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I. Die Gitarrenstunde
(Leseprobe aus: Triste Fim de Policarpo Quaresma/Das traurige Ende des Policarpo Quaresma,
Roman, Erster Teil, 1915/2001, Ammann - Übertragung
Berthold
Zilly).
Wie gewöhnlich, traf Policarpo Quaresma, besser bekannt als Major Quaresma, um
viertel nach vier zu Hause ein. So geschah es seit mehr als zwanzig Jahren. Wenn
er das Zeugamt verließ, wo er als Unteramtmann tätig war, schaute er sich in den
umliegenden Feinkostläden nach ein wenig Obst um, zuweilen auch nach einem Stück
Käse, und kaufte stets das Brot der französischen Bäckerei.
All dies erledigte er in weniger als einer Stunde, nahm um zwanzig vor vier, auf
die Minute genau, die Trambahn und überschritt exakt um viertel nach vier die
Schwelle seines Hauses in einer abgelegenen Straße der Vorstadt São Januário,
pünktlich wie das Auftreten eines Himmelskörpers, einer Sonnenfinsternis, eines
mathematisch determinierten Phänomens, vorhergesehen und vorhergesagt.
Die Nachbarn waren mit seinen Lebensgewohnheiten längst vertraut, und sobald man
ihn bei Hauptmann Cláudio, wo gegen halb fünf gegessen wurde, vorbeikommen sah,
rief dort die Hausfrau der Dienerin zu: »Alice, es ist soweit, Major Quaresma
ist gerade vorbei«.
So ging es alle Tage, seit nunmehr fast dreißig Jahren. Da er das Haus, in dem
er wohnte, sein eigen nannte und nebst seinem Gehalt über weitere Einkünfte
verfügte, konnte Major Quaresma sich einen Lebenszuschnitt leisten, der über
seine Dienstbezüge hinausging, weswegen er von der Nachbarschaft als
wohlsituierter Mann geschätzt und geachtet wurde.
Er empfing keine Besucher, sondern lebte in klösterlicher Zurückgezogenheit,
wenn auch höflich gegen die Nachbarn, die ihn für einen Sonderling und
Misanthropen hielten. Hatte er in der Vorstadt keine Freunde, so hatte er auch
keine Feinde, und der einzige, dessen Mißfallen er erregte, war der Doktor
Segadas, ein bekannter Arzt des Viertels, der nicht einsehen wollte, warum
Quaresma Bücher besaß: »Er ist doch kein Akademiker, wozu braucht er dann
Bücher? Reine Wichtigtuerei!« Seine Bücher zeigte der Unteramtmann niemandem,
doch wenn die Fenster seiner Bibliothek geöffnet waren, konnte jedermann von der
Straße die von oben bis unten vollgepfropften Regale sehen.
So war sein Tageslauf. In letzter Zeit allerdings hatte sich einiges geändert,
was im Viertel mancherlei Kommentare hervorrief. Außer dem Gevatter und seiner
Tochter, den einzigen Menschen, die ihn bislang besucht hatten, sah man seit
kurzem dreimal pro Woche an immer den gleichen Tagen einen kleinwüchsigen Herrn,
mager und blaß, Quaresmas Haus betreten, eine Gitarre im Wildlederfutteral unter
dem Arm. Sogleich war die Neugier der Nachbarn geweckt. Eine Gitarre in einem so
respektablen Haus! Was mochte es damit auf sich haben?
Selbigen Nachmittags verabredete sich eine der hübschesten Nachbarinnen mit
einer Freundin, und beide spazierten endlos auf dem Gehsteig auf und ab, und
jedesmal wenn sie vor dem offenen Fenster des sonderbaren Unteramtmanns vorüber
kamen, reckten sie die Hälse.
Sie spionierten nicht vergeblich. Quaresma saß neben dem unbekannten Besucher
auf dem Sofa, die »Klampfe« in Spielhaltung, und hörte ihm aufmerksam zu.
»Schauen Sie, Major, das geht so«. Und langsam ließen die Saiten den
angerissenen Ton erklingen, worauf der Meister erklärte: »Das ist das D, haben
Sie verstanden?«
Weiterer Erkundigungen bedurfte es nicht; die Nachbarschaft kam sogleich zu dem
Schluß, der Major erlerne das Gitarrenspiel. Du meine Güte! Ein so ernsthafter
Mensch, und nun ein solcher Unfug!
