Diese Geschichte von Alessandro Baricco, 2007, Hanser

Alessandro Barrico

Diese Geschichte
(Leseprobe aus: Diese Geschichte, Roman, 2007, Hanser - Übertragung Annette Kopetzki)

Die Zukunft kam zu Fuß, 1911, es war ein Märznachmittag, und
es regnete. Libero Parri sah ihn schon von weitem. Er sah den
langen Staubmantel und erkannte die auf die Lederkappe geschobene
Fahrerbrille. Das Automobil fehlte, aber sonst war alles da.
»Es ist soweit«, flüsterte er Ultimo zu, der damit beschäftigt
war, das Rad eines Fahrrads geradezubiegen. Um Mißverständnisse
zu vermeiden, versteckte Libero Parri den Milcheimer, den
er gerade flickte, und setzte sich neben einen Stapel gebrauchter
Reifen, die er vor kurzem in der Kaserne von Brandate gekauft
hatte. Sie wußten, was sie sich schuldig waren.
Der Mann im Staubmantel ging langsam. Vor dem Regen
schützte er sich mit einem großen grünen Schirm, und das verlieh
seiner Erscheinung einen vage irrealen Anstrich. Wie eine
Prophezeiung, wenn man so will. Er kam vor der Garage an und
verharrte eine Weile, um unbegreiflicherweise den Jungen und
das Fahrrad zu betrachten. Dann las er das Schild. Er tat es bedächtig,
als entzifferte er eine antike Inschrift.
Schließlich blickte er zu Ultimo hinab. »Stimmt es, daß ihr
hier Benzin habt?«
Ultimo drehte sich zum Vater um.
Libero Parri tat, als zählte er die Reifen. »Ja, das stimmt«, sagte
er im Tonfall eines Menschen, der es leid ist, immer dieselbe
Frage zu beantworten.
Der Mann im Staubmantel schloß den Schirm und suchte in
der Nähe der Reifen Schutz vor dem Regen.
Dort wartete er eine Weile und betrachtete das Land ringsumher,
das unter Wasser stand.
Dann wandte er sich an Libero Parri. »Ich möchte nicht unhöflich
sein, aber was hat es, verdammt noch mal, für einen
Sinn, eine Werkstatt mitten in diesem Sumpf aufzumachen?«
»Wir verlassen uns auf die Idioten, denen mitten auf den Feldern
das Benzin ausgeht.«
Der Mann blickte Libero Parri an, als begänne er erst in diesem
Moment ihn wahrzunehmen. Dann zog er einen Handschuh
aus und reichte ihm die Hand. »Sehr erfreut, Graf D’Ambrosio.
Täuschen Sie sich nicht: ich bin nicht der Idiot, der ich zu
sein scheine.«
»Libero Parri, angenehm. Ich täusche mich nicht.«
»Sehr gut.«
»Sehr gut.«
Jahre später sollten sie in die Zeitungen kommen, einer neben
dem anderen, fast zu einem Namen verschmolzen: D’Ambrosio
Parri. Doch das konnten sie damals noch nicht wissen. Sie waren
erst am Anfang.
»Sie haben wirklich Benzin?«
»Soviel, wie Sie wollen.«
»Und ein warmes Bad?«
Es endete damit, daß der Graf blieb, um Leib und Seele vor
dem Herdfeuer zu trocknen. Dann stellte Florence noch einen
Teller auf den Tisch, und das Abendessen zog sich mit tausenderlei
Plaudereien hin. Sie sprachen über Methangasmotoren, über
die Fabriken in Turin und wie man Kalbskopf kocht. Als der
Wein seine Wirkung tat, rutschten sie sichtlich ab in gewisse Geschichten
von andalusischen Frauen und französischen Parfümen.
Auch ein Witz über den König entwischte ihnen, aber da
war Ultimo gerade in seinem Zimmer, um etwas zu holen.
