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Inneres Land
(Leseprobe aus: Inneres Land, Roman,
2008, Transit Verlag - Übertragung
Heike
Nottebaum)
Eines Nachmittags, ich will später noch
ausgehen, sind wir beide allein in der Wohnung. Du bügelst, und ich erzähle dir
von den Mädchen aus meiner Klasse. Einige sind immer richtig schick angezogen,
äußerst zuvorkommend und echte Freundinnen. Du sagst mir, du fändest es schön,
dass ich mit solchen Menschen verkehre, aber ich solle ja keinem trauen. Ich
frage dich warum nicht, du wirst laut und mit erhobenem Bügeleisen entgegnest du
mir, ob ich denn immer noch nicht begriffen hätte, dass es Leute gebe, die nur
darauf aus sind, uns zu schaden. Doch bevor ich auf deinen abrupten
Stimmungswechsel reagieren kann, bist du schon wieder bei einem anderen Thema. –
Als ich in deinem Alter war, hatte ich die ganze Arbeit schon so was von satt.
Wie ein Mann hab’ ich geschuftet! – einen Augenblick lang klingt deine Stimme
ganz heiser. Bei mir haben sie mit der Milch geknausert, weil man die ja für die
Aufzucht der Kälbchen brauchte – sagst du und brichst in Tränen aus. Während du
dich langsam wieder beruhigst, bin ich noch völlig baff, du würdest eher sagen,
es hat mich »aus den Pantinen gehauen«.
– Nur weil du jetzt in Barcelona aufs Gymnasium gehst, glaubst du wohl, dass du
schon trocken hinter den Ohren bist, oder was?
Ich muss daran denken, wie ich als kleines Kind einmal am Waschbecken gestanden
bin, über dem ein Spiegel hing, und wie deine großen Hände meine eingeseift
haben, die dunklen Rinnsale sind in den Abfluss gelaufen, und das Handtuch, mit
dem du mir die Hände abgetrocknet hast, lag ausgebreitet über deinen Armen.
»Warte nur, bis du erst deine Ohren im Spiegel sehen kannst!«
Noch immer stehe ich vor dir, bringe kein Wort heraus, und ich weiß, gleich wird
das mit dem Unwetter kommen, das dich im Freien überrascht hat, ohne Unterstand
und ohne Regenschirm, und das Wasser ist dir »bis in die Arschrinne« gelaufen.
Ich sage dir schnell, ich hätte versprochen, bei meiner alten Schule
vorbeizuschauen. Du wirfst mir einen Blick zu und wendest das Bügeleisen mit
einem so energischen Schwung, dass das Bettlaken eine tiefe Falte abbekommt. Und
all das, bloß weil ich dir eine Freude machen wollte und dir von Glòria erzählt
habe. Im Flur, kurz bevor ich die Wohnungstür ins Schloss fallen lasse, kriege
ich noch mit, wie du sagst:
– Freundinnen! Wenn ich das schon höre, jeder für sich und Gott für uns alle, so
läuft das auf dieser Welt!
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