|
|
Unter Hunden
(Leseprobe aus: Heißester Sommer, Erzählungen, 2005, S.
Fischer)
In einem Haus lebten wir, einem Haus mit roter Fassade, mit fünf oder sechs
Stockwerken, Familien über uns, unter uns, übers Haus verteilt, mit ihren
Kindern, hinter jeder Tür drei oder vier, mit ihren Großeltern, die an den
Fenstern standen, um hinauszusehen auf die Autobahn, auf Strommasten und die
wenigen Wege, die hinaus aus dieser Siedlung führten. Kai gehörte zu einer
dieser Familien, einer Familie aus Brüdern, in einem dieser Häuser, mit blaßblauer
Fassade, auf der anderen Seite der Straße, hinter den Spannungskästen, dort,
wo die Züge in die Stadt fuhren und wir uns manchmal, an den Abenden, über die
Gleise stießen. Kai, mit einer Mutter, die wir selten sahen, und die Tüten in
den Händen hielt, drei, vier in jeder Hand, wenn sie die Straße hinablief,
nach ihren Einkäufen, und nie geradeaus schaute dabei, bloß nach unten, auf
den Weg, auf die Steinplatten vor ihren Füßen, als hätte sie Angst zu
stolpern. Kais Mutter, mit diesem Haar, über das man sagte, sie solle es färben,
und mit diesem Ruf, weil man glaubte, jedes ihrer Kinder sei von einem anderen.
Ihre jüngeren Söhne gingen auf die schlechten Schulen, die älteren saßen vor
den Hauseingängen, unter den Rissen im Vordach, auf Möbeln, die irgendwer auf
den Müll geworfen hatte.
Immer umgab sich Kai mit zwei, drei Jungen aus der Straße, die ihm blind
folgten. Sie zogen mit ihm über Felder, stahlen sich in Hauseingänge,
versteckten sich auf Speichern, hinter Türen aus Holzlatten, bis sie jemand
verscheuchte. An den Nachmittagen dieses Sommers, an den ich denke, saßen sie
neben Kai auf einer Bank, auf diesem Platz, auf dem wir uns alle trafen. Sie saßen
dort, ohne viel zu reden, bis in den Abend hinein, wenn sie allein zurückblieben,
weil sich der Platz leerte und wir anderen in Hauseingängen verschwanden,
hinter roten und blauen Fassaden. Wenn wir sie kommen sahen, schon von weitem,
Kai und die anderen, mit ihren Hunden, die sie von der Leine ließen, standen
wir von der Bank auf und gingen weiter. Es war etwas an ihnen, das uns
bedeutete, es ist nicht gut, ihnen gegenüberzustehen, es ist nicht einmal gut,
an ihnen vorbeizulaufen. Kai sprach kaum, meist bewegte er nur sein Kinn, seine
Hand, aber jeder verstand seine Gesten, selbst die winzigen, die kaum
sichtbaren, und daß es zu spät war, den Platz zu verlassen, wenn Kai und die
anderen nähergekommen waren, auch das verstand jeder.
In diesem Sommer spielten wir ein Spiel, nachmittagelang, wochenlang. Wir
zeichneten einen großen Kreis in den Sand, einen Erdball, mit einem Stock, den
wir durch den Sand zogen, von den Bänken bis zu den Schaukeln, teilten die Welt
ein, wie wir es wollten, und dann stand jeder auf einem Streifen Sand, auf einem
Teil Welt, der an diesem Nachmittag ihm gehörte. Jemand warf ein Stöckchen
durch die Luft, durch diesen blauen Himmel ohne Wolken, ein Stöckchen, das sich
drehte und wendete im Flug und dem wir nachschauten, die Köpfe in den Nacken
geworfen, bereit loszulaufen, sobald es fallen würde. Wenn es einem von uns vor
die Füße fiel, der es schnappte und losrannte, liefen wir anderen hinterher,
schreiend, kreischend, um dieses Stöckchen zurückzuholen, dieses eine Stück
Land zurückzugewinnen, diesen einen Teil Welt, auf dem es gelandet war. Kai
teilte die Welt am häufigsten ein, er nahm uns den Stock aus der Hand, wenn wir
angesetzt hatten, in den Staub zu zeichnen, warf ihn hoch und weit, und wenn er
sich in den Bäumen verfing, zwischen Zweigen, in den dichten Baumkronen weit über
uns, und wir anfingen zu lachen, drehte sich Kai zu uns, schnappte sich einen
und brüllte, was ist daran witzig, an einem Stock, der in einem Baum landet.