Es war bereits stockdunkel, als D’Ambrosio beschloß, daß es
an der Zeit sei, zu gehen. Er zog seinen Staubmantel an, stülpte
sich die Lederkappe über den Kopf, steckte die Brille in die
Tasche und streifte sich mit theatralischer Gebärde die Handschuhe
über, während er auf die Tür zuging. Draußen hatte der
Wind den Regen mitgenommen, und jetzt schien die Schwärze
der Nacht wie frisch gestrichen.
»Wie herrlich«, bemerkte D’Ambrosio auf der Schwelle und
sog die prickelnde Luft ein. Dann verbeugte er sich gegen sein
Publikum und entfernte sich ohne ein weiteres Wort. Mit einer
gewissen Würde schritt er in die Richtung, aus der er gekommen
war, und verschwand in der Dunkelheit.
Libero Parri schloß die Tür und kehrte an den Tisch zurück.
Sie blieben eine Weile dort sitzen, er, Florence und Ultimo, und
spielten mit den Krümeln auf der weiß-blau karierten Tischdecke.
»Das Kochfleisch war ausgezeichnet«, sagte Libero Parri, um
Zeit zu gewinnen.
»Er schien es zu mögen, oder?«
»Er hat sogar seinen Schirm vergessen«, bemerkte Ultimo.
Libero Parri machte eine vage Handbewegung, wie um zu sagen,
daß man es nicht zu genau nehmen sollte. Dann hörten sie
ein Klopfen an der Tür.
Graf D’Ambrosio schien noch fröhlicher als vorher. »Bitte
entschuldigt, es ist nur eine Kleinigkeit, aber ich entsinne mich
klar und deutlich, daß ich ein Automobil hatte, als ich hier ankam.«
Libero Parri rekonstruierte für ihn den Tagesverlauf. Vom
Benzin bis zum Wein.
»Genau so muß es gewesen sein«, räumte der Graf ein. Dann
sagte er, ein Sessel reiche ihm völlig. Er habe nie Schlafprobleme.
Sie brachten ihn in Ultimos Zimmer unter, wo sie ein Feldbett
herrichteten, das im Keller vor sich hin alterte.
Bevor er die Kerze löschte, sicherte D’Ambrosio sich ab.
»Achte nicht drauf, wenn ich im Schlaf spreche. Meistens sind es keine
interessanten Dinge.«
Ultimo sagte, das sei kein Problem, und auch er spreche im Schlaf.
»Gut. So etwas gefällt den Frauen.«
Dann fügte er eine Bemerkung über die Stille auf dem Land
hinzu, aber diese Bemerkung war nicht recht zu verstehen. Mit
einem Seufzer blies er die Kerze aus. Ultimo fragte sich, ob es angebracht
war, gute Nacht oder etwas in der Art zu sagen. Doch
dann hörte er ein Knarren und begriff, daß der Graf sich auf
einen Ellenbogen gestützt hatte. Er mußte noch einen Zweifel
ausräumen.
»Schläfst du schon?«
»Nein.«
»Ich hätte da noch eine Frage.«
»Ja, bitte?«
»Ist dein Vater deiner Meinung nach verrückt?«
»Nein, Signore.«
»Die richtige Antwort, mein Junge.«
Ultimo hörte, wie der Graf sich aufs Bett zurückfallen ließ, als
ob er sich einer Sorge entledigt hätte.
»Gute Nacht, Signore.«
Keine Antwort.
Erst nach einer Weile hörte Ultimo eine Art Gebrummel. »Sieh
mal einer an: seit Jahren hat mir das keiner mehr gesagt.«
Der nächste Tag war ein Sonntag. Nachdem der Tank gefüllt war,
entschied Graf D’Ambrosio, daß es nur eines gab, was man an
einem klaren Morgen wie diesem tun konnte: Fahrstunden geben.
Auf dem Stapel Reifen sitzend, beobachtete Ultimo, wie
sein Vater sich die Brille aufsetzte und die Hände auf das Steuer
legte. Er hatte ihn schon früher so gesehen, doch alles, was dann
folgte, war, daß sein Vater Motorgeräusche machte und Kurven
mimte, indem er auf dem Fahrersitz hin und her schwankte:
wenn man sich durchaus an die Fakten halten will, so hatte das
Automobil dabei immer sehr still gestanden. Diesmal aber wurde
Ernstgemacht. Libero Parri hörte sich die fachmännischen Empfehlungen
des Grafen an und starrte dabei geradeaus auf einen
eingebildeten Punkt. Dann stellte er eine Frage, die Ultimo nicht
genau hörte.
