aus: Holy Mood Blvd.
Froh, auf der Welt zu sein, lag ich bäuchlings zwischen Kartoffelschalen, Altpapier und Nudelresten, weich gebettet auf einem Stück Styropor, und schaute sinnierend in den Kaffeesatz. Plötzlich wußte ich, daß ich meine kostbaren Babyjahre nicht mit unnützen Fragen über meinen Aufenthalt in der Mülltonne vergeuden durfte. Ich brachte meinen winzigen Körper in die Rückenlage und schrie aus voller Leibeskraft und mit Leidenschaft. Mein Brüllen wurde erhört. Ein Lichtstrahl fiel auf mein Gesicht. Jemand packte mich bei den Füßen. Ich schloß die Augen.
Als ich sie wieder öffnete, lag ich in einem verrauchten Zimmer auf einem Brotbrett.
Wenige Zentimeter entfernt von meinen Rettern: einem Herrn in den besten Jahren, bekleidet
mit einer braunen, äußerst bequem wirkenden Hose, die von breiten Hosenträgern auf
Taille gehalten wurde, und einer Dame in der Blüte ihrer Schönheit. Im blaßblau
geblümten Hausfrauenkittel, das rotgoldene Haar auf überdimensionale gelbe Lockenwickler
gedreht. Die Herrschaften saßen in orangeroten Ledersesseln und prosteten mir freundlich
zu. Ich gluckste, streckte Ärmchen und Beinchen weit von mir und signalisierte mit allen
mir bekannten Gesten, daß ich auf den Arm genommen werden wollte. Meine Retter kicherten.
Sie erhoben die Flaschen auf mich, zeigten mir, wie man Bäuerchen macht, und wendeten
sich wieder dem laufenden Fernseher zu.
Mein angeborener Instinkt verriet mir, daß sich die beiden bis zu ihrem letzten Atemzug
niemals aus den orangeroten Sesseln erheben würden. Trotzdem schwor ich beim Zerfall
meines Brotbrettes, meinen beiden Rettern ewig dankbar zu sein. Schließlich hatten sie
mir in Reichweite zwischen halbleeren Flaschen und halbvollen Aschenbechern zu meiner
Selbstversorgung Windeln, Fläschchen, Babynahrung, Puder und Schnuller bereitgestellt.
Mein Überleben war gesichert.
"Niemals
wirst du einen Mann finden, wenn du nicht endlich die Flasche absetzt!" rief mein
Retter eines Tages aus den Falten seines orangeroten Ledersessels.
Ich saß mit baumelnden Beinen auf meinem Brotbrett, die Hände fest um mein Fläschchen
geklammert, und blickte ihn erstaunt an. Sein Argument wollte mir nicht einleuchten. Er
setzte jedesmal ein neues Fläschchen an, sobald er das alte ausgetrunken hatte, und das,
obwohl er verheiratet und elfmal so alt war wie ich mit meinen fünf Jahren.
"Wo er recht hat, hat er recht!" bekräftigte meine Retterin das Argument meines
Retters und prostete ihm zu.
Ich war baff. Mein Blick raste von ihm zu ihr zu ihm. Niemals zuvor hatten die beiden sich
miteinander unterhalten, geschweige denn ein Wort an mich gerichtet. Und nun war ich nicht
nur Zeuge, sondern auch Anlaß eines Dialoges zwischen ihnen. Der Schreck erzeugte in
meinen Knien einen Reflex, der meine nackten Fersen gegen den Küchenunterschrank schlagen
ließ.
"Keine Widerworte!" rief mein Retter. Er spannte seine Hosenträger bis zur
Höhe seiner Knie und ließ sie zurückschnellen. Es gab ein hübsches lautes Geräusch,
als sie auf seinen prallen Bauch trafen. Mein Retter grunzte und verzog schmerzerfüllt
das Gesicht. Ich jauchzte, klatschte in die Hände und bat ihn, dieses Kunststück zu
wiederholen. Die Titelmusik der neusten Star-Trek-Folge schepperte aus dem Lautsprecher.
Und ohne daß mein Retter über meine Bitte nachdachte, rollte er die Zunge schnalzend von
den Zähnen und wandte sich dem Fernseher zu.
Das war eine klare, unmißverständliche Geste, mit der er mich aufforderte, die zweite
Entscheidung meines Lebens zu treffen. Fläschchen oder Mann. Natürlich wollte ich einen
Mann. Und zwar einen, der seine Hosenträger schnellen lassen konnte, wie mein Retter.