Und dann kletterte er hoch, um diesen einen Stock zu holen, obwohl doch überall
Stöckchen und Zweige herumlagen.
An einem dieser zeitlosen Nachmittage, die sich jetzt so aneinanderreihen, als
habe sie nichts unterbrochen, als seien sie ein einziger langer Nachmittag
gewesen, warf Kai das Stöckchen vor meine Füße, ohne es vorher durch die Luft
geworfen zu haben, ohne daß wir ihm unter einem blauen wolkenlosen Himmel hätten
nachsehen können. Kai hatte die Hände auf seine Beine gestützt, seinen Kopf
fallen lassen, zwischen die Arme, wie er es immer tat, bevor er sich aufrichtete
und ausholte, um zu werfen, und dann lag es da, dieses Stöckchen, vor meinen Füßen.
Ich rührte mich nicht, obwohl ich sofort hätte loslaufen müssen, ich blieb
stehen, und auch sonst lief niemand los, um es mir abzunehmen. Wir alle schauten
darauf, wie es im Sand lag, vor meinen Füßen, auf die es zeigte, als hätte
Kai es genauso werfen wollen, damit es auf mich, auf meine Füße zeigte, und
wir schauten zu Kai, der nichts sagte, der nicht einmal sein Kinn bewegte, nicht
einmal seine Hand, und ich weiß noch, hinter uns sprang ein Kind von einer
Schaukel, die weiter vor- und zurückschwang.
Am nächsten Morgen stand Kai an der Straßenecke, dort, wo der Weg hinabführte,
an Garagen vorbei, zur Schule. Kai, mit losen Schnürsenkeln, die auf seinen
Schuhen lagen, Kai, mit der Haarfarbe seiner Mutter. Er ging neben mir, ohne daß
ich es gewollt hätte, und ich achtete darauf, daß er mir nicht zu nah kam, daß
er meine Schulter nicht berührte. Er sagte, ich bringe dich hin, und in den
Tagen darauf sagte er nichts mehr, auch nicht, während er neben mir lief. Jeden
Morgen brachte er mich zum Schultor, blieb davor stehen und hielt seinen Arm
ausgestreckt vor mich, auf Brusthöhe, um mir zu bedeuten, ich dürfe nicht
gehen, nicht, bis alle anderen durchs Tor gegangen waren, und während die
anderen an uns vorbei liefen, schämte ich mich, daß sie mich mit Kai sehen mußten,
ausgerechnet mit Kai.
Auch an den Nachmittagen stand er dort und fing mich ab, wartete auf der anderen
Straßenseite, unter dem Vordach des Schreibwarenladens, im Schatten, neben
seinen Hunden, die er von der Leine gelassen hatte, die Hände tief in den
Taschen, sein Blick wie der seiner Brüder. Ich gab vor, ihn nicht zu sehen,
wartete neben dem Tor, in der Hoffnung, er würde gehen, oder ich ging schneller
als die anderen, weil ich glaubte, Kai würde mich aus den Augen verlieren, aber
jedes Mal stieß er kurz darauf zu mir und lief wieder neben mir, den ganzen
langen Weg an den Garagen vorbei, und an der Straßenecke, wo sich der Weg
teilte, blieb er stehen und sagte, bis morgen.