»Reden Sie keinen Blödsinn«, antwortete D’Ambrosio, aber
er lächelte.
Eine Zeitlang passierte nichts. Libero Parri saß immer noch
wie angewurzelt da, den Blick starr nach vorne gerichtet. Die
Hände um das Steuer geklammert, die Arme steif. Eine Statue.
Florence, die in die Tür getreten war, ein totes Huhn in der
Hand, schüttelte den Kopf. »Seit wann atmet er nicht mehr?«
Bevor Ultimo antworten konnte, hörte man einen mechanischen
Knall. Dann setzte das Automobil sich sanft in Bewegung,
makellos, eine Billardkugel auf einem geneigten Tisch. Es fuhr
auf die Straße, als hätte es das schon immer getan, und entfernte
sich gemächlich zwischen den Feldern. Ultimo sah die Staubwolke,
die dicht und rund über dem Land aufstieg, und einen
Augenblick lang empfand er die Gewißheit, daß ihm von nun an
nie mehr etwas geschehen könnte, denn das war sein Vater, und
sein Vater war Gott.
Sie standen schweigend dort, bis das Geräusch des Motors
sich in der Ferne verlor.
Dann sagte Ultimo: »Er kommt zurück, nicht wahr?«
»Wenn er es schafft, zu wenden …«
Später erfuhren sie, daß Libero Parri verlangt hatte, ins Dorf
zu fahren, und daß er es gegen den Widerstand des Grafen mit
erhöhter Geschwindigkeit durchquert hatte, während er zusammenhanglose
Sätze brüllte, in denen Kühe vorkamen, der Bankdirektor
und vielleicht die Pfaffensäcke.
»Nein, die Pfaffensäcke kamen nicht vor.«
»Seltsam, ich könnte schwören, ich hätte das Wort Pfaffensäcke
gehört.«
»Äcker, ich habe Äcker gesagt.«
»Äcker voller Scheiße?«
»Gedüngte Äcker, ich wollte sagen, gedüngte Äcker.«
»Aha.«
»Laß gut sein, Graf, das sind Sachen, die du nicht verstehen
kannst.«
Sie waren zum Du übergegangen. Aber bei den Nachnamen
geblieben.
»Das hast du gut hingekriegt, Parri.«
»Ich habe einen guten Lehrer.«
Damit hätte es sein Bewenden haben können, aber den Grafen
beschlich das deutliche Gefühl, daß noch eine Kleinigkeit an den
Unterweisungen dieses Vormittags fehlte. Also wandte er sich
um und traf Ultimos Blick, der wartend in der Luft des Hofes
hing. Es schien, als wäre er seit Urzeiten da. Er schwebte über
dem Brummen des immer noch laufenden Motors.
»Hättest du Lust auf eine Rundfahrt, Junge?«
Ultimo lächelte und sah rasch zu seinem Vater hin. Libero
Parri blickte Florence an.
Florence steckte sich eine Locke hinter das Ohr und sagte: »Ja,
er hätte Lust.«
Also kletterte Ultimo auf den Sitz, klemmte die Hände unter
den Hintern und ballte die Finger zur Faust, um größer zu sein.
»Wohin willst du fahren? Sollen wir an der Schule vorbeifahren
und Scheißlehrerin schreien?«
»Nein, ich will zur Kuppe von Piassebene.«
Die Kuppe von Piassebene war eine unerklärliche Erhebung
mitten in der Ebene. Niemand wußte, was unter diesem Hügel
steckte, doch tatsächlich war es so, daß das Land, das sich im
Umkreis von vielen Kilometern flach wie ein Billardtisch hinzog,
dort plötzlich mit der Schulter zuckte, um dann wieder in
seine plane Stummheit zu verfallen. Und die Straße erhob sich
mit dem Hügel. Wenn sie zu Fuß hinübergingen, Ultimo und
sein Vater, endete es immer damit, daß sie unten am Ausläufer
des Hügels zu rennen begannen, und oben auf dem Gipfel
sprangen sie dann der Ebene ins Gesicht und brüllten dabei ihre
Namen. Danach fielen sie wieder stumm in den gemessenen
Schritt der Leute vom Lande, als wäre nichts geschehen.
