aus: Schach
- Sauwetter,
sagte der Taxifahrer. Sie rutschten an der Sternschanze vorbei. Es soll wieder
Hochwasser geben. Im Süden.
Der Fahrer wartete nicht auf die Antwort, die Koch in diesem Ping-Pong-Spiel über das
Wetter zugestanden hätte. Wahrscheinlich hielt er seine Voraussage für richtig.
- Ich bin froh, daß Weihnachten rum ist, fuhr er fort, die Leute machen einen
Streß, sage ich Ihnen. Als Taxifahrer ist man ja mittendrin. Kurz vor Schluß werden alle
nervös. Nur weil das Jahr zu Ende geht. Das ganze Gekaufe nutzt gar nichts. Macht alles
nur schlimmer
Und dann stelzen wir auf guten Vorsätzen ins neue Jahr, sagte er,
wobei er die Stimme am Satzende leicht hob.
Koch hatte Gelegenheit, sich das Profil des Taxifahrers genauer anzuschauen. Lederjacke,
längere Haare, unrasiert. Typisch!
- Im Januar geht alles so weiter. Immer im Kreis rum. Aber das verkraftet der Mensch
nicht.
Während er redete, mußte der Fahrer sich auf die glatte Straße konzentrieren. Trotzdem
unterstrich er seine Sätze, indem er eine Hand vom Lenkrad nahm und mit gespreizten
Fingern durch die Luft ruderte. Dabei saß er steif hinter dem Steuer, starrte in das
Schneetreiben wie in ein Schlüsselloch und redete. Vielleicht ein Student, dachte Koch.
- Ich sage Ihnen, dieses Jahrhundert ist erschöpft. Die große Zwischenzeit hat
begonnen. Die letzten Jahre zählen nicht mehr. Alle spielen auf Zeit, warten auf den
Abpfiff. Und dabei reden sie davon, daß jetzt die Weichen gestellt werden für das
nächste Jahrtausend. Neues Zeitalter. Die meisten glauben doch sowieso, daß alles den
Bach runtergeht. Kein Zwischenspiel, sondern ein Endspiel, sozusagen
Jetzt!
Jetzt! Jetzt! Der Fahrer knallte die freie Hand so auf das Lenkrad, daß Koch vor Schreck
zuckte. Das Wort hat doch gar keine Bedeutung mehr! Man lebt doch nur in der Zukunft, von
verschobenen Hoffnungen, sozusagen. Und die Hoffnung schwimmt auf der Gegenwart wie der
Schaum auf einem abgestandenen Bier. Darum wird reingeschlagen. Damit es wieder schäumt
Zukunft! Bei diesem Wort drehte er den Kopf in Kochs Richtung und setzte zu einem
neuen Schwall an. Ich sage Ihnen, die, die viel zu verlieren haben, haben am meisten Angst
vor der Zukunft. Unsereiner ist ja schon mit der Gegenwart vollauf beschäftigt. Und, was
passiert? Die gehen einen Schritt zurück. Ich sage immer, wer wegläuft, den beißen die
Hunde. Ende und neuer Anfang. Auch nur ein Versuch, von der Gegenwart abzulenken. Die
geschichtliche Entwicklung ist sinnlos! Also gut, dann steigen wir morgen wieder auf Esel
um, oder was?! Ich will gar nicht wissen, was auf uns zukommt. Gut, das Leben ist ein
nasser Quatsch und die Menschheit eine rotierende Sinnlosigkeit. Warum strengen wir uns
überhaupt an, frage ich Sie. Warum lernen wir überhaupt Lesen und Schreiben, bauen
Computer und fliegen zum Mond? Am besten, wir geben die Menschenrechte zurück. Sinn wird
gemacht, sage ich Ihnen! So oder so. Irgendeine Aufgabe sollte sich die Menschheit doch
stellen, finden Sie nicht? Ich sage Ihnen, bis ins Mittelalter sind es weniger als
zweihundert Meter. Finden Sie unter jeder Brücke.
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