Manchmal bog Kai hinter den letzten hohen Häusern ein, ging hinter den
Schrebergärten weiter, und schlüpfte mit mir durch einen Maschendraht, den
jemand zerschnitten hatte. Er setzte sich auf eine Mauer und fing an, mit seinem
Taschenmesser an einem Zweig zu schneiden, bis wir das Grüne unter der Rinde
sehen konnten, und während die Späne hinabfielen, auf die Steine unter seinen
Füßen, stand ich vor ihm und schaute ihm zu, weil ich nicht wußte, wo ich
sonst hinschauen sollte. Kai schnitt eine Spitze, bis der Ast aussah wie ein
Pfeil, und dann warf er ihn so über meinen Kopf, daß er hinter mir im Boden
steckenblieb.
Morgens, wenn ich aufwachte, hoffte ich, Kai würde nicht dort stehen, er würde
nicht auf mich warten. Ich wünschte, er habe mich vergessen – mich, den Weg
zur Schule, den Platz hinter den Schrebergärten, den Campingwagen, die
abgebrochenen Äste, die Pfeile. Aber Kai ließ keinen Tag aus. Wenn er nicht an
der Straßenecke wartete, stieß er kurz dahinter zu mir, nur zwei Häuser, zwei
Eingänge weiter. Auch an den Nachmittagen, auf den Plätzen, auf denen wir
spielten, blieb Kai in meiner Nähe, immer in Sichtweite, drehte seinen Kopf zu
mir, immer wieder, und sobald er merkte, jemand stritt mit mir, pfiff er nach
seinen Hunden und kam zwei Schritte auf uns zu, nicht mehr als zwei Schritte,
und der Streit legte sich. Wenn wir unser Spiel spielten und mir jemand ein Stück
Land abnahm, sorgte Kai dafür, daß ich es wiederbekam und mein Gegner in der nächsten
Runde ausschied. Bald fing ich an zu glauben, Kai könne mich sehen, selbst wenn
er nicht zum Platz kam, um mit den anderen auf der Bank zu sitzen oder mit
seinen Hunden durch den Sand zu toben, selbst wenn ich mich versteckte, hinter Büschen,
dort, wo die Wiesen aufhörten und der Weg hinaus in die Felder führte.
Ich wußte nicht, warum Kai mich ausgesucht hatte, mich, die er einkreisen
konnte, mit bloßen Schritten, mit einer bloßen Bewegung seines Kinns, und die
den Kreis, den er gezogen hatte, nicht durchbrechen konnte. Irgend etwas ließ
mich glauben, ich könnte sie nicht ändern, diese Folge endloser Nachmittage,
aus der nur ein Nachmittag herausfiel, weil Kai nicht allein vor dem Schultor
stand, um auf mich zu warten, sondern zusammen mit den anderen, die sonst neben
ihm auf den Bänken saßen. Sie standen wie Kai unter dem Vordach, im Schatten,
ein Bein angewinkelt, und als ich losging, stießen sie sich ab und folgten mir
und Kai und seinen Hunden.
Kai ging hinter den Campingwagen zu seinem Stück Mauer, setzte sich, zog sein
Messer heraus, fing an, an einem Ast zu schnitzen, und die anderen rauchten und
spuckten in hohem Bogen auf Campingwagen. Sie spuckten über meinen Kopf, und
jedes Mal, wenn ich versuchte, einen Schritt zur Seite zu gehen, machte Kai eine
Bewegung mit dem Kinn, und ich blieb stehen, regungslos, schaute zu Boden und
wartete darauf, daß es vorbei sein würde, daß sie mich freigeben würden, für
den Abend, bis zum nächsten Morgen. Und dann, in einem Moment, in dem Kai die
Messerklinge zwischen seinen Fingern drehte, um mich zu blenden wie mit einem
Spiegel, traf mich einer an der Schulter, an meiner rechten Schulter, und ich
schaute auf, schaute auf meine Schulter, auf mein Hemd, mein grünes Hemd, auf
dem sich Spucke verteilte. Kai ließ sein Messer fallen, sprang von der Mauer,
und trotz seines Sprungs war es jetzt seltsam still, einen winzigen Augenblick
lang, und in diesem Augenblick fing ich an zu laufen, ich lief davon, zum ersten
Mal, seit Kai das Stöckchen vor meine Füße geworfen hatte, zum ersten Mal
lief ich davon, von Kai und den anderen, weg von diesem Platz hinter den
Campingwagen, weg von dieser Mauer, von diesen Hunden, rannte über die Straße,
vorbei an Spannungskästen und Garagen, und weiter, bis zu einem Hauseingang, in
den ich hineinschlüpfte und die Treppen nach oben nahm, um mich zu verstecken.
