Glück und Scherben von Reinhard Baumgart, 2002, Hanser

Reinhard Baumgart

Glück und Scherben
(Leseprobe aus: Glück und Scherben, Geschichten, 2002, Hanser).

Es war spätabends, als der Briefträger eintraf. Über sein Gesicht fiel der schwarze Schatten der Schirmmütze bis hinunter zur Brust, und aus diesem Schatten heraus fuhr mit einer blitzenden Bewegung seine Hand und hielt mir eine hell leuchtende Postkarte unter die Augen. Sie ist unfrankiert, flüsterte er, wieso hat Hans Werner - er verbesserte sich: Wieso hat Herr Richter das Porto vergessen, das ist ihm noch nie passiert.
Er ist alt geworden, sagten wir beide wie mit einer Stimme, aber er immer noch flüsternd.
Werden Sie fahren? flüsterte er weiter. Nach Kreuzsassenfeld, am Neckar?
Er las also immer noch meine Post. Statt sie treu und blind auszutragen, liest er sie und wahrscheinlich nicht nur die Postkarten. Ich versuchte das Strafporto aus beiden Hosentaschen zusammenzukramen, aber als ich ihm die Geldstücke hinhielt unter das dunkle Gesicht im Schatten der Schirmmütze, da schlug er mir die blinkenden Münzen lachend aus der Hand.
Erst mit diesem Schlag, schlagartig also ahnte ich, wo ich mich befand und versuchte, den Kopf hoch und immer höher zu stemmen, um durch die Decke des Traums nach oben durchzustoßen ins Helle, ins Licht, um aufzuwachen. Doch mein Briefträger riß plötzlich beide Arme hoch - hatte er die Postkarte vorher fallen lassen? - hoch über meinen Kopf und drückte dann, nun war er deutlich Hans Werner Richter selbst, drückte diesen Kopf und mich zurück ins Dunkel, in die Bilder meines und seines Traums. Da sah ich ihn nun sitzen, Hans Werner mit sorgenvoll und schwer auf die Brust gesunkenem Haupt, ohne Schirmmütze, und zitterte in meiner dritten oder vierten Reihe, als er dort vorn mit besorgter Stimme über die große Entfernung sagte:
Du liest heut morgen als letzter. Er sagte das ohne eine Geste, einen Blick in meine Richtung, das Wort "letzter" schwermütig betonend, und ich wußte sofort: Du bist, ich bin gemeint. Hier in Kreuzsassenfeld am Neckar werde ich scheitern.
Alle, fast alle waren als Zeugen gekommen, die ganze Mannschaft. Grass, den ich als ersten erkannte, trotz geschorenem Schädel und einem vom Schnauzbart entblößten und nackten Gesicht, so daß er aussah wie ein fröhlicher Zuchthäusler. Grass, Lenz, Jens, Rühmkorf, Grünbein, Triboll, Böll. Sie trugen leicht lesbare Namensschilder an goldenen Kettchen um den Hals. Nein, Böll war noch nicht dabei, hatte sich aber verbindlich angesagt, das war ungewöhnlich, so ungewöhnlich wie diese überraschende Frühjahrstagung, statt der längst üblichen Herbsttagung.

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