Mörderische Hitze von Beate Baum, Aufbau, 2009

Beate Baum

Mörderische Hitze
(Leseprobe aus: Mörderische Hitze, Roman, 1. Kapitel, 2006, Aufbau-Verlag)

"Oh, verdammt!" Andy wälzte sich auf die Seite, blinzelte mich einmal an und vergrub dann wieder den Kopf im Kissen. Er hatte noch immer eine Fahne, seine Haare stanken nach Rauch.
Ich blickte auf die Digitalanzeige des Radioweckers, der schon einige Zeit vor sich hin dudelte. 7.41 Uhr. 
"Wann bist du denn nach Hause gekommen? Und vor allem - wie?" Ich konnte mir ein Lachen über seine Grimasse nicht verkneifen.
"Weiß nicht. So gegen zwei. Es kam kein Taxi, da bin ich zu Fuß gegangen. Und vorher hatte irgendjemand angefangen, Brandy zu bestellen."
"Zu Fuß? Vom Alberthafen in die Neustadt?!" Gestern abend hatte Andreas seinen Einstand als neuer Lokalchef der "Dresdner Zeitung" gegeben. Mit einem Essen im "Tapas y Pescados" auf der anderen Elbseite.
"War ja warm." Das war kaum noch zu verstehen. Er hatte mit einer Bewegung das Laken um die Schulter gezogen und sich auf den Bauch gedreht.
"Hey, du wolltest heute früher in der Redaktion sein, hast du mir gesagt. Und ich sollte dich auf jeden Fall wecken. Also steh jetzt auf, ich koch schon Kaffee." 
Andy brummelte etwas ins Kissen, ich stand auf und zog die Vorhänge zurück, ließ die strahlende Sonne hinein. Dann ging ich auf bloßen Füßen in die Küche. Seit fast einem Monat lag eine Hitzewelle über Dresden; mittlerweile hatten sich auch alte Gemäuer wie das Haus, in dem wir wohnten, so aufgeheizt, dass man selbst nachts kaum noch Abkühlung fand. 
Ich setzte Kaffee auf und deckte den Frühstückstisch. Als ich aus dem Bad kam, schlief Andreas schon wieder tief und fest, obwohl aus dem Radio neben ihm weiter das angeblich "Beste der 80-er, 90-er und von Heute" plärrte. Ich zog ein ärmelloses, weißes Leinenkleid über und band meine Haare zusammen, dann schaltete ich den Wecker aus und die Stereoanlage auf der alten Kommode ein. Aus dem Wohnzimmer nebenan holte ich eine "Tote Hosen"-CD und startete "Eisgekühlter Bommerlunder" mit Lautstärke acht. Andy fuhr hoch und hielt sich sofort den Kopf.
"Oh, du Biest!"
"Mit Wodka ist mir auf die Schnelle nichts eingefallen."
Er stöhnte noch einmal, stand dann aber auf, zog ein T-Shirt über und folgte mir in die Küche.
"Warum hast du dich denn bei einem Essen so fürchterlich abgeschossen?" fragte ich, als er, die Ellenbogen auf den Tisch gestützt, in seinen Kaffee-Becher starrte. Von Sommerbräune war nichts mehr zu sehen, die Haut war blass, die grünen Augen lagen in tiefen, dunklen Höhlen.
"Ich glaube, die wollten mich abschießen, und ich Idiot hab's zu spät gemerkt. Zuerst war ich froh, weil ich dachte, dass ich endlich nen Draht zu ihnen bekomme." Er drückte das Rückrat durch, setzte sich gerade hin. "Umso wichtiger, dass ich heute morgen wenigstens einigermaßen früh und fit da bin." Entschlossen trank er noch einen großen Schluck Kaffee, stellte den Becher ab und verschwand im Bad. Kurz darauf hörte ich das Rauschen der Dusche.
Nun tat er mir doch Leid. Ich war nicht begeistert gewesen, dass Andreas sich überhaupt auf diese Stelle beworben hatte, aber die Stimmung in der Redaktion schien wirklich mies zu sein.
"Hast du denn erfahren, ob der Salzinger tatsächlich davon ausgegangen war, den Job zu kriegen?" rief ich durch den Flur, als sich die Badezimmertür wieder öffnete. Offensichtlich hatte niemand in dem dreizehnköpfigen Team damit gerechnet, einen neuen Chef von außerhalb vorgesetzt zu bekommen, das hatten sie Andy von Anfang an spüren lassen. Der vermutete, dass der alte und neue Stellvertreter, ein Helmut Salzinger, sich schon in der Position gesehen hatte.