Ich hörte sie hinter mir, unter mir, wie sie die Haustür aufstießen, wie ihre
Hunde durch den Hausflur tobten und bellten, wie sie es zuließen, daß sie
tobten und bellten, während ich nach oben schlich, geräuschlos, mit dem Rücken
an der Wand, langsam weiter nach oben, bis dorthin, wo es hinter einer Tür zu
den Speichern ging, über einen Flur zu den anderen Häusern, dort, wo sich Kai
und die anderen hin und wieder versteckten. Ich wußte, ich würde die Tür zu
den Speichern öffnen müssen, gleich würden Kai und die anderen ihre Hunde
laufen lassen, und sie würden die Treppen hochjagen, weil sie mich schon
riechen konnten, weil sie mich längst schon gerochen hatten. Jemand brüllte
hinunter, ich hörte Kai und die anderen lachen und dann eine Tür ins Schloß
fallen, in diesem Hausflur, kühl und dunkel, während draußen die
Hochsommersonne in einem blauen Himmel stand. Ich versuchte, die Tür zu öffnen,
die zu den Speichern führte, ganz leise versuchte ich es. Ich war sicher, Kai
wußte, ich war hier oben, vor dieser Tür, die sich nicht öffnen ließ, nicht
von mir, und daß er bloß die Treppen hochzusteigen brauchte, langsam, wenn er
wollte, um mich hier, vor dieser Tür zu finden, in meinem grünen Hemd, das an
der Schulter klebte, und dann hörte ich Kai, Kais Stimme, die man fast nie hörte
und die jetzt sagte: Sie ist weg, laßt uns gehen, und Kai sagte es so laut, daß
ich es hören konnte, fünf, vielleicht sechs Stockwerke weiter oben, wo ich
stehen blieb und meinen Rücken, meine Hände gegen die Tür preßte, auch noch
als Kai und die anderen längst schon gegangen waren.
Kai stand nicht mehr morgens an der Straßenecke, um bis zur Schule wortlos
neben mir zu laufen. Er fing mich auch nicht ab, zwei, drei Häuser weiter, und
er stand nicht mehr unter dem Vordach des Ladens, neben den Auslagen mit Stiften
und Zeichenblöcken. Ich begriff erst nach Wochen, daß er nicht mehr kommen würde.
Bis zum Herbst, vielleicht sogar bis zum Winter, dachte ich jeden Morgen, jeden
Mittag daran, daß ich ihn gleich sehen müßte, hinter einem Hauseingang,
hinter einem Auto, mit den Händen tief in den Taschen, seine Hunde neben ihm.
Ich sah Kai kaum mehr auf den Plätzen, wo wir anderen uns weiterhin trafen,
jeden Nachmittag, solange es die Sonne zuließ, um mit einem Stöckchen Linien
in den Sand zu ziehen, für unser Spiel, und es dann durch die Luft zu werfen,
durch diesen immer noch blauen Himmel. Wenn ein Hund über den Platz rannte, sah
ich hoch, dorthin, wo man den Platz betrat, über vier, fünf Steinplatten, die
sie ausgelegt hatten, damit man die Kinderwagen nicht durch den Schmutz schieben
mußte. Aber nie war es Kai, der über die Steinplatten lief, und ich weiß
nicht, wie oft ich hochsah, jedes Mal, wenn jemand kam, und wie lange es
dauerte, bis ich aufhörte zu glauben, es sei Kai, wenn andere mit ihren Hunden
durch den Sand tobten, wie lange ich noch gedacht habe, Kai sei es – Kai, mit
seinen losen Schnürsenkeln, mit der Haarfarbe seiner Mutter.
Rezension I Buchbestellung III05 LYRIKwelt © S. Fischer