Irgendwo auf dieser Welt, die außerhalb meines Brotbrettes existierte, mußte es diesen
Mann geben. Er würde dieses Zimmer betreten und sich zu mir auf mein Brotbrett setzen,
sobald ich mich von meinem Fläschchen trennen wurde.
Also setzte ich mein Fläschchen ab, das erste Mal in fünf Jahren, und starrte zur
Zimmertür. Und während ich auf sein Erscheinen wartete, ereilte mich die erste Vision
meines Lebens.
Ich sah mich als stolze Besitzerin einer Hosenträgerfabrik, mit langen, lockig blonden
Haaren, auf hohen Stöckelschuhen, im orangeroten Kostüm, prüfenden Blickes an Millionen
Hosenträgern vorübergehen.
Eine Zeitschrift flog durch das Zimmer, traf auf meine Stirn, rutschte über mein Gesicht
und kam auf meinen Oberschenkeln zum Liegen. Die erste Vision meines Lebens verpuffte
augenblicklich im orangeroten Lack der Zimmertür. Mein Fläschchen fiel mir aus der Hand,
hinunter auf den Boden, wo es zerbrach.
"Trantüte! Heul nicht!" schimpfte meine Retterin.
"Lies!" befahl mein Retter.
Frau im Taschenspiegel, Sieben Tage hat die Woche, Goldenes Kleeblatt, Mann mit Herz und
Kleidercosmos, so hießen einige der Zeitschriften, mit denen sich meine Retter bis ins
hohe Alter geistig rege hielten und die von nun an ganz nebenbei meine Allgemeinbildung
förderten.
"Wissen ist immer wichtig. Wer wo getanzt und wem die Hand geküßt hat!"
belehrte mich mein Retter und ließ den Verschlußbügel seines Bierfläschchens
aufschnappen.
"Man kann nie wissen! Aber nie was wissen? Ist nicht gut!" resümierte meine
Retterin und nickte bestätigend ihrem Whiskeyfläschchen zu.
Ich nahm ihre wohlmeinenden Ratschläge gierig auf und prägte sie mir fest ein. Ich war
ihnen dankbar.
Meinetwegen
änderten sie nicht nur ihre Lebensgewohnheiten, sie stürzten sich auch in Unkosten. Nur
das Beste für mich. Sie abonnierten Rätselhefte, an deren Zahlenrätseln ich neben
logischem Denken auch meine mathematischen Fähigkeiten weiterentwickeln konnte. Tage und
Nächte hätte ich mit dem Lösen von Zahlen-, Kreuzwort- und Bilderrätseln verbringen
können, wenn sie mir denn einen Stift gegeben und mich das Schreiben gelehrt hätten.
Meine Retter allerdings meinten, das wäre überflüssig. Sie legten besonderen Wert auf
die Geschichts- und Geisteswissenschaften und bestanden darauf, daß ich jeden Tag einen
Western, einen Ritter-, einen Science-fiction- und einen Arztroman las.
So zog ich am frühen Vormittag mit amerikanischen Siedlern durch unbesiedelte Gebiete,
kämpfte gegen Indianer, geriet in Schneestürme und war eine der wenigen Überlebenden
der Donner-Party. Ich begleitete Englands Hofdamen auf ihren Reisen von Burg zu Burg und
verteidigte sie gegen Räuber und Banditen.
Am späten Vormittag entdeckte ich mit Einstein die Relativitätstheorie und flog mit
Lichtgeschwindigkeit durch schwarze Löcher zu neuen Galaxien. Beamte mich zur Venus und
zum Mars. Errichtete hyperventilatore Schutzschilder, um die Erde vor außerirdischen
feindlichen Angriffen zu beschützen. Entwickelte Seren gegen und für alle Krankheiten
und war stolz, eine Erdenbürgerin zu sein. Ich lernte terralektische, spacelektische
sowie Comicsprachen.
Nach dieser fundierten Ausbildung in Geschichte, Physik und Chemie folgte am Nachmittag
der Erdkundeunterricht. Aus Heimatromanen lernte ich Länder und Fauna kennen. Erkletterte
die höchsten Berge und erforschte die tiefsten Meere. Sah Edelweiß und Feueralgen. Ich
war Goldgräberin in den Anden und Perlentaucherin in der Südsee. Fing Yetis im Himalaja
und Wale im arktischen Meer. Ich schlief in Iglus und unter Palmen. In Höhlen und
Bambushütten.