"Ja, das scheint ziemlich sicher", tönte es frustriert aus dem Schlafzimmer. Kurz darauf kam Andy in einem sauberen schwarzen T-Shirt und Jeans in die Küche. Seine blonden, kurzen Haare glänzten noch feucht. "Wir haben uns sogar kurz vor Schluss noch angegiftet. Das heißt, er hat wieder so eine blöde Bemerkung gemacht, und dann konnte ich mich auch nicht mehr beherrschen und hab gesagt, dass die Stelle öffentlich ausgeschrieben war und er sich ja hätte bewerben können." Er goss sich noch einmal frischen Kaffee ein, trank einen Schluck. "Aber vielleicht wär ich einfach der bessere Mann gewesen. Blöd so was. Was solche Situationen angeht, bin ich bestimmt kein geeigneter Chef."
In Gedanken stimmte ich ihm zu. Wie Andy, so impulsiv er war, überhaupt ein Team führte, war mir immer ein Rätsel gewesen. Dennoch sagte ich laut: "Na komm, schließlich hast du fast vier Jahre die Redaktion in Gera geleitet."
"Da gab's ja auch oft genug Stress. So, ich muss jetzt. Bis heute abend."
Nachdem er zur Tür hinaus war, kam ich mir einen Moment lang vor wie die liebende Ehefrau, die ihren Mann in die harte Welt verabschiedet und selbst im Schutz des Heimes bleibt. Dann ließ ich das schmutzige Geschirr auf dem Tisch stehen, ging ins Arbeitszimmer und setzte mich an den Schreibtisch, schaltete den Rechner ein. Eigentlich war ich schließlich immer noch glücklich über meine endlich erreichte Freiberuflichkeit. Andreas hatte natürlich Recht, und unser beider Kontostand sprach wirklich nicht dafür, die Möglichkeit einer gutbezahlten Festanstellung auszuschlagen. Andererseits hatten wir uns auch immer vorgestellt, einmal gemeinsam größere Reportagen anzugehen.
Ich seufzte und holte das begonnene Porträt anlässlich des Todestages von Jimi Hendrix auf den Schirm, das ich morgen abliefern musste. Diese Arbeit machte Spaß, genug Geld brachte sie jedoch nicht ein. 
Zwei Stunden später, als ich mit der ersten Version des Texts so gut wie fertig war, klingelte es. Noch tief in Gedanken betätigte ich den Summer und öffnete die Wohnungstür. Davor standen zwei Männer und streckten mir kleine, eingeschweißte grüne Ausweise entgegen.
"Kriminalpolizei, können wir einen Moment eintreten?"
Ich nickte und führte sie an der unordentlichen Küche vorbei ins Arbeitszimmer, wies auf den alten Lehnsessel und Andys Schreibtischstuhl, die beiden schüttelten jedoch den Kopf.
"Sie sind die Lebensgefährtin von Herrn Andreas Rönn, Frau Kirsten Bertram, ist das korrekt?"
"Ja. Was - ist Andreas, ist Herrn Rönn etwas passiert?"
"Nein, nein, keine Angst. Wir benötigen nur eine Auskunft von Ihnen: Um wie viel Uhr ist Herr Rönn gestern Nacht nach Hause gekommen?"
"So gegen zwei", wiederholte ich ohne Skrupel Andys Auskunft von heute Morgen. "Wieso?"
Der jüngere der beiden notierte meine Aussage in einem kleinen, schwarzen Buch, der ältere betrachtete mich aufmerksam.
"Heute Nacht nach der Einstandfeier von Herrn Rönn ist ein Kollege Ihres Lebensgefährten in der Bremer Straße zu Tode gekommen."
"Wie: Zu Tode gekommen? Ein Unfall? Am Autostrich?!"
"Sie kennen die Straße also?" fragte der Ältere nach, meine ersten Fragen ignorierend. "Herr Rönn gab an, sie nicht zu kennen."
Was sollte das denn jetzt? Reflexartig schüttelte ich den Kopf. "Ich lebe schon länger in Dresden als Herr Rönn", antwortete ich dann so reserviert wie möglich.
"Verstehe." Der Schreibende blickte auf und lächelte mich freundlich an. "Ist Ihnen an Herrn Rönn heute Nacht etwas aufgefallen, als er nach Hause kam?"
"Nein."
"Nichts Außergewöhnliches? Er selbst hat gesagt, er wäre stark angetrunken gewesen, seine Kollegen bestätigen das."
Verdammt, auf was lief das hinaus? "Ja, das schon, natürlich."
"Natürlich?" 
Ich ließ die Frage im Raum stehen.
