Kinder,Katzen,Katastrophen von Jörg artel, 2006, dtv

Jörg Bartel

Voll witzig: von uaaa und hihihi
(Leseprobe aus: Kinder, Katzen, Katastrophen, Geschichten, 2006, dtv)

Ja, es gibt solche Stunden, und vielleicht muss man dafür deutlich hinter 40 sein, da geht man in sich, schlendert mal diesen, mal jenen Gedankengang entlang, verirrt sich ein bisschen im Halbdunklen, bis man wieder was trifft, das einem ähnlich sieht; und dann denkt man still in sich hinein vor sich hin: Sag mal, was ist eigentlich passiert in den letzten, sagen wir mal: 14 Tagen?
Das sind immerhin die ersten 14 Tage vom Rest deines Lebens, sozusagen. Also...! Ja, und dann kommt man natürlich ins Grübeln: Da war zum Beispiel die Linsensuppe, Mittwoch vor einer Woche, in der Verlagskantine, die war wirklich brauchbar. Und soweit ich weiß, leben auch noch alle – jetzt nicht wegen der Linsensuppe, sondern mehr so allgemein. Die Windschutzscheibe hat einen Sprung, der vielleicht bedeutungslos ist, ich bin immer noch auf der Suche nach privaten Spendern, und der blöde Indiana Jones ist endlich wieder runter vom blöden Baum. Und kann schwimmen. Fragen Sie die grinsenden Goldfische in Nachbars Gartenteich. Sonst noch was?
Unsere Große, die Rosa, sagt neuerdings so merkwürdige Sätze. Das sind überhaupt keine Sätze. Das sind syntaktische Ruinen, Wortbrüche, das ist mündliches Gefuchtel, codierter Kinderkappes. Das klingt meistens wie: »Heute, also aufm Schulhof, also da hat die Debbie irgendwie so witzig, und der Lars hat sofort – so –, und ich – so –, Papa, und die Debbie – so –, uaaah, das war irgendwie voll witzig!«
Und dann nuschelt sie meistens noch ein »Hihihi« hintendran und erwartet, dass man vor lauter Hochkomik, die das Leben schrieb, mindestens kollabiert, und das gibt einem dann, uaah, den Rest, hihi.
»Was?!«, ruft man da verzweifelt hinein ins schlappgelachte Kind, »was hat Debbie gemacht, was bedeutet ›so‹, und vor allen Dingen: Was ist daran so witzig?!«
Doch hohl heraus schallt »Hihihi« und »Papa, du hättest dabei gewesen sein sollen, die Carla! Und dann erst der Mats – uaaah! Hihihi!«
Voll witzig, echt. So wahnsinnig krass voll witzig, dass man seiner Tochter einen längeren humorfreien Vortrag über den Sinn ganzer, verständlicher Sätze halten möchte. Aber dann fällt einem zum Beispiel der eigene Sohn ein, der mitwisserisch behauptet hat, der Olli sei »in Elke«. »Der Olli ist in Elke«, tratschte Jan über den angeblich verliebten Olli, »schon lange, bestimmt zwei Wochen. Hihihi.«
Soll man ihn schelten? Soll man ihm eiskalt das Eis verweigern, wenn er wieder fragt »Darf ich noch ein Eis?« Oder genügt das mittlerweile routinierte »Was denn: wegschmeißen? Braten? Oder möchtest du am Ende eins essen?«
Aber dann fällt einem gerade noch rechtzeitig ein, dass der Briefträger auch immer nur sagt: »Tach, ich habe hier« – und schon hat man was in der Hand, das man unterschreiben soll, und unterschreibt. Und dass neulich ein Sportreporter gleich nach der Krombacherwerbung, kurz vor der Krombacherwerbung einen Trainer gefragt hat: »Kann man überhaupt noch besser spielen?« Und der Trainer antwortete: »Jede Mannschaft spielt nur so gut wie der Gegner.«
Punkt.
Falsch »...es zulässt«, hätte es heißen müssen, nämlich, »es zulässt«, denn es heißt ja auch nicht: »Ein Spiel dauert«, sondern »ein Spiel dauert 90 Minuten«, und der Ball ist nicht nur, sondern »rund«! Aber haben wir beim Fernsehen angerufen? Nein, wir haben »mit gläsernen Augen« (O-Ton Lothar Matthäus) zu diesem Skandal geschwiegen, weil wir uns daran gewöhnt haben, dass man sich aus Sätzen zappt, dass die im Fernsehen so viele Schwafelbröckchen von sich blubbern und wir’s artig schlucken, weil eh jeder weiß, was kommt, und wenn es nicht kommt, ist es auch nicht schlimm, weil man ja weiß, was gekommen wäre: nichts ¬Besonderes nämlich, und das wollten wir eigentlich gar nicht oder doch und hören genau darum immer wieder hin.
Alte Ehepaare brauchen ja auch kein Wort zu sagen, um sich kaputtzulachen oder zu streiten. Warum also sollten ausgerechnet Kinder Gedanken und Sätze zu Ende?
Hihihi.

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