»Ich fahre also zur Kuppe von Tassabene.«
»Piassebene.«
»Piassebene.«
»Geradeaus in diese Richtung.«
Graf D’Ambrosio legte den Gang ein und fragte sich, was an
diesem Jungen nicht normal war. Er erinnerte sich, wie er ihn
gestern zum erstenmal gesehen hatte, im Regen über das Fahrrad
gebeugt, unter dem Schild GARAGE: wie absurd das auch erscheinen
mochte, in dieser kleinen Szene gab es vor allem ihn, alles
andere trat einen Schritt zurück in den Hintergrund. Plötzlich
fiel ihm ein, wo er so etwas schon gesehen hatte, und zwar auf
den Gemälden, die vom Leben der Heiligen erzählten. Oder
von Christus. Sie waren immer voller Menschen, und alle taten
wunderliche Dinge, aber den Heiligen, den sah man sofort, man
brauchte ihn gar nicht zu suchen, der Heilige fiel einem immer
als erster ins Auge. Oder Christus. Vielleicht kutschiere ich das
Jesuskind durch die Landschaft, dachte er lächelnd und wandte
sich zu ihm um. Ultimo blickte nach vorn, seine Augen waren
ruhig, Wind und Staub kümmerten ihn nicht: er war ernst.
Er drehte nicht einmal den Kopf, als er mit lauter Stimme
sagte: »Schneller, bitte.«
Graf D’Ambrosio achtete wieder auf die Straße und sah die
Kuppe direkt vor sich, eine widersinnige, scharf umrissene Erhebung
mitten in der phlegmatischen Ruhe des flachen Landes.
Unter anderen Umständen wäre er vom Gaspedal gegangen, um
dem Buckel im Gelände mit der leichten Kraft einer kontrollierten
Trägheit nachzugeben. Er staunte ein wenig, als er sich dabei
überraschte, daß er Gas gab wie ein Kind.
Auf dem Hügel lösten sich die neunhunderteinunddreißig
Kilo des eisernen Ungetüms mit einer Eleganz vom Boden, die
es sich seit jeher heimlich aufgespart hatte. Graf D’Ambrosio
hörte den Motor in der Leere brüllen und ahnte das Flügelschwirren,
mit dem die Räder sich in der Luft drehten. Die
Hände fest um das Steuer gekrallt, tat er einen überraschten
Schrei, während der Junge an seiner Seite, freilich mit einer ganz
anderen Kaltblütigkeit und Freude, erstaunlicherweise seinen
Namen brüllte, aus voller Kehle.
Seinen Vor- und Nachnamen, um genau zu sein.
Das Auto mußte Libero Parri mit dem Karren und mit Pferden
abholen kommen. Sie zogen es bis zur Werkstatt, und dann
mußte eine Woche lang daran gearbeitet werden. Geflogen war
es gut. Erst danach hatte es sich ein bißchen zerlegt.
Als der Graf am folgenden Sonntag wiederkam, um es abzuholen,
sah das Automobil aus wie funkelnagelneu. Libero Parri
hatte es mit einem Sachverstand poliert, an dem die Jahre, die er
mit dem Striegeln von Kühen für die jährliche Ausstellung auf
dem Rindermarkt zugebracht hatte, nicht ganz unbeteiligt waren.
Der Graf kommentierte den Anblick mit einem bewundernden
Pfiff, den er in den Bordellen halb Europas erprobt hatte.