"Wie beurteilen Sie das Verhältnis Ihres Lebensgefährten zu seinen Kollegen?"
"Er hat erst vor zwei Wochen dort angefangen. Ich glaube nicht, dass man da schon etwas sagen kann." Der Ältere wollte offensichtlich hier noch einmal einhaken, ich war jedoch nicht mehr bereit, sein Spiel mitzuspielen: "Und wenn Sie mich jetzt entschuldigen wollen. Ich habe noch einen wichtigen Termin."
Die beiden hatten gerade das Arbeitszimmer verlassen, als das Telefon klingelte. Ich wollte auf jeden Fall die Polizisten aus der Wohnung haben und ließ den Anrufbeantworter anspringen. Als wir an der Wohnungstür standen, tönte Andys Stimme laut durch den Flur:
"Kirsten, ich bin's. Du, wahrscheinlich werden bald die Bullen bei dir aufkreuzen. Ich erklär's dir später, aber sag doch bitte, du hättest mitgekriegt, wie ich nach Hause gekommen bin. Um kurz vor zwei."
*
"Na ja, sie haben sich normal verabschiedet", berichtete ich zwei Stunden später einem niedergeschlagenen Andreas. 
Wir saßen in der Küche am noch immer nicht abgedeckten Frühstückstisch, ich hatte frischen Kaffee gekocht, der jedoch bis jetzt nur in der Kanne vor sich hin dampfte. Andy berichtete das Wenige, was er wusste: Dass der Tote Helmut Salzinger war, aufgefunden mit einer tiefen Kopfwunde. Ob es tatsächlich ein Unfall gewesen war, oder eine Gewalttat, dazu hatten sich die Polizisten nicht klar geäußert. Andreas schob mit einem Messer Krümel auf dem leuchtend gelben Teller hin und her, ließ es dann mit einem Klirren fallen und schlug mit der Faust auf den Tisch.
"Schlimm genug, das Ganze! Aber diese Sauerei, mich frei zu stellen - und nur, weil mich irgend ein netter Kollege angeschwärzt hat!"
"Was heißt denn ‚angeschwärzt'? Wer hat wann was gesagt?" versuchte ich, das Ganze logisch auseinander zu nehmen.
"Erst waren die Bullen da, haben uns vernommen, und als sie etwa eine Stunde weg waren, kam der Chefredakteur zu mir und hat mir mitgeteilt, dass es wohl besser sei, wenn ich meine Tätigkeit für den Moment ruhen lasse, wie er sich ausgedrückt hat."
"Die Polizisten hatten sich vorher für deinen Streit mit Salzinger besonders interessiert?" Andy nickte. "Und du meinst, dass ein Kollege das dann deinem Chef brühwarm berichtet hat, und dich quasi gleich als Verdächtigen genannt hat?" Es war schon wieder unerträglich warm. Ich strich mir eine feuchte Haarsträhne aus der Stirn.
"Ja. Und ich denke, das bin ich auch. Ich weiß nicht, ob die auch bei anderen noch nachgeprüft haben, wann sie nach Hause gekommen sind. Aber bei mir ist das ja auf jeden Fall schief gegangen." Er grinste schwach. "Also, so lange die keinen anderen haben ..."
"Aber wenn er da am Strich erschlagen wurde, dann werden sie doch zumindest ein bisschen im Milieu nachforschen."
Andreas richtete sich auf. "Am Strich?"
Anscheinend hatten die Polizisten dazu nichts gesagt. Ich erklärte, dass in der Bremer Straße Dresdens Autostrich war.
"Der Salzinger? Das gibt's doch gar nicht." Er stand auf und schüttete uns endlich Kaffee ein. "Der ist - war - so ein Papi-Typ, immer ein bisschen besserwisserisch, aber der bei ner Nutte?"
"Es sind doch immer die, denen man das nicht zutraut." 
Im Arbeitszimmer klingelte das Telefon, ich blickte Andy fragend an, der winkte ab. "Ich bin nicht hier."
Es war jedoch nur die Magazin-Redaktion, die mir mitteilte, dass gerade eben die Nachricht eingetroffen sei, dass man in London verschollen geglaubte Bänder von alten Hendrix-Aufnahmen gefunden habe. Sie hatten eine Kostprobe über Internet zugeschickt bekommen, die sie an mich weiterleiten wollten. Außerdem sollte ich doch auf jeden Fall auf das Konzert damals auf der Isle of Wight näher eingehen. Meine erste Reaktion war, der äußerst jugendlich klingenden Stimme am anderen Ende zu sagen, ich wüsste schon, wie ich den Artikel aufziehen wollte, zumal das zugesagte Honorar lächerlich niedrig war. Dann riss ich mich zusammen und schaffte es, das Gespräch einigermaßen souverän zu beenden.