Gegen Abend erfolgte die psychologische Ausbildung. Meine Retter abonnierten Liebesromane,
Krimis und Psychothriller. Den Kopf auf mein Brotbrett gebettet, war ich ein armes
Bauernmädel und lernte einen Landgraf lieben. Ich heiratete einen Arzt und kämpfte um
seine Liebe und gegen eine blutjunge Rivalin. Ich war Agentin und jagte dem Geheimdienst
wichtige Informationen ab. Ich verhinderte den Abwurf einer Atombombe und bekam
Sonderurlaub.
Ich durchlebte alle emotionalen Höhen und Tiefen des menschlichen Daseins und war
gewappnet für die Höhen und Tiefen des menschlichen Lebens. Doch im Gegensatz zu meinem
Körper, der ständig über sich selbst hinauswuchs, bekamen meine Haare und Fingernägel
bei der spannenden Lektüre keine Chance, zu wachsen.
"Ein
gestandenes Frauenbild bist du nun!" sagten eines Tages meine Retter synchron.
Ich war achtzehn Jahre und saß mit baumelnden Beinen auf meinem Brotbrett. Meine Hände
zitterten. Der Ritterroman fiel auf den Boden, und ich blickte erschrocken von ihr zu ihm
zu ihr.
"Zeit wird es, daß du dein eigenes Leben führst", sagte meine Retterin und
spülte ihre Worte mit Whiskey die Kehle hinunter.
Ich war baff. Mein Blick raste von ihm zu ihr zu ihm. Nie war mir der Gedanke gekommen,
daß ich eines Tages nicht mehr auf meinem Brotbrett sitzen sollte. Der Schreck, den diese
Vorstellung auslöste, erzeugte in meinen Knien einen Reflex, der meine nackten Fersen
gegen den Küchenunterschrank schlagen ließ.
"Keine Widerworte!" befahl mein Retter. Er spannte seine Hosenträger bis zur
Höhe seiner Knie und ließ sie zurückschnellen. Es gab ein hübsches lautes Geräusch,
als sie auf seinen prallen Bauch trafen. Er grunzte und verzog schmerzerfüllt sein
Gesicht. Ich jauchzte, klatschte in die Hände und bat ihn, das Kunststück zu
wiederholen. Meine Bitte verlor sich jedoch in der Titelmusik der x-ten Al-Bundy-Folge.
"Trantüte! Heul nicht! Geh!" befahl meine Retterin und machte Bäuerchen.
"Kannst
du deine Hosenträger schnellen lassen?" fragte ich den ersten Mann, der mir auf der
Straße begegnete. Ich war noch immer achtzehn und saß mit baumelnden Beinen mit meinem
Brotbrett auf einer Mauer.
"Nein!" antwortete der Mann, ohne rot zu werden oder sonst irgendeine Geste der
Verlegenheit zu zeigen. Er baute sich selbstbewußt vor mir auf und forschte seinerseits
nach einer Befangenheit meinerseits. Das machte uns beide kichern und brachte den Mann
dazu, handtellergroße Filmrollen aus den Taschen seines Mantels hervorzuholen und in den
Himmel zu werfen. In der Luft wickelte sich das Zelluloid vom Bobby. Ein Himmel voller
Bilder. Jedes einzelne für den Bruchteil einer Sekunde von den Strahlen der Sonne ins
rechte Licht gesetzt, um dann im freien Fall, gleich Luftschlangen, den Gesetzen der
Erdanziehungskraft zu gehorchen.
"Action! Music! Timing! Cut!" rief der Mann und warf mit jedem weiteren Wort
eine weitere Filmrolle in den Himmel.
Wie er alle diese Filmrollen in den winzigen Taschen seines Mantels hatte unterbringen
können, blieb ein Rätsel. Eins jedoch entdeckte ich sofort. Er war ein Mann der
Leidenschaft. Selbst als sich das Filmmaterial von seinen Füßen aufwärts in enger
werdenden Schlingen bis hinauf um seinen Hals gelegt hatte und er bewegungsunfähig in
diesem Wust aus Zelluloid stand, schrie er seine Leidenschaft in den Himmel. Ich war
beeindruckt.
"Das will ich auch können!" kreischte ich, sprang von der Mauer und lief um ihn
herum, bis auch der letzte Filmstreifen um mein Brotbrett gewickelt war.
"Talentiert!" lobte der Mann und nahm mich mit. In den Schneideraum und in die
Lehre.