Eines sonnigen Nachmittags gegen vier Uhr – die Märzsonne schien kräftig und
unerbittlich – bevölkerten sich die Fenster in einer menschenleeren Straße von
São Januário urplötzlich von einem Ende zum andern. Sogar im Haus des Generals
schauten die Mädchen aus dem Fenster! Was gab es zu sehen? Ein Bataillon? Eine
Feuersbrunst? Nichts dergleichen. Major Quaresma kam, mit Schritten klein wie
die eines Zugochsen, gesenkten Hauptes die Straße herauf, etwas so Unanständiges
wie eine Gitarre unter dem Arm.
Gewiß, sie war schamhaft mit Papier umwickelt, doch verhüllte diese Gewandung
nicht ganz ihre Formen. Ein derart skandalöser Anblick ließ die Achtung und
Wertschätzung, deren Major Quaresma sich in der Nachbarschaft erfreute, ein
wenig sinken. Er sei auf Abwege geraten, sei närrisch geworden, hieß es. Er aber
setzte seine musikalischen Übungen unverdrossen fort, zumal er von der Minderung
seines Ansehens nichts bemerkte.
Quaresma war ein kleiner, hagerer Mann, der ein pincenez trug und für gewöhnlich
zu Boden schaute; doch sobald er jemanden oder etwas fixierte, bekamen seine
Augen hinter den Gläsern einen starken, bohrenden Glanz, als wolle er bis zur
Seele der betreffenden Person oder Sache vordringen.
Freilich hielt er, wie gesagt, die Augen meist gesenkt, als folgten sie der
Bartspitze, der Zierde seines Kinns. Stets trug er einen Gehrock aus gemustertem
Stoff, blau, schwarz oder grau, jedenfalls einen Gehrock, und selten sah man ihn
ohne seinen hohen Zylinder mit schmaler Krempe, ein längst veraltetes Modell aus
einer Zeit, die er präzise anzugeben wußte.
An jenem Nachmittag fragte ihn seine Schwester, als sie ihm öffnete: »Möchtest
du gleich essen«?
»Noch nicht. Warten wir ein wenig, Ricardo kommt heute zu Tisch«.
»Policarpo, nimm doch Vernunft an. Wie kann ein Mann gesetzten Alters, in Amt
und Würden wie du, sich mit so einem Ständchensinger, einem halben
Gassenmusikanten einlassen? So etwas schickt sich nicht!«
Der Major stellte den Sonnenschirm ab – einen alten Sonnenschirm mit einem
hölzernen Stock und einem gekrümmten, mit kleinen Perlmuttrauten verzierten
Griff – und entgegnete:
»Da irrst du aber sehr, Schwesterchen. Es ist ein Vorurteil zu meinen, jeder
Gitarrenspieler sei ein heruntergekommener Mensch. Die Modinha ist die echteste
lyrische Ausdrucksform unserer Nation, und die Gitarre ist das ihr gemäße
Instrument. Wir Heutigen vernachlässigen diese Liedgattung, doch einstmals stand
sie in hohen Ehren, als Pater Caldas sie im Lissabon des achtzehnten
Jahrhunderts adligen Zuhörerinnen vortrug. Beckford, ein bekannter englischer
Reisender, hat seine Darbietungen gerühmt«.
»Das war früher, aber jetzt...«
»Was heißt hier früher, Adelaide? Unsere Traditionen dürfen wir nicht untergehen
lassen, unsere echt nationalen Bräuche...«
»Nun gut, Policarpo, ich will dir da nicht hineinreden; mach du nur weiter mit
deinen Narreteien«.
Der Major betrat das anstoßende Zimmer, während seine Schwester im Innern des
Hauses verschwand. Er entkleidete sich, wusch sich, schlüpfte in einen
Hausanzug, ging in die Bibliothek, wo er in einem Schaukelstuhl Platz nahm, um
auszuruhen.
Es war ein weitläufiger Raum, mit Fenstern zu einer Querstraße hin, ganz mit
Eisenregalen vollgestellt, an die zehn, mit je vier Böden, abgesehen von den
niedrigeren Regalen für die großformatigen Bände. Wer sich diese stattliche
Büchersammlung eingehend ansah, mußte staunen über den darin waltenden Geist.
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