Dann zog er eine Tasche aus braunem Leder hervor und schob
sie Libero Parri zu. »Mach sie auf.«
Libero Parri machte sie auf. Darin waren eine Fahrerbrille,
eine Lederkappe, Handschuhe, ein bunter Schal und eine Jacke
mit aufgesticktem Etikett, das einen Schriftzug trug: D’Ambrosio Parri.
»Was bedeutet das?«
»Hast du schon mal was von Autorennen gehört?«
Libero Parri hatte davon gehört. Etwas für Reiche.
»Ich brauche einen Mechaniker, der mit mir fährt. Was sagst
du dazu?«
Libero Parri schluckte, was ein merkwürdiges Geräusch
machte.
»Ich habe keine Zeit für solche Sachen. Ich muß arbeiten.«
»Vierzig Lire am Tag, plus Spesen und ein Viertel von den Preisen.«
»Preise?«
»Wenn wir gewinnen.«
»Wenn wir gewinnen.«
»Genau.«
Dann drehten sich beide unwillkürlich zur Tür um, als hätte
ein Geräusch sie abgelenkt. Alles war still, die Tür stand weit
offen, niemand war zu sehen. Sie blieben einen Augenblick lang
so stehen, den Blick auf die Tür gerichtet, als erwarteten sie etwas.
Ultimo ging hinter dem Türrahmen vorbei, ohne sie zu bemerken,
so sorgsam war er bedacht, das Reisigbündel, das er im
Arm trug, nicht fallen zu lassen. Er verschwand so schnell, wie er
aufgetaucht war.
»Und wer überredet Florence?« sagte Libero Parri.
Doch Graf D’Ambrosio schien nicht zuzuhören. »Dieser Junge
hat etwas.«
»Wer, Ultimo?«
»Ja.«
»Er hat nichts.«
»Doch, er hat etwas.«
Libero Parri hob verlegen die Augen zum Himmel, wie einer,
der beim Falschspielen ertappt wird.
»Es ist nichts, nur … Er hat den goldenen Schatten.«
»Wie bitte?«
»So sagt man hier in der Gegend. Es gibt Menschen, die haben
den goldenen Schatten, das ist alles.«
»Und was soll das bedeuten?«
»Ich weiß es nicht … Sie sind anders, und die Leute erkennen
sie. Die mit dem goldenen Schatten werden von allen gemocht.«
Der Graf schien nicht überzeugt.
Libero Parri wagte eine Erklärung. »Es liegt daran, daß er
schon zwei- oder dreimal gestorben ist … Als er klein war, hat
man ihn immer aufgegeben, aber er ist immer davongekommen.
Wer weiß, vielleicht sind das Sachen, die einen verändern.«
Graf D’Ambrosio kam die einzige Frau in den Sinn, die er
mehr geliebt hatte als Tennis und Automobile.
Wenn man in ein Zimmer voller Menschen kam, konnte man fühlen,
daß sie da war, ohne sie zu sehen oder zu wissen, daß sie zu Hause geblieben
war. Und im Theater brauchte man sie nicht zu suchen: sie
war das erste, was man erblickte. Dabei war sie nicht mal besonders
schön. Und es war sogar schwierig, herauszufinden, ob sie
wirklich intelligent war.Aber das Licht war dort, wo sie war, und
sie war das Gemälde. Sie hatte den goldenen Schatten, jetzt verstand er.
»Um Florence kümmere ich mich.«
Libero Parri fing an zu lachen. »Du kennst sie nicht.«
»Ich brauche nur einen Augenblick.«
Graf D’Ambrosio blieb zehn Minuten bei Florence. Sie saßen
am Küchentisch, und er erklärte ihr, was Rennen waren, wo sie
stattfanden und warum.
»Nein«, sagte sie.
Dann erzählte er ihr vom Geld und vom Publikum und von
den Reisen.
»Nein«, sagte sie.
Also erklärte er ihr, was Berühmtheit in der Geschäftswelt bedeutete.
Und er versicherte ihr, daß in ein paar Monaten eine
Menschenschlange vor dieser Werkstatt stehen würde.
»Nein«, sagte sie.
