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Damals, ein Leben in Deutschland
(Leseprobe aus: Damals, ein
Leben in Deutschland 1929-2003, Autobiografie, 2004, Hanser).
Fang an Fang an, so höre ich fordern und flüstern, fang doch bitte
einfach an, ohne weitere Umstände. Ohne erst zu erörtern, was dieses
Erinnerungsbuch will und was nicht, wie anders andere ihre
Lebensbeschreibungen angelegt haben, und warum diese hier eben
auf ihre eigene, eigensinnige Weise vorgehen wird, und zwar... Fang
lieber an und gleich. Und nun könnte ich anfangen mit einem
Julisonntag 1929, mit den Kirchenglocken, die meine Mutter hörte
gleich nach der überstandenen Geburt, könnte den Stand der Sterne
zitieren – das schwierige Zeichen Krebs – und die historische Stunde,
in der Wirtschaft und Weimarer Republik gerade noch blühten und
boomten, bevor vier Monate später der Schwarze Freitag den
ökonomischen und politischen Zusammenbruch einleitete. Ich könnte
dann den Ort nennen, Lissa, acht Kilometer westlich von Breslau, ein
Marktflecken für Bauern und eine Vorstadt für Arbeiter samt kleiner
Villenkolonie, wo ich geboren wurde als Sohn eines Arztes, der sich
kurz vor der Inflation dort niedergelassen hatte. Aber ich fange so
eben nicht an, noch nicht. Ich möchte und muß nun doch ein paar
Umstände machen, wie es offenbar viele Autobiographen tun, bevor
sie loserzählen. »Es wird das Verständnis des Folgenden sehr
erleichtern«, schreibt Sebastian Haffner im Prolog zu seiner
Geschichte eines Deutschen, und dann: »Außerdem werden wir uns
dabei ein wenig näher kennenlernen.« Das hoffe ich nun auch. Drei
Kastanien – auch so hätte ich anfangen können – begleiten mich seit
bald achtzehn Jahren in meiner Schultertasche auf allen Reisen,
haben sich in dieser Zeit immer kleiner, verrunzelter und härter
zusammengezogen, und manchmal lasse ich sie auf eine Tischplatte
oder meinen Handteller rollen. Drei zerbeulte Kugeln, graurot und
hart wie Holz, die ich ansehen, die ich berühren kann, die ich als
frische Kastanien im Oktober 1985 aufgesammelt habe unter einem
Baum, der den besten oder einzig glücklichen Jahren meiner
schlesischen Kindheit zugesehen hat. Ihr Anblick, ihre Berührung
lösen und schütten seitdem Bilder, Gedanken und Erinnerungen aus,
nicht nur an einen schattigen schlesischen Wirtshausgarten, der sich
längst verwandelt hat in einen öde staubigen Hinterhof. In diesem
Moment zum Beispiel fällt mir zum ersten Mal wieder ein, daß eben
Gedanken und Erinnerungen, Bismarcks Memoiren, die erste
Autobiographie war, die ich las, im Alter von dreizehn, vierzehn
Jahren, also sagen wir besser: zu lesen versuchte. Warum ein solcher
Mann, diese Legende namens Bismarck, sich für ein Publikum
zurückversetzen wollte in seine Kindheit, Jugend, Studentenjahre,
mußte mir damals niemand erklären, auch er nicht. Da sollte ein
herausgehobenes, ein großes und exemplarisches Leben erzählt, eine
weltbewegende Karriere erklärt werden durch einen weiten Rückgriff
bis zum Lebensanfang. Nicht mein Fall und Modell, nicht meine
Absicht, diese staunenswerte Aufzeichnung einer Lebenslinie, die
zielbewußt und wie selbstverständlich nach oben führt. Denn eines
der Rätsel, denen ich hier nacherzählen will, ist gerade meine stete
und störrische Verweigerung jedweder zielbewußten Lebensplanung,
einer Schritt auf Schritt vorangetriebenen Karriere. Statt dessen viele
abgebrochene Wege, ein Vorankommen auf Umwegen, über Zufälle
und Glücksfälle. Da muß früh etwas passiert sein, was ein
energisches Vorwärts- und Nachobendrängen, auch die Lust auf
Machtgewinn und an Machtausübung verhindert oder doch gehemmt
hat. Und so wären wir wieder bei den möglichen Anfängen: wieder
lasse ich die drei Kastanien rollen über den Tisch, und ich sehe uns
noch einmal durch die schlesische Landschaft fahren, meine Frau und
mich, vierzig Jahre nach dem Krieg, zu einem späten Wiedersehen
mit Breslau und Lissa und dem letzten überlebenden Kastanienbaum,
damals im Herbst 1985. Die Betonplatten der nun polnischen
Reichsautobahn schlagen im Sekundenrhythmus auf die
Wagenachsen und über das Rückgrat hoch ins Hirn, das in wirrer
Folge Erinnerungsbilder ausschüttet. Auch von der Einweihung
dieser Autobahn durch Hitler, damals nur namenlos der Führer, den
ich an diesem hellen Tag im Frühjahr 1938 zum zweiten und letzten
Mal leibhaftig sah: sehr fern und zinnsoldatengroß im offenen
Mercedes, weit weg von uns durchs jubelnde Volk. Vier Jahre früher
hatte ich ihn zum Greifen nah vor Augen, nur durch eine Glasscheibe
von ihm getrennt, ihn, der der allmächtige Herrscher über unser
Glück oder Unglück war; das wußte damals auch ein Kind von noch
nicht fünf Jahren. Und damit ist der dunkle Fluchtpunkt meiner
frühen Erfahrungen erreicht. Ohne diese dreißiger und vierziger
Jahre, verstrickt in die deutsche und großdeutsche Zeit, ohne den
Verlust der Heimat, ohne das früh so vage wie heftig einsetzende
Gefühl, ich könnte unter dem Druck der großen Zeit nicht mein
eigenes Leben führen, es wäre mir enteignet – ohne diese
Verlusterfahrungen hätte ich meine Lebensgeschichte kaum
aufschreiben wollen. Und womöglich wäre ich ohne sie überhaupt nie
zum Schreiben gekommen, nicht Schriftsteller geworden.
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