterfindung müsste man eher sagen. Mein Ich ist also eine reine Erfindung
irgendeiner Frau, die mir mein Lebtag einreden will, sie sei meine Mutter. Aber
sie kümmert sich um uns. Sie hegt und pflegt uns und erschafft einen Charakter.
Und dabei hat sie dieselbe Lüge oder Täuschung selbst erfahren, am eigenen
Leib, im eigenen Kopf. Es ist dies die größte Täuschung, die die Welt je
erfahren hat. Eine globale Täuschung. Und dann erzählen sie uns: „Schau, das
ist ein Tiger.“, oder: „Das ist eine Giraffe!“ – Ich würde es
wahrscheinlich nicht anders machen. – Oder doch? Ich weiß nicht. Ich kann es
nicht sagen. Denn was sollte ich anders machen? Ich adoptiere einfach ein Kind
und erzähle ihm, wie schauerlich es war, bei der Geburt, wie es mich gebissen
und gezwickt hat und es müsste immer ein schlechtes Gewissen in sich tragen.
Ich hätte keine Schmerzen und das Kind hätte genügend Grund, sich Gedanken über
Schuld zu machen. Wir reißen uns den Arsch auf, damit wir diese
Illusion nicht zerstören. Wenn man nur wüsste, was es mit dem Schwindel auf
sich hat. Wer will uns da etwas Böses, wer?
Rezension I Buchbestellung I home IV03 LYRIKwelt © A.B.