Als ich zurück in die Küche kam, hatte Andreas den Tisch abgeräumt und wischte auf der Arbeitsplatte herum. Er schaute mich fragend an, ich schüttelte den Kopf.
"Die Bullen haben aber nichts von einem Raubüberfall gesagt", Andy sprach mehr zu sich selbst als zu mir. "Das wäre doch das Logische da am Strich, oder?"
Ich zuckte die Schultern. "Keine Ahnung. Aber du kannst jetzt erst mal nichts anders machen als abwarten."
Genau das fiel ihm natürlich fürchterlich schwer. Meinen Vorschlag, sich hinzulegen und etwas Schlaf nachzuholen, schob er gleich mit einer ungeduldigen Bewegung beiseite. Er tigerte durch die Küche, fuhr sich mit den Händen durch die Haare, wiederholte, dass "die" ihn "in die Pfanne hauen wollten."
"Wer sind denn ‚die'? Jetzt fang nicht an, Gespenster zu sehen. Komm mal her." Ich ging auf ihn zu, er zögerte, dann ließ er sich in den Arm nehmen, legte seinen Kopf auf meine Schulter. Ich spürte, dass er zitterte. "Du bist übernächtigt und mit den Nerven am Ende. Ich denke, dass dein Chef wahrscheinlich sogar so reagieren musste, um selber auf der sicheren Seite zu sein." Andreas hob den Kopf, wollte etwas einwenden. Ich packte ihn fester um die Schulter. "Du kannst jetzt nichts machen. Sieh das ein." Entschlossen schob ich ihn ein Stück weg und schaute ihm in die Augen. Nach einer Pause nickte er schließlich müde. "So, und wenn du nicht ins Bett willst, dann setz dich doch in den Liegestuhl auf den Balkon. Da kommst du vielleicht auch ein bisschen zur Ruhe."
Er legte den Kopf wieder auf meine Schulter, seufzte und stimmte mir zu.
Eine Stunde später unterbrach ich meine Arbeit, um nach ihm zu sehen. Quer durch das Wohnzimmer lief das Kopfhörerkabel. Auf dem Plattenspieler lag die Hülle von Lou Reeds "Berlin". Andy starrte aus dem Schatten des Sonnenschirms heraus in den wolkenlosen blauen Himmel und bemerkte mich nicht. Er hatte die Jeans mit verwaschenen grün-grauen Short vertauscht; seine kräftigen Beine wiesen mehr Farbe auf als das Gesicht, das noch immer leichenblass wirkte. Und gequält. Es sah aus, als beiße er die Zähne aufeinander.
Ich kannte Andreas fast zehn Jahre, knapp fünf hatten wir in der Erfurter Lokalredaktion zusammen gearbeitet. Er war nicht im herkömmlichen Sinne ehrgeizig, wenn er aber etwas anfing, wollte er es auch zuende führen. Gut zuende führen. Und ihm die Arbeit weg nehmen hieß, ihm den Boden unter den Füßen zu entziehen. Ich hoffte wirklich, dass sein Chef ihn bald zurück beorderte.
Ohne mich bemerkbar zu machen, ging ich wieder ins Arbeitszimmer und suchte so lange in meinen alten Notizen herum, bis ich die Telefonnummer einer ausgestiegenen Nutte fand, über die ich vor über einem Jahr einmal einen Artikel geschrieben hatte. Jasmin war damals gerade 18 gewesen, jedoch schon Mutter eines zweijährigen Kindes, und hatte eine handfeste Drogenkarriere hinter sich. Mit Unterstützung einer Hilfsorganisation hatte sie entzogen und den Absprung vom Strich geschafft. Als ich mit ihr sprach, wohnte sie in einem Wohnheim des Vereins und wollte demnächst sogar wieder zur Schule gehen. Sie war sehr offen gewesen, voller Enthusiasmus und Optimismus.
Jetzt allerdings meldete sich niemand unter der Nummer, und als dich die Zentrale des Wohnheims anwählte, teilte man mir mit, dass Jasmin vor zwei Monaten ausgezogen sei. Ihre neue Adresse wussten sie nicht, boten mir aber an, mich mit ihrer besten Freundin zu verbinden, die noch bei ihnen lebte.
Nicole war jedoch auf keinen Fall bereit, Jasmins Adresse weiterzugeben. Alle Beteuerungen, dass ich von keinem Amt sei und nichts von ihrer Freundin wolle, nutzten nichts. Immerhin sagte sie schließlich zu, Jasmin von meinem Anruf zu erzählen und sie zu bitten, mich zurück zu rufen.