Ich
war begeistert und kein bißchen enttäuscht, daß die Welt der laufenden Bilder mit der
Welt der geschriebenen Bilder identisch war. Es wurde geliebt, gemordet, geküßt,
geweint, verloren und gewonnen. Nur war alles ein bißchen bunter, bewegter und nicht so
einsam.
"Jetzt müssen sie sich küssen!" wünschte ich. Und das mindestens
einhundertmal am Tag.
Der Mann erfüllte mir diesen Wunsch jedesmal. So lernte ich, daß ein und derselbe Kuß
ein Schicksalskuß, ein Bruderkuß, ein Verräterkuß oder ein Abschiedskuß sein konnte.
"Du mußt nun selber Filme schneiden!" sagte der Mann eines Tages zu mir.
Ich war sechsundzwanzig Jahre alt und saß mit baumelnden Beinen mit dem Brotbrett auf dem
Schneidetisch, die Hände fest um die Klebelade geklammert, und schaute ihn verdattert an.
Nie war mir der Gedanke gekommen, daß meine Ausbildung eines Tages beendet sein könnte.
Die Tatsache, daß dem hier an Ort und Stelle so war, erzeugte in meinen Knien einen
Reflex, der meine nackten Fersen gegen den Schneidetisch schlagen ließ.
"Viel Glück!" wünschte der erste Mann, der mir auf der Straße begegnet war,
und warf die Filmrollen im hohen Bogen an die Zimmerdecke. Doch bevor er wie gewöhnlich
in einem Berg aus Zelluloid versank, rief er ein letztes Mal mit jener leidenschaftlichen
Stimme, die ich so an ihm liebte: "Cut!"
Die
Jahre zogen im Zeitraffer dahin. Ich war zufrieden. Mit mir und meinem Leben. Ich hatte
einen Beru£ War Mieterin einer wunderbaren Küche. Besaß ein beträchtliches
Vermögen in Höhe von dreitausendvierhundertsechsundfünfzig Mark, mein Notgroschen für
schlechte Zeiten auf einem Nummernkonto in der Schweiz. Eine moderne Einbauküche. Zwei
Füße, mit denen ich fest auf der Erde stand, und jeden Abend aß ich Speck. Auch an
jenem Abend, als sich die Erinnerung an meine ersten Lebensminuten vor meine Gedanken
drängte. Das Fett triefte mir von den Mundwinkeln hinunter auf die orangeroten Kacheln
des Küchenbodens.
"Bist ja doch was Gescheites geworden. Gelle!" kicherte ich. Verschluckte mich
am Speck und lachte. Vielleicht hätte ich nicht kichern sollen?
Am nächsten Morgen klingelte das Telefon. Ich war gefeuert. Fristlos. Mit zweiunddreißig
Jahren.
"Ring!
Ring." ermunterte ich das orangerote Telefon. Vierundzwanzig Stunden tagein tagaus.
Es sollte mir endlich das heißersehnte Jobangebot eines Produzenten durchstellen, von
dessen Gage ich mein Überleben würde sichern können. Das Telefon schwieg.
Ich raufte mir die blonden Haare. Ich besprach es, wie eine Gürtelrose. Meditierte, um
mentalen Zutritt in seine transzendentalen elektromagnetischen Schwingungen zu bekommen
und um seine Glasfaserkabel mit einem Panzer aus positiver Energie zu umhüllen, die allen
Telefonen dieser Welt suggerierte, daß, egal welche Nummer ihre Teilnehmer wählen
würden, sie auf jeden Fall die Verbindung zu meinem Telefon herzustellen hätten.
Ich legte Karten. Tanzte den Telefonklingeltanz. Streute Thymian, Balsam und bemühte
meine altgermanischen Hexenkünste. Vergebens. Da wußte ich, daß meine Existenz mehr als
gefährdet und meine Zukunft nicht in den Sternen, sondern im schwarzen Loch zu sehen war.
Meinem orangeroten Telefon war das egal. Es schwieg, ununterbrochen und pausenlos.
Kein Klingeln kein Job. Kein Klingeln kein Geld.
"Think
positive and you gonna be happy!" sang irgend jemand, irgendwo neben mir.
"Genau!" sagte ich und ließ mir von einem freundlichen Schweizer
Bankangestellten meine Notgroschen für schlechte Zeiten in klingender Münze heimzahlen
und verbannte alle schlechten und Angst erzeugenden Gedanken aus meinem Denken. Endlich
konnte ich die Dinge tun, von denen ich immer nur geträumt hatte, daß ich sie eines
Tages tun würde.