»Warum?«
»Mein Mann ist ein Träumer. Und Sie sind auch einer. Wacht
auf, alle beide.«
Dann saß Graf D’Ambrosio eine Weile grübelnd da. Schließlich
sagte er: »Ich will Ihnen etwas erzählen, Florence. Mein
Vater war ein sehr reicher Mann, er war viel reicher als ich. Er
hat fast alles durchgebracht, weil er einen verrückten Traum
verfolgte, irgend etwas mit Eisenbahnen, ein Blödsinn. Er liebte
Züge. Als er anfing, seine Besitztümer zu verkaufen, ging ich zu
meiner Mutter und fragte sie: Warum hältst du ihn nicht auf?
Ich war sechzehn Jahre alt. Meine Mutter gab mir eine Ohrfeige.

Dann sagte sie einen Satz, den Sie jetzt auswendig lernen müssen,
Florence. Sie sagte:Wenn du jemanden liebst, der dich liebt,
zerstöre ihm niemals seineTräume. Der größte und unlogischste
davon bist du.«
Ohne eine Antwort abzuwarten, verabschiedete er sich sehr
höflich und ging hinaus in den Hof. Libero Parri hämmerte an
einer Motorhaube herum, die er vor Monaten am Rand der
Straße nach Piàdene gefunden hatte. Er plante, ein Dach für das
Holzlager daraus zu machen.
»Alles in Ordnung«, verkündete der Graf, sich die Hände reibend.
»Was hat sie gesagt?«
»Sie hat nein gesagt.«
»Aha.«
»Am nächsten Sonntag geht es los. Da ist das Rennen Venedig–
Brescia«, und er ging auf sein Auto zu.
»Aber wenn sie doch nein gesagt hat.«
»Sie hat nein gesagt, aber sie hat ja gedacht«, antwortete der
Graf von weitem.
»Woher weißt du das?«
»Woher ich das weiß?«
»Tja.«
Graf D’Ambrosio blieb stehen. Einige Sekunden lang suchte
er nach einer Antwort. Aber er fand keine. Er drehte sich um.Vor
ihm stand Florence.Wie sie dort hingekommen war, wußte Gott
allein.
Sie sprach leise, damit nur er sie hörte, aber sie betonte jedes
einzelne Wort. In sanftem Ton. »Von wegen, Ihr Vater hat sein
Geld durchgebracht, er ist einer der reichsten Männer Italiens,
und wahrscheinlich hat er sich nie was aus Eisenbahnen gemacht.
Was Ihre Mutter betrifft, so halte ich es für ausgeschlossen,
daß sie Ihnen jemals eine Ohrfeige gegeben hat.«
Sie machte eine kurze Pause.
»Ich gebe zu, daß der kleine Satz über die Träume nicht übel
ist, aber solche Sätze sind immer nur in Büchern wahr. Im Leben
taugen sie nichts. Das Leben ist verdammt viel komplizierter,
glauben Sie mir.«
D’Ambrosio machte eine Handbewegung, die bedeuten sollte:
Ich glaube Ihnen.
»Wie auch immer, Sie haben recht. Ich habe nein gesagt, aber
ja gedacht. Den Grund verrate ich Ihnen nicht. Und wissen Sie
was? Ich verrate ihn nicht einmal mir selbst, das ist besser für
uns alle.«
D’Ambrosio lächelte.
»Sehen Sie zu, daß Sie ihn mir wieder nach Hause bringen.
Ob ihr gewinnt oder verliert, ist mir völlig egal. Sorgen Sie nur
dafür, daß Sie ihn mir zurückbringen. Danke.«
D’Ambrosio beobachtete sie, während sie sich umdrehte und
wieder ins Haus ging. Zum erstenmal, und ohne jeden Vorbehalt,
dachte er, daß sie eine schöne Frau war. Ein Gang zum
Schneider hätte natürlich nicht geschadet, aber sie war eine
schöne Frau.
»Nun?« fragte Libero Parri mit lauter Stimme.
Der Graf machte eine Handbewegung in der Luft, die eine
Menge Dinge bedeuten konnte.

 

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