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Voll witzig: von uaaa und hihihi
(Leseprobe aus: Kinder, Katzen,
Katastrophen,
Geschichten, 2006, dtv)
Ja, es gibt solche Stunden, und
vielleicht muss man dafür deutlich hinter 40 sein, da geht man in sich,
schlendert mal diesen, mal jenen Gedankengang entlang, verirrt sich ein bisschen
im Halbdunklen, bis man wieder was trifft, das einem ähnlich sieht; und dann
denkt man still in sich hinein vor sich hin: Sag mal, was ist eigentlich
passiert in den letzten, sagen wir mal: 14 Tagen?
Das sind immerhin die ersten 14 Tage vom Rest deines Lebens, sozusagen. Also...!
Ja, und dann kommt man ¬natürlich ins Grübeln: Da war zum Beispiel die
Linsensuppe, Mittwoch vor einer Woche, in der Verlagskantine, die war wirklich
brauchbar. Und soweit ich weiß, leben auch noch alle – jetzt nicht wegen der
Linsensuppe, sondern mehr so allgemein. Die Windschutzscheibe hat einen Sprung,
der vielleicht ¬bedeu¬tungs¬los ist, ich bin immer noch auf der Suche nach
privaten Spendern, und der blöde In¬diana Jones ist endlich wieder runter vom
blöden Baum. Und kann schwimmen. Fragen Sie die grinsenden Gold¬fische in
Nachbars Gartenteich. Sonst noch was?
Unsere Große, die Rosa, sagt neuerdings so merkwürdige Sätze. Das sind überhaupt
keine Sätze. Das sind syn¬tak¬¬¬tische Ruinen, Wortbrüche, das ist mündliches
¬Ge¬fuchtel, codierter Kinderkappes. Das klingt meistens wie: »Heute, also
aufm Schulhof, also da hat die Debbie ir¬gendwie so witzig, und der Lars hat
sofort – so –, und ich – so –, Papa, und die Debbie – so –, uaaah,
das war irgendwie voll witzig!«
Und dann nuschelt sie meistens noch ein »Hihihi« hintendran und erwartet, dass
man vor lauter Hochkomik, die das Leben schrieb, mindestens kollabiert, und das
gibt einem dann, uaah, den Rest, hihi.
»Was?!«, ruft man da verzweifelt hinein ins schlappgelachte Kind, »was hat
Debbie gemacht, was bedeutet ›so‹, und vor allen Dingen: Was ist daran so
witzig?!«
Doch hohl heraus schallt »Hihihi« und »Papa, du hättest dabei gewesen sein
sollen, die Carla! Und dann erst der Mats – uaaah! Hihihi!«
Voll witzig, echt. So wahnsinnig krass voll witzig, dass man seiner Tochter
einen längeren humorfreien Vortrag über den Sinn ganzer, verständlicher Sätze
halten möchte. Aber dann fällt einem zum Beispiel der eigene Sohn ein, der
mitwisserisch behauptet hat, der Olli sei »in Elke«. »Der Olli ist in Elke«,
tratschte Jan über den angeblich verliebten Olli, »schon lange, bestimmt zwei
Wochen. Hihihi.«
Soll man ihn schelten? Soll man ihm eiskalt das Eis verweigern, wenn er wieder
fragt »Darf ich noch ein Eis?« Oder genügt das mittlerweile routinierte »Was
denn: wegschmeißen? Braten? Oder möchtest du am Ende eins essen?«
Aber dann fällt einem gerade noch rechtzeitig ein, dass der Briefträger auch
immer nur sagt: »Tach, ich habe hier« – und schon hat man was in der Hand,
das man unterschreiben soll, und unterschreibt. Und dass neulich ein
Sportreporter gleich nach der Krombacherwerbung, kurz vor der Krombacherwerbung
einen Trainer gefragt hat: »Kann man überhaupt noch besser spielen?« Und der
Trainer antwortete: »Jede Mannschaft spielt nur so gut wie der Gegner.«
Punkt.
Falsch »...es zulässt«, hätte es heißen müssen, nämlich, »es zulässt«,
denn es heißt ja auch nicht: »Ein Spiel dauert«, sondern »ein Spiel dauert
90 Minuten«, und der Ball ist nicht nur, sondern »rund«! Aber haben wir beim
Fernsehen angerufen? Nein, wir haben »mit gläsernen Augen« (O-Ton ¬Lothar
Matthäus) zu diesem Skandal geschwiegen, weil wir uns daran gewöhnt haben,
dass man sich aus Sätzen zappt, dass die im Fernsehen so viele Schwafelbröckchen
von sich blubbern und wir’s artig schlucken, weil eh jeder weiß, was kommt,
und wenn es nicht kommt, ist es auch nicht schlimm, weil man ja weiß, was
gekommen wäre: nichts ¬Besonderes nämlich, und das wollten wir eigentlich gar
nicht oder doch und hören genau darum immer wieder hin.
Alte Ehepaare brauchen ja auch kein Wort zu sagen, um sich kaputtzulachen oder
zu streiten. Warum also sollten ausgerechnet Kinder Gedanken und Sätze zu Ende?
Hihihi.
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