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Er lag an der Seite des eingerollten, reglosen Körpers,
von dem er sich verraten fühlte. Joel Kadmon, dem Wiederträumer, schien es, als
ob sich ihr Körper starr und protestierend von ihm abwende. Manchmal war ihr
Schlaf ein Varieté aus Schaukelbewegungen, dumpfen Reflexen, Flüstertönen,
Schmatzen, sogar von amüsanten Verwünschungen. Während des Schlafs führte Rachel
immer eine zügellose, laute Existenz. Von weitem hörte er eine Sirene heulen. Er
schleppte sich zum Fenster und sah unweit der Allee eine Ambulanz halten. Näher
konnten sie wegen des Hochwassers auf der Straße nicht heranfahren. Einige Leute
sprangen aus dem Wagen und tauchten in die Allee ab, menschliche Schatten. Das
Sehen fi el ihm schwer, deshalb konzentrierte er sich auf die gedämpften Laute.
Die Leute mit der Trage waren schon da, hoben den toten Körper auf und legten
ihn darauf ab. Sein Blick blieb an der Allee hängen, an dem Wenigen, das für ihn
noch sichtbar war: die hin und her laufenden Schatten und der eingerollte tote
Körper. Für den Bruchteil einer Sekunde fi el ein eigenartiges Licht auf die
Allee, weiß der Teufel, woher es kam, und für einen Augenblick verharrte sein
Blick auf dem Toten, bohrte sich in ihn hinein. Ein Albtraumbild blitzte in ihm
auf, sein Körper erschauerte und schon war die Allee wieder dunkel und der
Leichnam verschwunden.
Der Blick des Wiederträumers wanderte vom geräumigen Balkon im dritten Stock zum
Himmel über der verregneten Stadt. In seiner Erinnerung breitete sich ein
dichtes Netz aus Tausenden von Sternen aus, glänzend wie damals in seiner
Kindheit über dem Wadi an der südlichen Grenze. Einladend sah das aus, die
Himmelskuppel mit ihren erhabenen Sternen – es schien, als schmiegte sie sich an
den oberen Rand des Gebäudes. Das Ewigkeitsgefühl schützte seine bloßen
Gliedmaßen vor den Böen einer neuerlichen Jerusalemer Unwetterfront. Nacht um
Nacht war der Balkon, waren das Wadi und die Sterne an ihrem Platz verankert.
War es nicht kindische Vermessenheit, zu glauben, der blau getönte Teppich,
übersät mit den Diamanten der Nacht, werde sich auch noch in ein oder zwei
Jahren ihm zu Ehren entfalten? Konnte denn irgendetwas den Strom der Zeit
bezwingen und genau das bleiben, was es gewesen war? Als Kind erträumte er sich
phantastische Dinge wie die Vernichtung der widerlichen Beth-Hakerem-Gemeinde,
aber genauso innig wünschte er, sie möge genau das bleiben, was sie war. Nachdem
er zwanzig geworden war, zog er mitten in eine dicht bevölkerte Wohnsiedlung Tel
Avivs. Die Stadt am Meer war das Mekka der Israelis, die sich mehr und mehr
verwestlichten. Sie alle klopften an ihre Tore. Darunter waren diejenigen, die
ihre Jugend in den Vorstädten verbracht und sich immer nach ihr verzehrt hatten.
Sie glaubten an ein stürmisches Leben dort. Darunter waren aber auch diejenigen,
die von der Furcht getrieben wurden, sie könnten abgehängt werden, und
schließlich auch solche, die wie er selbst jede Erinnerung an ihre Kindheit
spurlos tilgen wollten, um neu geboren zu werden.
Manchmal traf er auf der Straße Bekannte von damals. Die meisten von ihnen
hatten die Gelegenheit zur Wiedergeburt genutzt. Die Schöngeister und die
Gewitzten hatten ihre Vergangenheit, die er nur allzu gut kannte, den
gegenwärtigen Erfordernissen von Tel Aviv angepasst.
Sie schilderten ihr Heldenleben als glatten, einheitlichen Ablauf ohne Lücken.
Die Schlichteren betonten unverfroren die neuen Manieren, die ihre
reorganisierte Persönlichkeit sichtbar machten, und quasselten viel in einem
Jargon, mit dem sie Kindheit und Herkunft verleugneten. Er hingegen, der böse
Bube der Gemeinde von Beth-Hakerem, hatte sich als Kind damit getröstet,
ausgegrenzt zu sein, sich genetisch von den anderen zu unterscheiden, die ihre
Kindheit meist in starrem Gehorsam gegenüber ihren Eltern verbrachten. Das war
eine Illusion, wie sich herausstellte. Die kleinlichen Einzelheiten, die alle
zur menschlichen Existenz gehören, verschreckten ihn. Ganze Tage beschäftigte er
sich mit Wasser- und Elektrizitätsrechnungen, errechnete Steuern und verplante
sein Geld für Einkäufe oder Vergnügungen. Seine berufliche Zukunft machte ihm
Angst, das Gebirge der Alltäglichkeiten drohte ihn zu erdrücken. Für andere
waren es Schritte in eine faszinierende Zukunft, für ihn nur die nackte
Tatsache, irgendwie weiterzuexistieren.
In den ersten zwei Jahren in Tel Aviv hatte er die fixe Idee, alles, was er
erreicht hatte, werde am nächsten Tag oder in der nächsten Woche verschwunden
sein. Ungeachtet des Bewusstseins dessen, was er erreicht hatte, erwachte er
jeden Morgen in einer Welt, in der es keine Gewissheiten gab, nicht eine einzige
Gewissheit.
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