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Der Tabakhändler
(Leseprobe
aus: Der Tabakhändler, Roman,
2003, Verlagsbuchhandlung
Liebeskind - Übertragung Susanna
Rademacher)
1. Der Poet wird vorgestellt und im Vergleich zu seinen Gefährten charakterisiert
In den letzten Jahren des 17. Jahrhunderts war
unter den Stutzern und Tollköpfen der Londoner Kaffeehäuser ein langer,
schlaksiger Jüngling zu finden namens Ebenezer Cooke. Seine Strebsamkeit war größer
als sein Talent, dieses wiederum größer als seine Weltklugheit; gleich seinen
Brüdern in der Narrerei – die allesamt angeblich in Oxford oder Cambridge
studierten – fand er es vergnüglicher, mit dem Klang der englischen
Muttersprache zu spielen, als sich mit ihrem Sinn abzuplagen, und so hatte er,
statt sich der Mühsal der Gelehrsamkeit zu widmen, lieber die Kniffe des
Verseschmiedens erlernt und verfertigte nun – nach der Mode des Tages – bändeweise
Zweizeiler, die von Zeusen und Jupitern überschäumten, von mißtönenden
Reimen knarrten und von zum Zerreißen überspannten Gleichnissen nur so
strotzten.
Als Dichter war dieser Ebenezer nicht besser und nicht schlechter als seine
Genossen, von denen keiner etwas Rühmlicheres hinterlassen hat als die eigene
Nachwelt; doch in vier Punkten unterschied er sich von ihnen. Erstens in seinem
Äußeren – ein hellhaariges und hellhäutiges, grobknochiges und hohlwangiges
Gestell, das neunzehn Handbreit emporragte – nein, emporrankte. Seine Kleider
waren aus gutem Stoff und gut geschnitten, aber sie hingen an ihm wie aufgegeite
Segel an langen Spieren …
Zweitens sein Alter: während seine Kumpane meist kaum über zwanzig Jahre zählten,
war Ebenezer zur Zeit dieses Kapitels schon näher an die Dreißig. Jedoch
keinen Schnips klüger als sie, und hatte nicht wie sie die Entschuldigung,
sechs oder sieben Jahre jünger zu sein. Drittens seine Herkunft: Ebenezer war
als Amerikaner geboren, hatte aber sein Geburtsland seit frühester Kindheit
nicht gesehen ...
Das vierte, was Ebenezer von seinen Kaffeehausgenossen unterschied, war sein
Auftreten: obwohl keiner von seinen Freunden mit mehr Talent gesegnet war, als
er unbedingt brauchte, spielten sie sich, wenn sie zusammensaßen, richtig auf;
sie rezitierten eigene Verse, verunglimpften alle wohlbekannten Dichter ihrer
Zeit (wie auch alle Mitglieder ihres Kreises, die zufällig nicht anwesend
waren), brüsteten sich mit ihren amourösen Eroberungen und ihren Aussichten
auf unmittelbar bevorstehenden Erfolg … Ebenezer hingegen, der schon durch
seine Erscheinung auffallen mußte, neigte eher zur Wortkargheit. Manche nahmen
diese Zurückhaltung als ein Zeichen von Verachtung, die sie – je nach dem
Grad des eigenen Selbstvertrauens – entweder einschüchterte oder ärgerte.
Andere hielten sie für Bescheidenheit, noch andere für Schüchternheit und
wieder andere für den Absonderungshang des Künstlers oder Philosophen. Wäre
sie tatsächlich ein solches Symptom gewesen, so gäbe es nichts zu erzählen;
in Wahrheit jedoch hatte das Auftreten unseres Poeten seinen Ursprung in etwas
viel Komplizierterem, und eben dies berechtigt uns, über seine Kindheit, seine
Abenteuer und endlich seinen Tod zu berichten.
Rezension I Buchbestellung I home II07 I LYRIKwelt © Verlagsbuchhandlung Liebeskind