Ich putzte, saugte und fastete. Drückte Mitesser aus. Zupfte Augenbrauen und schnitt
Grimassen. Mein Magen knurrte. Die Miete war längst überfällig. Gas und Strom seit
Wochen abgestellt. Am Boden zerstört, kroch ich auf allen vieren, abgemagert auf fünfzig
Kilo bei einer Körpergröße von einem Meter und sechsundachtzig Zentimetern, direkt vor
mein orangerotes Telefon. Die Finger zitterten, als ich die Nummer meines letzten
Arbeitgebers wählte. Ich war bereit, um jeden noch so winzigen Job zu betteln. Ich holte
Luft und preßte den Telefonhörer an mein Ohr. Die Leitung war tot. Dafür klopfte es an
der Wohnungstür.
Das mußte der Briefträger sein! In wenigen Sekunden würde ich den Expreßbrief eines
australischen Rechtsanwaltes in den Händen halten, der mir schwarz auf weiß bestätigte,
daß ich die alleinige Erbin meines entfernt verwandten, unerwartet in seiner Goldmine
verstorbenen australischen Onkels war.
Ich öffnete die Wohnungstür.
Vor mir stand ein schmales Männchen im schwarzen Anzug mit einem schwarzen Hut. Wortlos
ließ er sich zu mir herab und überreichte mir seine Visitenkarte.
- Zwangsvollstreckungsbeamter der Stadt Hamburg - stand in schwarzen Buchstaben auf
weißem Büttenpapier.
"Oh!" hauchte ich und gab ihm die Visitenkarte zurück.
"Tja! Dumm gelaufen!" sagte er mitfühlend und richtete sich auf. Er steckte die
Visitenkarte in seine Jackentasche und blickte schweigend auf mich herab.
"Dumm gelaufen!" versicherte ich und kroch zur Seite, ihm aus dem Weg.
In schwarzen Lackschuhen schritt das schmale Männchen würdevoll über den sieben Meter
langen Korridor in mein Wohnzimmer, gefolgt von einer zahlreichen und kauflustigen Meute.
"Neunundachtzig zum ersten! Zwanzig zum zweiten! Und, zum dritten!"
Der Auktionshammer des Zwangsvollstreckungsbeamten knallte auf den Schreibtisch, von dem
ich nicht wußte, ob er sich noch in meinem Besitz befand, als ich auf allen vieren
kriechend endlich mein Arbeitszimmer erreicht hatte. Wildfremde Menschen mit Hundekacke an
den Schuhen liefen über den weißen Flokati. Hin und her und wieder hin. Nahmen alles in
die Hände, selbst das, was niet- und nagelfest war. Jeden Gegenstand, die kleinen und
erst recht die großen, drehten und wendeten sie prüfend, während ihre Gesichter
widerspiegelten, welchen Wert oder Nutzen sie ihm für ihren persönlichen Gebrauch
zumaßen.
Ich dachte an meine Geburtstage, die Oster- und Weihnachtsfeste, die für mich immer
Anlaß gewesen waren, mir das eine oder andere zum Geschenk zu machen, und die mir
geholfen hatten, über die Jahre mein Hab und Gut zu vermehren.
Doch in dieser Situation waren melancholische Gedanken purer Luxus. Tatsache war: Meine
Zahlungsunfähigkeit hatte den Wohnungsvermieter, die Telefon-, Gas- und
Stromgesellschaften in den finanziellen Ruin getrieben. Es war nur verständlich, daß
ihnen daran gelegen war, meinen ideellen Besitz unverzüglich in materielle Münzen zu
verwandeln, um die Außenstände einzutreiben. Verständlich war auch, was dies für mich
bedeutete. In wenigen Minuten würde ich vollkommen besitzlos und obendrein obdachlos
sein. Aber ich konnte und wollte nicht zulassen, daß wildfremde Menschen über das Wie,
Wo und Wann meines Schicksals bestimmten. Das ging zu weit. Ich würde auswandern.