Um kurz nach sechs hörte ich, wie die Wohnungstür ins Schloss fiel. Andreas war weg. Ich konnte mir denken, wo er hin wollte und ärgerte mich, dass er tatsächlich so dumm sein konnte. Wenn jemand von der Kripo ihn dort am Tatort sah, sprach das nicht gerade für ihn.
*
"Ich bin bloß langsam mit dem Auto durch die Straße gefahren. Es stand zwar ein Wagen da, der vielleicht ein Zivilwagen der Bullen war -"
"Na prima", fiel ich ihm ins Wort. "Und da bist du dann so ganz unauffällig langsam an ihnen vorbei gefahren. Wirklich clever."
Wütend nahm ich Andy die Bierflasche aus der Hand und trank einen großen Schluck, musterte ihn zornig. Die letzte halbe Stunde hatte ich im Wesentlichen damit verbracht, zu überlegen, was ich tun sollte, wenn er nicht bald wieder auftauchte. Als ich dann endlich die Wohnungstür hörte, war ich in die Küche gestürmt, wo er gerade ein Bier aus dem Kühlschrank geholt hatte.
"Natürlich werden die sofort dein Kennzeichen überprüfen und sich freuen, wenn sie auf einen sowieso Verdächtigen stoßen." 
Andreas verschränkte die Arme vor der Brust, Abwehr bereit. Seine Antwort klang jedoch eher schwach: "Ich weiß doch gar nicht, ob es wirklich Bullen waren." Er wich meinem Blick aus, nahm sich eine neue Flasche Bier. "Und wieso, verdammt noch mal - welches Motiv sollte ich gehabt haben?"
"Du weißt genau, dass da erst mal Euer Streit reichen kann."
"Ja, ich weiß." Seine Stimme klang sehr leise. Andy schluckte einmal trocken, setzte dann die Bierflasche an. "Von Straßenstrich war da aber gar nichts zu sehen", sagte er nach einem Schluck in normalem Gesprächston.
"Hättest du mich vorher gefragt, hätte ich dir sagen können, dass das da erst spät losgeht."
Er fragte nicht, woher ich das wusste, und ich sagte nichts weiter dazu, fragte ihn auch nicht, wo er die restliche Zeit gewesen war. Die untergehende Sonne schickte ein phantastisches Farbenspiel durch das große Fenster, Andreas lehnte sich an die Arbeitsplatte, schloss die Augen. Sein T-Shirt hatte große Schweißflecken unter den Achseln.
"Hast du was gegessen?" fragte ich schließlich. Er schüttelte den Kopf. "Willst du was?"
"Nein. Ich werd sowieso zu fett."
"Dann solltest du vielleicht als erstes das Bier weg lassen." 
Als ich einen Schritt auf ihn zu machte, öffnete er die Augen. Ich nahm ihm die Flasche aus der Hand, stand sehr nah vor ihm. Er öffnete seine Beine, zog mich dazwischen, die Hände an meiner Hüfte. Ich strich ihm hinter den Ohren den Hals entlang, über die Schultern und Arme bis hinunter zu seinen Händen. Er ergriff meine, drückte sie einmal leicht und fuhr nun meine Arme hoch, an der Schulter über ein Stück Kleid hinweg zu dem Verschluss am Rücken. Gleichzeitig beugten wir uns vor und küssten uns. Andy löste mein Haarband, ich streifte ihm das T-Shirt über den Kopf, öffnete den Knopf seiner Jeans, er zog mir mein Kleid aus. In Unterwäsche standen wir uns gegenüber, zwei Menschen Mitte Dreißig, ohne Modelfiguren, verschwitzt, verstört, erregt.
"Ich weiß doch", sagte er leise.
Ich legte drei Finger auf seinen Mund, zog ihn über den Flur in unser Schlafzimmer, wo die abendlichen Geräusche der Stadt durch die weit offenen Fenster drangen.
Als er später, den Kopf an meiner Schulter, eingeschlafen war, dachte ich an unser erstes Mal. Es war alles sehr schnell gegangen damals. Ich kam direkt nach meinem Volontariat in die Erfurter Redaktion, in der Andreas schon ein halbes Jahr arbeitete. Er schien mir so viel erfahrener; gleichzeitig durch seine Energie und Phantasie schier unglaublich jung. Fast auf Anhieb verliebten wir uns ineinander - und fanden uns an einem späten Abend auf dem Fußboden des kleinen Fotolabors wieder.
