Nie mehr Wattenscheid von Hans Dieter Baroth, 2006, Asso

Hans Dieter Baroth

Montag, 3. Januar
(Leseprobe aus: Nie mehr Wattenscheid oder Merkel trägt kein Toupet, Satire, 2006, Asso-Verlag).

Ralf hatte mich um elf Uhr zum Hackeschen Markt in das Café Zucca

einbestellt. Das Leben sei kein Zuccaschlecken, hatte er gewitzelt. Und

er lockte, dort sei eine Serviererin beschäftigt, die Katja Riemann ähnlich

sehe. Hoffentlich ist sie nicht so zickig wie die, dachte ich. Pünktlich

war ich dort. Die Servierfrau nicht. Wahrscheinlich sei sie krank,

bedauerte er. Ralf ist fast gleichaltrig, nur wird er zwei Wochen eher

als ich 46. Ralf stammt aus Dortmund, gibt sich als Anhänger des

BVB, hängt aber tatsächlich am TuS Eving-Lindenhorst. Sonntags

schaut er sich im Videotext des WDR die Seite 233 an. Ich informierte

mich vor der Abfahrt in das neue Leben: In der Landesliga sind sie

Achter. Ihm wie mir wurden die dynamischen Jahre zwischen dreißig

und vierzig gestohlen von dem Dicken aus Oggersheim. Der legte

Mehltau über unser Land. Allein die Erinnerung: Kohl Bundeskanzler,

Möllemann sein Vize! Die Messlatte war so niedrig gehängt, da kam

kaum noch einer unten durch. Ich versauerte in den Lokalredaktionen

von Sindelfingen und Balingen. Meine Rückkehr 1991 nach Wattenscheid

war wie der Umzug in eine Metropole. Ralf heuerte nach dem

Volontariat in Düsseldorf bei der Agentur an. Ihm verkaufte ich gelegentlich

Meldungen aus Wattenscheid. So lernten wir uns kennen.

Dass er mit seinen einsfünfundachtzig fünf Zentimeter höher ist,

spielt er gelegentlich aus. Aber er ist verlässlich, obwohl er aus Eving-

Lindenhorst stammt und immer wieder heraus hängen lässt, dass der

Vater noch auf der Zeche Minister Stein malocht habe. Meiner war

nur Magazinverwalter in der Textilfirma Steilmann, was ihn unerträglich

korrekt machte. Bei Steilmann hätte ich wegen dem nie arbeiten

mögen. Da war es besser, in der Lokalredaktion zu beginnen. Auch

wenn der Alte bis heute behauptet, Schreiben sei keine Arbeit. Und

dann immer wieder sein Witz: Na ja, Junge, du heißt nun mal Ernst

Schreiber. Dann schreib wenigstens was Ernstes.

Ralf suchte ständig nach der Riemann. Aber die kam nicht zum Dienst.

Das Café befindet sich in einem Rundbogen unter der S-Bahn. Ich

müsse erst einmal Kontakte schaffen, sagte er. Wo immer möglich,

Visitenkarten übergeben. Wenn ich nach einem Monat nicht eine

Tonne in Berlin verteilt hätte, sei es schwer, den Einstieg zu schaffen.

Frühstück bekomme ich in der Pension. Aber Abendessen müsste ich

angesichts meiner Kassenlage bei Veranstaltungen: In den Ländervertretungen

gebe es das beste Essen. Wirtschaftsverbände ließen auch

gut auffahren. Der DGB sei kniepig, die Brötchen zur Pressekonferenz

schmeckten wie Watte mit Schinken darauf. Eine Umweltkarte kaufen,

sagte er, in Berlin komme man mit dem Auto nicht durch. Ich habe

keins. Wattenscheid ist zu Fuß zu durchqueren. In den nächsten Tagen

solle ich mich morgens im Café Einstein aufhalten – das Einstein sei

die Nachrichtenbörse. „Erst das Feld sondieren, dann angreifen.“ Über

den Platz vor dem Café teckerte eine mollige Blonde mit kräftigen

Unterschenkeln. Die sei aus unserer Branche, grinste Ralf. Eine absolute

Toppfrau, wenn es um Nachrichten gehe. Jede Zeitung habe fünf

bis sieben Spalten. Die bewege mit einer Spalte aber mehr. Sie penne

mit Pressesprechern, deshalb hatte sie so manche Nachricht vor Pressekonferenzen.

Ralf stand auf, ich bezahlte für uns bei einer Schwarzhaarigen.

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