Entschlossen kroch ich zwischen Cowboystiefeln und Damen-Pumps zum Zeitschriften- und
Groschenromanregal und zog einen bunten Ordner hervor: meinen Atlas. Seit frühester
Kindheit hatte ich aus den Boulevardblättern und Hochglanz-Magazinen jede gedruckte
Landkarte rausgerissen und in diesem Ordner archiviert. Niemals hätte ich gedacht, daß
ich ihn eines Tages benutzen würde. Jetzt allerdings war ich froh, vom
Zwangsvollstreckungsbeamten unbemerkt, mit diesem Schatz zwischen den Zähnen in die
Küche kriechen zu können, wo ich mich auf mein Brotbrett setzte und den Ordner wahllos
aufschlug: Amerikas goldener Westen. Im Vierfarbdruck. Blau der Pazifische Ozean. Rotbraun
das Colorado-Plateau. Gelbgrün die Gila-Wüste. Schwarz die Städte. Amerika! Ein buntes
Land. Ein weites Land. Ein freies Land. Genau das richtige Land, um einen Neuanfang zu
wagen.
Ich schloß die Augen und tippte blind auf einen kleinen schwarzen Punkt namens Rosario in
Nieder-Kalifornien. Niemals zuvor hatte ich irgend jemanden den Namen dieses Ortes
aussprechen hören, geschweige denn in den mir einschlägig bekannten Journalen irgend
etwas über diesen Ort gelesen. Ein schlechtes Omen!
Ich war verrückt. Ja. Aber so verrückt auch wieder nicht, daß ich bereit gewesen wäre,
dem Verhängnis in die Arme zu laufen, vor dem ich beabsichtigte, davonzulaufen. Trotzdem,
eine zweite Chance wollte ich mir und Amerika geben. Nur, bevor ich dieses Mal die Augen
fest verschloß, hatte ich die Karte genauestens studiert. Selbst mit geschlossenen Augen
wußte ich, in welche Richtung ich meinen Zeigefinger wie weit über das Papier zu bewegen
hatte, um ihn dort postiert zu sehen, wo ich ihn postiert haben wollte: einfach ein
bißchen höher, an der Küste entlang, auf der berühmten Schnellstraße Nummer 1, bis...
"Los Angeles!"
Ein schöner Name für eine Stadt. Nein. Das war kein Name. Das war ein Versprechen. Eine
Verheißung. Eine Verlockung.
Ob es einen Grund gab, der dagegen sprach, dorthin auszuwandern?
Die Gebote der Fremden drangen aus dem Arbeitszimmer bis in die Küche. Ihr Gefeilsche
klingelte in meinen Ohren, und ich hoffte, daß es noch lange anhalten möge. Wenigstens,
bis ich meine alles entscheidende Frage beantwortet haben würde.
"Loooos Ääääändscheeeles?"
Bilder von Schönheit und Abenteuer, ewiger Jugend und Reichtum, von Männern, die ihre
Hosenträger schnellen lassen konnten, und der Möglichkeit des Unmöglichen liefen in
Cinemascope und in vierundzwanzig Bildern die Sekunde an meinen Augen vorüber. Daß ich
mich inmitten all dieser Bilder winken sah, konnte nur bedeuten, daß ich in dieser Stadt
mein Glück machen sollte. Ein gutes Omen!
Der Zwangsvollstreckungsbeamte erschien im richtigen Augenblick, um mir den Atlas aus den
Händen zu nehmen und ihn zum Preis von einer Mark an den Meistbietenden zu versteigern.
Es kümmerte mich nicht. Meine Zukunft kannte jetzt ein Ziel. Die Entscheidung war
gefallen. Plötzlich erschien mir die Zwangsversteigerung als ein Geschenk des Himmels.
Sie hatte mir Laufereien und die Kosten für Möbel- und Porzellaneinlagerung erspart. Ich
war ein Glückskind.
Der Zwangsvollstreckungsbeamte der Stadt Hamburg tippte mir auf die Schulter und wies mit
dem Zeigefinger auf mein Brotbrett.
"Alles! Bitte, nur das nicht!"
"Zweihundert zum ersten! Zum zweiten! Und, zum drit..."
Der Auktionshammer sauste bereits auf den Küchentisch.
"Dreihundert!" brüllte ich.
"Ein antikes, gut erhaltenes und seltenes Stück!" gratulierte der
Zwangsvollstreckungsbeamte und händigte mir neben dem Brotbrett, nach Abzug der
dreihundert Mark und meiner Miet-, Gas-, Strom- und Telefonschulden, den restlichen
Auktionserlös von eintausendvierhundert Mark aus. "Bitte, verlassen Sie die Wohnung,
jetzt."
Laut fiel die Wohnungstür hinter mir ins Schloß.