Dann lernte ich auf einem Termin Dale kennen. Womit eine schier unendliche Dreiecks-Geschichte begann.
Andy seufzte im Schlaf und drehte sich etwas von mir weg. Vielleicht lag es gerade an dieser Vergangenheit, dass unser Sex auch nach so vielen Jahren noch so neu sein konnte.
*
Als ich am nächsten Morgen aufwachte, lag ich alleine im Bett. Hinter den Vorhängen schien wieder eine strahlende Sonne, ich schwitzte, obwohl ich nur mit einem Laken zugedeckt war. Einen Moment lang blieb ich liegen und lauschte auf Geräusche aus der Wohnung, hörte jedoch nichts. Es war schon kurz vor neun; ich hatte Andy gestern schlafen lassen und noch bis Mitternacht an meinem Hendrix-Text gefeilt. 
Ich reckte mich noch einmal und stand auf, schaute in alle Zimmer. Andreas schien schon wieder unterwegs zu sein. Immerhin lag auf dem Küchentisch ein Zettel: "Bin Brötchen holen". In der Hoffnung, dass er jeden Moment zurück kommen würde, kochte ich Kaffee und Eier und deckte den Tisch. Dann räumte ich ein wenig in der Küche herum, ging schließlich mit einem Becher Kaffee ins Arbeitszimmer und fuhr den Rechner hoch. Endlich hörte ich Andy herein kommen.
Er trug ein weißes T-Shirt und die alten Shorts von gestern. Die Sachen klebten ihm durchgeschwitzt am Leib. "Tut mir Leid, hast du lange gewartet? Ich spring nur eben unter die Dusche." Er hielt mir die Brötchentüte entgegen.
"Ich musste mich irgendwie abreagieren", sagte er wenige Minuten später, als wir endlich am Frühstückstisch saßen. "Also bin ich aufs Fahrrad und einmal bis raus nach Pillnitz."
"Um den Kopf auszuschalten", vermutete ich.
Andy nickte und belegte eine Brötchenhälfte dick mit Schinken. "Kurzfristig funktioniert's", antwortete er mit vollem Mund.
Längerfristig nicht. Bereits eine Stunde nach dem Frühstück, ich hatte den Text weg geschickt und räumte meinen Schreibtisch auf, heftete einige Unterlagen ab, türmte viele zu einem Altpapier-Stapel auf dem Fußboden, lief er wie ein eingesperrter Tiger durch die Wohnung. Als er zum dritten Mal ins Arbeitszimmer kam, aus dem Fenster sah, das Telefon anstarrte und prüfte, ob es funktionierte, hielt ich ihn am Arm fest. 
"Jetzt ruf Hantzsche an und frag ihn, ob er etwas weiß oder dir helfen kann", sagte ich.
Er hatte den Telefonhörer noch Gedanken verloren in der Hand, schüttelte aber den Kopf. Unser Verhältnis zu Hauptkommissar Hantzsche war seit einem Mordfall im vergangenen Herbst ziemlich unklar. Er erkannte zwar an, dass wir nicht nur damals den richtigen Riecher gehabt hatten, schätzte es aber überhaupt nicht, wenn man sich in seine Arbeit einmischte. Dale als Ex-Kollegen akzeptierte er, gerade bei Andreas sah die Sache aber ganz anders aus.
"Soll ich anrufen? Es ist doch nur ne Frage. Wir wollen doch selbst nichts unternehmen."
"Wenn du meinst." Er wich meinem Blick aus, legte den Hörer auf.
"Oder - was hast du gestern abend noch gemacht, außer deinem Abstecher an den Strich?"
Andy fuhr sich durch die kurzen Haare, schaute mich noch immer nicht an. "Nichts, bei ein paar Kollegen, von denen ich die Adresse wusste, vorbei gefahren. Ich hätte gern mit Martin, das ist der, der mit Salzinger zusammen raus gegangen ist, wenn ich mich richtig erinnere", endlich hob er den Blick, sah mich an, "gesprochen, aber er war nicht zu Hause."
Ich sagte nichts, zog stattdessen das Telefon zu mir herüber und wählte die Nummer der Kripo, ließ mich mit Hantzsche verbinden. 
"Nu, ich habe die Akte hier auf dem Tisch", bestätigte er, nachdem ich erklärt hatte, um was es ging. Wie immer ließ er sich nicht in die Karten gucken. Da ich nicht so undiplomatisch sein wollte, zu fragen, ob er sie schon gelesen habe, fragte ich nach dem "Stand der Ermittlungen".