In
einer lauen Frühlingsnacht, von der Schiffsmannschaft unbemerkt und in letzter Sekunde,
betrat ich ein Containerschiff. Schnurstracks fand ich meinen Weg und einen Container, der
im Gegensatz zu allen anderen nur bis zur Hälfte mit Säcken gefüllt war. Ich hätte mir
keinen bequemeren Ort für die sieben Tage dauernde Reise wünschen können. Das
bestätigte ich mir mehrmals, sobald ich meinen Kopf auf die lehmbraunen Getreidesäcke
gebettet hatte. In meinem ganzen Leben würde ich nie wieder so komfortabel reisen wie in
diesem Getreidecontainer, mit dem allein schon wegen seiner Größe keine Luxuskabine
dieser Welt konkurrieren konnte.
Doch ich war nicht die einzige, die ihre besorgten Blicke über die rostigen Wände des
Schiffes schweifen ließ. Zu meiner Überraschung bemerkte ich, daß sich außer mir auch
andere blinde Passagiere an Bord befanden. Mit großen braunen Augen starrten sie mir
argwöhnisch aus Dunkelheit und sicherer Entfernung entgegen. Gerade wollte ich die noch
unbekannten Reisegefährten begrüßen, als diese sich bereits auf mich stürzten.
"Mäuse!"
Das Entzücken über die schnelle Bekanntschaft beruhte auf Gegenseitigkeit. Doch meine
Füße waren nun einmal keine Emmentaler Käsestückchen. Ich mußte meine geballte
Überredungskunst anwenden, bis auch der letzte meiner Reisegefährten diese Tatsache
schmerzhaft verinnerlicht hatte und bereit war, sich meinen Argumenten zu beugen. Die
graue Meute zog sich übelgelaunt zurück und stillte ihren Heißhunger an Roggen und
Weizen. Natürlich ohne mich eines weiteren Blickes zu würdigen.
Mir war's recht. Ich lag entspannt, die Arme hinter dem Kopf verschränkt, auf mehlbraunen
Getreidesäcken, kaute ein Schrotkorn nach dem anderen, während ich in Gedanken dem
Schiff um etliche Meilen vorauseilte.
Ich erlaubte mir einen Abstecher nach New York und schüttelte der Freiheitsstatue die
Hand. Ich besuchte die Familie Bundy, und Al schenkte mir ein Paar von diesen schönen
billigen Schuhen, die er verkaufte. Ich kehrte bei den Golden Girls ein und stritt heftig
mit Ma, die mir zum Abschied eine Träne und das Medaillon ihres italienischen Lovers
schenkte. Ich flog mit einem zweimotorigen Doppeldecker in atemberaubendem Tempo bei
Sonnenuntergang über die roten Felsen des Grand Canyon, um bei Mondaufgang auf dem
Enchanted Mesa, dem Zauberberg der Acoma-Indianer, eine Filterzigarette zu rauchen. In
Johns weißem Ferrari verfolgte ich dunkle Gestalten durch ganz Miami Vice und schleckte
Eis beim Baseballspiel der Twins gegen die Chicago Bulls. Ich aß Popcorn auf dem
Skateboard und trank Coca-Cola auf Hawaii. Als der letzte Tropfen durch meine Kehle rann,
wußte ich: Ich war am Verdursten.
Vergeblich suchte ich zwischen Getreidesäcken, Gerümpel und Takelagen nach einer Pfütze
oder Kondenswasser. Als ich in meiner Not sogar die rostigen Schiffswände nach einem
tropfenden Leck abtastete, stand plötzlich eine Maus vor mir. Sie stellte sich auf die
Hinterbeine und beobachtete mich neugierig aus braunen Kulleraugen. Ich vergaß, wer ich
war und wo ich mich befand. Nur meinen Durst vergaß ich nicht, als die Maus fragte:
"Was tust du?"
Ein Trugbild? Eine Halluzination? Eine Fata Morgana?
Was interessierte es mich. Meine Kehle war ausgetrocknet. Meine Zunge geschwollen. Ich
hatte Durst, und da vor mir stand diese Maus und hielt in ihren Pfoten eine Schale
Mäusemilch.
"Ich weiß nicht", krächzte ich, riß ihr die Schale aus den Pfoten und trank
sie in einem Zug leer. "Und du", fragte ich, den letzten Tropfen Mäusemilch aus
der Schale schleckend, "... was tust du?"
Die Maus kicherte. "Wenn du ein Geheimnis für dich behalten kannst, will ich es dir
wohl sagen."
Im Container war es plötzlich mucksmäuschenstill. Ich hörte eine Spinne ihr Netz weben.
Und sah sechshundert Mäuseaugen ihre Blicke erwartungsvoll auf meine Person richten.
Ich nickte.
Dreihundert Mäuse jubelten, stellten sich auf die Hinterbeine und applaudierten.
"Wir wollen uns in der Neuen Welt reichlich vermehren, um dann eine Mäuseinvasion
auf den Osten Europas zu starten", flüsterte die Maus, mißtrauisch in alle
Richtungen spähend.
Ich spürte die Überzeugung, den unerschütterlichen Glauben an ihre Idee, und
verzichtete, sie darauf hinzuweisen, daß es einfacher wäre und einen schnelleren Erfolg
verspräche, wenn sie sich gleich im Osten Europas vermehren würden, denn: "Jawoll!
Woll! Woll!" fiepsten zweihundertneunundneunzig Mäuse und formierten sich aufrecht
stehend, die Vorderfüßchen auf die Schultern des Nachbarmäuschens gestützt, zu einem
Kreis. In ihrer Mitte stand meine Maus. Schön und weise, wie ich nie zuvor eine Maus
gesehen, sang sie im tiefsten Bariton eine herzzerreißende russische Volksweise.
"Hai! Hai! Hai!" riefen zweihundertneunundneunzig Mäuse im Chor. Warfen die
Hinterbeinchen in die Luft, landeten auf den Vorderbeinchen und jagten im Kreuzschritt an
mir vorüber, tanzten den Kasatschok, daß mir die Luft wegblieb.
"Hai! Hai! Hai!" hallte es durch den Container, während der Bariton meiner Maus
langsam ausklang.
Ich war begeistert über die dargebotene Vorstellung meiner Fata Morgana und verlangte
nach einer weiteren Schale Mäusemilch. Und während ich das köstliche Getränk Schluck
um Schluck auf der Zunge zergehen ließ, überlegte ich, wie ich den Mäusen bei der
erfolgreichen Umsetzung ihres Geheimnisses behilflich sein könnte. Mir fiel nichts ein.
Mein Gehirn war leer, wie eine falsche Nuß. Instinktiv zog ich die Füße an meinen
Körper und knibbelte an den Zehen. Es war eine ureigenste Erfahrung, daß mir bei dieser
Beschäftigung die genialsten Ideen zuflogen. Ich knibbelte. Knibbelte und knibbelte.
Durch den Nebel der Erinnerung erblickte ich erste verschwommene Bilder einer Manege. Der
Nebel lichtete sich, verschwand zu den Seiten wie ein sich träge öffnender
Bühnenvorhang und gab den Blick uneingeschränkt frei auf die Manege, wo die Akrobaten
ihre tolldreisten Kunststücke vorführten. Genauso, wie ich sie vor Jahren beim Besuch
eines Flohzirkus mit eigenen Augen gesehen und am eigenen Leib zu spüren bekommen hatte.
"Was ein Floh kann, kann eine Maus allemal!" behauptete ich tollkühn.
"Jawoll! Woll! Woll!" riefen dreihundert Mäuse im Chor und baten mich, sogleich
mit dem Unterricht zu beginnen.
Es waren gelehrige Tierchen. Bereits nach zwei Tagen sprangen sie von meiner Nase durch
einen roten Einmachgummiring, um mit einem dreifachen Salto mortale auf meinem Bauch zu
landen. Nach einem weiteren Tag wußten sie ihre Pfötchen so geschickt einzusetzen, daß
sie mir die Haare toupierten und kunstvoll frisierten. Nach vier Tagen balancierten sie
fünf Weizenkörner, die jeweils rechts und links auf den Enden ihrer Schnurrbarthaare
übereinanderstanden. Und am fünften Tag bauten sie mit ihren Körpern Pyramiden, deren
Spitzen bis an die Containerdecke reichten. Am sechsten Tag manikürten sie mit ihren
scharfen Zähnchen so gekonnt meine Finger- und Fußnägel, daß ich sie am siebten Tag
unserer Reise fragte, ob wir nicht gemeinsam einen Nail-Service-Saloon eröffnen wollten.
"Land! Land! Land in Sicht!" schrie irgendein Matrose irgendwo auf Deck.
Meine Fata Morgana zerplatzte über einem Getreidesack wie ein Silvesterfeuerwerk. Durstig, aber vor dem Verdursten gerettet, schnappte ich mein Brotbrett und suchte nach einem Ausweg aus diesem Getreidecontainer. Als ich ihn gefunden hatte, wußte ich: Alles wird gut.
Rezension I Buchbestellung 0I02 LYRIKwelt © Rotbuch-Verlag