"Frau Bertram, das muss ich Ihnen doch wohl nicht sagen, dass ich dazu keine Auskunft geben darf." Ich wollte, ich könnte sein Gesicht sehen, wüsste, ob er mich hinhielt oder tatsächlich keine Ahnung hatte. "Aber ich nehme an, Sie wollen wissen, ob Herr Rönn in der Sache belastet ist?"
"Ja, deshalb rufe ich an."
"Nu, die Kollegen haben hier vermerkt, dass sie ihn gestern abend noch einmal ‚in unklarer Absicht' in der Bremer Straße gesehen haben, aber ich denke nicht, dass er noch verdächtig ist."
"Gut." Ich zeigte Andy, der an einem Bleistift herumspitzte und dabei die Holzraspel auf meinem ganzen Schreibtisch verteilte, einen nach oben gerichteten Daumen. "Gibt es neue Aspekte?" Wenn Hantzsche sich doch nicht jedes Wort einzeln aus der Nase ziehen ließe.
"Frau Bertram", seufzte er.
"Es ist wichtig. Herr Rönns Arbeitsstelle hängt daran."
Andreas verzog das Gesicht, als wollte er sagen: "Ist mir doch egal."
"Nu, guddi, aber nur für den Privatgebrauch: Wir haben einen im Milieu tätigen Herrn arretiert, der bereits einmal eine Auseinandersetzung mit dem Opfer hatte und kein Alibi nennen konnte. Obwohl der Herr Rönn das ja auch nicht konnte." 
Da war ganz eindeutig ein kleines Lächeln in seiner Stimme. Ich bedankte mich und legte auf, berichtete Andy, was er gesagt hatte. Der griff, noch während ich redete, zum Telefon.
"Herr Müller, Rönn hier." Ah, sein Chef. "Die Kriminalpolizei hat einen Tatverdächtigen verhaftet und ich bin entlastet. Ich würde sehr gerne wieder meine Arbeit antreten." Das klang ziemlich nach unterdrückter Wut. "Nein, ich würde jetzt kommen, es ist schon zuviel liegen geblieben", sagte er nach einer kleinen Pause und verabschiedete sich gleich danach.
Mit einer Hand wischte er die Holzspäne von der Tischplatte in den Papierkorb, mit der anderen griff er in die Keksschachtel neben dem Monitor, gab mir einen Kuss und war schon draußen. Ich schaute auf meine Armbanduhr: Kurz vor zwölf. Höchste Zeit für mich, etwas Ordentliches anzuziehen und mich auf den Weg in die Sächsische Schweiz zu machen, wo ich um halb zwei einen Termin mit mehreren Hoteliers hatte, die ihre Häuser neu vermarkten wollten.
*
Ich war völlig erledigt, als ich um neun Uhr abends den Golf wieder in der Böhmischen Straße parkte. Fünf Herren und eine Dame hatten mich mit einem wunderbaren Mittagessen empfangen, mir dann den ganzen Nachmittag über die Hotels präsentiert, ihre Konzepte im einzelnen erläutert, geschildert, welches die Ziele für die Zukunft waren - nur um dann zu guter Letzt einzugestehen, dass ihr Etat im Moment eine größere Kampagne nicht zuließe. Aber sie würden gerne später auf mich zurück kommen.
Müde löste ich den Sicherheitsgurt, spürte, wie mein seidenes Top am Rücken klebte. Ich verfluchte mich selbst, den Kontakt überhaupt aufgenommen zu haben, nachdem eine ehemalige Kollegin mir von der Gelegenheit berichtet hatte. Eigentlich wollte ich noch nie irgend eine Form von Werbung machen, auch wenn man da problemlos das dreifache verdienen konnte wie im Journalismus.
Als ich aus dem Auto stieg, sah ich Andy die Straße hinunter schlendern. Er schien so tief in Gedanken, dass er mich erst bemerkte, als er fast in mich hineinstolperte. Kurzentschlossen überredete ich ihn, geradewegs ins Raskolnikoff zu gehen. Ich wollte meinen Ärger hinunter spülen.
Wir hatten Glück und fanden einen freien Tisch in dem herrlichen Biergarten, im Sommer einer der beliebtesten Plätze in der Neustadt. Alte Ziegel und Terrakottatöpfe mit blühenden Pflanzen gaben dem Innenhof etwas Südländisches, ein blinkendes Wasserspiel erinnerte daran, dass das Raskolnikoff auch Künstlerhaus war.
"Natürlich hätte ich auch dort noch ein Bier bekommen können. Auch noch ein Essen und ein Hotelzimmer zum Übernachten sowieso." Ich trank einen großen Schluck. "Ach ja, und wenn wir beide mal ein schönes Wochenende in der Sächsischen Schweiz verbringen wollen - kein Problem."
"Na, ist doch prima." Andy grinste. "Sieh's doch mal so: Die mögen deine Arbeit, wollen den Kontakt halten und werden dir dann auch irgendwann einen Auftrag geben. In der Freiberuflichkeit braucht man halt einen längeren Atem."
"Den du ja auch nicht hattest", gab ich bissig zurück.
"Na ja, über ein Jahr im Vergleich zu den drei Monaten, die du das jetzt machst."
Gegen meinen Willen musste ich zustimmen. "Dafür darfst du nun auch wieder so richtig schön lange arbeiten, was? Oder warum hast du erst jetzt Feierabend gemacht?" fragte ich.
"Ach, ich hab mich mindestens so geärgert wie du." Er nahm der Kellnerin sein bestelltes Essen, überbackene Pelmeni, ab.
"Wieso?" Ich war heute Mittag und Nachmittag so gemästet worden, dass ich überhaupt keinen Hunger hatte. Ich leerte jedoch mein Bierglas und bestellte gleich noch eins. Dann zog ich meine Kostümjacke über. Im Schatten spürte ich die leichte Abendkühle auf meiner verschwitzten Haut.
"Es scheint wirklich, als hätten die dringend einen Lokalchef von außerhalb nötig. Wenn sie alleine wurschteln, kommt alles dabei raus, aber kein Journalismus. Ich hab mir heute Mittag, als ich in die Redaktion kam, erst mal die Zeitung von heute vorgenommen." Ich nickte. Zuhause hatten wir noch immer das Konkurrenzblatt, für das ich ein Jahr lang gearbeitet hatte. "Weißt du, was der Aufmacher auf der Eins war? Ein riesiger Werbeartikel über ein neues Einkaufszentrum." Er schob sich einen großen Bissen der Teigtasche in den Mund, fuhr nach einer Pause fort: "Wirklich, schiere Werbung."
Ich nickte bloß. "Na ja, du die Anzeigenkunden können in der derzeitigen Wirtschaftslage so einiges verlangen."
"Aber doch nicht einen riesigen Aufmacher! Und für morgen hatten sie irgendwas eingeplant, das dann auf einmal von der Liste verschwunden war, nachdem ich wegen der Geschichte Terror gemacht hab."
"Und deshalb habt Ihr so lange gebraucht, um die Ausgabe fertig zu stellen?"
"Nein, ich hab mir die letzte Stunde alte Zeitungen vorgenommen und mal geguckt, was die früher so verbrochen haben. Ich hatte ja vor der Bewerbung nur mal kurz zwei Ausgaben überflogen, und da war mir nicht aufgefallen, dass die so grottenschlecht sind." 
Als die Kellnerin vorbei kam, bestellte auch er noch ein Bier.
"Ist mir während meiner Zeit bei der Rundschau auch nicht aufgefallen, auch wenn man da ja immer guckt, was die Konkurrenz so schreibt. Aber die Rundschau ist ja nun auch nicht der Gipfel des Journalismus. Wenn ich an die gute Frauke denke ..."
Andy grinste. "Ich erinner mich. Aber in solch einer Menge nur abgeschriebene Pressemitteilungen, Eigenrecherche gleich Null - ich weiß nicht." Er schob seinen leeren Teller zur Seite. 
"Dann hast du jetzt also noch einen schwereren Stand in dem Team, wenn du ihnen heute den Marsch geblasen hast, was?"
"Ich fürchte ja", Andy lehnte sich zurück und trank einen großen Schluck von dem frischen Bier. "Zuerst, als ich kam, haben sie alle ganz freundlich getan: Sie hätten ja gewusst, dass es sich um einen Irrtum handeln müsste, und so weiter. Nachher hat keiner mehr mit mir gesprochen, wenn er nicht unbedingt musste." 
"In deiner Haut möchte ich wirklich nicht stecken."
"Aber du könntest mir helfen."
Auf meinen fragenden Blick hin erklärte er, dass der Chefredakteur ihm freigestellt hatte, einen freien Journalisten gegen ein Pauschalhonorar zu verpflichten, bis entschieden war, ob Salzingers Stelle neu besetzt wurde. 
Der Gedanke, meine Freiheit schon wieder aufzugeben, gefiel mir überhaupt nicht. "Und als deine Freundin hätte ich es dann auch nicht leicht."
"Das müssen wir ja gar nicht publik machen. Im Gegenteil. Als einfache neue Kollegin erfährst du vielleicht, wo in der Redaktion der Wurm drin steckt. Und wo ich ansetzen könnte. Gerade jetzt in dieser schwierigen Situation."

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